E-Book, Deutsch, 118 Seiten
Zeh Blutschande
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-4801-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 118 Seiten
ISBN: 978-3-7534-4801-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nur noch Wind, Wolken und Meer. In Ruhe an seinem Buch schreiben. Mehr wollte der ehemalige Sozialarbeiter Niklas Reinders nicht, als er an der irischen Küste einen Trailer erwirbt und nach zwanzig Jahren auf die Grüne Insel zurückkehrt. Doch es kommt anders. Die Begegnung mit einem scheuen und sonderbaren Mädchen lässt ihn nicht mehr los. Er stellt Fragen und gerät dabei immer tiefer in ein dunkles Familiengeheimnis. Eine Begegnung, die ihn verändern wird.
Klaus Zeh, Jahrgang 1965, ist Schriftsteller, Musiker und Liedermacher. Er lebt in Reutlingen. Der Autor hat sich schon seit Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit gegen die Veröffentlichung im herkömmlichen Verlagswesen entschieden. Ihm ist es ein großes Anliegen, seine künstlerische Unabhängigkeit sowie die Rechte an seinen Werken zu behalten.
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Inishowen
Donegal. Früher, als junger Mann, hat er zum ersten Mal von diesem Landstrich Irlands gehört. Er sei im hohen Norden, hieß es. Der nördlichste Punkt Irlands, an der Spitze der nördlichsten Landzunge. „The most northerly point”, hieß es. Allerdings sei dieser nördlichste Punkt Irlands im Süden der Insel. Das hatte Verwirrung ausgelöst. Die freie Republik Irlands wird überall nur „The South“ genannt. Der Süden. Das protestantische Nordirland dagegen „The North“, obwohl es nicht so weit hoch in den Norden reicht wie der nördlichste Punkt Irlands, der im Süden liegt, in der „Freien Republik“. Da steckte schon Zündstoff drin, früher … Er hat seinen Ruhestand abgewartet. Seine Rente. Nun ist er 65 Jahre alt und will an die 500 Gespräche sichten und lesen, die er im Laufe der letzten zehn Jahre geführt hat. Und die Wichtigsten unter ihnen bearbeiten und gesammelt in einem Buch veröffentlichen. Einen Verlag dafür hat er schon. Zumindest gab es schon Vorgespräche. Es wird nicht leicht werden, alle diese Gespräche zu lesen, sie auf diese Art noch einmal zu erleben. Noch einmal von den Schicksalen, Ängsten und Nöten dieser Kinder berührt zu werden. Vor allem aber von den Schicksalen der Kinder, die ihm vom Missbrauch an sich erzählt haben. Schwierig wird wohl auch die Entscheidung werden, welche von ihnen in das Buch gelangen und welche er nicht mit aufnehmen wird. Mit aufnehmen kann, da der Umfang des Buches vom Verlag schon so gut wie festgelegt ist. Er möchte am Liebsten allen einen Platz und Gehör verschaffen. Zu diesem Zweck hat er sich einen lange gehegten Traum erfüllt und ein Mobil Home in Irland gekauft. Es steht, aufgebockt auf jeweils vier gleich hohen Steinfüßen, auf einem Campingplatz, in einer kleinen Bucht, in der Nähe von Malin Head, auf der Halbinsel Inishowen, der nördlichsten Halbinsel Irlands. (Die, wie wir wissen, allerdings noch im Süden liegt.) Im County Donegal. In the south. Ein Kollege, der aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr reisen kann, hat ihm diesen Trailer verkauft, den er fünfzehn Jahre lang besaß. Er hatte versichert, dass es ein Privileg sei, gerade in diesem Trailer-Park, in dieser wundervollen Bucht, ein Mobile Home zu besitzen, er habe es damals einem Iren abgekauft, samt der Lizenz, dort stehen zu dürfen. Anders wäre er selbst wohl nie in den Besitz eines Trailers in Irland gelangt, noch dazu in dieser exponierten Lage. Er ist dem Kollegen dankbar, dass er bei dem Verkauf zuerst an ihn gedacht hatte. Wenn er als junger Bursche, oder auch noch etwas später, von Gewalttaten, Bombenanschlägen und Kriegseinsätzen in Nordirland gehört hatte, stellte er sich Irland als eine Insel vor, auf der es offenbar allerhand Abenteuer zu erleben gab. Die rebellische IRA hatte es ihm angetan. Und als dann auch noch Bobby Sands im Hungerstreik starb, schlug sein Herz für diese kämpfenden, leidenden, aufbegehrenden Iren noch höher. Dies jedoch hatte er niemals jemandem erzählt. Er hatte es stets für sich behalten. Auch seine Wut auf England, diese verabscheuungswürdigen Kolonialisten, begleitete ihn zeitlebens. Bis heute. Über die Fahrt nach Irland lässt sich wenig sagen. Außer vielleicht, dass es eine einzige Strapaze war, mit dem Auto aus dem Süden Deutschlands an die Küste im Norden Frankreichs zu fahren. Noch dazu durch die Nacht. 1100 Kilometer. Dies alles, um nachmittags gegen 17.00 Uhr mit der Fähre von Cherbourg nach Dublin zu schippern. Einen Abend, eine Nacht, und einen Morgen auf hoher See zu verbringen. Er war noch immer nicht seefest, das hatte sich wieder einmal gezeigt. Der verspeiste Fisch, samt den Pommes frites, wurden, über die Reling gebeugt, zu Fischfutter. Von Dublin aus war es dann gut und gerne auch noch einmal eine Autofahrt von vier oder fünf Stunden bis Inishowen. Wegen seines schmerzenden Rückens musste er eine Menge Pausen einlegen. Das Besondere vielleicht, dass man jetzt links fahren muss. Er hält für einen Einkauf in „Malin“, einem kleinen schmucken Dorf mit einem rechteckigen von Bäumen umsäumten winzigen Park in der Dorfmitte, bevor es raus an die Küste geht, zum Trailer-Park und nach Malin Head. Er ist sehr gespannt auf den Trailer, in dem er nun für die nächsten drei Monate leben wird, und der seit einer Woche sein Eigentum ist. Es ist noch ein ganzes Stück bis dorthin. Er fährt zu schnell für diese holprige Piste, fällt ihm auf. Hinten rechts gibt der Stoßdämpfer seltsame Geräusche von sich. Wenn er seinen alten Volvo Kombi noch eine Weile fahren will, muss er hier wohl sein Tempo den miserablen Straßenverhältnissen anpassen. Im linken Seitenfenster taucht ein breites und kilometerlanges Feld mit hohen Gräsern auf, das bis zum Meer hinabreicht, welches man jedoch nicht so recht ausmachen kann. Lediglich als dünnen Streifen Opalblau zwischen dieser und der gegenüberliegenden Halbinsel. Mannshohe Gräser verdecken die Sicht auf das Ufer. Dennoch wirkt die Bucht immens. Westlich der gegenüberliegenden Halbinsel geht der unverstellte Blick hinaus aufs offene Meer. Er ist froh über die Sonne und das helle Licht an diesem Nachmittag. Am westlichen Himmel steht sie noch hoch. Der Atlantik funkelt silbern vom gleißenden Licht. Ein irrwitziges herrliches Funkeln, dort, wo das opalblaue Wasser das Licht reflektiert. Richtung Head steigt die Straße an, wird hügelig. Einsame Cottages und Farmhäuser liegen rechts der Straße verstreut und vereinsamt auf endlosen, kargen und steinigen Wiesen – inmitten einer weitläufigen Hügel- und Felderlandschaft, die bis ins Innere der Halbinsel reicht. Als er sein Ziel erreicht, ist er nicht wenig erstaunt. In der kleinen malerischen Bucht stehen nur sieben Trailer. Einer unter ihnen ist der Seinige. Vermutlich der Heruntergekommenste, denkt er grinsend. Wenig Nachbarschaft, sagt er sich, und ist sich im Moment gar nicht so sicher, ob ihm diese handverlese Gesellschaft, zu der er von nun an gehören wird, überhaupt gefällt. Aber vielleicht hat es ja auch etwas Gutes, tröstet er sich. Er parkt den Kombi seitlich, oben an der Straße, neben dem Pub und wundert sich über die seltsam giftgrüne Fassade der Kneipe und geht die wenigen Schritte zu den Trailern zu Fuß hinunter in die Bucht. Von jedem Trailer aus genießt man den freien Blick aufs Meer. Die Sonne scheint ihm wärmend in den Rücken. Der Sandstrand, der zu beiden Seiten der winzigen Bucht von kleineren Felsen eingerahmt ist, schimmert im Nachmittagslicht wie helles Ocker. Er reicht hinab bis ans flache Ufer. Der Ufersaum ist schmal und seicht, wirkt freundlich. Einladend, denkt er. Fast wie ein Kinderspielplatz. Drüben, am nahen Pier, hantieren eine Handvoll Fischer auf ihren Kuttern mit Netzen herum. Die Trailer stehen mit ausreichendem Abstand zum Nächsten auf dem einzigen Grünstreifen, den es hier unten gibt, in einer halbmondförmigen Reihe und blicken mit den Stirnseitenfenstern zum Meer. Die Wellen, die angespült werden, versickern sofort am Ufersaum, so zahm sind sie. Und tatsächlich, eine Handvoll Kinder spielen lachend am seichten Ufer mit Muscheln und Eimern, oder plantschen am Wassersaum. Sofort erkennt er seinen Trailer an der orangefarbenen Türe. Die spielenden Kinder bemerken ihn nicht. Allerdings schauen die wenigen Erwachsenen, die vor ihren Trailern stehen und miteinander reden, neugierig, wenn nicht sogar misstrauisch auf, als er, der Fremde, in die Bucht marschiert. Er begrüßt sie lächelnd, geht direkt auf sie zu und stellt sich vor. Bemüht, freundlich zu wirken, erzählt er ihnen, dass der frühere Besitzer ihm den Trailer verkauft habe. Er kramt den Kaufvertrag aus seiner Hosentasche hervor, um seine Aussage zu bekräftigen, doch sie winken lächelnd ab und meinen, dass er auch so herzlich Willkommen sei. Ein Mann um die Fünfzig, der sich ihm als Dave vorstellt, erklärt, dass er, um Gasflaschen für den Trailer zu kaufen, nach Carn ins Einkaufzentrum fahren müsse. Eine Frau in den Vierzigern, offenbar Daves Frau (sagt, sie heiße Catherine) erklärt, dass der Name der kleinen Stadt eigentlich Carndonagh wäre, sie aber von allen nur Carn genannt werde. Er wird gefragt, womit er seine Zeit hier auf Inishowen verbringen wolle und erzählt, dass er vorhabe, ein Buch zu schreiben. Ein Dichter?, ruft ein Mann, etwa in seinem Alter, überrascht aus. Nein, Dichter sei er leider keiner, er war bis vor Kurzem eine Art Sozialarbeiter und möchte den wichtigsten Teil seiner Arbeit nun in einem Buch festhalten. Alle blicken ihn erstaunt an. Er erklärt, das höre sich hochtrabender an, als es...




