E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Zambreno Der helle Raum
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-311-70600-7
Verlag: AKI Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Überlegungen zu Kunst und Kinderbetreuung
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-311-70600-7
Verlag: AKI Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Lichtboxen
Otoño
Einige Wochen nach der Geburt des Babys wird aus dem Sommer Herbst. Mit unserer größeren Tochter besuchen wir jetzt öfter eine Spielgruppe, die sich auf einer Wiese mitten im Prospect Park trifft. Die offene Fläche nennt sich Nethermead und ist von den ältesten Bäumen des Parks gesäumt. Wir sitzen in einem Kreis aus leuchtend bunten Picknickdecken neben einer hohen Linde, die sich im Laufe der Jahreszeiten ständig verändert; wir sehen sie grün, braun, kahl und abermals grün. Die Kinder spielen unter dem moosbewachsenen Baum, klettern auf die Buckel am Stamm, springen wieder zu Boden. In einigem Abstand spielen andere Kinder unter anderen Bäumen, beobachtet von anderen Erwachsenen.
Die Gruppe kommuniziert größtenteils auf Spanisch. Die Leiterin, eine Bekannte von uns, hatte die Eltern-Kind-Waldgruppe gegründet, damit ihre Tochter in der Betreuung dieselbe Sprache sprechen kann wie zu Hause, und die Natur sollte der Gruppenraum sein. Die Leiterin wohnt im selben Viertel wie wir, und auch sie hat vor Kurzem ein zweites Kind bekommen – ein weiteres nichtöffentliches Pandemiebaby, das keine anderen Gesichter kennt als die seiner Familie, denn die Gesichter draußen in der Welt sind immer noch verhüllt. Wir sitzen im Schneidersitz auf der Wiese, tragen Masken und stillen unsere Neugeborenen. Wir befragen einander zu unseren Gefühlen, klagen über die Babytragen, an die wir uns erst wieder gewöhnen müssen, und berichten von Schlafmangel. Wir lächeln den Babys ins offene Gesicht, staunen jede Woche über die Veränderungen und fragen uns, ob die Neugeborenen den großen Schwestern ähnlich sehen, empfindsame, fordernde Kinder, die nun gekränkt sind und nicht mehr durchschlafen, weil sie aus der Rolle des jüngsten Familienmitglieds verdrängt wurden. Das Baby der Gruppenleiterin ist ein paar Monate älter als meins und stopft sich Zweige und Gras in den Mund, welche die Mutter geduldig wieder herausholt. Ich bewundere sie für ihre Gelassenheit, obwohl wenige Monate später ich diejenige sein werde, die dort sitzt und sich freut, wenn kleine Füße den Erdboden erkunden.
Wie ich mich fühle, ist schwer zu sagen. Ich habe kaum Zeit, über mich nachzudenken, denn schon wenige Wochen nach der Entbindung muss ich wieder von zu Hause unterrichten und mich außerdem um zwei kleine Kinder kümmern. Anfangs ist der Weg vom Auto in den Park echte Arbeit – unter der Brücke durch, vorbei an den hohen Bäumen, dem Bootshaus, den Hügel hinauf und am Wasserfall vorbei auf die große Wiese. Unbeholfen trage ich das Baby vor dem Körper; meine Muskeln können sich an nichts erinnern. Vom Tragen bekomme ich Rückenschmerzen. Ich gehe langsam. Die Zeit dehnt sich. Nach diesen Vormittagen – der Dienstag ist einer meiner beiden unterrichtsfreien Tage – liege ich bis zum Abend mit schmerzendem, verspanntem Oberkörper auf dem Sofa und stille das Baby. Liegt es am Tragen oder daran, dass das Kind den ganzen Tag auf mir schläft? Trinke ich zu wenig, kann ich den durchs pausenlose Stillen verursachten Kalorienmangel nicht ausgleichen? Ich weiß es nicht.
Mit der Zeit fällt mir die Strecke zum Gruppentreffpunkt leichter. Eigentlich darf ich meine dreijährige Tochter immer noch nicht hochnehmen, was ich aber dennoch tue; ich hebe sie an und trage sie von Streits und Rangeleien weg, natürlich, wie könnte ich nicht. An den Parktagen trinke ich möglichst wenig, weil die öffentlichen Toiletten immer noch geschlossen sind. Trotzdem muss ich die ganze Zeit, mein Unterleib ist geschwollen und empfindlich. Obwohl es unangenehm ist, mit voller Blase zu stillen, hole ich eine Brust aus dem wollenen Stillunterhemd und gebe sie dem Baby. Manchmal stehe ich währenddessen wenige Schritte von den anderen entfernt unter den alten Bäumen. Ich ziehe mir die Maske herunter, weil ich die kühle Luft an meinen Wangen spüren will, irgendeine Verbindung zur Natur. Als aus dem Sommer erst Herbst wird und dann Winter, bekomme ich für ein paar Wochen frei. Mein Körper fühlt sich weniger bleiern an, er wird leichter und ich kann lange gehen, ohne zu bluten, und da weiß ich, ich heile.
Ich mache mir Sorgen um meine ältere Tochter, für die sich in diesem Jahr der tektonischen Verschiebungen so viel verändert hat. Ich beobachte sie, wie eine Meteorologin Wetterumschwünge registriert, und frage mich ständig, ob ein Ausbruch ihrer, wie ich sie inzwischen nenne, »sehr großen Gefühle« bevorsteht; es wäre ganz normal für ihr Alter, selbst ohne die zusätzlichen Krisen dieses Jahres. In einer der ersten Wochen geht sie in die Luft, weil ihre Freundin, die Tochter der Gruppenleiterin, ein bestimmtes Spielzeug bekommt. Den Kindern wurde ein Beutel voller Spielsachen angeboten, darunter eine Lupe, eine Schaufel, ein Metalleimer, ein Holzlöffel, eine Rassel und ein Regenbogentuch, und jedes einzelne Stück war säuberlich mit schwarzem Filzstift mit dem Namen eines Kindes versehen. Doch an diesem Tag bekommt die Freundin meiner Tochter ein zusätzliches Spielzeug von der Gruppenleiterin. Ich weiß nicht mehr, was es war, aber wir hörten wochenlang davon. Ich weiß nur, dass meine Tochter dem Mädchen das Spielzeug aus der Hand reißt und behauptet, es sei ihr gestohlen worden. Als ich versuche, es an mich zu nehmen, rastet sie aus und ich muss sie – obwohl ich es eigentlich nicht darf – viele Schritte von der Gruppe wegtragen und sie beruhigen. Sie macht sich los und rennt über die Wiese auf ihre Freundin zu, ich bin mir sicher, sie wird sie schlagen und ihre Wut an dem nichtsahnenden Kind auslassen. Ich laufe meiner Tochter hinterher, auch wenn ich der Hebamme versprochen hatte, genau das nicht zu tun, fange sie ein und trage sie weg, während sie schluchzt, als hätte sie alles in der Welt verloren, sie ist überwältigt von Scham, Trauer und Kummer, und da ist auch immer noch eine gehörige Menge Wut. Wir gehen früher und lassen John zurück, der unsere Sachen zusammenpackt und sich um das Baby kümmert.
Wir setzen uns an den See und beobachten die Enten. Ich lasse meine Tochter Käse und Apfelstücke essen, schleimige Scheiben in der von ihrem Vater vorbereiteten Snackdose. Ich halte sie auf dem Schoß, streiche ihr über den Kopf und sage ihr, wie sehr wir sie lieben, dass alles gut wird. Ich versuche, ihr zuzuhören. Weil sie traurig ist, muss auch ich weinen; wir weinen zusammen. Ihr gefällt nicht, dass alle Kinder der Gruppe sich anscheinend kennen und eine Sprache sprechen, die sie nicht versteht. Aber bald wird sie die Älteste dort sein, erkläre ich ihr, und es wird ihr Spaß machen, sich mit zu verabschieden. Genau so kommt es dann auch. Bin ich jetzt in der Schule?, fragt sie in dem Herbst immer wieder. Bin ich in der Vorschule? So ähnlich, sage ich.
Eine Woche später gehen sie und ihre Freundin nach dem Gruppentreffen auf den Spielplatz im Park. Sie sitzen auf der Reifenschaukel und lassen sich von einem der Väter Anschwung geben, alles ist wieder in Ordnung. An einem anderen Tag in jenem Herbst sausen ihre Freundin und ein anderes Mädchen auf ihren Rollern davon, ohne sie zu fragen, und sie erleidet abermals einen Zusammenbruch. Von dem Tag an moderiere ich die Verabschiedung so, dass die Mädchen nach der Spielgruppe immer zu dritt losfahren, über die Brücke und den Hügel hinunter, vorbei an den Enten, den Trauerweiden und den hohen Bäumen und durch den Tunnel. Die richtige Verabschiedung erfolgt erst am Ausgang des Parks, und bald gehört sie zum Ablauf des Dienstagvormittags. Das Vergnügen angesichts der drei nebeneinander abgestellten Roller, an jedem Griff baumelt ein leuchtender Helm – Pflaumenlila (unserer), Taxigelb, Sattgrün.
Am Ende des wird meine Tochter vier. Ihr Haar ist lang und sie selbst einen ganzen Kopf gewachsen und damit so groß wie ihre Freundinnen. Sie flitzt den Hügel hinunter, läuft lachend vor mir weg, während ich sie rufe. Bei den ersten Zusammenkünften ist es auf der offenen Fläche sehr sonnig, ich trage einen breitkrempigen Strohhut und wir wandern mit dem Schatten um den Lindenstamm herum. Später ist es kühler und dunkler, und wir lernen alles über den Herbst. Neuerdings beschäftige ich mich mit den Jahreszeiten und damit, wie sie die Zeit einteilen. Die Gruppenleiterin, eine junge Mexikanerin, streift mit den Kindern über die Wiese und macht sie darauf aufmerksam, wie die Blätter sich verfärben. Bald weicht das Grün der Linde Schattierungen von Gelb und Rostrot. Die Kinder laufen ans andere Ende der Wiese zum Milchorangenbaum und lesen grüne, stachelige Früchte vom Boden auf, die an fusselige Tennisbälle erinnern. Die Leiterin versucht, die Kinder zum Spazierengehen zu animieren, denn für gewöhnlich laufen sie lieber weg, kämpfen, spielen und rempeln einander an, während die Eltern sie pausenlos ermahnen, um Erlaubnis zu bitten – du musst erst fragen, ob sie das wollen! Achte darauf, ob sie lächeln! Eine absurde Forderung, schließlich tragen wir alle Masken. Aber irgendwie kriegen wir es hin. Oft versucht die Gruppenleiterin, die Kinder zur Zusammenarbeit zu bewegen, zum Beispiel, um einen der Baumstämme auf die Wiese zu schleppen oder eine Wippe aus Ästen zu bauen, auf und nieder, auf und nieder. Am Fuß der Linde liegt alles bereit, was man für Matschkuchen braucht. Manchmal befestigt die Leiterin das Regenbogentuch an einem Ast, wo es sich im Wind verdreht. Ich stelle mich mit dem Neugeborenen davor und es schaut zu, wie die Farben sich entfalten. Beim morgendlichen Begrüßungslied singen wir ein...




