E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Yerushalmi Sachor: Erinnere dich!
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8031-4375-4
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-8031-4375-4
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Yosef Hayim Yerushalmi, geboren 1932 in New York, war Professor für Jüdische Geschichte und Kulturwissenschaften und Direktor des Center for Israel and Jewish Studies an der New Yorker Columbia University. Von 1987 bis 1991 war er Präsident des Leo Baeck Instituts in New York. 2005 wurde Yerushalmi mit dem Dr.-Leopold-Lucas-Preis der Universität Tübingen ausgezeichnet. 2009 starb er in New York. Michael Brenner ist Inhaber des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München und Direktor des Center for Israel Studies an der American University in Washington, D.C., sowie u.a. Präsident des Leo Baeck Instituts.
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Vorwort
Hiob 8,8
Giorgos Seferis, Mythischer Lebensbericht, 22. Stück
(Übersetzung von Christian Enzensberger)
Das vorliegende Buch – historische Betrachtung, Bekenntnis und Glaubensbekenntnis in einem – hat bei seiner Entstehung mehrere Stadien durchlaufen. Die jeweils nächste Stufe war bei diesem Entwicklungsprozess nie vorhersehbar. Als ich 1977 ein Freisemester in Jerusalem verbrachte, hielt ich am Institut für Jüdische Studien der Hebräischen Universität einen Vortrag über jüdische Geschichtsschreibung im 16. Jahrhundert. Dieses an sich schon faszinierende Thema wählte ich vor allem, weil ich meine, dass ein richtiges Verständnis dieses Einzelphänomens zum Ausgangspunkt für eine Reihe von Fragen nach dem Stellenwert der Historiografie in der jüdischen Kultur überhaupt werden kann. Nach meiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten wurde ich um einen Beitrag zu der damals in Vorbereitung befindlichen Festschrift der American Academy for Jewish Research gebeten. Ich steuerte eine etwas ausführlichere englische Fassung meines hebräischen Vortrags bei, die dann unter dem Titel »Clio and the Jews. Reflections on Jewish Historiography in the Sixteenth Century« im Herbst 1980 in besagtem Band erschien. Wie schon im ursprünglichen Vortrag hielt ich mich auch in diesem Aufsatz eng an das titelgebende Thema; gelegentliche Hinweise auf den größeren Zusammenhang gab es aber schon damals.
Dabei hätte es sein Bewenden haben können, wäre nicht die freundliche Einladung der University of Washington an mich ergangen, im April 1980 die Stroum Lectures zu übernehmen. Die Gelegenheit schien günstig für eine umfassendere, nicht mehr auf eine einzelne Epoche beschränkte Darstellung der Fragen, die mich bewegten. Dennoch formulierte ich das Thema – »Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis« – nicht ohne Bedenken. Im Rahmen von vier Vorträgen war es offensichtlich ausgeschlossen, die Fragen, um die es geht, in der gebotenen Ausführlichkeit und Detailgenauigkeit zu untersuchen. Trotz dieser Zweifel machte ich mich aber an die Arbeit und hielt schließlich auch die Vorträge. Dieses Buch ist das Ergebnis.
Soviel zu den äußeren Umständen, unter denen das Buch zustande kam. In einem tieferen Sinne verdankt es seine Entstehung aber meinem Ringen um mein Selbstverständnis als jüdischer Historiker, nicht etwa im objektiven Kontext dieser weltweiten Wissenschaft, sondern vielmehr im engeren Rahmen der jüdischen Geschichte selbst. Mit der jüdischen Geschichtswissenschaft an sich habe ich keine Probleme – oder doch nur solche, wie sie Historiker anderer Fächer auch kennen. Wenn einer schon den Großteil seiner Arbeitskraft dem Studium der Vergangenheit widmen will, steht außer Frage, dass die jüdische Geschichtswissenschaft, was ihre Bedeutung und Leistungen angeht, es mit jeder anderen aufnehmen kann. Aus dem Blickwinkel der jüdischen Geschichte aber sieht die Sache anders aus. Der eigentliche Kern dieses Buches ist nämlich der Versuch, ein Phänomen zu verstehen, welches mir lange als ein Paradox erschien – die Tatsache, dass zwar die Frage nach dem Sinn der Geschichte bei den Juden zu allen Zeiten eine entscheidende Rolle spielte, die Geschichtsschreibung dagegen entweder gar keine oder bestenfalls eine untergeordnete. Hand in Hand damit geht die Feststellung, dass Erinnerung an die Vergangenheit zwar immer ein zentraler Aspekt der jüdischen Erfahrung, aber nicht in erster Linie dem Historiker anvertraut war.
Flotte Formulierungen und mangelnde semantische Präzision haben diese bedeutsame Dualität oft verborgen. Schließlich haben die Juden den Ruf, eines der am stärksten historisch orientierten Völker zu sein, mit dem längsten und hartnäckigsten Gedächtnis. Je nachdem, was man unter ›Gedächtnis‹ und ›Geschichte‹ versteht, kann solches Lob durchaus zutreffend oder auch völlig falsch sein; es bedeutet gar nichts, solange man nicht dazu sagt, welche Art der Geschichte die Juden geschätzt, was sie aus ihrer Vergangenheit als erinnernswert ausgewählt und wie sie das Erinnerte bewahrt, überliefert und mit neuem Leben erfüllt haben. Diese Frage will ich untersuchen und hoffe dabei deutlich machen zu können, dass das Interesse der Juden an der Geschichte früher völlig anders gelagert war als heute. Richtig verstehen wird man dieses Buch also, wenn man es unter anderem als einen Versuch der historischen begreift.
Die Begriffe, deren ich mich bediene, bedürfen keiner besonderen Definition, da ihre Bedeutung sich aus dem jeweiligen Kontext ohne weiteres erschließt. Meine Auffassung von ›Geschichtsschreibung‹ habe ich in meinem obengenannten Aufsatz über »Clio and the Jews« ausführlich dargelegt; dort finden sich auch Belege für die Unsitte, den entscheidenden Unterschied zwischen historischen Schriften und allen möglichen anderen Genres der jüdischen Literatur zu verwischen, die an Geschichte zwar durchaus ein tiefes, am Aufzeichnen historischer Ereignisse aber nicht das geringste Interesse verraten. Das alles braucht hier nicht wiederholt zu werden.
Ich lege Wert auf die Feststellung, dass es mir weder um etwas irgendwie Vererbtes noch um eine den Jungschen Archetypen analoge angeborene psychische Struktur geht, wenn ich gelegentlich von »Kollektivgedächtnis« oder »Gruppengedächtnis« spreche. Die Theorie, die noch im 17. Jahrhundert zahllose Anhänger hatte, dass ein allein im Wald ausgesetztes Kind spontan Hebräisch zu sprechen beginne, stimmt für ein jüdisches ebenso wenig wie die Vermutung, so ein Kind »erinnere« sich an Abrahams Zug von Ur nach Kanaan. Sprache und überpersönliche Erinnerung kann nur die Gruppe weitergeben. Vor über fünfzig Jahren hat sich Maurice Halbwachs bleibende Verdienste erworben, als er im Gegensatz zu Psychologen und Philosophen entschieden die Auffassung vertrat, selbst das Gedächtnis des Einzelnen sei durch gesellschaftliche Bedingungen strukturiert, wie ja auch ›Kollektivgedächtnis‹ nicht etwa eine Metapher sei, sondern eine durch Institutionen und bewusste Leistungen der Gruppe vermittelte und aufrechterhaltene gesellschaftliche Realität (vgl. , Frankfurt/Main 1985, und den posthumen Band Frankfurt/Main 1991). Den Begriff Kollektivgedächtnis verdanke ich diesen Werken, auch wenn ich das Wort nicht genau in dem Sinne wie Halbwachs verwende. Wo es allerdings darum ging, die Dynamik des Kollektivgedächtnisses im Besonderen zu untersuchen, konnte ich mich kaum auf Vorarbeiten stützen. Die Kategorien, die man üblicherweise heranzieht, geben im Fall des Judentums meist nichts her. Erkenntnisse aus der Untersuchung mündlicher Überlieferung lassen sich z. B. auf ein dermaßen lesekundiges und extrem buchorientiertes Volk wie die Juden nur teilweise übertragen. Auch Vorstellungen vom Kollektivgedächtnis, die anhand der Folklore und Mythologie bäuerlicher oder primitiver Gesellschaften entwickelt wurden, führen nicht viel weiter, wenn man sich klarmacht, wie sehr Kultur und Gesellschaft bei den Juden vor der Neuzeit von Führungseliten geprägt wurden. Es ist wohl kein Zufall, dass Halbwachs selbst im ersten seiner obengenannten Bücher im Kapitel »Das Kollektivgedächtnis der religiösen Gruppen« ausschließlich vom Christentum spricht, während es in dem späteren Werk bei »Kollektives und historisches Gedächtnis« um das historische Gedächtnis einer Nation geht. Die Juden dagegen stellen seit Anbeginn ihrer Geschichte eine einzigartige Verschmelzung einer Religion und eines Volkes dar und sind mit nur einer dieser beiden Kategorien nicht zu begreifen. Die Geschichte des jüdischen Kollektivgedächtnisses gilt es erst noch zu erforschen. Ich zeichne lediglich hier und da die Richtung vor, die man dabei einschlagen könnte.
Als ich mich nach über einem Jahr wieder mit den Vorträgen befasste, um sie zur Veröffentlichung vorzubereiten, war ich mehr als einmal versucht, sie völlig umzuschreiben bzw. ganz beiseite zu legen und zu den gleichen Themen ein umfassendes, sehr viel umfangreicheres Werk zu verfassen. Doch letzten Endes tat ich nichts dergleichen. Ich entschloss mich, die ursprüngliche Form und damit auch den Tonfall der Vorträge beizubehalten. Bei dem wenigen, das ich doch überarbeitet habe, ging es fast nur um bessere Formulierungen. Für den Verlust an Ausführlichkeit und Differenziertheit entschädigt vielleicht der unmittelbarere Tonfall des gesprochenen Wortes. Allerdings habe ich trotz ursprünglicher Bedenken den Rat guter Freunde und Kollegen befolgt und jeden Vortrag mit ausführlichen Anmerkungen versehen. Manche Leser werden davon profitieren, und ich kann auf diesem Wege das eine oder andere, das im Vortrag selbst naturgemäß etwas pauschal dargestellt wurde,...




