E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Woods Und mit Polly kam das Glück
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-21852-2
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-641-21852-2
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In Annies Leben läuft es momentan nicht gerade rund, und eigentlich weiß sie gar nicht mehr genau, wie es sich anfühlt, einfach glücklich zu sein. Bis sie Polly kennenlernt, die wie ein bunter Wirbelwind ihr Leben auf den Kopf stellt. Polly ist alles, was Annie nicht ist – optimistisch, voller Freude, eben glücklich. Und sie macht es sich zur Aufgabe, Annie in einhundert Tagen zu helfen, das Glück wiederzufinden. Anfangs skeptisch, spürt Annie doch bald, wie Pollys unwiderstehliche Lebensfreude auf sie abzufärben beginnt. Doch dann wird klar: Auch Polly braucht ihre neue Freundin mehr, als Annie sich hätte vorstellen können …
Dieser Roman ist unter dem Titel »Das Glück am Ende des Regenbogens« als Paperback erschienen.
Eva Woods wuchs in Nordirland auf, verließ ihre Heimat nach der Schule jedoch und ging zum Studieren nach Oxford. Nach ihrem Abschluss lebte sie einige Zeit in Frankreich und China, kehrte dann aber nach London zurück, wo sie nun schreibt und Creative Writing unterrichtet. Sie liebt Wein, Popmusik und Urlaub, und sie ist sich sicher, dass Onlinedating das schlechteste Spiel ist, das je erfunden wurde.
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Tag 1: Finde eine neue Freundin
»Verzeihung?«
Keine Antwort. Die Schwester in dem kleinen Büro hackte unbeirrt weiter auf ihre Computertastatur ein.
Annie versuchte es noch einmal. »Entschuldigen Sie.«
Das war Stufe zwei auf ihrer Empörungsskala, die etwas ungehaltener ausfiel als jene, mit der sie Touristen bedachte, die die Rolltreppe blockierten, etwas nachsichtiger jedoch als jene, die sie sich für Leute aufsparte, die in der U-Bahn freie Sitzplätze mit ihren Taschen blockierten.
»Hören Sie mal!«, schaltete sie jetzt auf Stufe drei: Parkplatz wegschnappen, Regenschirm ins Gesicht schlagen und so weiter. »Könnten Sie mir bitte helfen? Wie lange soll ich noch warten?«
Die Frau tippte unbeirrt weiter. »Wie bitte?«
»Ich muss die Adresse auf einer Patientenakte ändern lassen. Man hat mich mittlerweile zu vier verschiedenen Stellen geschickt.«
Die Schwester hinter dem Empfangstresen streckte die Hand aus, ohne aufzublicken, um von Annie das Formular entgegenzunehmen. »Geht es um Sie?«
»Nein.«
»Die Patientin muss die Anschrift selbst ändern.«
»Das kann sie leider nicht«, gab Annie ungehalten zurück und fügte spitz hinzu: »Was mehr als ersichtlich wäre, wenn jemand in diesem Krankenhaus sich die Mühe machen würde, einen Blick in die Akte zu werfen.«
Das Formular segelte auf die Theke. »Ich darf sie nicht von einer anderen Person ändern lassen. Datenschutz, Sie verstehen.«
»Aber …« Entsetzt spürte Annie, dass sie drauf und dran war, in Tränen auszubrechen. »Sie muss geändert werden, damit die Post an mich geschickt wird. Die Betroffene selbst ist nicht mehr geschäftsfähig. Deswegen bin ich hier. Bitte! Sie müssen nur die Adresse ändern. Ich verstehe nicht, was daran so schwierig sein soll.«
»Tut mir leid.« Die Schwester rümpfte die Nase und zupfte an einem ihrer Fingernägel.
Annie griff nach dem Blatt Papier. »Hören Sie, ich bin inzwischen seit Stunden in diesem Krankenhaus, wurde von einer Stelle zur anderen geschickt. Patientenarchiv. Neurologie. Ambulanz. Empfang beim Eingang. Verwaltung. Zurück in die Neurologie. Keiner hier scheint einen blassen Schimmer zu haben, wie man diese simple Angelegenheit erledigt. Ich habe heute noch nichts gegessen, habe nicht geduscht, und ich kann nicht nach Hause, bis Sie nicht ein paar Zeilen in Ihren Computer getippt haben. Mehr müssen Sie nicht tun.«
Die Frau mittleren Alters schaute immer noch nicht auf. Klack, klack, klack. Annie spürte Wut in sich aufwallen, Schmerz, Verzweiflung.
»Würden Sie mir vielleicht endlich zuhören?«
Sie streckte den Arm aus und drehte abrupt den Monitor herum. Die Augenbrauen im Gesicht der strengen Schwester verschwanden empört unter ihrem toupierten Haar.
»Ma’am, wenn Sie das nicht sofort unterlassen, werde ich den Sicherheitsdienst rufen …«
»Und ich verlange, dass Sie mich anschauen, wenn ich mit Ihnen spreche. Ist das denn zu viel verlangt? Bitte, helfen Sie mir.« Jetzt weinte sie wirklich, bittere, salzige Tränen. »Es tut mir leid. Wirklich. Ich möchte ja nur, dass Sie diese Adresse für mich ändern.«
»Hören Sie, Ma’am …«
Die mürrische Frau plusterte sich schon zur Abwehr auf, und ihr Mund öffnete sich – vermutlich um Annie mitzuteilen, wo sie sich ihre Adresse hinstecken konnte. Doch in dem Moment passierte etwas Seltsames: Statt sie anzuschnauzen, verzog sich ihr faltiges Gesicht zu einem Lächeln.
»Hey, Polly. Alles in Ordnung?«
Annie wirbelte herum. In der Tür des schäbigen Kabuffs stand eine große, schlanke junge Frau, die in sämtliche Regenbogenfarben gehüllt war. Rote Schuhe. Lila Strumpfhose. Ein Kleid im leuchtenden Gelb sizilianischer Zitronen. Dazu eine grüne Strickmütze. Ihr Bernsteinschmuck schimmerte in einem warmen Orange, und ihre Augen waren von einem intensiven Blau. Eine derart wilde Farbkombination hätte eigentlich nicht aufgehen dürfen, dennoch passte es aber irgendwie.
Die Papageienbunte beugte sich vor und berührte Annie, die unwillkürlich zusammenzuckte, am Arm. »Tut mir leid, ich muss lediglich einen klitzekleinen Termin ausmachen.«
»Nächste Woche, passt das?«, antwortete die vorher so ungnädige Schwester beflissen, bevor sie wieder auf ihre Tastatur einhackte, diesmal indes in einem beschwingten Rhythmus.
»Danke, du bist ein Schatz, Denise«, sagte die Besucherin. »Ist die nette junge Dame hier noch nicht versorgt?«
Es war eine Ewigkeit her, seit irgendwer Annie nett oder jung genannt hatte. Sie blinzelte ihre Tränen weg und gab sich Mühe, gefasst zu klingen.
»Nein, anscheinend ist es zu schwierig, die Adresse auf einer Patientenakte zu ändern. Ich war bereits in vier verschiedenen Abteilungen.«
»Oh, Denise kann das bestimmt im Handumdrehen für Sie erledigen – sie hütet sämtliche Geheimnisse dieses Krankenhauses.«
Wie um das zu unterstreichen, vollführte sie tippende Fingerbewegungen in der Luft. Auf ihrem Handrücken schaute ein großer lila Fleck unter einem Verband hervor.
Tatsächlich nickte Denise, wenngleich widerwillig. »Na schön. Geben Sie her.«
Annie reichte ihr das Formular. »Könnten Sie die Post bitte zu meinen Händen schicken lassen? Annie Hebden ist mein Name.« Denise gab rasch etwas ein, und innerhalb von Sekunden war erledigt, worauf Annie seit Stunden gewartet hatte. »Äh, danke schön.«
»Gern geschehen, Ma’am«, entgegnete Denise, aber Annie konnte ihre Missbilligung spüren.
Sie war unhöflich gewesen, das war ihr klar. Bloß war alles so schrecklich frustrierend und so verdammt schwierig.
»Genial! Tschau, Denise.« Die bunt Gekleidete winkte der Schwester zu, berührte dann erneut Annies Arm. »Hören Sie, tut mir echt leid, dass Sie einen miesen Tag hatten.«
»Wie bitte?«
»Na ja, Sie scheinen wirklich einen schlimmen Tag hinter sich zu haben.«
Annie war einen Moment sprachlos. »Ich befinde mich in einem Krankenhaus. Meinen Sie, irgendwer hier hat einen guten Tag?«, meinte sie spöttisch, während sie Denise und ihr Büro verließen.
Die Regenbogenfrau blickte sich im angrenzenden Wartebereich der Ambulanz um – Gehbehinderte mit Krücken, etwa die Hälfte der Anwesenden, andere mit kahl rasierten Schädeln und bleichen Gesichtern, eine zusammengeschrumpfte Frau im Krankenhauskittel, die kraftlos in einem Rollstuhl hing, gelangweilte Kinder, die die Handtaschen ihrer Mütter durchwühlten, während diese stumpf über ihre Handydisplays wischten.
»Ich sehe keinen Grund, warum nicht.«
Annie trat entnervt einen Schritt zurück. »Hören Sie, danke für Ihre Hilfe, obwohl ich sie eigentlich nicht hätte brauchen sollen. Dieses Krankenhaus ist eine echte Schande. Egal, Sie können ja nicht wissen, warum ich hier bin.«
»Stimmt auch wieder.«
»Dann werde ich jetzt mal gehen.«
»Mögen Sie Kuchen?«, fragte die andere.
»Was? Natürlich mag ich … Warum?«
»Warten Sie einen Moment«, erwiderte sie und flitzte davon.
Annie sah noch einmal zurück zu Denise in dem winzigen Büro, die erneut ihren ausdruckslosen Monitorblick aufgesetzt hatte und den nächsten Bittsteller unfreundlich abfertigte.
Sie zählte bis zehn und ging dann, weil die seltsame Fremde nicht zurück war, den trostlosen Flur mit seiner Farbgebung aus majestätischem Blau und galligem Grün hinunter, begleitet von den Geräuschen rollender Krankenbetten, zufallender Türen und entferntem Weinen. Ein alter Mann lag winzig und grau auf einer Liege. Gott sei Dank war sie hier endlich fertig. Sie musste unbedingt nach Hause, sich vom Fernseher ablenken lassen, sich unter der Bettdecke verkriechen und …
»Annie Hebden! Warten Sie!« Annie drehte sich um. Die nervige Frau kam atemlos auf sie zugeeilt und hielt einen Cupcake mit welligem Schokotopping hoch. »Für Sie«, keuchte sie und drückte ihn Annie in die Hand.
Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit war Annie von der Rolle. »Warum?«
»Einfach so. Weil Cupcakes alles ein bisschen besser machen. Na ja, außer man hat Typ-2-Diabetes vielleicht.«
Annie betrachtete den kleinen, leicht angematschten Kuchen in ihrer Hand. »Danke.«
»Gern geschehen.« Die freundliche Spenderin schleckte ein bisschen zerlaufene Schokocreme von der Hand, wobei Annie zum ersten Mal bemerkte, dass jeder Fingernagel in einer anderen Farbe lackiert war. »Igitt, ich hoffe, ich fang mir keinen multiresistenten Krankenhauskeim ein. Nicht dass es einen Unterschied machen würde. Ich bin übrigens Polly. Darfst gerne Du zu mir sagen. Und du, du bist Annie.«
»Äh, ja.«
»Schönen Tag noch, Annie Hebden. Oder zumindest einen etwas besseren. Und denk immer dran: Wenn du den Regenbogen willst, musst du mit dem Regen leben.«
Fröhlich winkend hüpfte sie beschwingt davon. War das womöglich das erste Mal, dass jemand diesen Flur der Verdammnis entlanghüpfte?
Annie musste im Regen auf den Bus warten, in der grauen Brühe, auf die sich Lewisham, dieses triste Londoner Viertel, spezialisiert zu haben schien. Sie dachte daran, was für einen Unsinn die junge Frau von sich gegeben hatte – Regen hatte schließlich nicht automatisch einen Regenbogen zur Folge. Normalerweise führte er lediglich zu durchnässten Socken und strähnigem Haar. Aber immerhin hatte Annie einen trockenen Ort, an den sie heimkehren konnte. Anders als der Obdachlose, der unter dem schmalen Dach der Bushaltestelle saß, das ihn nicht mal notdürftig zu schützen vermochte – das Wasser tropfte ihm erbarmungslos vom Kopf und sammelte sich in einer Pfütze um seine...




