E-Book, Deutsch, Band 3, 281 Seiten
Reihe: Dryco-Zyklus
Womack HEIDERN - DRYCO-ZYKLUS 3
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7438-6319-4
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Cyberpunk-Roman
E-Book, Deutsch, Band 3, 281 Seiten
Reihe: Dryco-Zyklus
ISBN: 978-3-7438-6319-4
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Aufstieg und der Fall eines neuen Messias in der trostlosen Welt New Yorks zu Beginn des 21. Jahrhunderts, der die dekadente Abgestumpftheit seiner Mitmenschen zu durchbrechen versucht... Ein Buch von höchstem sprachlichem Feingefühl, von knallharter Action und voll von schwarzem Humor. 'Der Durchbruch eines jungen Autors, der die Sensibilität eines William Gibson über den Cyberpunk hinaus und die Gewalt von CLOCKWORK ORANGE ins Transzendente gesteigert hat.' - NEW YORK REVIEW OF SCIENCE FICTION Der Apex-Verlag veröffentlicht sämtliche Romane des DRYCO-Zyklus als z.T. neu übersetzte Neu-Ausgaben sowie den abschließenden Band GOING GOING GONE als deutsche Erstausgabe.
Autoren/Hrsg.
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Eins
Eines Morgens, während ich zur Arbeit ging, hätte mich ein Säugling fast erschlagen. Weil ich im gefährlichsten Augenblick unters Dach eines Bushaltestellenhäuschens trat, kam ich noch einmal mit dem Leben davon und kann das weitere erzählen. Umringt von Fremden, besah ich mir die Überreste. Gelächter vom Himmel lenkte unsere Blicke in die Höhe. Die Mutter des Säuglings senkte die Arme und lehnte sich aus dem Fenster. Ohne zu applaudieren, zerstreute sich ihr Publikum, um in dieser Stadt Gottes Krumen aus den Gossen zu klauben. An der übriggebliebenen Glasscheibe des Häuschens klebten fotokopierte Zettel, und auf dem größten stand: Möchte gekreuzigt werden. Nägel vorhanden. Bitte Nachricht auf Anrufbeantworter. Die Streifen mit der Telefonnummer am unteren Rand des Blatts fehlten alle. Unter meinen Schuhen knirschte Glas; der Rock klebte an meinen Beinen, während ich die Straße entlangstrebte. In der 18°-Feuchtigkeit des Novembermorgens verlor mein Haar die Fasson. Droben die Mutter wirkte, als stünde sie davor, eine eigene Darbietung nachzuschieben; wie die anderen Passanten suchte auch ich allein das Weite. »Joanna«, sagte Thatcher, zerriss damit die Knäuel meiner Erinnerungen, erleichterte mir die Rückkehr in die Gegenwart. »Willst du vielleicht so ein Gesicht kriegen, wie du's jetzt schneidest?« Thatcher Dry den, gemeinsam mit seiner Frau Susie Inhaber der Dryden Corporation - kurz Dryco genannt -, war mein Chef; im konzeptualistischen Sinne mein Herr. Als mit der Leitung der Abteilung Neue Projekte beauftragte Subdirektorin hörte ich bei den morgendlichen Besprechungen kaum zu; im Laufe der drei Monate seit meiner Beförderung hatte ich noch kein neues Projekt bearbeiten müssen. »Ich möchte, dass du dir morgen mal was vornimmst. Mal überprüfen, was da dran ist.« »Wo dran?«, fragte ich. Thatchers Augen nahmen einen glasigen Ausdruck an, als ob er sich mich in einem der spezialdesignerten Kostüme vorstellte, die ihm gefielen, die ich mich jedoch zu tragen weigerte. »Mir liegen ein paar Berichte über einen Burschen in der Unteren Oststadt vor...« »Unteraffenkaff«, sagte Bernard. »Aus Rücksicht aufs Image sollten wir so tun, als ob wir uns mit den Bezeichnungen auskennen.« Als Direktor der Abteilung Außendienst sorgte Bernard dafür, dass seine Bossfamilie, wenn sie abends ein Los auf den Nachttisch legte, am Morgen einen Hauptgewinn vorfand. Außerdem betätigte auch er sich in der Abteilung Neue Projekte. Ehe ich zur Dryco ging, hatte ich für Bernard gearbeitet, dank seiner Nachhilfe die Fähigkeiten gelernt, die ich nicht länger brauchte. »Ist mir schietegal, wie man's diese Woche grad wieder nennt«, meinte Thatcher. »Schildern Sie ihr die Hintergründe, soweit wir sie kennen, Bernard.« Bernard war fünfundvierzig, drei Jahre älter als ich; er hielt seinen Computerausdruck so, dass er ihn über den Rand der Bifokalbrille hinweg sehen konnte, und las laut ab, übertrug den Jargon, in dem man zu Verschleierungszwecken sämtlichen Papierkram verfasste, in verständliche Worte. »Ein gewisser Lester Hill Macaffrey aus Kentucky, Alter neunundzwanzig, gegenwärtige Anschrift unbekannt...« »Bestimmt auf Trebe«, meinte Thatcher. »Wir holen ihn uns wie 'ne Ratte aus 'm Loch, wenn's sein muss. Ein Südstaatler, wie Sie sicher gemerkt haben.« Er machte immer gern auf seinen heimatlichen Menschenschlag aufmerksam. »Ratten findet man in jedem Loch«, sagte Susie Dryden leise, die wie stets am anderen Ende des Tischs saß und die Daily News las; ihre Augen huschten über die Seiten, suchten Aufschlussreiches, forschten in banalen Meldungen nach auswertbaren Zusammenhängen der Art, die Vorgänge, die scheinbar nichts verbindet, miteinander verknüpfen. Sie erinnerte mich an einen Falken, der eine Wiese nach Mäusen abspäht. Die Schlagzeile der Zeitung lautete: IHR PROBLEM? - ICH BIN KANNIBALE, SAGTE ER. Die Hand ließ er in der Tasche. »Er unterrichtet Philosophie und Theologie in einer von Eltern unterhaltenen Einrichtung auf der Neunten Straße«, erklärte Bernard. »Die Mehrzahl seiner Schüler sind Versetzte von Long Island, darunter auch Testgruppenkinder...« Susie verzog das Gesicht. »Macaffrey lehrt Grundschüler Philosophie?«, vergewisserte ich mich. »Nichts Eschatologischeres als Nietzsche, soviel mir zugetragen worden ist«, antwortete Bernard. »Unsere Freunde bei den einschlägigen Behörden haben die Gefahrenmöglichkeit potentieller politischer Unruhestiftung geprüft und sind der Ansicht, wir beschäftigten uns, ich zitiere, mit Hirngespinsten.« »Habe ich doch vorhergesagt, dass sie dieser Auffassung sind«, trumpfte Thatcher auf, legte einen Finger an die Lippen, als wären wir seine Schulklasse und müssten zur Ruhe ermahnt werden. »Erst mal zuhören. Mehr verlange ich nicht.« »In der dortigen Nachbarschaft kursieren um Macaffrey allerhand Gerüchte«, trug Bernard weiter vor, »die meisten sind im Verlauf des vergangenen Jahrs aufgekommen, meistens behaupten sie, er hätte irgendwelche übernatürlichen Kräfte oder wäre von welchen besessen. Viele Leute beschwören, dass er seine Schützlinge und ihre Familien mit Medikamenten...« »Medikamenten? Was für Medikamente?« Bernard zwinkerte mir zu. »...Lebensmitteln und Kleidung unbekannter Herkunft beliefert und ihnen Wohnraum verschafft. Die herkömmliche Grundversorgung, wie sie das Volk bei Laune hält. Weil heutzutage so viele Leute nach der Apokalypse lechzen, egal wie willkürlich der Weltuntergangstermin festgesetzt wird, hat's damit angefangen, dass auch absonderlichere Geschichten umlaufen, ein Quatsch, der sogar nach den Maßstäben der Schlimmen Neunziger blödsinnig klingt, es übertrifft so gut wie alle Fin-de-siècle-Spinnereien der letzten Zeit...« »Sprechen Sie englisch, Bernard«, bat Thatcher. »Unseren Informationen zufolge soll er die Zukunft sehen und Voraussagen können.« Bernard lächelte. »Muss ja 'n Freudenquell für seine Nachbarn sein. Angeblich gibt er Blinden das Augenlicht zurück. Wie sich bei derartigen Subkulturen leicht erraten lässt, hält sich auch hartnäckig der Glaube, er sei dazu imstande, nach Belieben das Wetter zu ändern und nach Gutdünken Strafen aufzuerlegen. Ich bezweifle, dass solche Anekdötchen seinem Publikum noch viel länger die Sensationen bescherten, die es braucht. Wahrscheinlich wird's nun jeden Tag soweit sein, dass wir erzählen hören, er hätte Millionen von Krebs geheilt, Wasser in Coca Cola verwandelt und die Fluten des East River geteilt, um den Waffentransport nach Brooklyn zu vereinfachen.« »Verdammt gute Recherche«, lobte Thatcher. »Guter Vortrag. Danke, Bernard.« Mir fiel ein, wie oft Bernard mir gegenüber erwähnt hatte, Thatcher verkörperte nichts anderes als die Rache des Kapitalismus für Karl Marx. »Das klingt sehr nach Charisma«, sagte ich. »Nach einem Kult.« »Er hat was von einem Schlangenbeschwörer an sich«, bekräftigte Bernard. »In so erregt-überschwänglichen wie unseren Zeiten kommen diese Typen zum Vorschein wie Abschaum auf'm Kochwasser. Dann ist es vorteilhaft, jemand mit tüchtiger Hand ist zur Stelle, der ab und zu den Deckel hebt und nachschaut, was da hochköchelt.« »Ich habe einen Verdacht, was ihn betrifft«, sagte Thatcher, malte mit dem Stift eine Reihe winziger X-Zeichen auf seinen Notizblock. »So was wie deinen Verdacht in Bezug auf diesen Blödian im letzten Mai?«, fragte Susie. »Botschaften aus dem Jenseits könnten, abhängig von der Beschaffenheit des Jenseits, nützlich sein, selbst wenn sie wahr sind«, hielt Bernard ihr entgegen. »Swami Lester behauptet wenigstens nicht, früher mal in Atlantis gelebt zu haben. Inzwischen sind's dermaßen viele, die damit renommieren, dass man unwillkürlich die Idee hat, vielleicht ist es durchs schiere Gewicht der Bevölkerung abgesoffen.« »Das macht ihn doch umso glaubwürdiger, oder nicht?« entgegnete Thatcher. »Wir müssen diesen Angelegenheiten nachgehen.« Das Orakel dieses Frühjahrs hatte beteuert, es könnte die Schleier um Elvis lüften. Nachdem es nicht gelang, einen höherrangigen Inkubus als einen zu beschwören, der von sich behauptete, Heinrich Lübkes Portokassenverwalter gewesen zu sein, hatte Thatcher eher zu der Ansicht geneigt, Elvis lebe noch, oder er säße wenigstens in der VIP-Lounge der Himmlischen Lufthansa und wartete auf die Ansage seines Heimflugs zur Erde. »Der Junge rennt uns ja nicht die Türen ein, bis jetzt ist es für uns alles noch kostenfrei. Sollte was vorliegen, das einen Nutzen hat, ist's eine ganz schön schlaue Investition, sich um ihn zu kümmern, und dann wird's besser sein, wir haben's von Anfang an getan.« »Schick 'n Magier mit«, empfahl Susie. »Einen Bühnenzauberer. Jemanden der Tricks und Vorspiegelei durchschaut und weiß, wie man so was ablacht.« Bernard hob mit ausdrucksloser Miene die Hand. Thatcher lächelte, begaffte mich das zehnte Mal an diesem Morgen, benahm sich, als wäre durch ihn Mitschülern ein Geheimnis ausgeplaudert worden, das zu verschweigen ich ihn gebeten hätte. »Fahr doch morgen mal dort hinunter, Schatzi. Guck mal nach, ob an seinem Ruf was dran ist. Berichte mir sofort, sobald du zurück bist.« »Können wir weitermachen?«, fragte Susie. »Es gibt dringendere Belange, die unsere Aufmerksamkeit erfordern.« Sie wandte sich an Gus, der noch kein Wort gesprochen hatte. Gus hatte die Verantwortung für die Sicherheit und redete folglich immer nur über Dinge, die wir eigentlich gar nicht hören mochten. Er zählte über sechzig Jahre und hatte schon auf vielerlei...




