E-Book, Deutsch, 205 Seiten
Wroblewsky ad Jean-Paul Sartre
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-86393-589-4
Verlag: CEP Europäische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zur Freiheit verurteilt
E-Book, Deutsch, 205 Seiten
ISBN: 978-3-86393-589-4
Verlag: CEP Europäische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vincent von Wroblewsky, Jahrgang 1939, lebt in Berlin und Frankreich. Ab 1991 Herausgeber und Übersetzer der Werke Sartres im Rowohlt Verlag, Mitbegründer der deutschen Sartre Gesellschaft, zahlreiche Veröffentlichungen u.a. : Übersetzungen a. d. Französischen: Boualem Sansal, 2084 - Das Ende der Welt, Merlin, 2016; Lebendiger Sartre - 115 Begegnungen, Berlin, 2009; Jean-Paul Sartre, Entwürfe für eine Moralphilosophie, deutsch und mit einem Nachwort, Reinbek bei Hamburg, 2005, 1000 S. Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos, deutsch und mit einem Nachwort, Reinbek bei Hamburg, 1999.
Autoren/Hrsg.
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2.Überlegungen zur Frage des Anderen
In Frankreich erschienen 1999 (und 2012 in überarbeiteter Auflage) Didier Eribons , inzwischen auch auf deutsch als zugänglich.1 Didier Eribon wurde vor allem mit seinem autobiographischen Buch bekannt.2 Ebenfalls in Frankreich erschienen 2019 aus der Feder der Rabbinerin Delphine Horvilleur die 3.
Beide Autoren variieren deutlich erkennbar Sartres () von 19454 und in ihren Überlegungen spielt Sartre selbst eine Rolle. Diesen Bezügen möchte ich in meinen Überlegungen nachgehen und dabei nach einem möglichen inneren Zusammenhang zwischen Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit und Homophobie einerseits und der Situation von Schwarzen, Juden, Frauen, Fremden und Homosexuellen, kurz den „Anderen“ andererseits fragen.
Beginnen möchte ich jedoch mit einem 1949 erschienenen Buch, das wie kaum ein anderes eine tiefgehende und langanhaltende Wirkung ausübte, über Jahrzehnte Mentalitäten, Sicht- und Verhaltensweisen veränderte. Dieses Buch hätte den Titel „Überlegungen zur Frauenfrage“ tragen können und würde sichtbarer in die Reihe meiner ausgewählten Titel passen. Doch seine Autorin, Simone de Beauvoir, nannte es , in Deutschland wurde es als bekannt.
Von den produktiven Autoren, die ihre Zeit beeinflusst haben, bleiben im kollektiven Gedächtnis oft nur wenige Sätze, ja ein einziger Satz. Von Simone de Beauvoir ist es vermutlich das Diktum aus dem genannten , mit dem der zweite Band ihres Essais beginnt: „On ne naît pas femme, on le devient.“5 Von diesem Satz kursieren im Deutschen drei Übersetzungen. Die erste lautet: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Dieser erste Satz des Zweiten Buchs wurde von Fritz Monfort übersetzt.6 Die chronologisch zweite entspricht besser dem französischen Original: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“7 Die dritte jedoch, die man häufig hören oder lesen kann, sagt etwas anderes: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“ Bei genauer Betrachtung scheint die dritte mit den ersten zwei unvereinbar. Der wesentliche Unterschied liegt im „man wird es“ und „man wird dazu gemacht“, anders gesagt im Werden und Gemacht-werden. Im ersten Fall liegt der Akzent auf dem Subjekt, im zweiten auf dem Objekt, im ersten wird der Anteil an Freiheit und Wahl betont, im zweiten jener des Determinismus, des Erleidens. Bleiben wir also bei der adäquaten Übersetzung: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“
Doch auch bei dieser entgehen wir nicht dem Widerspruch von Faktizität und Freiheit. Was heißt „Man wird nicht als Frau geboren“? Gehört doch die Geburt zum Faktischen menschlicher Existenz par excellence. Niemand entscheidet darüber, wann, wo, von wem, in welcher Situation, in welchem Milieu er geboren wird. Noch ob als Mensch weiblichen oder männlichen Geschlechts. Das ist evident, wobei ich hier von möglichen Zwischenformen absehe. Und das will auch Simone de Beauvoir mit ihrem Satz nicht leugnen. Rückblickend erklärte sie: „Eines der Missverständnisse, die mein Buch ausgelöst hat, besteht darin, dass man glaubte, ich leugnete jeden Unterschied zwischen Mann und Frau. Ganz im Gegenteil. Beim Schreiben wurde mir klar, was die Geschlechter trennt. Ich behauptete lediglich, dass diese Verschiedenheiten nicht natur-, sondern kulturbedingt sind.“8
Zwischen dem neugeborenen Jungen und dem neugeborenen Mädchen gibt es unübersehbare Unterschiede, biologische, naturbedingte Unterschiede. Doch das sind nicht die wesentlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau, an die Simone de Beauvoir denkt, auch wenn sie weiterhin eine Rolle spielen. Aus dem kleinen Jungen wurde ein Mann, aus dem kleinen Mädchen eine Frau, und der Unterschied zwischen ihnen beschränkt sich nicht auf ihre geschlechtliche Ausstattung, auf ihre primären und sekundären Geschlechtsmerkmale.
Die Unterschiede sind vor allem kulturbedingt, das heißt historisch, sozial, ökonomisch, sie sind vielfach determiniert, durch materielle Verhältnisse, durch Machtstrukturen, Vorstellungen, Traditionen, Bräuche usw. Insofern ist die zweite (dritte) Übersetzung ebenfalls richtig, das kleine Mädchen ist auch zur Frau geworden, indem es zur Frau gemacht wurde. Wie verhalten sich „geworden“ und „gemacht worden“ zueinander? Auch das ist kulturbedingt, wie die Emanzipation, die den Anteil vom Determinismus, von „gemacht worden“ zur Freiheit, zu „geworden“, verschiebt. In schrieb Simone de Beauvoir Jahre später: „Als ich von mir sprechen wollte, merkte ich, dass es sich nicht umgehen ließe, die Lage der Frau zu schildern. Zuerst untersuchte ich die Mythen, welche die Männer in der Kosmologie, in der Religion, im Aberglauben, in der Ideologie, in der Literatur geschaffen haben. […] In jedem Fall tritt der Mann als Subjekt auf und betrachtet die Frau als Objekt, als das Andere“.
Ich hoffe, ein wenig anschaulich gemacht zu haben, dass jede essentialistische Antwort auf die Frage nach dem Anderen, jede Behauptung einer unveränderlichen Essenz, eines konstanten Wesens, oder, um einen häufig gebrauchten, aber auch zunehmend zurecht kritisierten Begriff zu gebrauchen, jede Rede von Identität verfehlt ist. Deshalb werde ich im Folgenden „Identität“ in Anführungsstiche setzen. Handelt es sich bei Juden, Schwarzen, Fremden, Homosexuellen… analog um kulturbedingte, instabile Bestimmungen, um nicht mit sich gleiche und gleichbleibende „Identitäten“, sondern um jeweilige Schöpfungen, eigene und fremde, die aus einer je eigenen Dialektik von Faktizität und Freiheit, von fremdem Blick und eigner Wahl, hervorgehen, sich selbst schaffen, zu dem werden, was sie sind, das sind, wozu sie werden?
Kann man, Simone de Beauvoir paraphrasierend, sagen, man wird nicht als Homosexueller geboren, man wird es, oder gar, man wird dazu gemacht? Oder genauer: Man macht sich zu dem, was man ist, ausgehend von dem, wozu man gemacht wurde?
Didier Eribon bestätigt es, und nuanciert es zugleich. Als erster der Arbeiterfamilie, in der er aufwuchs, besuchte er das Gymnasium, wurde nicht wie sein Großvater, sein Vater, seine Brüder früh Arbeiter, blieb nicht, um einen anderen in Deutschland verbreiteten Begriff zu benutzen, „bildungsfern“. In schildert er, wie er durch den Vergleich mit seinem zwei Jahre älteren Bruder, der den klassischen Weg des Arbeiterjungen ging, dabei die entsprechenden männlichen Werte verkörperte, und durch den Blick dieses Bruders auf ihn, sich des Unterschieds zu diesem Bruder und damit auch seiner eigenen Subjektivität bewusst wurde: „Er [der Vater] wiederum beäugte meine Verwandlung in einen jungen ‚Intellektuellen‘ etwas ungläubig und mit einigem Spott. (Dass ich mich zugleich in einen jungen Schwulen verwandelte, entging ihm natürlich nicht, obwohl seine Witze nie speziell darauf abzielten. Erhatte es nicht auf eine spezifische Sexualität abgesehen, deren verwirrende Signale und Anzeichen ich selbst erst zu spüren begann, sondern auf einen allgemeineren Stil, der ihm, dem stolzen männlichen Proletarier, nur irgendwie ‚weiblich‘ oder ‚verweichlicht‘ vorkommen konnte.)“ (, S. 100 und 101.)
Wenige Seiten später bezieht sich Eribon auf die Erfahrung, die John Edgar Wideman in seinem Buch von 1984 beschreibt. Aus armem schwarzem Milieu kommend, wird er Professor und bekannter Schriftsteller, während sein Bruder schließlich wegen Mordes zu lebenslänglicher Haft verurteilt wird. Wie Wideman kennt Eribon die Angst davor, seiner Herkunft nicht entrinnen zu können, und das Gefühl der Schuld, ihr entronnen zu sein, die Angst, man könne den Teufel in ihm entdecken und ihn ausstoßen. Er schreibt: „Ich musste den Teufel in mir austreiben. Oder ihn unsichtbar machen, damit niemand seine Anwesenheit erraten könne. Das war jahrelang eine Arbeit eines jeden Augenblicks.“ Und: „Es genügt, diese wenigen Zeilen von Wideman zu zitieren, um die Last zu beschreiben, die ich während meiner gesamten Adoleszenz trug, und auch noch sehr viel später.“ (S. 105)
Didier Eribon fährt fort: „Wideman hat vollkommen recht, wenn er betont, dass er an einem gewissen Punkt eine Entscheidung treffen musste. So erging es auch mir. Und wie er habe ich mich für mich selbst entschieden.“ (S. 105/106). Eine wörtlichere Übersetzung macht die Nähe zu Sartre deutlicher: „Wideman hat recht, es zu betonen: er musste...




