Yates Eine letzte Liebschaft
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-15983-2
Verlag: DVA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Short Storys
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-641-15983-2
Verlag: DVA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Richard Yates wurde 1926 in Yonkers, New York, geboren und lebte bis zu seinem Tod 1992 in Alabama. Obwohl seine Werke zu Lebzeiten kaum Beachtung fanden, gehören sie heute zum Wichtigsten, was die amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Wie Ernest Hemingway prägte Richard Yates eine Generation von Schriftstellern. Die DVA publiziert Yates’ Gesamtwerk auf Deutsch, zuletzt erschien der Roman "Eine strahlende Zukunft". Das Debüt "Zeiten des Aufruhrs" wurde 2009 mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in den Hauptrollen von Regisseur Sam Mendes verfilmt. „Cold Spring Harbor“, zuerst veröffentlicht 1986, ist Yates‘ letzter vollendeter Roman.
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DER KANAL
»Moment mal – ist das nicht dieselbe Division, in der du warst, Lew?« Betty Miller wandte sich in Erwartung eines außergewöhnlichen Zufalls mit weit aufgerissenen Augen an ihren Mann und hätte fast ihren Drink verschüttet. Sie hatte Tom Brace mitten in einer Geschichte unterbrochen, und jetzt mussten alle auf Lew Millers Antwort warten.
»Nein, Liebling«, sagte er, »tut mir leid. Das Heer war ziemlich groß.« Er legte den Arm um ihre schmale Taille und fand es angenehm, dass ihre Hand sich um seine schlang. Wie todlangweilig diese Party doch war; seit fast einer Stunde standen sie nun mit den Braces zusammen, die sie nur flüchtig kannten – Tom Brace war Kundenbetreuer in der Werbeagentur, in der Miller als Texter arbeitete –, und es schien kein Entrinnen zu geben. Miller taten vom Stehen die Beine weh, und er wäre am liebsten nach Hause gefahren. »Erzählen Sie weiter, Tom«, sagte er.
»Ja«, sagte Betty. »Entschuldigung, Tom, erzählen Sie bitte weiter. Sie wollten gerade einen Kanal überqueren, vor ziemlich genau sieben Jahren.«
Tom Brace lachte zwinkernd und verzieh die Unterbrechung, denn er wusste, dass Frauen alberne Fragen stellten. »Nein, aber mal im Ernst, Lew«, fragte er, »bei welcher Truppe waren Sie denn?« Miller klärte ihn auf, und während Betty »O ja, natürlich« sagte, starrte Brace an die Decke und wiederholte die Zahlen. Dann sagte er: »Mensch, Lew! Bei der Aktion, von der ich gerade erzählt hab, wart ihr direkt links von uns – die Kanalüberquerung? März fünfundvierzig? Ich kann mich genau erinnern.«
Miller hatte die ganze Zeit befürchtet, es könnte sich herausstellen, dass es derselbe Kanal war, und jetzt konnte er bloß erwidern, ja, das stimme tatsächlich, im März fünfundvierzig.
»Na so was«, sagte Nancy Brace und spielte mit elegantem Zeigefinger an ihren Perlen.
Tom Brace war vor Aufregung knallrot. »Ich kann mich genau erinnern«, sagte er, »Ihre Truppe hat den Kanal ein gutes Stück weiter nördlich, links von uns, überquert, und dann haben wir einen Bogen geschlagen und uns ein paar Tage später in einer Zangenbewegung wieder getroffen. Wissen Sie noch? Verdammt, darauf müssen wir anstoßen.« Er reichte frische Cocktails herum, während das Dienstmädchen das Tablett hielt. Miller nahm dankbar einen Martini und trank einen zu großen ersten Schluck. Die beiden Männer mussten kurz über die Beschaffenheit des Geländes und die Uhrzeit des Angriffs sprechen, während ihre Frauen einander beipflichteten, dass es bestimmt ein großartiges Erlebnis gewesen war.
Miller, der Brace ansah und nickte, dabei aber den Frauen lauschte, hörte Nancy Brace schaudernd sagen: »Ganz ehrlich, ich weiß nicht, wie sie all das überstanden haben. Aber ich kann mir Toms Kriegsgeschichten immer wieder anhören; irgendwie macht er das Ganze so anschaulich – manchmal habe ich das Gefühl, ich wäre selbst da gewesen.«
»Ich beneide Sie«, sagte Betty Miller leise, in einem Ton, von dem Lew Miller wusste, dass er dramatisch klingen sollte, »Lew erzählt nie vom Krieg.« Und zu seinem Unbehagen begriff Miller, dass Betty, die zu viele Frauenzeitschriften las, es als romantisch empfand, einen Mann zu haben, der nie vom Krieg erzählte – vielleicht einen etwas tragischen, sensiblen oder zumindest charmant bescheidenen Mann –, sodass es eigentlich keine Rolle spielte, ob Nancy Braces Mann besser aussah, ob er in seinem Brooks-Brothers-Anzug gediegener wirkte oder früher in seiner adretten Uniform schneidiger gewesen war. Das war lächerlich, und am schlimmsten fand er, dass Betty es besser wusste. Sie wusste ganz genau, dass er im Vergleich zu jemandem wie Brace kaum etwas vom Krieg gesehen und seine Militärzeit größtenteils bei einer Pressestelle in North Carolina verbracht hatte, bis er 1944 zur Infanterie versetzt worden war. Insgeheim freute er sich natürlich – denn das hieß ja bloß, dass sie ihn liebte –, doch später, wenn sie allein sein würden, musste er sie auffordern, ihn nicht ständig zum Helden zu stilisieren, sobald jemand vom Krieg sprach. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass Brace ihm eine Frage gestellt hatte. »Wie bitte, Tom?«
»Ich hab gefragt, wie die Überquerung bei Ihnen ablief. Wie sah die Gegenwehr aus?«
»Artilleriefeuer«, sagte Miller. »Keine nennenswerten Kleinwaffen; wissen Sie, unser eigenes Sperrfeuer gab uns genügend Deckung, und die deutsche Infanterie war wohl zurückgedrängt worden, bevor wir loslegten. Aber ihre Artillerie funktionierte noch, und die hat uns ziemlich zu schaffen gemacht. Acht-Achter.«
»Keine Maschinengewehre am anderen Ufer?« Mit der freien Hand fingerte Brace an seinem akkuraten Windsorknoten herum und reckte das Kinn, um noch ein paar Zentimeter Hals zu befreien.
»Nein«, sagte Miller, »soweit ich mich erinnern kann, gab’s da keine.«
»Wären welche da gewesen«, versicherte Brace ihm mit grimmigem Zwinkern, »dann würden Sie’s noch wissen. Die waren von Anfang an unser Problem. Wissen Sie noch, wie breit der Kanal war? Wahrscheinlich nicht mal fünfzig Meter? Also, von dem Augenblick an, als wir in diese gottverdammten kleinen Boote stiegen, waren wir in Reichweite der beiden deutschen Maschinengewehre, die vielleicht hundert Meter voneinander entfernt am anderen Ufer postiert waren. Sie warteten, bis wir mitten auf dem Wasser waren – ich saß im ersten Boot –, dann legten sie los.«
»Mein Gott«, sagte Betty Miller. »In einem Boot. Hatten Sie denn gar keine Angst?«
In Tom Braces Gesicht trat ein schüchternes, jungenhaftes Grinsen. »Hab noch nie so viel Schiss gehabt«, sagte er leise.
»Musstest du auch mit einem Boot fahren, Liebling?«, fragte Betty.
»Nein. Tom, ich wollte gerade sagen, dass wir da, wo wir waren, keine Boote brauchten. Da gab’s eine kleine Brücke, die nur zum Teil gesprengt war, die haben wir benutzt und sind das letzte Stück durchs Wasser gewatet.«
»Eine Brücke?«, fragte Brace. »Das muss ja ein echter Glücksfall gewesen sein. Konnten Sie mit den Fahrzeugen und allem ans andere Ufer fahren?«
»O nein«, sagte Miller, »nicht auf dieser Brücke; es war eher ein kleiner Holzsteg, und wie gesagt, zum Teil ins Wasser gestürzt. An jenem Tag hatte man schon mal versucht, den Kanal zu überqueren, wissen Sie, und die Brücke war zum Teil zerstört worden. Eigentlich kann ich mich nicht mehr besonders deutlich an sie erinnern – wenn ich’s mir recht überlege, könnte sie vielleicht auch von unseren eigenen Ingenieuren errichtet worden sein, aber das ist eher unwahrscheinlich.« Er lächelte. »Es ist schon lange her, und ich kann mich einfach nicht mehr erinnern, Tom. Um die Wahrheit zu sagen, ich hab ein ziemlich schlechtes Gedächtnis.«
Um die Wahrheit zu sagen … Um die Wahrheit zu sagen, dachte Miller, müsste ich zugeben: von wegen schlechtes Gedächtnis. Ich habe nur das vergessen, was mir nicht wichtig war, und in jener Nacht ging’s allein darum, im Dunkeln zu rennen, erst auf dem Beton einer Straße, dann auf lockerer Erde, danach auf schräg abfallenden Planken, die unter den Füßen bebten, und dann im Wasser. Dann waren wir am anderen Ufer, und dort mussten wir Leitern raufklettern. Es herrschte ein Riesenlärm. Daran kann ich mich gut erinnern.
»Tja«, sagte Tom Brace, »wenn es Nacht war und Sie unter Artilleriebeschuss standen, haben Sie wahrscheinlich nicht besonders auf die verdammte Brücke geachtet; da mach ich Ihnen keinen Vorwurf.«
Doch Miller wusste, dass er ihm einen Vorwurf machte; es war unverzeihlich, sich nicht an die Brücke erinnern zu können. Tom Brace hätte so etwas nie vergessen, denn von seinem Wissen hätte zu viel abgehangen. Er hätte unter den schmutzigen Gurtbändern eine plastikumhüllte Landkarte in seiner Feldjacke stecken gehabt, und wenn die Männer in seinem Zug atemlos Fragen stellten, hätte er ruhig und unaufgeregt über die gesamte taktische Lage Bescheid gewusst.
»In was für einer Einheit waren Sie, Lew?«
»Einer Schützenkompanie.«
»Waren Sie Zugführer?« Damit versuchte Brace herauszubekommen, ob er Offizier gewesen war.
»O nein«, sagte Miller. »Ich hatte keinen Rang.«
»Doch«, sagte Betty Miller. »Du warst so was wie ein Sergeant.«
Miller lächelte. »In den Staaten hatte ich den Rang eines T-4«, erklärte er Brace, »aber das war in Öffentlichkeitsarbeit, also nichts wert, als sie mich in die Infanterie steckten. Ich fuhr als Reservist rüber, als Gefreiter.«
»Ein harter Schlag«, sagte Brace. »Aber wie auch immer …«
»Ist ein T-4 nicht dasselbe wie ein Sergeant?«, fragte Betty.
»Nicht direkt, Liebling«, sagte Miller. »Das hab ich dir doch alles schon mal erklärt.«
»Aber Sie haben gesagt, an jenem Tag hätte schon jemand versucht, den Kanal zu überqueren, und wurde zurückgeworfen? Und Ihre Truppe musste es nachts noch mal probieren? Das muss bitter gewesen sein.«
»Stimmt«, sagte Miller. »Richtig bitter, denn am Nachmittag waren wir wieder ins Hinterland verlegt worden, unser Bataillon sollte ein paar Tage Ruhe kriegen, doch gerade als wir unsere Schlafsäcke ausgerollt hatten, kam der Befehl, wieder an die Front zu gehen.«
»O Gott«, sagte Brace. »Das ist uns auch immer wieder passiert. War das nicht die Hölle? Da war die Moral Ihrer Männer ja schon ruiniert, bevor Sie überhaupt losgelegt haben.«
»Tja«, sagte Miller. »Ich glaube, unsere Moral war sowieso nicht besonders hoch. So eine Truppe waren wir nicht.« Und um bei der Wahrheit zu bleiben, hätte er sagen müssen, dass das Schlimmste an jenem Nachmittag der Verlust...




