E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Historical
Yorke Sklavin des Herzens
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7337-6500-2
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Historical
ISBN: 978-3-7337-6500-2
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kairo 1881: Kurz vor ihrer Hochzeit wird Lady Victoria von Sklavenhändlern entführt. Zum Glück gelingt es dem Briten Jed Kincaid sie in einer tollkühnen Aktion zu befreien. Doch bei ihrer abenteuerlichen Flucht über den Nil erwacht in Victoria Leidenschaft für ihren Retter, der sie niemals nachgeben darf ...
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1. KAPITEL
Kairo 1881
Der exotische, klagende Klang der Flöte des Schlangenbeschwörers vermischte sich mit dem üblichen Lärm, der in Kairos Medina herrschte. Er wurde jedoch für einen Moment ausgelöscht durch das Geräusch der an Jed Kinkaids Ohr vorbeizischenden Faust. Jed hob fragend eine Augenbraue, lächelte grimmig und drehte sich zu seinen Angreifern um.
„Verdammt, ihr seid wirklich verärgert, was? Und ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, heute Abend noch etwas Aufregendes zu erleben – jedenfalls bevor ich ins Bett steige. Ich habe zwar eure kleine Schwester weggeschickt, nachdem ich ihr sagte, sie sei zu jung für mich, doch wenn ihr Jungs unbedingt eine Prügelei wollt, soll es mir recht sein.“
Da Jed merkte, dass mit den Ägyptern nicht zu reden war, richtete er sich zu seiner ganzen beachtlichen Größe auf und brachte sich in Stellung.
Im Basar war es überraschend still geworden. Sogar die Melodie des Schlangenbeschwörers verstummte. Die meisten Leute, die noch eben hier im Freien gewesen waren, hatten sich jetzt sicherheitshalber in die kleinen Läden zurückgezogen, die sich in der engen, gewundenen Gasse befanden. Jed strich sich eine Strähne seines dunkelbraunen Haars aus der Stirn, richtete seine grünen Augen fest auf die Männer, hob die Fäuste und bereitete sich auf einen Kampf vor.
Er wurde nicht enttäuscht. Drei Männer in Gallabijen, jenen langen, hemdartigen Kleidungsstücken, warfen sich plötzlich auf ihn. Einem von ihnen versetzte er einen kräftigen Fausthieb in die Magengegend und fuhr dann sofort zu den anderen herum. Schlag auf Schlag teilte er scheinbar mühelos aus, obwohl er ein wenig schwankte, was allerdings eher auf den Sabib, den ägyptischen Rosinenschnaps, zurückzuführen war, dem er zuvor reichlich zugesprochen hatte, und nicht auf die Schläge, die er selbst einstecken musste. Schließlich hatte er es hier nur mit dreien zu tun, und ihm war schon öfter Schlimmeres begegnet.
Irgendwie geriet Jed immer in solche Situationen, und falls nicht, dann suchte er sie sich. Während sich nicht in Ägypten geborene Leute nur in ihrem eigenen Bezirk aufzuhalten pflegten, der nichts anderes als ein Spiegelbild ihrer Heimat war, zog es der dunkelhaarige Amerikaner vor, alles zu erforschen, was das fremde Land zu bieten hatte. Nach zwei mörderischen Monaten in der Wüste sehnte er sich jetzt nach den orientalischen Freuden, doch er hatte sich nicht vorgestellt, dass dieser Abend mit Sauferei und Prügelei noch so unterhaltsam werden würde. Und dabei hatte er noch nicht einmal eine leidenschaftliche Wüstenblume aufgetan, die das Bett mit ihm teilen würde.
Da die Befriedigung dieses Appetits also noch ausstand, rammte Jed erst einmal seinen Ellbogen rückwärts und hörte zu seiner Freude jemanden aufstöhnen. Schlägereien wie diese hier erinnerten ihn immer an die Raufereien, mit denen er und seine Brüder sich früher daheim in den Wäldern Kentuckys vergnügt hatten.
Der Gedanke an seine Jugend lenkte ihn für einen Moment ab. Nur im letzten Augenblick gelang es ihm, einer tödlichen Klinge auszuweichen. Da mahnte er sich, dass es einen wichtigen Unterschied gab zwischen diesem Kampf und den Raufereien seiner Kinderzeit: Diese Jungs hier machten Ernst.
Das ernüchterte ihn keineswegs. Er war ein Mensch, der die Gefahr brauchte wie die Luft zum Atmen, und er beschloss, sich von der Mordabsicht seiner Gegner nicht die Freude verderben zu lassen. Die armen Kerle wussten ja gar nicht, was Spaß machte, so sinnlos wütend, wie sie waren! Wirklich jammerschade, dass die meisten Leute das Leben mit seinen vielen Herausforderungen nicht zu genießen verstanden.
Mit diesem Gedanken im Kopf legte sich Jed noch mehr ins Zeug, um die drei Ägypter zu besiegen. Ein paar Minuten später lag einer der Männer stöhnend am Boden, während der zweite über einen Haufen Körbe segelte. Zwei geschafft, stellte Jed zufrieden fest, fehlt noch einer; wenn der klug ist, lernt er aus dem, was seinen Kumpanen widerfahren ist.
Als sich der Mann jedoch aufs Neue wutentbrannt auf ihn stürzte, fand er, dass dieser Bursche auch nicht schlauer war als die anderen beiden. Begriff der Idiot denn nicht, dass er, Jed, das Mädchen überhaupt nicht angefasst hatte, sondern dass die Kleine vielmehr versucht hatte, ihn abzuschleppen?
Nachdem die Sache jetzt ihren Reiz verloren hatte, wollte der ungeduldige Amerikaner mit dem letzten Angreifer kurzen Prozess machen. Er verpasste ihm einen Hieb, der bestimmt ein paar Zähne lockerte, und bekam im Gegenzug selbst einen Schlag aufs Kinn. Er ging in die Knie und fing beim Hochkommen gerade noch eine Faust ab, die zu seinem Kopf unterwegs gewesen war. Jetzt packte er den Ägypter, drückte ihm die Kehle zu und schleuderte ihn dann gegen die Front einer kleinen Messingwerkstatt. Der Schuft landete ziemlich hart zwischen säuberlich aufgebauten Messingtellern, – vasen und – kaffeegeschirr.
Nachdem sich Jed davon überzeugt hatte, dass der Mann nicht so schnell wieder auf die Beine kommen würde, putzte er sich die Hände ab und wandte sich zum Gehen. Für ihn war der Fall erledigt, und er hatte nicht die Absicht, hier in der Nähe zu sein, falls die örtliche Polizei eintraf. Schließlich hatte er ja noch ein anderes dringendes Bedürfnis, das er sich erfüllen wollte.
Mit einem entschlossenen Glitzern in den dunkelgrünen Augen machte er sich auf den Weg. Er kam indessen nur wenige Schritte weit, als er hinter sich eine aufgeregte Stimme hörte.
„Engländer! Halt! Warten Sie, Engländer!“
Jed setzte seinen Weg fort. Er fühlte sich nicht angesprochen, und außerdem war er im Moment auch nicht neugierig. Als er um die Ecke der sich mitten durch den Basar schlängelnden Gasse bog, wurde die Stimme lauter, und die Schritte kamen eilig näher. Jed fluchte leise und machte sich auf eine weitere Schlägerei gefasst, sei es mit seinem inzwischen wieder zu sich gekommenen Gegner oder mit der Polizei. Hatten diese Leute denn nichts anderes zu tun?
Ärgerlich drehte er sich um, sah jedoch weder einen Constabler noch seinen vorherigen Angreifer vor sich, sondern einen sehr aufgebrachten Ägypter, anscheinend einen Ladenbesitzer.
„Engländer, ich will mit Ihnen reden“, erklärte der Mann, als er Jed eingeholt hatte.
„Meinen Sie mich?“ Jed starrte den Ägypter an, der ihn davon abhielt, sich auf den Weg zu den ersehnten Freuden zu machen. Dem Typ nach ein Beduine, war der Mann fast so groß wie der vor ihm stehende Amerikaner. Offensichtlich regte er sich über irgendetwas auf, doch Jed hatte keine Lust festzustellen, worüber.
„Ja, Engländer, Sie meine ich. Wohin wollen Sie denn verschwinden?“
„Hören Sie, Sie irren sich. Ich bin Amerikaner und kein überzivilisierter, vornehmer Brite. Vielleicht sollte ich Ihnen lieber gleich sagen, dass ich mich nicht nach deren feinen Benimmregeln richte.“ Es ärgerte Jed, dass man ihn für einen der gelassenen, unerschütterlichen Engländer hielt, die das Land der Pharaonen übernommen hatten. „Und wohin ich unterwegs bin, geht Sie nichts an.“
„Das geht mich sehr wohl etwas an.“ Offenbar ließ sich der Mann nicht von dem ärgerlichen Jed Kinkaid beeindrucken. „Ich werde es nämlich nicht zulassen, dass Sie sich davonmachen, ohne mir den Schaden an meiner Ware zu ersetzen. Mein Name ist Ali Sharouk. Sie haben einen der Männer, von denen Sie angesprochen wurden, in meine Auslagen geworfen. Dabei wurde ein fein gearbeitetes Kaffeeservice beschädigt.“
„Angesprochen? Die waren auf eine Prügelei aus! Und was den Schaden an Ihrer Kaffeekanne angeht – holen Sie sich das Geld von den Kerlen wieder, die den Streit begonnen haben. Ich bezahle jedenfalls nichts.“
„Das waren doch arme Leute. Woher sollen sie die Piaster nehmen, um mich zu entschädigen?“, lamentierte der Ladenbesitzer. „Nein, dafür halte ich Sie verantwortlich. Sie haben schließlich meinen Landsmann in meine schönen Messingartikel geworfen.“
„Wenn die Leute kein Geld haben, dann schneiden Sie es ihnen doch aus den Rippen“, schlug Jed vor und drehte sich um. „Daran werden Sie bestimmt Ihre Freude haben.“ Er ging weiter.
„Ich bin von Natur aus nicht übermäßig gewalttätig“, stellte der hochgewachsene Ägypter fest und folgte Jed hartnäckig. „Doch ein Narr bin ich auch nicht. Ich will mein Geld von Ihnen haben.“
„Kommt überhaupt nicht in Frage“, lehnte Jed ab und rückte gefährlich nahe an den Mann heran. Dieser wirkte zwar kaum älter als er selbst mit seinen achtundzwanzig Jahren, dafür war er jedoch erheblich zivilisierter. „Da spaziert ein anständiger Mensch durch Ihre Straßen, wird angegriffen, und Sie erwarten, dass er die Ware bezahlt, die Sie vor Ihrem Eingang gestapelt hatten? Das sehe ich ganz anders, mein Freund. Daraus wird nichts. Und jetzt lassen Sie mich zufrieden, ehe ich die Geduld verliere.“
„Ihre Geduld interessiert mich weniger als der Ersatz für meine beschädigte Ware“, erklärte der Ägypter und legte eine Beharrlichkeit an den Tag, die Jed ihm gar nicht zugetraut hätte.
„Ich sagte, Sie sollen mich in Ruhe lassen, Ali!“ Jed beschleunigte seinen Schritt, sodass der andere kaum mitkam.
„Das werde ich nicht tun“, versetzte der Krämer und streckte die Hand nach dem streitsüchtigen Amerikaner aus, um ihn festzuhalten.
„Ich empfehle Ihnen, die Hand von meiner Schulter zu nehmen und zu Ihrer Werkstatt zurückzukehren“, sagte Jed gefährlich leise. „Es sei denn, Sie wollen unbedingt so enden wie die letzten beiden Männer, die mich anfassten.“
Ali ließ den Amerikaner los, stellte sich ihm jedoch in den Weg und...




