E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Wolz Bounty Hunter - Der erste Auftrag
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96129-259-2
Verlag: KARIBU
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein rasanter und actionreicher Jugend-Thriller über ein Teenager-Kopfgeldjäger-Team
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-96129-259-2
Verlag: KARIBU
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Heiko Wolz, geboren 1977, lebt als freier Autor mit seiner Familie in Unterfranken auf dem Land. Er hat über 30 Romane für Kinder und Jugendliche veröffentlicht, erhielt u.a. das Literaturstipendium des Freistaats Bayern und war für den Oldenburger Jugendbuchpreis nominiert. Mehrere Wochen im Jahr ist er unterwegs, um Kinder in Schulen und Bibliotheken für das Lesen zu begeistern.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Dienstag, 06. April, 16:43 Uhr, Pazifische Sommerzeit
Mit einem dumpfen Bopp! schlugen die Geschosse auf der anderen Seite der Ziegelsteinmauer ein. Grayson Parker duckte sich tiefer.
Bloß nicht den Kopf heben, sonst war’s das!
Rechts von ihm hockte Isaac. Grays Freund hielt den Lauf seiner Waffe auf den mit Mauerbrocken übersäten Boden gerichtet. Schweißbäche liefen über sein Gesicht wie Rinnsale auf ausgetrockneter Erde.
Der Dauerbeschuss hörte auf. Der Kerl, der sich als einer der letzten beiden Gegner in dem Wohnwagen verschanzt hatte, glaubte wohl, dass er Gray und Isaac erwischt hatte. Jetzt konnte er seine Aufmerksamkeit ganz auf Ben und Réka richten.
Wo steckten die zwei überhaupt?
Tja, Gray würde es kaum herausfinden, wenn er weiter nur Däumchen drehte.
Der 15-Jährige rollte sich herum. Seine schwere Schutzmontur behinderte ihn dabei, aber schließlich kniete er auf einem Bein und stellte das andere auf.
Langsam schob er sich nach oben. Die Mauer, hinter der er und Isaac vor zwei Minuten in Deckung gegangen waren, war nur ein kleiner Teil eines halb zerfallenen Gebäudes. Irgendwas Industrielles. Eine alte Fabrik. Gray konnte nicht erkennen, was darin hergestellt oder repariert worden war. Er erhaschte nur einen Blick durch ein zum Teil aufgezogenes Rolltor in eine Halle mit Stahlträgern. Von einer Art Kran baumelte eine dicke Kette mit einem riesigen Haken. Auf dem Boden verstreut lagen ein paar Metallteile, die alles und nichts darstellen konnten. Motorblöcke? Gussformen für Werkzeuge? Ansonsten war die Halle leer, soweit Gray sie einsehen konnte. Die Party fand hier draußen statt. Mehrere rostige und mit Graffiti besprühte Überseecontainer verteilten sich chaotisch auf dem Gelände.
Und dann war da noch der Wohnwagen. Ein weißer Riese mit einer notdürftig hergerichteten Veranda aus Holzpaletten, über die sich eine zerfetzte Markise spannte. Er stand ein ganzes Stück von Grays und Isaacs Standort entfernt, dazwischen nur freies Gelände, das keinerlei Schutz bot.
Aus einem der zerbrochenen Plastikfenster lugte ein schwarzer Lauf. Und zielte in Grays Richtung.
Mist!
Ein Trommelfeuer ging auf die Mauer nieder. Gray duckte sich und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. 16:43 Uhr. Wann sah dieser Vollidiot endlich ein, dass sie so nicht weiterkamen? Solange sie hier saßen, würde er sie nicht treffen. Umgekehrt hatten aber auch sie keine Chance, ihn zu erwischen, wenn sie sich nicht bewegten.
Gray rief sich den Plan des Areals ins Gedächtnis. Ihr Gegner würde nach links laufen, sobald er den Trailer verließ. Dort boten ihm mehrere übereinandergestapelte Metallfässer Schutz. Es sei denn, Gray und Isaac waren vor ihm …
»Los, los, los!«, ertönte eine Stimme aus der Halle mit dem Kran.
Gray presste die Lippen zusammen. Warum brüllte Big Ben nicht gleich Ich, ich, ich? Wenigstens lenkte er mit seinem Geschrei den Schützen ab. Gray und Isaac verständigten sich mit einem Nicken und erhoben sich.
Ben walzte derweil hinter dem Rolltor hervor. Mit seinen achtzig Kilogramm reiner Muskelmasse hätte er auch direkt durch das Blech brechen können. Das hätte ihm zwar nichts gebracht, aber deutlich spektakulärer ausgesehen. Allerdings waren seine Bewegungen für jemanden, der gerade 16 geworden war, auch so schon beeindruckend. Er rückte in gerader Linie auf den Wohnwagen vor. Dabei drehte er den Oberkörper zur Seite, um die Angriffsfläche zu verringern. Die Beine streckte er nie ganz durch. So war ihm jederzeit ein fester Stand oder ein schneller Ausweichschritt möglich.
Réka folgte ihm dicht auf den Fersen. Der lange, geflochtene Zopf, ohne den Gray sie noch nie gesehen hatte, schaute unter ihrem Helm hervor. Sie schwenkte nach rechts, damit der Schütze sich zwischen ihr und Ben entscheiden musste. Während Bens Schüsse auf die Verkleidung des Trailers prasselten, zielte Réka auf die Fenster. Der Kerl im Inneren hatte gar keine Chance, sie oder Ben ins Visier zu nehmen! Wieder bauschte sich der Vorhang in der Öffnung neben der Tür, als eins ihrer Geschosse hindurchjagte.
Und nun? Gray und Isaac konnten die beiden einfach machen lassen. Aber was, wenn Ben oder Réka später fragten, wo sie die ganze Zeit gesteckt hatten? Ihr habt euch wie zwei Hosenschisser verkrochen und nur zugeschaut? Nicht gerade das, was Isaac brauchte.
»Los geht’s! Beeilung!«, erteilte Gray das Kommando.
Réka hatte bereits die Hälfte der Strecke zum Wohnwagen überwunden. Wenn sie vor ihr dort sein wollten, mussten sie einen Zahn zulegen. Dann konnte Isaac beweisen, dass er doch was draufhatte.
Gray riss die zur Faust geballte Hand nach oben. Stopp!
Da war eine Bewegung an der Rückseite des Wohnwagens. Es machte wohl Eindruck, wenn ein Zwei-Meter-Hüne und seine nicht weniger entschlossene Partnerin auf einen zurasten. Die Bohnenstange wollte abhauen! In gebückter Haltung lief der schmächtige Kerl auf die Fässer zu.
Gray unterdrückte ein Grinsen. Na also, es ging doch!
Er winkte Isaac nach vorn. Wenn alles glattlief, würde sich der tolle Ben Kramer in ein paar Sekunden ausgerechnet bei dem Typen bedanken müssen, den er nur aus der Not heraus mitgenommen hatte.
Der Schmächtige schnallte immer noch nicht, was abging. Er schaute stur auf etwas hinter den löchrigen Fässern, seine Lippen bewegten sich.
Moment, mit wem quatschte der da?
Ein bunt gesprenkelter Helm schob sich über den Rand einer Tonne. Der zweite Gegner! Der Lauf der Waffe richtete sich auf Isaac. Gray riss seine eigene herum, aber es war zu spät. Zwei Schüsse trafen seinen Freund mitten in der Bewegung, nur einen Sekundenbruchteil später folgten zwei weitere für Gray.
Er spürte nicht einmal, wie die Kugeln einschlugen.
Er ließ die Waffe sinken und fuhr sich mit der Hand über die Brust. An seinen Fingerspitzen blieb etwas Rotes kleben.
Wie in Zeitlupe beobachtete er, dass der Typ auf Réka anlegte.
Eine Sirene schallte über das Gelände.
16:45 Uhr.
Der Schütze hinter den Fässern warf seinem Partner einen fragenden Blick zu. Die Bohnenstange zuckte die Achseln, und der andere schwenkte herum und drückte eiskalt ab. Auf Rékas Helm leuchtete eine rote Blume auf.
Die Sirene verklang.
»Tot!«, lachte der Schlaksige aus dem Wohnwagen und gab selbst ein paar Schüsse auf Réka ab. Weitere Farbexplosionen erschienen auf der Schutzmontur, die ihr ein Mitarbeiter des Seattle Paintball Parks vor einer guten Dreiviertelstunde überreicht hatte.
»Hör auf, du Trottel«, blaffte Réka. Trotz der klobigen Protektoren sah man, wie gut sie in Form war. Nicht überraschend für die amerikanische Olympiahoffnung im Modernen Fünfkampf. Schwimmen, Degenfechten, Radfahren und Combined, also ein Querfeldeinlauf mit Pistolenschießen kurz nach dem Start, nach 800 Metern und dann wieder nach 1.600 und 2.400. Réka musste fit sein. Wie alle Schülerinnen und Schüler der Seaside High School.
»Die Zeit war um«, stellte sie trocken fest und fixierte die Gegner der West High, mit denen sie sich heute getroffen hatten.
»War sie nicht. Und überhaupt: Halt die Klappe, du bist tot.« Der Schütze schwenkte mit dem Lauf seiner Waffe zu Isaac und Gray. »Und du bist tot, und du auch. Macht zwei Überlebende für uns und einen für euch Loser von der Seaside High. Wir haben gewonnen.«
Wie hatte der Kerl sich vorhin vorgestellt? Phil? Egal.
»Ich dachte, das Spiel ist vorbei, wenn die Sirene heult?«, fragte Gray.
Wahrscheinlich-Phil nickte. »Hat aber keiner gesagt, dass wir aufhören, sobald sie losgeht. Sie hat noch geheult, also gilt der Abschuss.«
»Komm schon, das ist doch …«, setzte Gray an, aber die Bohnenstange mischte sich mit einem meckernden Lachen ein: »Alter, du bist voll in die Falle gelaufen und hast deinem Kumpel sogar noch den Vortritt gelassen!«
Gray warf Isaac einen Blick zu, aber der winkte nur locker ab. Es war schließlich nicht wirklich um Leben und Tod gegangen. Oder?
Isaac hatte im letzten Spiel des Fußballteams der Seaside gegen die Auswahl der Cleveland einige schlechte Entscheidungen getroffen. Okay, er hatte es gewaltig verkackt. Das musste sogar Gray zugeben. Es war schon richtig, dass eine Mannschaft nur zusammen gewann oder verlor, aber nicht unbedingt das, was man direkt nach dem Match ausgerechnet von demjenigen hören wollte, der für die Klatsche verantwortlich war. Mit seinem aufmunternden Grinsen und dem gut gemeinten Schulterklopfen hatte Isaac sich bei der Mannschaft komplett ins Abseits geschossen.
Also ja, doch, es ging für ihn um Leben und Tod. Wenn auch nur im übertragenen Sinn.
»Einigen wir uns auf ein Unentschieden«, schlug Gray vor. Dabei hörte er die Stimme seines Dads in seinem Hinterkopf: In verfahrenen Situationen sucht man den Kompromiss. Damit wäre Isaacs Ruf zwar nicht ganz wiederhergestellt, aber es war ein Schritt in die richtige Richtung.
»Träum weiter!«, sagte die Bohnenstange. »West High drei Siege, Seaside einer.« Er nickte Réka zu. »Wir sehen uns nach den Ferien. Ich drück euch die Daumen, dass Kevin und James bis dahin wieder fit sind.«
Kevin und James. Die beiden, für die Gray und Isaac kurzfristig eingesprungen waren.
Réka riss sich den Helm und die Schutzbrille vom Kopf. Dass es in ihr brodelte, war nicht zu übersehen. Die Härchen, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten, klebten ihr auf der Stirn. Darunter blitzte ein Paar blauer Augen auf. Als...




