E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Zan Danach
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-10-402255-0
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Thriller
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-10-402255-0
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Koethi Zan stammt aus Alabama und hat in Yale Jura studiert. Sie arbeitete als Anwältin, zuletzt beim Musiksender MTV. Mit ihrem ersten Thriller »Danach« hat sie direkt einen Bestseller gelandet. Koethi Zan lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hudson im Bundesstaat New York.
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1
In den ersten zweiunddreißig Monaten und elf Tagen unserer Gefangenschaft waren wir dort unten zu viert. Und dann, ganz plötzlich und ohne Vorwarnung, waren wir nur noch drei. Obwohl Jennifer seit Monaten keinen Laut mehr von sich gegeben hatte, wurde es sehr still im Raum, als sie fort war. Noch lange saßen wir schweigend im Dunkeln und grübelten, wer von uns wohl als Nächstes in die Kiste musste.
Jennifer und ich hätten niemals in diesem Keller landen dürfen. Wir waren keine typischen Achtzehnjährigen, die sofort jede Vorsicht vergaßen, sobald sie in die Freiheit des Studentenlebens entlassen wurden. Im Gegenteil, wir nahmen diese Freiheit sehr ernst und überwachten sie so streng, dass sie kaum noch existierte. Denn wir wussten besser als jeder andere, was in der großen weiten Welt auf uns lauerte, und wir hatten nicht vor, leichte Beute zu werden.
Als Achtzehnjährige hatten wir bereits Jahre damit zugebracht, jede Gefahr, mit der wir jemals in Berührung kommen konnten, penibel und systematisch zu analysieren und zu dokumentieren: Lawinen, Krankheiten, Erdbeben, Autounfälle, Psychopathen, wilde Tiere – sämtliches Unheil, das uns vor der Haustür erwartete. Wir glaubten, unsere Paranoia würde uns beschützen, denn wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Mädchen, die sich derart gut mit Katastrophen und traumatischen Erfahrungen auskennen, eben diesen zum Opfer fallen?
Für uns gab es so etwas wie das Schicksal nicht. war ein Wort, das man benutzte, wenn man unvorbereitet war, wenn man leichtsinnig wurde, wenn die Aufmerksamkeit nachließ. Schicksal war die Krücke der Schwachen.
Unsere immer mehr an Manie grenzende Vorsicht hatte sechs Jahre zuvor ihren Anfang genommen. Wir waren zwölf, und Jennifers Mutter hatte uns an einem kalten, aber sonnigen Januartag des Jahres 1991 mit dem Auto von der Schule abgeholt, genau wie an jedem anderen Wochentag. Ich erinnere mich nicht an den Unfall. Ich weiß nur noch, wie ich im gleichmäßigen, tröstenden Rhythmus des Herzfrequenzmonitors nach und nach zurück ins Licht fand. Noch Tage später fühlte ich mich bei jedem Aufwachen warm und vollkommen sicher, bis mir wieder einfiel, wo ich war. Stück für Stück holte die Zeit meine Gedanken ein, und mein Herz wurde immer schwerer.
Jennifer erzählte mir hinterher, dass sie sich noch lebhaft an den Zusammenstoß erinnern könne. Es waren typisch posttraumatische Bilder, die sie vor Augen hatte: unscharfe Traumsequenzen in Zeitlupe, Farben und Lichter, die einen wilden Strudel von operettenhafter Leuchtkraft bildeten. Uns wurde gesagt, wir hätten Glück gehabt, dass wir mit schweren Verletzungen davongekommen seien und uns nach der vage erinnerten Zeit auf der Intensivstation mit ihren Ärzten und Krankenschwestern, Nadeln und Schläuchen vier Monate lang auf der Rehastation erholen dürften, in einem kahlen Krankenhauszimmer, in dem ununterbrochen CNN aus dem Fernseher plärrte. Jennifers Mutter war dieses Glück nicht beschieden.
Wir lagen zusammen auf dem Zimmer, angeblich damit wir uns während der langen Genesungszeit gegenseitig Gesellschaft leisten konnten und damit ich, wie mir meine Mutter zuflüsterte, Jennifer durch ihre Trauer half. Aber ein weiterer Grund war wohl der, dass Jennifers Vater – der von ihrer Mutter in Scheidung lebte und sich bisweilen so betrank, dass wir ihm immer tunlichst aus dem Weg gegangen waren –, heilfroh war, als meine Eltern anboten, sich mit der Krankenwache abzuwechseln. Je besser es uns ging, desto öfter ließen uns meine Eltern allein. Damals fingen wir an, die Tagebücher zu schreiben – als Zeitvertreib, wie wir uns gegenseitig versicherten. Aber im tiefsten Inneren wussten wir beide, dass wir damit zumindest ansatzweise die Kontrolle über ein ungerechtes Universum zurückgewinnen wollten.
Das erste behelfsmäßige Tagebuch war ein Notizblock mit der Aufschrift , der auf jedem Nachttisch im Krankenhaus auslag und den wohl nur wenige als unser Tagebuch erkannt hätten, hatten wir ihn doch schlicht mit einer Liste von Schreckensmeldungen vollgekritzelt, die wir im Fernsehen gesehen hatten. Im Laufe unseres Aufenthalts baten wir die Krankenschwestern noch um drei weitere Blöcke. Bestimmt dachten sie, wir würden uns die Zeit mit Tic Tac Toe oder Galgenmännchen vertreiben. Auf die Idee, den Fernsehsender zu wechseln, kam niemand.
Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, machten wir uns ernsthaft ans Tagebuchschreiben. In der Schulbibliothek fanden wir Almanache, medizinische Fachzeitschriften und sogar ein Buch mit Versicherungsstatistiken von 1987. Wir sammelten Daten, rechneten, dokumentierten, füllten Zeile für Zeile mit Beweisen für die menschliche Verwundbarkeit.
Anfangs waren die Tagebücher in acht einfache Kategorien unterteilt, aber mit zunehmendem Alter stellten wir entsetzt fest, wie viele Dinge es gab, die noch schlimmer waren als »Flugzeugabstürze«, »Haushaltsunfälle« und »Krebs«. Schweigend saßen wir auf der sonnigen Fensterbank meines Dachzimmers, bis Jennifer nach reiflicher Überlegung mit fettem schwarzem Edding neue Überschriften zu Papier brachte: »Menschenraub«, »Vergewaltigung«, »Mord«.
Unser großer Trost waren die Statistiken. Wissen ist Macht, dachten wir. Wir wussten, dass die Wahrscheinlichkeit, in einem Tornado zu sterben, eins zu zwei Millionen betrug, die eines tödlichen Flugzeugabsturzes eins zu 310000 und die, von einem auf die Erde fallenden Asteroiden getroffen zu werden, eins zu 500000. In unserer verzerrten Wahrnehmung verbesserte allein die Tatsache, dass wir diese endlosen Zahlenreihen kannten und auswendig aufsagen konnten, unsere Überlebenschancen. Magisches Denken lautete das Urteil der Therapeuten, nachdem ich eines Tages nach Hause gekommen war und alle siebzehn Tagebücher gestapelt auf dem Küchentisch vorgefunden hatte, neben meinen Eltern, die mit Tränen in den Augen auf mich warteten.
Inzwischen war ich sechzehn, und Jennifer war bei uns eingezogen, weil ihr Vater zum dritten Mal mit Alkohol am Steuer erwischt worden war und ins Gefängnis musste. Wir hatten beschlossen, dass Autofahren in unserem Alter zu gefährlich ist (den Führerschein machten wir erst eineinhalb Jahre später), und besuchten ihn daher mit dem Bus. Eigentlich hatte ich Jennifers Vater noch nie gemocht, und nun stellte sich heraus, dass es ihr genauso ging. Rückblickend verstehe ich nicht, warum wir ihn überhaupt besuchten, aber wir fuhren zuverlässig jeden ersten Samstag im Monat ins Gefängnis. Meistens sah er Jennifer nur an und weinte, aber manchmal versuchte er auch vergeblich, ihr etwas zu sagen. Jennifer verzog keine Miene und starrte ihn mit einem so ausdruckslosen Blick an, wie ich ihn nie wieder an ihr gesehen habe, nicht einmal später im Kellerverlies. Während die beiden sich anschwiegen, saß ich ein Stück entfernt und rutschte unbehaglich auf meinem Stuhl herum. Ihr Vater war das einzige Thema, über das sie nie mit mir sprach – nicht ein einziges Wort –, und so hielt ich auf der Rückfahrt im Bus stumm ihre Hand und ließ sie in Ruhe.
Im letzten Sommer vor dem College erreichte unsere Paranoia ihren Höhepunkt. Bald würden wir mein Dachzimmer, das wir uns die letzten Jahre geteilt hatten, verlassen und unbekanntes Terrain betreten müssen: den Uni-Campus. Als Vorbereitung schrieben wir die Niemals-Liste und hängten sie an die Rückseite meiner Zimmertür. Jennifer litt unter Schlafstörungen und stand oft mitten in der Nacht auf, um neue Punkte auf die Liste zu schreiben: Niemals abends alleine in die Unibibliothek gehen, niemals weiter als sechs Parkplätze vom Zielort entfernt parken, niemals einem Fremden bei einer Reifenpanne helfen. Niemals, niemals, niemals.
Im Wohnheim wählten wir ein Zimmer in einem Flachbau, damit wir im Brandfall gefahrlos aus dem Fenster springen konnten. Wir studierten genauestens den Campusplan und reisten drei Tage früher an, um die Fußwege zwischen den einzelnen Gebäuden auf Beleuchtung, Sichtbarkeit und Nähe zu öffentlichen Einrichtungen zu prüfen. Wir packten gewissenhaft alle Schätze ein, die wir uns im Laufe der Jahre zu Weihnachten oder zum Geburtstag hatten schenken lassen: Mundschutz, antibakterielle Seife, Taschenlampen, Pfefferspray.
Im Wohnheim angekommen, holte Jennifer schon ihr Werkzeug hervor, bevor wir überhaupt die Koffer ausgepackt hatten. Sie bohrte Löcher in unseren Fensterrahmen, und ich schob dünne, aber bruchsichere Metallstäbe durchs Holz, damit man das Fenster auch bei eingeworfener Scheibe nicht von außen öffnen konnte. Wir besorgten uns bei der Campus-Aufsicht die Sondererlaubnis für ein zusätzliches Bolzenschloss an unserer Zimmertür. Neben dem Fenster bewahrten wir eine Strickleiter und zwei Zangen auf, damit wir die Metallstäbe wieder entfernen konnten, falls wir schnell flüchten mussten. Als krönenden Abschluss hängte Jennifer noch die Niemals-Liste an die Wand zwischen unseren Betten. Zufrieden begutachteten wir unser Werk.
Vielleicht hat die Welt am Ende eine perverse Art von Gerechtigkeit an uns geübt. Oder vielleicht war das Risiko, in dieser Welt zu leben, doch größer, als wir kalkuliert hatten. Auf jeden Fall hatten wir unsere Grenzen überschritten, indem wir so taten, als lebten wir ein normales Studentenleben. Also wirklich, dachte ich hinterher, wir wussten es doch eigentlich besser. Aber damals war die Versuchung, sich zu verhalten, wie die anderen es taten, einfach zu groß gewesen. Wir hatten ohne die jeweils andere Seminare besucht, selbst wenn sie an...




