E-Book, Deutsch, Band 2, 165 Seiten
Reihe: Der Junge aus der Vorstadt
Worm Der Junge aus der Vorstadt II
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7529-0541-0
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der skelettierte Mann
E-Book, Deutsch, Band 2, 165 Seiten
Reihe: Der Junge aus der Vorstadt
ISBN: 978-3-7529-0541-0
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mario Worm wurde am 16. Februar 1960, in Ostberlin geboren. 1988 verfasste er sein erstes 'Geschreibsel', wie er es heute nennt, eine Liebesgeschichte mit Dreiecksbeziehung. Ein Achtungszeichen setzt Worm mit dem ersten Teil des Romans 'Domino'. Angestachelt durch den Erfolg, folgen mehre Romane, die bis heute von den Lesern fast ausschließlich positiv bewertet werden. Mit dem neugegründeten Primär Verlag Berlin, versucht er nun, (noch) unbekannten Autoren eine Plattform zu bieten.
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1. Kapitel
Die kleine Gemeinde Petershagen-Eggersdorf liegt zirka vierzig Kilometer von der Hauptstadt Berlin entfernt. Wobei, das „Dörfli“, wie die „Ureinwohner“ ihren Ortsteil liebevoll mit einem Kosewort schmücken, als klein zu bezeichnen, wiederum schon gewolltes Understatement ist. Schließlich gibt es hier einen gut sortierten Nahkauf und eine Post! Wie man auch immer zum Leben auf dem Lande steht - ein Großstädter hat hier die Möglichkeit, Trubel, Hektik und pulsierendes Treiben hinter sich zu lassen. Nicht wenige haben beschlossen, hier zu leben. Sicher bedarf es einiger Zeit des Eingewöhnens, der Umstellung. Und dann diese nahezu unbeschreibliche Ruhe … Versuchen sie mal an einer Hauptverkehrsstraße, in Berlin-Kreuzberg, bei offenem Fenster zu schlafen! Natürlich gibt es auch in Eggersdorf eine Durchgangsstraße, bei der jedoch so gegen 23 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden. Das einzige, was eventuell die Gartenzwergidylle aus ihrem Traumschlaf aufschrecken lässt, ist der langgezogene Schrei eines Käuzchens, das sich aus dem nahegelegenen Waldareal zu Gehör bringt. Dieses markerschütternde „Uhhh…Uhhh“ lässt einen kurzzeitig über den Kauf eines Maschinengewehrs nachdenken. Tierfreunde mögen mir das verzeihen, es ist natürlich nur ironisch gemeint. Meine Tierliebe ist groß. Sehr groß. Mein Bedürfnis nach einem geruhsamen Schlaf aber ungleich größer. Haben sie sich also endlich an die örtliche Ruhe gewöhnt, kommen die „Ureinwohner“ dieses ländlichen Fleckens, um sie von deren Haupteigenschaften zu überzeugen. Diese sind mit Höflichkeit und Hilfsbereitschaft am besten umschrieben. Nichtsahnend wird man bei seinem ersten Spaziergang von entgegenkommenden, einer völlig unbekannten Person fröhlich gegrüßt. Versuchen sie das mal selbst, am besten auf dem Berliner Alexanderplatz. Verständnislose bis mitleidige Blicke sind ihnen sicher. Aber noch etwas zeichnet den Eggersdorfer aus. Er ist zutiefst geprägt durch seine Willensstärke, die andernorts leicht als Sturheit aufgefasst werden könnte. Was der „Ureinwohner“ nicht will, kommt nicht in seine Tüte. Aus dem Stand wird lauthals protestiert, diskutiert und im schlimmsten Fall eine „Volksabstimmung“ gefordert. Und an diese, man kann es erahnen, halten sich Gemeinderat und Bürgermeister auch. Das Ergebnis ist, im Gegensatz zur nahegelegen Bundeshauptstadt, für alle bindend. Natürlich hat das „Dörfli“ auch Kultur und Infrastruktur zu bieten. Es gibt einen Jugendclub, einen Seniorentreff, diverse gastronomische Einrichtungen sowie die Ortsbibliothek. Legendär sind natürlich auch die berüchtigten Großveranstaltungen, von denen das historische Dorffest und die Halloweenparty herausstechen. Speziell die Letztgenannte soll der Zeitpunkt sein, an dem die Geschehnisse ihren Anfang nehmen.
Dumpf dröhnen die Bassschläge vom Fuchsbau herüber. Gemeint ist jener Dorfanger, der im Gegensatz zur germanischen Zeitrechnung nicht mehr als heiliger Kultplatz, als Richtstätte für das germanische Stammesrecht, sondern ausschließlich zur Belustigung des Dorfvölkchens dient. Auf der bunt umwehten Festwiese versucht Dorfdiscjockey Hagen, die tanzende Meute zur Ekstase zu bringen. Das Ergebnis ist weithin vernehmbar. Knapp drei Kilometer von den vergnügten Festbesuchern entfernt befindet sich der Friedhof der Gemeinde. Man kann getrost davon ausgehen, dass keinen der dieses ständige Bum Bum stört. Dieser Ort des Friedens war dennoch längere Zeit der Stein des Anstoßes gewesen. Da die Population durch den kontinuierlichen Zuzug ständig stieg, gleichzeitig die Zahl derer, die das Zeitliche segneten, aber kaum zurückging, wurde es allmählich eng auf dem Areal. Nun wäre das ja von der Sache her weiter nicht dramatisch, befindet sich doch in knapp sechs Kilometer Entfernung, kurz hinter dem Ortsausgang, der große Waldfriedhof. Ein großzügig angelegter Flecken Erde, auf dem jeder Verstorbene noch zu Lebzeiten seine Ruhestätte unter einer der zahllosen schattenspendenden Tannen zufrieden planen würde. Jedoch gehört diese kleine Oase der Ruhe, zumindest auf dem Papier, zur amtsfreien Stadt Strausberg. Ja, nun wäre aber der Eggersdorfer nicht Eggersdorfer, wenn er letzteren Umstand als gottgegeben hinnehmen würde. Wer hier im „Dörfli“ gelebt hat, will nicht in Petershagen, oder noch schlimmer, in Strausberger Boden verbracht werden. So hatte sich über den Umgang mit diesem Stück Heimat über einen längeren Zeitraum ein handfester Streit zwischen dem Gemeinderat, der evangelischen Kirchengemeinde Mühlenfließ und den Einwohnern entsponnen. Natürlich ging es letztlich auch um finanzielle Belange und wechselseitige Forderungen. Keine Frage, die „Eggersdorfer Sturheit“ trug nach zähem Kampf den Sieg davon. Nach unzähligen offiziellen Eingaben, persönlichen Beschimpfungen und Schuldzuweisungen kam endlich eine Einigung zwischen „Kirche und Staat“ zustande. Der Wille aller Streitparteien war nun da und auch eine Lösung in Aussicht gestellt. Links neben der Friedhofsmauer befindet sich großes Feld, welches im Besitz des Altbauern Benno Pluder ist. Benno, ein komischer, linkischer, bereits in die Jahre gekommener Kautz, der keinerlei Angehörige mehr besaß, hatte den einen Hektar umspannenden Grund schon mindestens fünf Jahre nicht mehr bestellt. Höchstens seine drei Schafe durften auf dem Grasgewucher umhertollen. Somit war zumindest ein Teil der Fläche frei von Wildwuchs. Pluder lebte von seinen Altersrückständen. Zunächst weigerte er sich beharrlich, sein Eigentum zu verhökern. Denn das war es für ihn. Ein Kuhhandel, bei dem er den Kürzeren zog. Doch, als man ihm versicherte, dass man ihn später auf seinem Feld bestatten würde - und das noch auf Gemeindekosten - willigte er schließlich ein. Ein Kaufpreis in unbekannter Höhe wurde vereinbart, mit dem beide Seiten leben konnten. Der Friedhofserweiterung stand fortan nichts mehr im Wege. Bagger rückten an und entfernten drei Meter des Bodens, die im Frühjahr durch Mutterboden ersetzt werden sollten. Bis dahin diente die Brache als Austobe-Platz für Haus- und Wildtiere. So auch an diesem Halloweenabend.
Peter Schmidt ist wahrlich kein Fan des alljährlichen Geisterspektakels. Wenn es nach ihm geht, ist dieser amerikanische Volksbrauch höchstens ein Spektakel für Kinder. Eine Gelegenheit, offiziell nach Süßigkeiten zu betteln, ohne ständig von den Erwachsenen auf die Risiken für Karies & Co. hingewiesen zu werden. Für Erwachsene ist diese alberne Zeremonie einfach nur lächerlich! Wen würde es folglich wundern, dass er nach getaner Tagesarbeit als Unfall-Sachverständiger lieber seinem Hobby nachging, als sich Schminke ins Gesicht zu schmieren oder einen Hexenhut aus billigem Filz aufzusetzen. Sein Hobby heißt Ballou und ist ein zweijähriger Labrador. Was gibt es Schöneres, als einen ausgediegenen Abendspaziergang, die große Runde …? Aufmerksam sitzt der Hund schwanzwedelnd vor ihm, fixiert das Gesicht seines Herrchens. Wenn Ballou reden könnte, dann wäre der Gesprächsstoff in etwa folgender: „Los, Alter! Nun sag es schon! Sag es! Man, nun sag schon ...“ Schmidt versteht seinen Freund auch ohne menschliche Laute und erteilt das ersehnte Kommando: „Na los, geh!“ Wie von einer Adrenalinspritze angestachelt, schwirrt der Hund ab, räubert auf das Feld und wird im Nu, dank seines dunkelbraunen Fells, von der Dunkelheit verschluckt. , denkt sich der Hundebesitzer und zündet sich eine Zigarette an. Sorgen machen muss man sich nicht, denn Ballou ist ein sensibles Tier. In regelmäßigen Abständen kehrt er immer zum Ausgangspunkt zurück, um zu erkunden, ob sein menschlicher Gebieter immer noch da ist. Doch diesmal bleibt der Hund verschwunden. Als Schmidt aufgeraucht und die Kippe in den Sand gedrückt hat, ist sein vierbeiniger Freund noch immer nicht in Sichtweite. Das ist ungewöhnlich. „Ballou“, ruft er in die Nachtstille. Keine Reaktion. „Ballou, hier her!“, erneuert er den Befehl, im schärferen Tonfall. Doch auch nach der Wiederholung bleibt die eindringliche Aufforderung ohne Ergebnis. Allmählich beschleicht den Hundehalter ein mulmiges Gefühl. Immer wieder ruft er laut den Namen, geht den schmalen Sandweg entlang, der die bemooste Friedhofsmauer vom Feld trennt. „Wenn das Vieh nur nicht so ein dunkles Fell hätte ...“ Schmidt nimmt sein Handy zur Hand, schaltet die Taschenlampenfunktion ein und leuchtet abwechselnd nach rechts und links. Nichts zu sehen. Angestrengt lauscht er in die Nacht. Wenigstens ein kleines Geräusch will er von seinem Vierbeiner erhaschen. Doch einzig die fernen Bässe der Halloweenparty dringen an seine...




