Wondratschek | Die weißen Jahre | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Wondratschek Die weißen Jahre

Reportagen und Stories
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8437-2803-4
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Reportagen und Stories

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-8437-2803-4
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Kunst ist kein Beruf, es ist die Art, wie man einen Beruf ausübt.« Wolf Wondratschek Wolf Wondratschek unterhält sich mit Nelson Algren über Simone de Beauvoir, sitzt bei Steffi Grafs erstem Wimbledon-Finale auf der Pressetribüne, trifft in Mexiko John Huston, lässt sich von kochendem Nudelwasser zu Gedanken zu Rossini inspirieren, verbringt in Paris einen Tag mit Veruschka, schreibt über den Ruhm und die ungeheure Einsamkeit Rainer Werner Fassbinders und darüber, wie Mozart seiner Frau gegenüber die Nerven verlor. Die weißen Jahre versammelt brillante Reportagen, die den Dichter als öffentlichen Redner und ungestört Staunenden zeigen.

Wolf Wondratschek wuchs in Karlsruhe auf. Von 1962 bis 1967 studierte er Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie an den Universitäten in Heidelberg, Göttingen und Frankfurt am Main. Seit 1967 lebte er als freier Schriftsteller zunächst in München. In den Jahren 1970 und 1971 lehrte er als Gastdozent an der University of Warwick, Ende der 1980er-Jahre unternahm er ausgedehnte Reisen unter anderem in die USA und nach Mexiko. Er lebt seit 1996 in Wien.
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Ich habe einen Traum I


Mir träumte von einem blendend aufgelegten, herzerfrischend unterhaltsamen, immer eine Blume, eine selbstgepflückte Blume im Knopfloch tragenden und einem auch sonst immerzu originellen, großzügigen Verleger.

Er führte mich zum Essen aus. Dabei leerten wir zwei Flaschen vom besten Burgunder. Dann orderte er noch eine und hob mit einem Schein, den er dem Kellner zusteckte, die Sperrstunde auf. Er tat das alles mit der Ruhe und Sorgfalt eines höflichen Menschen und dem Gefühl, ganz nach seinen Wünschen gehandelt und trotzdem etwas in der Welt in Ordnung gebracht zu haben.

Er erwähnte mit keinem Wort sein Sodbrennen, wie ich das im Wachzustand von jedem zweiten meiner Verleger gewohnt war, das und Schlimmeres, jammerte nicht über Buchhändler und den Rest der Menschheit, lehnte sich statt dessen zufrieden zurück, im Mund inzwischen eine Zigarre, und nickte.

Das war das Zeichen. Ich holte, wie versprochen, aus meiner Jackentasche ein Blatt Papier, entfaltete es und las, was ich geschrieben hatte, vor. Ein Gedicht! Die Sache war, naturgemäß, in weniger als zwei Minuten erledigt. Ich wartete auf seine Reaktion.

Normalerweise wacht man spätestens jetzt abrupt auf. Aus irgendeinem Grund jedoch schlief und träumte ich noch eine Weile weiter.

Er saß da und schüttelte lange und langsam den Kopf, was nicht weiter beunruhigend war, denn ich sah seine Augen! Sie strahlten, was ihn augenblicklich um Jahre verjüngte. Und mich gleich mit! Sein Blick war unwiderstehlich, eine Flamme, die sich auf einer Stahlklinge spiegelt, aber voller Farbe und Freude. Es war reine Nervensache, mir die eigene Freude nicht zu sehr anmerken zu lassen, was mir, glaube ich, ganz gut gelang.

Dann, nachdem er mich am Handgelenk gepackt hatte, nahm der Traum wieder Tempo auf. Er erhob sich, nein, so muß er als junger Mann aufgesprungen sein, als – wie man sich erzählt – der berühmte Autor X ihm, einem Anfänger, einem damals völlig unbekannten Verleger, im gleichen Restaurant angeboten hatte, sein Autor zu werden. Er umarmte mich, drückte mich und verfluchte, erleichtert aufatmend, allen Schund, der ihn erzürnte, diese Tonnen von literarischem Schund überall, diese Schiffsladungen von Scheiße in allen Verlagen, allen Buchhandlungen, allen Regalen. In bester Laune verfluchte er sein Schicksal, jeden Tag neuen Schund auch auf seinem Schreibtisch vorzufinden. Der Fehler so vieler Schriftsteller sei es, sagte er, nicht alles zu wollen, das aber mit zu vielen Worten. Er hob sein Glas und versicherte mir ohne jede peinliche Feierlichkeit, aber mit der Erleichterung eines Erlösten, er werde meine Verse »der Welt vor die Füße werfen«.

zitierte ich Fernando Pessoa, einen portugiesischen Dichter, hob ebenfalls mein Glas und verzichtete erst einmal darauf, ihm Einzelheiten entlocken zu wollen. Wie stellte er sich die praktische Durchführung einer solchen Heldentat vor? Waren es nur Worte, wieder nur Worte, nichts als Worte? Und welchen Anteil mochte der Burgunder haben an dieser majestätisch donnernden Kriegserklärung, deren Kraft von ihm auf mich überströmte? Er gratulierte mir, erbat sich das Gedicht, las es noch einmal, faltete das Blatt auf die Größe eines Führerscheins zusammen und steckte es in seine Brieftasche. Es müsse, sagte er und schüttete Wein nach, das Glück eines Gedichts, seine Klarheit und sein Geheimnis ausreichen, die Moden müßiger Zerstreuung, des Selbstbetrugs und der Lügen zu zerstäuben. Ein Gedicht, golden wie der Glanz des Sonnenlichts auf dem Haar eines Mädchens, gefährlich wie die Ufer schwarzer Flüsse.

Ich war einverstanden. An nichts anderes hatte ich immer geglaubt.

Bis zu diesem ungemein geselligen Abend mit dem Verleger war ich, was meine Sicht dieser Dinge anging, so gut wie allein auf der Welt. Ich erinnere mich an die eine oder andere Geliebte, das schon, die mir an die Ufer schwarzer Flüsse gefolgt war, zur Not auch ohne schwimmen zu können. Es gab andere, die ich, nicht nur nachts, davon überzeugen konnte, das Unmögliche für möglich zu halten. Immer habe ich an die Literatur als etwas geglaubt, »was wild ist wie der Wind, heiß wie Feuer, schnell wie der Blitz; etwas Herumirrendes, Unberechenbares, Jähes« – wobei mir, liebe Miss Woolf, die Formulierung »schnell wie der Blitz« mißfällt. Die Schnelligkeit, mit der ein Raubtier auf Beute reagiert, wie wär’s damit? Nicht der Blitz ist Literatur, sondern seine Ankündigung, die Unruhe am Himmel und, fern oder nah, ein rollendes Donnern; es ist das Warten auf ihn, wie alles Warten ist, auch das Schreiben.

Und nun das: Mit mir am Tisch saß nicht eine von mir angebetete, zu den schönsten und schändlichsten Schmeicheleien fähige Freundin, sondern ein Genießer, ein Fachmann, ein Verleger, ein Traum von einem Verleger, bereit, meine Begeisterung eher noch zu überbieten. Kein Zweifel, ich war glücklich.

Wie auch nicht! Endlich ein Verleger, der davon absah, mir Erörterungen über den aktuellen Marktwert literarischer Erzeugnisse aufzudrängen, meinen Optimismus zu tadeln, meine finanziellen Ansprüche zurückzuweisen wie auch alle anderen Ansprüche: die an seine kostbare Zeit, seine endliche Geduld, seine Bereitschaft, mich besser zu verstehen, als er sich das sonst in Gegenwart eines Autors herauszunehmen je getrauen würde. Mit welchem Genuß er den Rauch seiner Zigarre am hinteren Gaumen nachbrennen ließ. Im Moment war, kein Zweifel, auch er glücklich und überfordert nur von einer Sache: der Vorstellung, morgen – das heißt in wenigen Stunden – wieder ins Büro zu müssen, zurück zu Zahlen, zu Mißverständnissen, seinem Sodbrennen und einer eines Tages gewiß tödlichen Erschöpfung.

Denn damit ging alles wieder von vorne los. Autoren wollen verhätschelt, Manuskripte abgelehnt, Rechnungen bezahlt, Kämpfe gekämpft werden. Es klingeln wieder die Telefone. Sekretärinnen melden sich schwanger. Von einer Schlamperei zur nächsten, so geht es dahin. Wieder war es ihm nicht gelungen, wenigstens ein halbes Dutzend der schlimmsten Kritiker vom Erdboden einfach verschwinden zu lassen. Die Dummheiten nahmen so wenig ein Ende wie die Ungerechtigkeiten, auch nach Feierabend nicht. Er war zurückgekehrt ins Zentrum des großen Radaus. Dabei sehnt er sich nach nichts so sehr wie nach Stille; er träumt von ihr wie von einer aus Armut, Lehm und Vogelstimmen zubereiteten Speise. Vormittags zwischen zehn und zwölf, gleich nach Durchsicht der Post und dem ersten Kaffee, hat er als inzwischen international erfolgreicher Geschäftsmann dann allerdings die Pflicht, von nichts als von Büchern zu träumen, von jenem einen, das gegen die Erwartung aller ein Verkaufserfolg wird und, mit noch mehr Freude, von dem Wunder der Konzentration, mit der ein jeder ebendieses (natürlich von ihm entdeckte und verlegte) Buch wird lesen wollen.

Er war heimgekehrt zu den Hundertschaften seiner toten und lebenden Autoren. Die toten liebte er, die lebenden waren die Hölle. Genies, die keine sind, sind lästig. Sie sind unfähig, sich den Terminkalender eines Verlegers, auch nur die Arbeit eines Tages vorzustellen, und belästigen ihn, drohend fast, mit der Bitte um ein Gespräch, einen Spaziergang, ein Abendessen. Sie fühlen sich bei Preisvergaben übergangen, insgesamt verkannt, auch von ihm. Auf der einen Leitung verhandelt der Verleger um eine Lizenz, auf der anderen versucht er halbherzig, einen seiner Autoren vom Selbstmord abzuraten. Er kommt nicht umhin, die Zeiten zu beneiden, als es weder Telefone noch Verleger gab – und die Dichter die meiste Zeit etwas Besseres zu tun hatten, als zu dichten. Minnedienst war anstrengend und, wenn man Pech hatte, zeitraubend. Und wie schnell so ein Leben um war. Viel Zeit für ein Alterswerk war da nicht.

Natürlich, das ist leider unumgänglich, ist der Verleger für seine Autoren da. Aber die wesentlichen Dinge, die einen Autor beschäftigen, als da wären: Einsamkeit, Verzweiflung, Selbstzweifel, Schaffenskrisen (oder umgekehrt: Anfälle überheblicher Euphorie), Geldnöte, sind nicht dazu angetan, sich auf das Zusammentreffen mit ihnen zu freuen. Wie satt er sie hat, diese Gemeinplätze jeder kreativen Existenz.

Meine Sorgenkinder, diese Dummköpfe, die alle Handfestes im Handgelenk hätten, die einen Tisch zimmern, ein Boot reparieren, ein Pferd beschlagen könnten, die Kinder großziehen und ihnen, wenn sie alt genug sind, behilflich sein könnten, gefahrlos einen Fluß zu überqueren, mit Freude ein Feuer zu machen und Fische darüber zu braten, die sie mit Kartenkunststücken oder zum Wachbleiben mit einer Gespenstergeschichte unterhalten könnten; sie könnten öfters ihre alte Mutter besuchen, einen Fremden umarmen oder, meine Güte, einfach mal die Füße hochlegen, mißachten aber all diese Dinge und decken statt dessen mich und alle Welt mit Manuskripten ein. Und glauben Sie, sie hörten zu, wenn man ihnen rät: schreiben Sie möglichst wenig, tun Sie alles, was Sie wollen, nur schreiben Sie so wenig, wie es irgend geht? Ich weiß nicht, um was für eine Krankheit es sich handelt, aber sie


Wondratschek, Wolf
Wolf Wondratschek wuchs in Karlsruhe auf. Von 1962 bis 1967 studierte er Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie an den Universitäten in Heidelberg, Göttingen und Frankfurt am Main. Seit 1967 lebte er als freier Schriftsteller zunächst in München. In den Jahren 1970 und 1971 lehrte er als Gastdozent an der University of Warwick, Ende der Achtzigerjahre unternahm er ausgedehnte Reisen unter anderem in die USA und nach Mexiko. Er lebt seit 1996 in Wien.



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