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E-Book

E-Book, Deutsch, 108 Seiten

Wulf De Lütt Wulf

Autobiografie eines Kleinwüchsigen
2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-6617-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Autobiografie eines Kleinwüchsigen

E-Book, Deutsch, 108 Seiten

ISBN: 978-3-7519-6617-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Biografie von Walter Wulf - *29.01.1930 - 09.03.2017 Dies sind die Aufzeichnungen eines kleinwüchsigen Mannes aus Schleswig-Holstein. Als Kind wurde er von Nazi-Ärzten entführt. Nach dem Zweiten-Weltkrieg wurde er Artist, dressierte Tiere, trat in Zirkussen auf und fand die Liebe seines Lebens.

Ich verfasste dieses Buch anhand der Aufzeichnungen und Erzählungen meines Vaters. Wie meine Mutter, war er mir stets ein treuer Freund und Ratgeber. Ich betreute ihn bis zu seinem Tod.

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Autoren/Hrsg.


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In Berlin hatte ich meinen Geburtstag nicht gefeiert. Inzwischen war der Monat März halb durch, und Frau Köhrmann sagte: „Nun endlich wollen wir nachträglich deinen Einundzwanzigsten feiern, lade ein, wen du möchtest.” Von Familie Köhrmann bekam ich einen Voigtländer Fotoapparat und von Lorenz Hagenbeck eine Armbanduhr. Später am Abend schrieb ich Briefe an meine Eltern und Oma Kroschinski, die inzwischen bei ihrem Sohn Hans in Lübeck wohnte. Hans hatte das Kriegsende überlebt und eine Spedition aufgebaut. Ich habe Elefanten nicht als nachtragend oder gefährlich kennen gelernt. Sie mögen Berührungen der Haut, ihrer Zunge und das Streicheln am Rüssel. Die Ohren sind empfindlich wie Antennen. Zum Führen benutzten wir den Elefantenhaken, einen 60 cm langen Stab, der am Ende einen Haken und eine Spitze hat. Wollte der Elefant nicht folgen, konnte ich ihn mit etwas Druck "ziehen" und "drängen". Die Charaktere der beiden waren unterschiedlich. Die kleine Mogli war flink und schnell und wartete immer auf eine Gelegenheit Werner, oder mich zu erschrecken. Die größere Menie war in allem langsamer und bedächtiger, sie mochte mich gerne an ihre Beine drücken, dann grummelte sie und suchte in meinen Taschen nach einer Möhre. Möhren liebte sie über alles. Wenn wir in einer Stadt ankamen, fragte ich die Bahnbeamten, wo ein Wochenmarkt wäre. Dort gingen wir hin und machten Reklame für den Zirkus. Die beiden Elefanten bedienten sich von den Markttischen. Menie stibitzte am liebsten einige Bund Möhren. Mogli machte immer viel Obst und Gemüse kaputt, bis sie endlich etwas gefunden hatte, was ihr gefiel. Wir haben dann alles bezahlt und Freikarten verteilt. Am nächsten Tag waren Bilder in der Zeitung und ein Bericht mit der Überschrift „Elefanten überfallen Wochenmarkt.” Die Elefanten mussten auch beim Aufbau des Zirkus mithelfen. Besonders an Regentagen waren sie sehr hilfreich. Die Traktoren wühlten sich immer tief in den nassen Schlamm, Elefanten arbeiteten da schonender. Elefanten brauchen viel Pflege der Haut und vor allem der Füße. Die Nägel müssen gefeilt werden, da sie sich auf Stroh und Sägemehl nicht von selbst abnutzen. Die gepolsterte Laufsohle, die aus mehreren kleinen Noppen und einem Profil besteht, muss von Schmutz und Steinchen befreit werden. Die Elefantenhaut haben wir mit nassem Lehm eingerieben und sie dann mit einer Wurzelbürste geschrubbt, das mochten die Elefanten. Es war eine Arbeit, die uns Mut und Schweiß kostete. Ja liebe Leute, es gab jeden Tag etwas zu tun und ich hatte in den Jahren die beiden "Kleinen", wie ich sie nannte, sehr lieb gewonnen. Der Auszug der Zirkustiere aus dem Tierpark, hin zu den Eisenbahn-Waggons im Bahnhof Eidelstedt, war ein Weg von nur zehn Minuten. Den ganzen Weg lang beschwerten sich die beiden Elefanten, dass sie den Tierpark verlassen mussten. Man konnte das tiefe Grummeln deutlich hören. Im Waggon nahmen beide ihren Platz ein, auf der anderen Seite standen der Zebu Bulle mit seinen beiden Kühen. Zwischen den Tieren baute ich mir mein Schlaflager aus Heu und Stroh. Werner Behrens und ich fuhren immer im Waggon mit, es war für die Tiere beruhigend. So lernte ich im Stall, bei der Arbeit, und bei den Fahrten im Eisenbahnwaggon die Eigenheiten der beiden indischen Elefantenkühe kennen. Zirkustiere wurden immer als erstes in die Waggons gebracht, danach wurden die Ställe und Zelte abgebaut. Der Waggon mit mir und den Elefanten stand an der Seitenrampe. Die Waggons mit dem Materialwagen mussten über die Kopframpe beladen werden. Einmal passten der Rangierer oder der Lokführer nicht auf und rammten unseren Waggon. Ich flog in eine Ecke, stand auf und bemerkte, dass der Waggon rollte. Die Bolzen, mit denen die Ketten der Elefanten am Boden befestigt wurden, waren herausgerissen. In diesem Moment gab es erneut einen Aufprall. Ich flog nach vorne und schlug mit der Stirn auf die Kette am Vorderfuß von Menie. Dann verlor ich die Besinnung. Ich spürte ein Zupfen an meiner Kleidung und hörte Schnaufen. Menie versuchte mich aufzuheben. Endlich wurde mir klarer vor Augen, und ich hörte Leute rufen. Die Elefanten standen nicht mehr angekettet im Wagen, die Hinterwand mit Dach war abgerissen und lag auf den Gleisen. Dann wurde die Seitentür vom Verlademeister und seinen Leuten aufgeschoben. Der Waggon war auf den Prellbock vor der Güterhalle aufgelaufen. Zum Glück gerieten die Elefanten nicht in Panik. Natürlich war die erste Frage: Ist den Tieren etwas geschehen. Dass ich blutend hinter dem Elefanten lag, wurde erst später bemerkt. Die Stirnwunde wurde geklammert und das Blut aus dem Gesicht gewaschen. Am anderen Morgen weckte mich Werner: „Wenn du dich besser fühlst, möchtest du ins Büro kommen.” Ich trank in der Küche erst mal Kaffee, danach machte ich mich auf ins Büro. Dort waren Erich Hagenbeck, der Zelt- und der Stallmeister. Sie begrüßten mich und fragten, wie es mir geht. Ich sagte: „Die Tiere sind wohlauf, mir geht es gut und die Show must go on.” Alle lachten und der Büromensch gab mir 50 Mark Schmerzensgeld. Zu Werner sagte ich später: „Siehst du, es war gut, dass wir die Fesselketten mit starkem Leder umnähen ließen.” Es wäre Schlimmeres passiert, wenn ich auf die nackte Kette gefallen wäre. Die Bahnhöfe waren zum Teil noch zerbombt, der Sonderzug mit den Tieren und Zirkuswagen wartete meist ein paar Stunden bis zur Entladung auf irgendeinem Abstellgleis. Dort wucherten oft Büsche mit Weiden und Akazien. Blätter und Zweige, das ist etwas Leckeres für Elefanten. Mit einem Handbeil schlug ich Äste aus den Büschen, schleppte diese an den Waggon. Mit dem Rüssel zogen meine Elefanten das Gestrüpp zu sich in den Wagen. Normalerweise freuten sich die Bahnbeamten, wenn ich das Gebüsch entfernte, aber auf diesem Bahnhof war ein Polizeibeamter, und der kam nun im Laufschritt auf mich zu. Er fragte von weitem schon: „Was machst du da?” Als er bei mir stand, antwortete ich: „Das siehst du doch.” Er ermahnte mich: „Mit du möchte ich nicht angesprochen werden.” Ich entgegnete: „Ich auch nicht, bin zwar klein, aber 22 Jahre alt.” Er sagte: „Das geht aber nicht, hier einfach Äste abzuschlagen.” Dann sah er, wie Menie einen Ast unter den Fuß nahm, den Ast wälzte, bis die Rinde absprang, die Rinde ins Maul steckte und den Ast hinterher, dann schlürfte sie genießerisch den Saft. Da fragte der Polizeibeamte: „Frisst der Elefant etwa das Holz?” Darauf antwortete ich: „Ja, und dann scheißt er fertige Möbel.” Der Beamte schaute mich an, bekam einen roten Kopf und verschwand. Es dauerte nicht lange, da kamen die Bahnarbeiter vom Güterbahnhof und fragten: „Was hast du mit unserem neugierigen Polizisten gemacht? Er murmelt immer: der Kleine, der Kleine.” Ich sagte, was vorgefallen war, und alle begannen zu lachen. In Friedland wurden die Heimkehrer aufgenommen, registriert und in ihre neue Heimat weitergeleitet oder von Angehörigen abgeholt. In Westdeutschland war die Ordnung wieder eingekehrt und der Aufbau voll im Gange. Man konnte es überall erkennen. Leider war der Zirkus nicht mehr so gut besucht, denn nun waren auch andere Zirkusse unterwegs. Circus Althoff, Belli, Krone, Brumbach, Sarrasani und mehr. Die Leute waren satt geworden, die Zuschauer blieben aus. In Offenburg am Main begegnete ich zum ersten Mal „Schneiders Liliputaner Stadt”. Dass es so was gab, eine Show mit kleinen Menschen, das wusste ich noch nicht. Herr Schneider kam in den Circus Hagenbeck, der auf einem Platz auf der anderen Seite vom Main stand. Dort sah er mich und sprach mich an. Er wollte in der nächsten Saison ein größeres Zelt aufbauen und seine Show mit Tierdressuren erweitern. Wenn er Tiere im Programm hätte, dann könnte er sich Schneiders Liliputaner Stadt Circus und Revue nennen. Das wäre für die Leute etwas Neues. Er fragte, ob ich mit ihm kommen wollte. Begeistert war ich nicht. Ich erwiderte: „Darüber müssen Sie mit Hagenbeck reden, aber mir gefällt es hier und ich will nicht weg.” Für mich war es kein Thema mehr, doch schaute ich mir das Programm der kleinen Leute an. Einige Artisten waren viel kleiner als ich, auch junge Frauen waren dabei, die ihre Akrobatik-Kunststücke zeigten. Sie kamen auch zu Hagenbeck in den Zirkus, und wir unterhielten uns. Zeit um Freundschaften zu schließen, hatte man auf den Reisen selten. Im Dezember 1952 war in den Messehallen Hamburg eine Ausstellung von neuen Schausteller-Geschäften, Wohn- und Gerätewagen. Erich Schneider kam auch und besuchte Hagenbeck. Die Schneiders sind eine alte Schausteller Familie, die schon im neunzehnten Jahrhundert Karussells und Schaubuden hatten. Ich wurde zu Hagenbeck gerufen, dort traf ich Herrn Schneider wieder. Erich Hagenbeck begann zu reden und sagte zu mir: „Du hast wohl auch gemerkt, dass weniger Zuschauer gekommen sind. Wir wissen noch nicht, ob wir im nächsten Jahr wieder eine Saison machen.” Herr Schneider fragte nun, ob ich gewillt wäre mit den vier Ponys, die er von Hagenbeck kaufen wollte, bei ihm im Zirkus zu arbeiten. Er war noch drei Tage in Hamburg, und ich sollte...



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