Wunn | Muslimische Patienten | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 210 Seiten

Wunn Muslimische Patienten

Chancen und Grenzen religionsspezifischer Pflege
1. Auflage 2006
ISBN: 978-3-17-028324-4
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Chancen und Grenzen religionsspezifischer Pflege

E-Book, Deutsch, 210 Seiten

ISBN: 978-3-17-028324-4
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Debatte um die Integration von Migranten vor allem aus dem muslimischen Kulturkreis wird inzwischen ebenso engagiert wie kontrovers geführt. Muslime als Patienten mit ihren spezifischen und direkt von ihrem religiösen Weltbild abhängigen Heilungsvorstellungen wurden allerdings bislang weder im politischen noch im medizinisch-pflegerischen Alltag genügend beachtet. Hier will dieses Buch Abhilfe leisten: Muslimische Patienten werden in ihrem gelebten Alltag als Heilung Suchende an deutschen Kliniken mit ihren spezifischen religiösen Bedürfnissen wahrgenommen; ihre Wünsche und Sorgen werden dokumentiert und diskutiert. Dies schließt einen knappen Rückblick auf die Entwicklung der arabisch-muslimischen Medizin mit ihren Besonderheiten ebenso ein wie einen Aufriss der Situation von Migranten der unterschiedlichsten Herkunftsländer, ihren Integrations- und Akkulturationsleistungen.

Prof. Dr. phil. Dr. rer. nat. Ina Wunn lehrt Religionswissenschaft an der Universität Hannover.
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Autoren/Hrsg.


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2 Migration und Religion


(unter Mitarbeit von Asiye Berge-Traoré)

2.1 Der Islam in Niedersachsen


Kaum eine einschlägige Publikation kommt ohne den Hinweis auf eine bisher nicht gekannte religiöse Vielfalt in der deutschen bzw. niedersächsischen Kulturlandschaft aus,10 und tatsächlich ist hier ein deutlicher Wandel nicht zu übersehen. Wie Baumann in seiner Untersuchung über die Religiosität / religiöse Organisation asiatischer Migranten zusammenfassend ausführt, ist religiöser Pluralismus zumindest in Niedersachsen ein Phänomen der jüngsten Geschichte. Noch bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war die Bevölkerung weiter Teile des heutigen Niedersachsens durchgängig protestantisch; lediglich in bestimmten Regionen wie Osnabrück, Emsland oder Südoldenburg dominierte der Katholizismus. Erst durch die Gründung des Bundeslandes Niedersachsen 1946 entstand ein in konfessioneller Hinsicht bunteres Landschaftsbild, das durch den Zustrom von Flüchtlingen, Vertriebenen und Evakuierten zusätzlich an Heterogenität gewann. Diese durch die politischen und demographischen Veränderungen während der Nachkriegszeit hervorgerufenen Verschiebungen innerhalb der konfessionellen Zusammensetzung der einzelnen Regionen gingen nicht ohne Probleme vonstatten, da die anderskonfessionellen Zuwanderer Konkurrenten in einer weitgehend noch durch Mangel (Wohnung, hochwertige Nahrung, Arbeit) geprägten sozialen Umwelt darstellten. „Erst langsam,“ so stellt Baumann fest, wuchs „das politisch als auch demographisch neue niedersächsische Volk ... zusammen, die einstige regionale monokonfessionelle Prägung wich vielerorts einer Bikonfessionalität.“11

Eine Sonderstellung nahmen die jüdischen Gemeinden ein, die sich seit jeher in einer Diasporasituation befunden hatten, als Fremdlinge angesehen und stigmatisiert wurden. Erst 1870 konnten die Hannoveraner Juden nach knapp zweihundert Jahren der Hinterhofexistenz eine repräsentative Synagoge an zentraler Stelle errichten, die jedoch 1938 zerstört wurde. Heute befindet sich an dieser Stelle das Parkdeck der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers; lediglich eine unauffällige Gedenktafel erinnert an die Synagoge und die kurze Zeit der erfolgreichen jüdischen Emanzipation.12

Festzuhalten bleibt bei diesem begrenzten Ausflug in die niedersächsische Religionsgeschichte, dass religiöse Vielfalt auch auf kleinstem und anscheinend altgewohntem Level keineswegs zum gelebten Alltag in der jüngeren niedersächsischen Geschichte gehört, sondern dass vielmehr bloße konfessionelle Unterschiede in Zeiten politischer oder wirtschaftlicher Unsicherheit zur Verstärkung von Ressentiments führen konnten und führten. Entschärft wurden diese durchaus nicht immer nur marginalen Konflikte in den folgenden Jahren durch erhebliche Fortschritte auf dem Gebiet der Ökumene einerseits, andererseits aber vor allem durch die allgemein fortschreitende Säkularisierung, die zwar nicht zu einer Entchristlichung, aber doch zu einer fortschreitenden Entkirchlichung führte und damit die konfessionellen Unterschiede verwischte oder im gelebten Alltag bedeutungslos machte.13

Diese neue, in religiöser und vor allem ethnisch-kultureller Hinsicht immer noch recht homogene Kulturlandschaft begann sich seit den 1960er Jahren durch den Zuzug von Arbeitsmigranten, aber auch von Flüchtlingen, in einem bislang nicht gekannten Ausmaß zu verändern.14 So leben heute in Niedersachsen rund 480 000 Ausländer – eingebürgerte Migranten mit inzwischen deutschem Pass sind naturgemäß in dieser Zahl nicht enthalten.15 Ein Blick auf die Herkunftsländer zeigt, dass in Niedersachsen türkische Staatsangehörige mit gut 118 000 Personen den weitaus größten Anteil an den Ausländern stellen, mit weitem Abstand gefolgt von rund 40 000 Serben und Montenegrinern. Italiener und Niederländer stellen mit je 26 000 und 20 000 Personen erst die dritt- bzw. viertgrößte Migrantengruppe. Interessanter als die Nationalität ist für die vorliegende Untersuchung die Frage nach der Religionszugehörigkeit, die jedoch in dieser Form von der Statistik nicht beantwortet wird – auch hier kann der Umweg über das Herkunftsland weiterhelfen. So dürften von den europäischen Migranten die knapp 7 000 Bosnier / Herzegowiner mehrheitlich Muslime sein; ebenso etwa die Hälfte der rund 15 000 gemeldeten Afrikaner einschließlich Algeriern, Marokkanern und Tunesiern. Für Asien stellen Afghanistan mit etwa 4 000, Irak und Libanon mit jeweils gut 8 000, Iran mit etwa 8 000, Syrien und die Vereinigte Arabische Republik mit zusammen knapp 6 000 registrierten Ausländern die größten Migrantengruppen, gefolgt von Ländern wie Aserbaidschan und Indonesien. Insgesamt dürften in Niedersachsen inzwischen zwischen 200 000 und 230 000 Muslime aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern leben, wobei die türkeistämmigen Migranten mit mehr als 50 % den bei weitem größten Anteil stellen. Ähnlich heterogen wie die Herkunft ist die regionale Verteilung der Migranten: Während ländliche Kreise wie Uelzen und Lüchow-Dannenberg ebenso wie große Teile Ostfrieslands einen Ausländeranteil von weniger als 3,5 % verzeichnen, stechen Hannover, die Grafschaft Bentheim, Braunschweig, Salzgitter und Wolfsburg als typische Ziele von Arbeitsmigranten mit einem Ausländeranteil von mehr als 7,5 % hervor, wobei mit Ausnahme von Wolfsburg – hier dominieren Italiener – türkeistämmige Migranten wiederum den größten Anteil stellen.

Nicht vergessen werden dürfen im Spektrum der in Niedersachsen ansässigen Muslime diejenigen, die auf keinen Migrationshintergrund verweisen können. Wenn im öffentlichen Diskurs die Islamfrage gern auf das Thema Migration und hier besonders auf in Deutschland lebende Türken verengt wird, geht eine solche Diskussion an einem wichtigen Abschnitt der Geschichte des Islam in Deutschland, nämlich am deutschen Islam, vorbei (zur Zeit ca. 80 000 Personen).16 Hier sind zwar auch, aber nicht nur die Konvertiten gemeint, die, obwohl eine nur kleine Gruppe, dennoch in der öffentlichen Diskussion eine entscheidende, weil vermittelnde Aufgabe innehaben, wenn es um Fragen der zukünftigen Rolle des Islam in der deutschen Gesellschaft geht. Im Gegenteil ist das Miteinander von Christen und Muslimen in Deutschland Teil einer alten Erfolgsgeschichte: Beispielhaft und vorbildlich für ein Zusammenleben von christlicher Mehrheit und muslimischer Minderheit war der Islam in Preußen, wo im 18. und 19. Jahrhundert muslimische Adlige dem König in einem Ulanenregiment ergeben dienten, um auf diese Weise eine tief empfundene Dankesschuld für die Gewährung freier Religionsausübung abzutragen.17 Hinzuzufügen wäre, dass auch in den darauf folgenden Jahrzehnten in Deutschland der Islam und Muslime positiv bewertet wurden. Vor allem die Schicht des liberalen Bildungsbürgertums sah im Islam ein beispielhaftes religiöses System, das ohne die für das Christentum charakteristischen hierarchischen Strukturen auskam. Nicht zuletzt schufen sowohl die Märchensammlung 1001 Nacht als auch die Trivialromane Karl Mays ein romantisch verklärtes Orientbild, das die Einstellung der Deutschen zum Islam für lange Zeit positiv prägte.18

2.1.1 Die religiöse Organisation der niedersächsischen Muslime


Entsprechend der nationalen Herkunft der Muslime, der verschiedenen Ethnien, Kulturen und religiösen Sondergruppen spielt sich das religiöse Leben in Deutschland in einem höchst vielfältigen und nur schwer überschaubaren Rahmen ab. Wenn die für Gesamtdeutschland geltenden bzw. festgestellten Verhältnisse in etwa auf Niedersachsen übertragen werden können, muss davon ausgegangen werden, dass von den etwa 230 000 Muslimen nur etwa ein bis zwei Drittel praktizierende Muslime sind, und auch von diesen sind längst nicht alle in Moscheegemeinden organisiert; vielmehr beträgt ihr Anteil nur rund 14 bis 25 %. Die unterschiedlichen Zahlenangaben der einzelnen Quellen rühren daher, dass nur wenige Muslime tatsächlich eingetragene Mitglieder ihrer Moscheegemeinde sind, ein weitaus größerer Kreis jedoch regelmäßig am Gemeindeleben teilnimmt.19 Zwar spiegelt die Vielfalt der Moscheegemeinden mit ihren häufig landsmannschaftlichen Organisationsformen auch im Raum Hannover das gesamte Spektrum der muslimischen Ökumene, den Schwerpunkt bilden aber auch hier wieder entsprechend ihrer zahlenmäßigen Dominanz solche türkisch-osmanischer Richtung. Neben Sunniten der unterschiedlichen Rechtsordnungen finden sich in Niedersachsen Aleviten, Schiiten der verschiedenen Richtungen sowie Vertreter der Ahmadiyya oder Sufigemeinschaften. Naturgemäß gibt es strengere, fundamentalistische Gemeinden neben Modernisten, ethnisch geschlossene Gemeinschaften neben solchen mit internationaler Mitgliedschaft. Entsprechend der toleranten Grundhaltung des Islam werden Sonderwege und Häresien sowohl innerhalb der Gemeinden als auch im Gemeindespektrum im Allgemeinen geduldet, wenn auch gelegentlich Kritik aus den Herkunftsländern zu hören ist. Ein generelles Toleranzproblem gibt es lediglich bei der Ahmadiyya, die aus theologischen Gründen aus der islamischen Weltgemeinschaft ausgeschlossen wurde20 und deren Ansinnen, in Hannover-Stöcken eine Moschee zu errichten, nicht nur von den dortigen alteingesessenen Anwohnern, sondern auch von einigen muslimischen Gruppierungen heftig befehdet wurde.

Viele der muslimischen Gemeinden sind vereinsrechtlich organisiert und werden als landsmannschaftliche Kulturvereine geführt, so z.B. in Hannover der Marokkanische Verein, der seinen Sitz in einem der nördlichen Stadtteile hat und Muslime marokkanischer Herkunft geistlich...


Prof. Dr. phil. Dr. rer. nat. Ina Wunn lehrt Religionswissenschaft an der Universität Hannover.



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