E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Yates Eine strahlende Zukunft
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-12630-8
Verlag: DVA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-641-12630-8
Verlag: DVA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In seiner Schilderung einer Ehe, die auf gegenseitigen Abhängigkeiten gründet und durch enttäuschte Hoffnungen und Ambitionen von innen zerfressen wird, begibt sich Richard Yates auf für ihn klassisches Terrain. Wie schon in seinem Meisterwerk "Zeiten des Aufruhrs" demonstriert er einmal mehr sein Können als Chronist des Scheiterns, für das er in die Annalen der amerikanischen Literaturgeschichte eingegangen ist.
Richard Yates wurde 1926 in Yonkers, New York, geboren und lebte bis zu seinem Tod 1992 in Alabama. Obwohl seine Werke zu Lebzeiten kaum Beachtung fanden, gehören sie heute zum Wichtigsten, was die amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Wie Ernest Hemingway prägte Richard Yates eine Generation von Schriftstellern. Die DVA publiziert Yates’ Gesamtwerk auf Deutsch, zuletzt erschien der Roman "Eine strahlende Zukunft". Das Debüt "Zeiten des Aufruhrs" wurde 2009 mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in den Hauptrollen von Regisseur Sam Mendes verfilmt. „Cold Spring Harbor“, zuerst veröffentlicht 1986, ist Yates‘ letzter vollendeter Roman.
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1. KAPITEL
Mit dreiundzwanzig hatte Michael Davenport gelernt, seiner eigenen Skepsis zu trauen. Er hielt nichts von Mythen oder Legenden, nicht einmal in Gestalt allgemeiner Annahmen; er wollte stets zur wahren Geschichte vordringen.
Gegen Ende des Kriegs in Europa war er als Rumpfschütze einer B-17 erwachsen geworden, und eins der Dinge, die ihn am meisten an der Luftwaffe gestört hatten, war ihre Werbekampagne. Jeder betrachtete die Air Force als den tollsten, glücklichsten Militärzweig – besser verpflegt, untergebracht und bezahlt als die anderen, mit größeren persönlichen Freiheiten und schicker Kleidung ausgestattet, die man auf »legere« Art trug. Und jeder dachte, die Air Force gebe sich nicht mit dem belanglosen Problem militärischer Disziplin ab: Fliegen, Kühnheit und Kameradschaft galten mehr als blinder Respekt vor Höherrangigen; Offiziere und gemeine Soldaten konnten, wenn sie wollten, miteinander befreundet sein, und auch der vorgeschriebene militärische Gruß war dort nur eine angedeutete, beiläufige Verspottung seiner selbst. Angeblich bezeichneten die Soldaten der Bodentruppen die Air-Force-Leute neidvoll als »Fly-Boys«.
Vermutlich war das nur harmloses Gerede; es lohnte sich nicht, darüber zu streiten; doch Michael Davenport würde nie vergessen, dass seine eigene Air-Force-Zeit erniedrigend, langweilig und trostlos gewesen war, dass er bei seinen Kampfeinsätzen schreckliche Angst gehabt hatte und im Nachhinein ungeheuer froh war, den ganzen Mist hinter sich zu haben.
Dennoch hatte er auch ein paar gute Erinnerungen mit nach Hause gebracht. Zum Beispiel, dass er es bei dem Boxturnier in Blanchard Fields, Texas, im Mittelgewicht bis ins Halbfinale geschafft hatte – so etwas konnten nicht viele Anwaltssöhne aus Morristown, New Jersey, von sich behaupten. Eine weitere Erinnerung, die im Laufe der Zeit zunehmend philosophische Züge annahm, war die Bemerkung, die ein namenloser Schießausbilder in Blanchard Fields eines glühend heißen Nachmittags während eines ansonsten langweiligen Vortrags gemacht hatte.
»Versucht, euch das zu merken, Männer. Einen Profi erkennt man stets daran – und ich meine, in jedem Metier –, dass er etwas Schwieriges leicht aussehen lässt.«
Schon damals, inmitten der schläfrigen Rekruten von jenem eindrücklichen Gedanken wachgerüttelt, hatte Michael eine Zeit lang gewusst, welches Metier es war, in dem er sich einmal als Profi auszeichnen wollte: Er wollte Gedichte und Theaterstücke schreiben.
Kaum aus der Army entlassen, ging er nach Harvard, vor allem weil ihn sein Vater dazu gedrängt hatte, und zunächst war er fest entschlossen, sich auch von den Mythen oder Legenden Harvards nicht täuschen zu lassen: Er wollte nicht einmal die äußerliche Schönheit des Ortes eingestehen, geschweige denn sie bewundern. Es war eine Universität wie jede andere, die es ebenso verbissen auf sein GI-Bill-of-Rights-Geld abgesehen hatte wie jede andere.
Doch nach ein, zwei Jahren wurde er etwas nachsichtiger. Die meisten Kurse waren tatsächlich anregend; die meisten Bücher gehörten tatsächlich zu der Literatur, die er schon immer hatte lesen wollen; seine Kommilitonen, jedenfalls manche, erwiesen sich als Menschen, wie er sie sich immer als Freunde ersehnt hatte. Nie trug er seine alte Armeeuniform – auf dem Campus wimmelte es von Männern, die sich so kleideten und größtenteils als »Berufsveteranen« abgetan wurden –, doch er behielt den modifizierten Schnauzbart, der beim Militär seine einzige Affektiertheit gewesen war, denn dieser diente noch immer dem Zweck, ihn älter wirken zu lassen. Und gelegentlich musste er zugeben, dass er weder gegen das Leuchten, das den Leuten in die Augen trat, noch gegen ihre gesteigerte Aufmerksamkeit, wenn sie erfuhren, dass er Bordschütze gewesen war, etwas einzuwenden hatte – auch nicht dagegen, dass es anscheinend noch eindrucksvoller war, wenn er das Ganze herunterspielte. Er war bereit zu glauben, dass Harvard doch das geeignete Umfeld sein könnte, um zu lernen, wie man etwas Schwieriges leicht aussehen lässt.
Und eines Frühlingsnachmittags im dritten Universitätsjahr – alle Bitterkeit verschwunden, jeglicher Zynismus erstickt – erlag er gänzlich dem Mythos und der Legende der hübschen Radcliffe-Studentin, die jeden Moment auftauchen und dein Leben verändern konnte.
»Du weißt so viel«, sagte sie zu ihm und streckte beide Hände über den Restauranttisch, um seine Hand damit zu ergreifen. »Ich weiß nicht, wie ich es sonst ausdrücken soll. Du … weißt einfach so viel.«
Die Radcliffe-Studentin hieß Lucy Blaine. Sie war für die Hauptrolle in Michaels erstem halbwegs passablem Einakter ausgewählt worden, der damals an einem kleinen Campustheater geprobt wurde, und dies war das erste Mal, dass er den Mut aufgebracht hatte, sie einzuladen. »Jedes Wort«, sagte sie, »jeder Ton und jede Stille in diesem Stück sind das Werk eines Menschen, der ein tief gehendes Verständnis des … du weißt schon … des menschlichen Herzens hat. Ach, Gott, jetzt hab ich dich verlegen gemacht.«
Das stimmte – er war zu verlegen, um ihr in die Augen zu blicken –, und deshalb konnte er bloß hoffen, dass sie nicht beabsichtigte, das Thema zu wechseln. Sie war nicht das hübscheste Mädchen, dem er je begegnet war, doch das erste hübsche Mädchen, das je so viel Interesse an ihm gezeigt hatte, und er wusste, dass er aus dieser Mischung viel Nutzen schlagen konnte.
Als er es angebracht fand, auch ihr Komplimente zu machen, sagte er, dass ihm ihre Leistung bei den Proben sehr gut gefallen habe.
»Ach was«, sagte sie schnell, und erst da fiel ihm auf, dass sie ihre Papierserviette auf dem Tisch sorgsam in streng parallele Streifen zerrissen hatte. »Ich meine, danke, und natürlich ist das schön zu hören, aber ich weiß, dass ich eigentlich keine Schauspielerin bin. Wenn es so wäre, hätte ich irgendwo die Schauspielschule besucht, würde mich bei Sommeraufführungen abplacken und vorsprechen und alles. Nein« – sie klaubte die Serviettenstreifen auf und schlug, um ihre Worte zu unterstreichen, mit der Faust auf den Tisch – »nein, es ist bloß ein Zeitvertreib, so wie kleine Mädchen sich mit den Sachen ihrer Mutter verkleiden. Aber worauf es ankommt, ist, dass ich mir nie hätte träumen lassen … mir nie hätte träumen lassen, mal in so einem Stück mitzuspielen.«
Als sie das Theater gemeinsam verlassen hatten, war ihm bereits aufgefallen, dass sie genau die richtige Größe hatte – ihr Kopf reichte ihm bis zur Schulter –, und er wusste, dass sie auch im richtigen Alter war: Sie war zwanzig; er wurde bald vierundzwanzig. Als er sie in die triste Studentenbude in der Ware Street mitnahm, in der er allein wohnte, fragte er sich, ob dieses ständige Genau-richtig-Sein, dieses Muster des nahezu Perfekten, vielleicht von Dauer sein könnte. Hatte die Sache nicht irgendwo einen Haken?
»Tja, so hab ich mir das ungefähr vorgestellt«, sagte sie, als er ihr seine Unterkunft vorgeführt hatte, und er sah sich verstohlen im Zimmer um, um sich zu vergewissern, dass nirgends schmutzige Socken oder Unterwäsche zu sehen waren. »Irgendwie schlicht und einfach und gut zum Arbeiten. Ach, und es ist so … männlich.«
Das Muster des nahezu Perfekten blieb bestehen. Als sie sich abwandte, um aus dem Fenster zu schauen – »Und morgens ist es hier bestimmt schön und hell, stimmt’s? Mit diesen hohen Fenstern? Und diesen Bäumen?« –, kam es ihm völlig natürlich vor, dicht hinter sie zu treten, die Arme um sie zu legen und nach ihren beiden Brüsten zu fassen, während er den Mund an ihrem Hals vergrub.
Innerhalb einer knappen Minute waren sie nackt und vergnügten sich unter den Armeedecken seines Doppelbetts, und Michael Davenport stellte fest, dass er noch nie einem so netten, entgegenkommenden Mädchen begegnet war, dass er nicht einmal geahnt hatte, was für eine grenzenlose, außergewöhnliche neue Welt ein Mädchen sein konnte.
»O Gott«, sagte er, als sie schließlich zur Ruhe gekommen waren, und er hätte ihr gern etwas Poetisches gesagt, wusste aber nicht, wie. »O Gott, du bist toll, Lucy.«
»Freut mich«, sagte sie mit leiser, zarter Stimme, »denn ich finde dich auch wunderbar.«
Es war Frühling in Cambridge. Alles andere war einerlei. Selbst das Stück spielte keine besonders große Rolle mehr: Als ein Kritiker des Harvard Crimson es als »skizzenhaft« und Lucys Auftritt als »tastend« bezeichnete, kamen beide mühelos damit klar. Schon bald würden andere Stücke folgen; und außerdem wussten alle, was für neidische kleine Scheißkerle die Kritiker vom Crimson waren.
»Ich weiß nicht, ob ich dich schon mal danach gefragt habe«, sagte er einmal, als sie im Boston Common spazieren gingen, »aber was macht eigentlich dein Vater beruflich?«
»Ach, er ist so eine Art Manager. In verschiedenen Geschäftsangelegenheiten. Ich habe nie ganz verstanden, was er genau tut.«
Abgesehen von Lucys eleganter, schlichter Kleidung und ihren guten Umgangsformen war das der erste Anhaltspunkt, dass ihre Familie sehr wohlhabend sein könnte.
Als sie ihn ein, zwei Monate später im Sommerhaus der Familie auf Martha’s Vineyard ihren Eltern vorstellte, erhielt diese Vermutung neue Nahrung. So etwas hatte er noch nie gesehen. Zunächst fuhr man zu einem unbekannten Küstenort namens Woods Hole, wo man an Bord einer erstaunlich luxuriösen Fähre ging, die einen meilenweit übers Meer schipperte; und wenn man auf der fernen Insel des »Vineyard« wieder an Land ging, folgte man einer von hohen,...




