E-Book, Deutsch, Band 2, 432 Seiten
Reihe: Dustlands
Young Dustlands - Der Herzstein
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-10-402036-5
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 432 Seiten
Reihe: Dustlands
ISBN: 978-3-10-402036-5
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
MOIRA YOUNG, geboren und aufgewachsen in British Columbia im Westen Kanadas, trat als Schauspielerin und Opernsängerin in Kanada und Europa auf. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Bath, England. Ihre DUSTLANDS-Trilogie erschien in zahlreichen Ländern und wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet.
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Jack
Es ist später Nachmittag. Seit dem Morgen folgt der Pfad einer Reihe von Lichtmasten. Besser gesagt, den eisernen Überresten von dem, was einmal Lichtmasten waren, damals zur Zeit der Abwracker, vor undenklichen Zeiten. Er schlängelt sich durch ausgebleichte faltige Hügel, verbranntes Gras und Dornensträucher.
Die Hochsommerhitze sengt auf seinen Kopf herab. Sein Hut ist schweißfeucht. Der Staub langer Tage klebt an seiner Haut, seiner Kleidung, seinen Stiefeln. Er schmeckt ihn, als er sich über die trockenen Lippen leckt. Bisher ist es eine Reise durch ausgedörrtes, unwirtliches Land gewesen. Er erklimmt einen Bergrücken, dann geht es hinab in ein kleines Tal, und plötzlich ist alles frisch und grün. Die Luft ist mild. Erfüllt vom süßlichen Duft der verstreut auf den Hängen wachsenden niedrigen Kiefern.
Jack zügelt sein Pferd. Er atmet ein. Ein langer, tiefer, dankbarer Atemzug. Er nimmt die Aussicht in sich auf. Den gerodeten Talboden und den kleinen See, der in der Sonne glitzert.
Am See steht eine Hütte mit einem Dach aus Rinde und Grassoden, der Rest ist aus Abwrackerschrott, Steinen, getrocknetem Lehm und dem ein oder anderen Baumstamm zusammengebaut. Ein Mann, eine Frau und ein Mädchen arbeiten auf den ordentlich bestellten Feldern.
Menschen. Endlich. Abgesehen von Atlas, dem weißen Mustang, hat er seit Tagen mit niemandem gesprochen. Allmählich macht ihm die Einsamkeit zu schaffen.
»Und ich hab schon gedacht«, sagt er laut, »ich bin der einzige Mensch auf der Welt.«
Vor sich hinpfeifend reitet er weiter. Als sie ihre Arbeit niederlegen und ihm entgegenkommen, ruft er einen Gruß. Sie sind nicht besonders freundlich. Ihre Gesichter sehen müde aus. Ihre Blicke sind misstrauisch. Sie sind an Gesellschaft kaum gewöhnt, nehmen nicht viel Anteil an der Außenwelt und haben wenig zu sagen. Macht nichts. Schon ihr Anblick und die verlegene, größtenteils von ihm bestrittene Unterhaltung tun ihm unendlich gut.
Der Mann ist völlig erschöpft. Die Frau ist krank. Sterbenskrank, wenn er sich nicht sehr täuscht. Mit gelblicher Haut, die Lippen vor Schmerz fest aufeinandergepresst. Das Mädchen ist recht kräftig, etwa vierzehn. Sie starrt auf ihre Stiefel. Still, sogar wenn sie spricht. Aber als ihr Bruder aus der Hütte gerannt kommt und ihren Namen ruft: »Nessa! Nessa!«, strahlt ihr unscheinbares Gesicht vor Liebe.
Er ist ein fröhliches Kind, ein Sonnenscheinchen. Ein Vierjähriger namens Robbie mit runden Augen und nackten Füßen. Seine Familie betrachtet ihn mit liebevollem Staunen und kann ganz offensichtlich ihr Glück kaum fassen. Robbie lehnt sich an die Beine seiner Schwester, lutscht energisch am Daumen und mustert Jack. Den ramponierten Hut mit der breiten Krempe. Die silbergrauen Augen. Das schmale, gebräunte Gesicht, das seit Wochen kein Rasiermesser mehr gesehen hat. Den langen staubigen Mantel und die abgetragenen Stiefel. Die Armbrust auf dem Rücken, den gut bestückten Waffengürtel: Bolzenschießer, Langmesser, Bola, Schleuder.
»Buh!«, macht Jack. Robbie bleibt der Mund offen stehen. Der Daumen fällt heraus.
Jack knurrt. Der Junge quietscht vergnügt und rennt davon Richtung See. Nessa jagt ihm hinterher. Das Tal hallt wider von ihren Schreien und ihrem Lachen.
Es sind keine geselligen Leute, aber sie sind auch nicht geizig. Sie sorgen dafür, dass sein Pferd getränkt, abgerieben und gefüttert wird. Sie bieten ihm einen Schlafplatz für die Nacht an, aber er hat es eilig. Als er weiterreitet, sinkt die Dämmerung herab. Es sind hart arbeitende Menschen, Frühaufsteher. Sie gehen sicher ins Bett, sobald er fort ist.
Seiner Schätzung nach dürften es von hier bis zum Sturmgürtel nicht mehr als drei Tagesritte sein. Und dorthin ist er unterwegs. Zum Sturmgürtel, zu einer Schenke namens The Lost Cause und einer alten Freundin namens Molly. Er ist der Überbringer schlechter Nachrichten. Der allerschlimmsten. Je eher er sie überbringt, desto eher kann er kehrtmachen, wieder zurück und weiter nach Westen reiten. Nach Westen. Zum Großen Wasser. Denn dort ist sie. Dort hat er versprochen, sich mit ihr zu treffen. Er zieht den Stein hervor, den er an einem Lederband um den Hals trägt. Er ist glatt und liegt kühl in der Hand. Hell rosarot. Wie ein Vogelei geformt, etwa daumenlang.
Es ist ein Herzstein. Er führt einen zu dem, was das Herz sich wünscht, heißt es. Sie hat ihn ihm gegeben. Er wird nach Westen reiten und sie finden.
Saba.
Er wird sie finden.
Jack hat das Tal gerade erst hinter sich gelassen, da zögert Atlas, wirft den Kopf hoch und wiehert. Vor ihnen ist etwas. Jack denkt nicht lange nach. Im Nu ist er vom Pfad herunter, im Kiefernwald und außer Sicht. In Deckung zwischen den Bäumen, die Hand auf dem Maul des Mustangs, beobachtet er, wie sie vorbeiziehen.
Es sind Tonton. Neun in lange schwarze Gewänder gekleidete Männer mit Pferden. Sie begleiten ein Pärchen in einem Büffelwagen. Der Befehlshaber reitet vor. Dahinter vier Männer, dann der Wagen, dann drei Berittene. Der letzte Mann, der neunte, fährt einen Wagen mit einem leeren Gefängniskäfig.
Er mustert sie gründlich. Er kennt die Tonton gut. Sie sind struppig und schmutzig und werden schnell gewalttätig. Ein loser Verband von skrupellosen Schlägern im Dunstkreis der Macht. Treu nur untereinander, gehorsam gegenüber einem Herrn nur, falls und wann es ihnen passt. Bis auf den letzten Mann von Eigennutz angetrieben. Diese hier sehen jedoch anders aus. Alles an ihnen ist sauber und ordentlich und auf Hochglanz poliert. Sie sind gut bewaffnet. Sie wirken diszipliniert. Zielstrebig.
Und das flößt ihm Unbehagen ein. Es bedeutet, der Feind spielt jetzt ein anderes Spiel.
Er sieht sich das Pärchen im Wagen an. Sie sind jung, stark, sehen gesund aus. Ein Junge und ein Mädchen, nicht älter als sechzehn oder siebzehn. Sie sitzen dicht nebeneinander auf dem Bock. Der Junge fährt. In einer Hand hält er die Zügel, den anderen Arm hat er dem Mädchen um die Taille gelegt. Doch zwischen ihren Körpern ist eine Lücke. Sie sitzen aufrecht und steif da. Sie fühlen sich nicht wohl, so viel ist sicher. Es sieht aus, als würden sie sich kaum kennen.
Sie starren mit erhobenem Kinn geradeaus. Sie sehen entschlossen aus. Sogar stolz. Eindeutig keine Gefangenen der Tonton.
Der Wagen ist ordentlich mit Möbeln, Bettzeug und Werkzeug beladen. Mit allem, was man braucht, wenn man einen Hausstand gründen will.
Als sie vorbeirattern, dreht das Mädchen abrupt den Kopf. Sie starrt in den Wald, beinahe als würde sie spüren, dass dort jemand ist. Es dämmert schon, und er weiß, er ist gut verborgen, aber er weicht trotzdem zurück. Sie sieht in seine Richtung, bis sie den Wald hinter sich gelassen haben. Niemand – nicht die Tonton, nicht der Junge neben ihr – scheint es zu bemerken.
Jack kann ihre Stirn gut sehen. Die des Jungen auch. Sie sind gebrandmarkt worden. Und zwar erst kürzlich. Der Kreis mit dem Kreuz darin, mitten auf der Stirn, sieht noch wund aus.
Sie fahren ins Tal. In Richtung der kleinen Farm. Mit einem leeren Gefangenenwagen.
Jetzt empfindet er nicht mehr bloß Unbehagen. Er ist besorgt.
Er macht kehrt und folgt ihnen. Er bleibt im Wald, das Pferd führt er.
Zwischen den Bäumen am oberen Ende des Tals hat er jetzt, während die Dunkelheit hereinbricht, ungehinderte Sicht auf die Farm, die er gerade erst verlassen hat. Die Tonton stürmen schon in die Hütte.
Er muss seine Füße davon abhalten, zu ihnen zu laufen. Seine Hand bremsen, die zum Bogen greifen will. Denn der Überlebenskünstler in ihm weiß, dass dies beschlossene Sache ist. Was hier auch gleich geschehen mag, er kann es nicht verhindern.
Aber er kann darüber berichten. Er wird darüber berichten. Mit geballten Fäusten und voller Wut beobachtet er, was im Tal geschieht.
Jetzt haben sie die Familie aus den Betten geholt. Den erschöpften Mann und die kranke Frau, ihre Kinder Nessa und Robbie. Haben sie mit vorgehaltenem Feuerstab aus der Hütte gescheucht. Im schwindenden Licht drängen sie sich zusammen, während der Befehlshaber der Tonton eine kurze Ansprache hält. Wahrscheinlich sagt er ihnen, was jetzt passiert und warum. Worte, um Menschen zu ängstigen und zu verwirren, die schon zu verängstigt und verwirrt sind, um richtig zuzuhören.
Jack fragt sich, warum der Mann sich die Mühe macht. Ist wohl so vorgeschrieben.
Das junge Paar mit den Brandmalen wartet im Wagen. Bereit, das neue Zuhause zu beziehen. Landraub. Ein Umsiedlungskommando. Darum geht es hier.
Von hier oben aus wirken alle klein. Wie Puppen. Er kann nicht verstehen, was gesprochen wird, nicht die Worte. Aber er hört die Bestürzung in den erhobenen Stimmen der Farmer. Das Mädchen, Nessa, fällt auf die Knie. Sie fleht sie an und hält dabei ihren Bruder fest an sich gedrückt. Einer nimmt ihr Robbie ab, während zwei andere sie an den Armen packen. Sie gehen auf den Gefängniswagen zu. Sie wehrt sich, schreit, dreht sich zu ihren Eltern um.
Sie erschießen sie beide zugleich. Mann und Frau. Je einen Bolzen durch die Stirn, und ihre Körper sacken zu Boden. Nessa kreischt. Und diesmal hört Jack sie. »Lauf, Robbie!«, schreit sie. »Lauf!«
Der kleine Junge tritt um sich und windet sich im Griff des Tonton. Er beißt ihn in die Hand. Der Mann schreit auf und lässt ihn los. Robbie ist frei. Er rennt aufs Feld, so schnell er kann, während seine Schwester ihm zuschreit, er solle schneller rennen. Aber es ist Sommer, und das Getreide steht hoch, und er ist erst vier.
Der Befehlshaber bellt Anordnungen. Ein Mann rennt dem Jungen hinterher. Zu spät. Der eifrige neue Siedler ist aus dem Wagen gesprungen, zielt mit...




