Woolf | Die Fahrt zum Leuchtturm | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 317 Seiten

Woolf Die Fahrt zum Leuchtturm

Roman
Überarbeitete Fassung
ISBN: 978-3-96281-691-9
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 317 Seiten

ISBN: 978-3-96281-691-9
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Die Fahrt zum Leuchtturm« ist ein Roman von Virginia Woolf. Die mehrstimmige Geschichte handelt von der Ramsay-Familie und ihren Besuchen auf der schottischen Isle of Skye zwischen 1910 und 1920. Der Roman gehört zur modernen Literatur und wurde 2015 von mehreren internationalen Literaturkritikern zu einem der bedeutendsten Werke der britischen Welt gewählt. Null Papier Verlag

Virginia Woolf (25.011882-28.03.1941; gebürtig Adeline Virginia Stephen) war eine britische Schriftstellerin und Verlegerin. Sie entstammte einer wohlhabenden Intellektuellen-Familie, die zahlreiche Kontakte zu Literaten hatte.
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1


»Morgen, ja, natürlich nur, wenn schönes Wetter ist«, sagte Mrs. Ramsay. »Aber dann musst du schon mit der Lerche aus dem Nest«, fügte sie hinzu.

Für ihren Sohn waren diese Worte eine außerordentliche Freude; als stünde damit unumstößlich fest, dass die Unternehmung stattfinden würde und das Wunder, nach dem er sich, seit Jahren und Jahren, so schien es ihm, gesehnt hatte, nach der Dunkelheit einer Nacht und der Segelfahrt eines Tages nahe wäre. Und da er schon jetzt, mit seinen sechs Jahren, zur großen Sippe derer gehörte, die ein Gefühl nicht vom anderen scheiden kann, sondern die nächsten Dinge des täglichen Lebens von den Freuden und Kümmernissen künftiger Aussichten überschatten lassen muss, da für solche Leute schon in frühsten Kinderjahren jede Drehung im Räderwerk der Wahrnehmung die Kraft besitzt, den Augenblick, den sie verdüsternd oder lichtstrahlend trifft, ganz und gar zu durchdringen und zur festen Form werden zu lassen, so füllte auch James Ramsay, der auf dem Fußboden saß und die Bilder aus der Preisliste der Army and Navy Stores ausschnitt, das Bild eines Kühlschrankes bei den Worten seiner Mutter mit himmlischer Seligkeit. Es war von einem Strahlenkranz aus Freude umgeben. Der Schubkarren, die Rasenmähmaschine, das Rauschen der Pappeln, gilbende Blätter vorm Regen, Krähengekrächz, das Kratzen von Besen, Kleidergeraschel – all das war so farbig und deutlich in seinen Gedanken, dass er schon sein eigenes Wörterbuch, seine Geheimsprache hatte, obwohl er äußerlich ein Bild starrer und unnachgiebiger Strenge war mit seiner hohen Stirn und seinen leidenschaftlichen blauen Augen, makellos ehrlich und rein, leicht die Stirn runzelnd beim Anblick menschlicher Unzulänglichkeit, sodass seine Mutter, als sie ihn säuberlich die Schere rings um den Kühlschrank führen sah, ihn sich vorstellte, wie er ganz in Rot und Hermelin zu Gericht saß oder in einem entscheidungsschweren Augenblick der vaterländischen Geschicke eine ernste und bedeutsame Unternehmung leitete.

»Es wird aber«, sagte sein Vater und blieb am Wohnzimmerfenster stehen, »morgen kein schönes Wetter sein.«

Wäre eine Axt zur Hand gewesen, ein Feuerhaken oder sonst irgendeine Waffe, die ein Loch in seines Vaters Brust hätte reißen und ihn töten können, jetzt auf der Stelle, James hätte danach gegriffen. So groß war das Übermaß der Erregung, die Mr. Ramsay durch seine bloße Gegenwart in seinen Kindern wachrief, wenn er so wie jetzt, schmal wie ein Messer und scharf wie eines Messers Klinge, dastand und spöttisch grinste, nicht nur weil es ihm Spaß machte, in seinem Sohn alle Träume zu zerstören und seine Frau lächerlich zu machen, die zehntausendmal besser war als er (dachte James), sondern auch aus geheimer Eitelkeit auf die Treffsicherheit seines Urteils. Was er sagte, war richtig. Es war immer richtig. Er war keiner Unwahrheit fähig, deutelte niemals an Tatsachen herum, änderte niemals ein unangenehmes Wort zur Freude oder Bequemlichkeit irgendeines sterblichen Wesens, am wenigsten seiner eigenen Kinder, die, da sie seinen Lenden entsprungen waren, von Kindheit auf begreifen sollten, dass das Leben schwierig ist, Tatsachen nicht mit sich handeln lassen und die Fahrt zu jenem sagenhaften Land, wo unsere hellsten Hoffnungen erlöschen und unsere gebrechlichen Schiffe im Finstern scheitern (hier reckte sich Mr. Ramsay wohl in den Schultern auf und sah aus seinen zusammengekniffenen kleinen blauen Augen auf den Horizont), so beschaffen ist, dass man vor allem anderen Mut, Wahrhaftigkeit und die Kraft zum Beharren braucht.

»Vielleicht wird es aber doch schön – ich möchte glauben, dass es schön wird«, sagte Mrs. Ramsay und drehte ungeduldig den rötlich braunen Strumpf, an dem sie strickte. Wenn sie ihn heute Abend noch fertig bekam und sie morgen schließlich doch zum Leuchtturm fuhren, so sollte ihn der Leuchtturmwärter für seinen kleinen Jungen haben, der, wie zu befürchten war, an Hüfttuberkulose litt; dazu einen Stoß alter Zeitschriften, etwas Tabak und was sie sonst noch finden konnte an Dingen, die niemand brauchte, sondern die bloß im Zimmer herumlagen, um sie den armen Kerlen zu schenken, die sich doch zu Tode langweilen müssten, wenn sie den ganzen Tag so dasitzen und nichts zu tun haben, als die Lampe blankzureiben, den Docht zu putzen und ihr winziges Gartenstückchen zu harken; etwas also, um sie aufzumuntern. Denn wie muss einem zumute sein, wenn man einen ganzen Monat hintereinander und vielleicht noch länger bei stürmischem Wetter auf einem Felsen eingesperrt sitzt, der nicht größer ist als ein Tennisplatz? so fragte Mrs. Ramsay wohl; wenn man weder Briefe noch Zeitungen hat und keine Menschenseele erblickt; sofern man verheiratet ist, seine Frau nicht zu sehen bekommt und nicht weiß, wie es den Kindern geht – ob sie womöglich krank sind, ob sie gefallen sind und sich Arme oder Beine gebrochen haben; immer nur zu sehen, wie sich die gleichen traurigen Wellen brechen, Woche auf Woche, und dann, wie ein furchtbarer Sturm aufkommt und die Fenster mit Gischtspritzern bedeckt sind und Vögel gegen die Lampe geschleudert werden und der ganze Turm schwankt, sodass man die Nase nicht vor die Tür stecken kann, aus Angst, ins Meer gefegt zu werden? Was würdet ihr sagen, wenn es euch so ginge? fragte sie und meinte damit besonders ihre Töchter. Und: Seht ihr, so fügte sie einigermaßen zusammenhanglos hinzu, man muss sich Trost suchen, wo man ihn eben findet.

»Westwind, haargenau«, sagte der Atheist Tansley und hielt seine hageren Finger gespreizt hoch, sodass der Wind durch die Hand blies; denn er nahm an Mr. Ramsays Abendspaziergang teil, auf und ab, auf und ab über die Terrasse. Das hieß nun, dass der Wind aus einer Richtung kam, die für die Landung am Leuchtturm denkbar ungünstig war. Er sagte, das gab Mrs. Ramsay zu, unangenehme Dinge; es war gehässig von ihm, die Bemerkung einzustreuen und James dadurch noch tiefer zu enttäuschen; dennoch litt sie nicht, dass man über ihn lachte. Den ›Atheisten‹ nannten sie ihn; den ›kleinen Atheisten‹. Rose machte sich über ihn lustig; Prue machte sich über ihn lustig; Andrew, Jasper, Roger machten sich über ihn lustig; sogar der alte Badger, der vorn keinen Zahn mehr hatte, schnappte nach ihm, weil er (wie Nancy es ausdrückte) der hundertundzehnte junge Mann war, der sie alle hinauf zu den Hebriden scheuchte; wo es doch so viel netter war, allein zu sein.

»Unsinn«, sagte Mrs. Ramsay mit großer Strenge. Abgesehen von der Gewohnheit zu übertreiben, die die Kinder von ihr hatten, und dem stillschweigenden (berechtigten) Vorwurf, dass sie zu viele...



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