Wollenhaupt Grappas Versuchung
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-89425-980-8
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die legendäre Reihe um Kultermittlerin Grappa: ihr 1. Fall
E-Book, Deutsch, Band 1, 220 Seiten
Reihe: Maria Grappa
ISBN: 978-3-89425-980-8
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gabriella Wollenhaupt, Jahrgang 1952, arbeitet als Fernsehredakteurin in Dortmund. Ihre freche Polizeireporterin Maria Grappa hatte 1993 ihren ersten Auftritt. Seitdem stellte sie ihre Schlagfertigkeit in mehr als zwanzig Fällen unter Beweis.
Autoren/Hrsg.
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Bierstadt ist nicht Casablanca
Das »Pinocchio« lag mitten in der Stadt und war für seine italienische Küche bekannt. Keine Vorortpizza oder Spaghetti bolognese, sondern erste Sahne mit entsprechenden Preisen.
Ich betrat den Laden. Spiegel an der Wand, Messing und Silber, die Tische in Nischen, sodass niemand sehen konnte, was am Nachbartisch verspeist wurde. Eine leise Musik im Hintergrund und gedämpfte Stimmen.
Hier fehlte zum Glück die dunkle Gemütlichkeit der Bierstädter Restaurants, in denen ich mit dem Kopf an die Korblampe stoße, wenn ich in Richtung »kleine Mädchen« aufstehe. Der Raum war so hell erleuchtet, wie ich es mag, weil dann ein schmieriges Glas keine Chance hat und ich genau sehen kann, was ich auf dem Teller habe.
»Sind Sie Frau Grappa?«, sprach mich ein dünner Kellner in halblautem Tonfall an, »Herr Muradt hat einen Tisch für Sie reserviert. Kommen Sie bitte.«
Er führte mich zu einem Tisch für zwei. Kristallgläser und Silberbesteck, 925-er Sterling. Nobel, nobel! Aber hier klauen die Gäste vermutlich nicht.
Ich musterte das Personal, das die Gäste umschwirrte. Nein, in Kellnerkluft würde der Besitzer wohl kaum ankommen. Mir fiel ein kleiner Dicker auf, der an einer dezent versteckten Kasse saß. Vielleicht war er der Herr mit dem arabisch klingenden Namen und der schönen Stimme. Ich lächelte. Könnte sein, da erwarte ich Rübezahl und wer kommt: Rumpelstilzchen!
Doch der kleine Dicke machte keine Anstalten, seinen Hintern zu lupfen und an meinen Tisch zu kommen. Er tippte eifrig Zahlen ein. Ich wartete und nahm eine lässigere Haltung ein.
Jemand stand hinter mir, ich spürte einen leichten Luftzug. »Wie schön, dass Sie gekommen sind …« Der kleine S-Fehler war nicht zu überhören bei drei S-Lauten in einem Satz. Ich drehte mich um.
Da stand er. Sehr groß, was vermutlich daran lag, dass ich saß. Sehr männlich, was vermutlich daran lag, dass ich zurzeit etwas entwöhnt war. Sehr überlegen, was vermutlich daran lag, dass ich Naturgewalten schon immer für etwas Schicksalhaftes gehalten habe, gegen die ein normal Sterblicher nicht die geringste Chance hat und die man einfach nur überstehen muss.
Da stand er immer noch – eine Mischung aus Charlton Heston und Winnetou. Wie im Film. Gut ausgeleuchtet. 15 Jahre strenges Training in Frauengruppen waren wie weggeblasen. Meine Hormone jubelten. Meine Knie wurden weich. Mein Magen schlug Purzelbäume. Hier stand er, der Mann, von dem ich immer gern geträumt hätte, wenn ich hätte annehmen können, dass es ihn überhaupt geben würde. Ich hatte es irgendwie geahnt, dass dieser Abend der Auftakt zu einer Menge Schwierigkeiten emotionaler Art sein würde, jammerte ich innerlich und bedauerte mich jetzt schon. Hoffentlich war er verheiratet und hatte einen Stall voll Kinder oder war wenigstens stockschwul.
Ich atmete tief durch und bemühte mich, meiner Stimme einen überlegenen Klang zu geben. Ich war schließlich im Dienst und nicht bei einer Singleparty.
Jetzt drehst du durch, dachte ich. Nur nichts anmerken lassen. Ich setzte mein charmantestes Lächeln auf, zog den Bauch ein und hauchte: »Herr Muradt, wie ich mich freue …«
Du lieber Himmel, ich sülzte vielleicht einen Quatsch! Schließlich hatte er sich in der Sendung gemeldet, er war der Onkel des Toten und wollte was von mir. Doch meine Ansprache schien ihn nicht zu irritieren. Er war es vermutlich gewohnt, dass sich Frauen freuen, wenn er auftauchte.
»Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Ich hoffe, Sie haben noch nicht zu Abend gespeist. Ich habe mir nämlich erlaubt, ein Abendessen für uns zusammenzustellen. Sie mögen die italienische Küche?«
Und wenn er mir Hundefutter angeboten hätte! »Ich bin ein Italienfan«, säuselte ich. »Pizza, Spaghetti, Knoblauchbrot …«
Er schaute mich an wie ein Kind, das am liebsten Fischstäbchen mit Himbeersoße isst. Bei der Erwähnung von Pizza kräuselte er die Stirn in leiser Verachtung.
Seine Stimme klang verzeihend, als er sagte: »Ach ja, Pizza! Ich hatte da an etwas anderes gedacht. Zuerst gibt es ›melanzane riepine di riso‹, gefüllte Auberginen mit Reis. Danach ›vitello arrosto alla milanese‹, das ist Kalbsbraten auf Mailänder Art, danach ›tonno al cartoccio‹, Thunfisch in Alufolie, und über das Dessert sprechen wir später. Als Wein würde ich einen ›Barbera del Monferrato‹ vorschlagen oder ziehen Sie einen ›Recioto della Valpolicella‹ vor?«
Er ahnte vermutlich, dass ich nur Chianti und Lambrusco kannte und trug entsprechend dick auf.
Valpolicella, den kannte ich aber auch und ich sagte – ganz ›grande dame‹: »Ich glaube, der Valpolicella passt besser zu den weiblichen Hormonen im Kalbsbraten.« Er verstand meine Anspielung auf die zahlreichen vergangenen Fleischskandale nur eingeschränkt, denn er zuckte mit keiner Wimper.
»Wie recht Sie haben«, meinte er überaus höflich und ich wusste nicht, ob er mich veralbern wollte. »Ich hätte selbstverständlich dieselbe Wahl getroffen.«
Er winkte den Kellner heran. »Aperitif und die Vorspeise, Luigi, bitte.«
Ich betrachtete ihn. Ein wirklich schöner Mann. Ein ganzes Ende größer als ich, Mitte 40, scharf geschnittenes Gesicht mit schmalen Lippen. Seine Augen waren dunkel und blickten wahlweise leicht amüsiert oder leicht irritiert. Seine Ohren standen etwas ab, was er geschickt mit dem Haarschnitt kaschierte, der kürzer war, als ich es bei Männern eigentlich mag.
Er hatte schöne schmale Hände ohne Schmuck, also auch ohne Ehering. Aber das hieß ja erst mal überhaupt nichts. Verheiratet wirkte er nicht und schwul? Nein, das konnte ich mir wirklich nicht vorstellen. Die Kühle seiner Stimme passte zu den Farben seines Anzuges. Ein dunkles mattes monochromes Blau, das Hemd hatte einen Stich ins rosé, die Krawatte war zwar edel, aber ein bisschen langweilig.
Vor mir saß ein Mann, der mir gefiel. Punktum. Und ich musste aufpassen, dass der heutige Abend nicht den Auftakt zu meiner Rückentwicklung zum Weibchen einläutete.
Seine Umgangsformen schienen tadellos zu sein. Obwohl es ja nur Äußerlichkeiten sind … ich habe trotzdem was gegen Männer, die mit den Fingern essen und sich anschließend die Fleischbrocken aus den Zähnen bohren, auch wenn das so schön alternativ ist.
Ein Relikt meiner bürgerlichen Erziehung, in der der virtuose Gebrauch der Hummergabel höher eingeschätzt wurde, als beim Kegeln alle Neune umzubolzen.
Ich schnüffelte. Nein, er benutzte kein Rasierwasser oder Herrenparfum. Er schien auch kein Raucher zu sein. Nahezu perfekt. Denn nichts ist ekelhafter, als einem Mann näher zu kommen, aus dessen Poren der Teer tropft, der nicht nach Haut, sondern nach alten Zigarettenkippen riecht.
Der Aperitif riss mich aus meinen Gedanken. Mein trockener Sherry und sein Campari mit Eis standen bereit. Er hob sein Glas.
»Ich habe Sie schon mal im Radio gehört«, stellte er fest.
»Sie machen mich verlegen«, sagte ich und es sollte ironisch klingen.
»Ich weiß, dass Sie klare Worte lieben und das zu Ende führen, was Sie anfangen. Sie lassen niemandem im Interview entkommen, für meinen Geschmack könnten Sie Ihren Stil aber noch etwas verfeinern. Aber es macht Spaß, Ihnen zuzuhören, auch wenn ich den real existierenden Kapitalismus nicht so ablehne, wie Sie es zu tun scheinen. Lassen Sie uns darauf anstoßen, dass unsere Bekanntschaft für beide angenehm und erfolgreich sein wird.«
Endlich ein Minuspunkt: Er hörte sich gerne reden! Genau wie ich. Aber auch ich habe kurze Ansprachen für fast jede Gelegenheit in meinem Repertoire. Ich lächelte süß, hob mein Glas, versuchte, mich in seine Augen zu vertiefen und sprach: »Es freut mich, dass Sie meine Arbeit schätzen. Und ich hoffe, dass Sie mir mit Informationen über das schreckliche Ende Ihres Neffen weiterhelfen können. Dass dieses Treffen in einem so netten Rahmen stattfindet, freut mich besonders. Wenn Ihr Neffe ermordet worden ist, so werde ich das rauskriegen. Auch ich möchte mit Ihnen auf unsere neue Bekanntschaft anstoßen.«
Ich hob mein Glas, schaute ihm noch tiefer in die Augen und wir tranken. Und als der Klavierspieler im hinteren Teil des Restaurants wie auf Kommando anfing, die Tasten zu malträtieren, wartete ich nur auf seinen Satz: »Schau mir in die Augen, Kleines«. Aber, das tat ich ja ohnehin schon. Außerdem hatte der Pianist nicht »As time goes by«, sondern die »Love Story« im Programm. Doch Bierstadt war nicht Casablanca. Und ich war nicht Ingrid Bergman und er hatte auch nicht die geringste Ähnlichkeit mit Humphrey Bogart, denn er sah um Längen besser aus.
Er leerte sein Glas und winkte die Vorspeise heran, mit der Luigi schon wartete. So mit einer ganz legeren, fast unsichtbaren Handbewegung, in deren Unmissverständlichkeit etwas Gewalttätiges lag. Etwas, das den geringsten Widerspruch oder eine fahrlässige Nichtbeachtung mit einer saftigen Strafe belegen würde. Der Mann war hart und duldete nicht die geringste Missachtung seiner Befehle!
Zweiter Minuspunkt also: Super-Macho mit tyrannischem Einschlag. Luigi wieselte mit den Antipasti-Tellern heran. Wir speisten göttlich und ich erfuhr die Geschichte. Die Geschichte von Richie Mansfeld, dem Sohn seiner Schwester, die früh an Krebs gestorben war. Er hatte ihn aufgezogen – oder was er dafür hielt – und auf die Hotelfachschule geschickt, damit er später die Restaurants des Onkels – er besaß noch zwei weitere – übernehmen konnte.
»Doch Richie ging seine eigenen Wege, er entglitt mir«, seufzte Michael Muradt tief und quälte die ›dolce santa brigida‹ mit seinem silbernen Dessertlöffel, »er vernachlässigte seine...




