Wollenhaupt | Grappa und die keusche Braut | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 20, 183 Seiten

Reihe: Maria Grappa

Wollenhaupt Grappa und die keusche Braut

Maria Grappas 20. Fall
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-89425-812-2
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Maria Grappas 20. Fall

E-Book, Deutsch, Band 20, 183 Seiten

Reihe: Maria Grappa

ISBN: 978-3-89425-812-2
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sechzehn tote Schüler und eine verletzte Lehrerin - das ist die schreckliche Bilanz eines Amoklaufs. Auch der mutmaßliche Schütze Patrick Sello gehört zu den Toten. Der 18-Jährige, der sein Vorhaben im Internet ankündigte, hat sich am Ende selbst erschossen. Doch auf der großen Trauerfeier mit vielen Betroffenheitsreden kommen Polizeireporterin Maria Grappa Zweifel am Tathergang. Denn Patricks Freundin beschuldigt die einzige Überlebende des Amoklaufs, die verletzte Lehrerin, die Jugendlichen auf dem Gewissen zu haben. Das Motiv: gnadenloses Mobbing durch die Schüler. Grappa geht der Sache nach und findet sich in einer Welt wieder, in der nur Mord real ist ...

Gabriella Wollenhaupt, Jahrgang 1952, arbeitet als Fernsehredakteurin in Dortmund. Ihre freche Polizeireporterin Maria Grappa hatte 1993 ihren ersten Auftritt. Seitdem stellte sie ihre Schlagfertigkeit in mehr als zwanzig F?llen unter Beweis.
Wollenhaupt Grappa und die keusche Braut jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Schock im Schloss


Ich erinnere mich noch genau. Es war der Montag nach einem wunderbaren Wochenende, das wir ganz entspannt verbracht hatten. Mein Frühstücksgast mochte sein Spiegelei von zwei Seiten gebraten. Gerade als ich es auf dem Bratenwender balancierte, schlug mein Handy Alarm. Der Klingelton signalisierte, dass der Anrufer auf meiner Freundesliste stand.

»Gehst du mal bitte dran?«, sagte ich.

Friedemann Kleist griff nach dem Apparat, der auf dem Küchenschrank lag. »Hier bei Maria Grappa«, hörte ich ihn sagen. Inzwischen war es mir gelungen, das Ei zu wenden.

»Pöppelbaum!« Kleist reichte mir das Mobiltelefon.

Ich stellte die Kochplatte aus.

»Na? Mal wieder ganz mit Privatleben beschäftigt?«, fragte der Bluthund.

»Geht dich das etwas an?«, erkundigte ich mich zuckersüß. »Was gibt es? Ich hab heute frei.«

»Na dann, einen schönen Tag.«

»Nun sag schon!«

»Geiselnahme. Im Schloss Waldenstein.«

Ich warf einen kurzen Blick auf Kleist. Er hatte sich hinter dem Bierstädter Tageblatt versteckt.

»Erzähl mehr!«, bat ich. Nur nicht zu viel fragen, dachte ich, sonst verwandelt sich mein Gast gleich wieder in den Kommissar.

»Genaues weiß man nicht«, sagte Pöppelbaum. »Die Bullen sperren gerade alles ab. Das Spezialkommando ist angefordert und es wurde eine Nachrichtensperre verhängt. Das haben wir bestimmt mal wieder diesem verdammten Kleist zu verdanken!«

Ich schluckte. Warum wusste der gerade Verdammte nichts von der Sache? Dann erinnerte ich mich. Er hatte sein Handy gestern Abend abgestellt, denn wir wollten es uns gemütlich machen. Auch er hatte ein paar freie Tage.

»Wo treffen wir uns?«, fragte ich.

Kleist ließ die Zeitung sinken und fixierte mich mit leisem Amüsement. Ich wusste genau, was er dachte. Dass wir beide nicht wirklich in der Lage waren, unsere Arbeit zu vergessen.

Pöppelbaum schlug den Parkplatz einer Gaststätte vor, eines Ausflugslokals, das sich in der Nähe des Internates befand. Ich versprach, so schnell wie möglich dorthin zu kommen.

»Tut mir leid«, seufzte ich. »Du solltest dein Handy einschalten. Es müssten einige Anrufe drauf sein. Es gibt eine – wie nennt ihr das? – Bedrohungslage.«

»Wir beide haben aber doch frei«, lächelte er. »Hast du mir gestern Abend nicht erzählt, dass jeder Mensch ersetzbar ist und man die eigene Bedeutung überschätzt?«

»Stimmt. Aber diese Geschichte kann ich nicht auslassen.«

»Dann viel Vergnügen.« Der leitende Hauptkommissar der Bierstädter Kripo machte keine Anstalten, sich vom Frühstückstisch zu entfernen.

»Ich bin dann mal weg«, kündigte ich an. »Man sieht sich. Du kannst mein Spiegelei haben. Aber dreh es erst auf die andere Seite. Du magst doch keine Weicheier.«

»Ich werde den Kampf mit den Eiern mannhaft bestehen, liebe Maria.«

Irgendwie wirkte er aufmüpfig.

Ich schenkte mir das Make-up, setzte eine Sonnenbrille mit großen Gläsern auf und stieg in mein Cabrio. Mühsam sprang der Motor des alten Wagens an – bald war wohl ein neueres Modell fällig. Der Gedanke, mich von dem Schwarzen zu trennen, tat weh – ich liebte jede Macke im Lack und störte mich nicht im Geringsten daran, dass der elektrische Dachheber immer lahmer wurde. Der Wagen begleitete mich seit zehn Jahren und hatte inzwischen – genau wie ich – einige Wehwehchen und Blessuren.

Während der Fahrt wählte ich Pöppelbaums Handynummer.

»Ich konnte eben nicht reden«, sagte ich. »Wer hat wen als Geisel genommen?«

»Ein Schüler seine Klasse. Mehr ist noch nicht bekannt.«

»Wie nah kommst du an das Gebäude ran?«

»Vergiss es. Mit einem Zoom kannst du gerade mal ein bisschen Gemäuer sehen. Die Kamerateams fluchen wie die Teufel. RTL wollte einen Heli chartern, doch der kriegt keine Flugerlaubnis.«

»Und was knattert da im Hintergrund?«

»Die Polizeihubschrauber«, antwortete der Bluthund. »Übrigens ist eine Pressekonferenz vor Ort angekündigt. In einer halben Stunde.«

»Dann bin ich da«, kündigte ich an. »Fotografier alles, was sich bewegt, und …«

»… alles, was sich nicht mehr bewegt«, vervollständigte Pöppelbaum meinen Satz. »Wer war denn eben der Mann in deiner Hütte?«

Ich beendete das Gespräch.

Was wusste ich über Schloss Waldenstein? Eigentlich nur, dass es ein Internat war, in das reiche Eltern ihre Kinder schickten, damit sie das Abitur bestanden. Ein Gymnasium mit Hotelbetrieb, Restaurant, Sportanlagen und Reitstall. Altes Gemäuer aus dem 19. Jahrhundert, umgeben von einem Park. Das Ganze mitten in einem Wald. Die Waldensteiner waren bislang publizistisch unauffällig geblieben – wenn man von einem Schwelbrand, der alljährlichen Theateraufführung zu Weihnachten und einem Reitturnier absah. Irgendwann hatte ich mal gelesen, dass eine Schülerin einen bundesweiten Wettbewerb gewonnen hatte. Sie hatte auf die Fragen, wann zum ersten Mal ein Herz transplantiert und der Gummireifen erfunden worden war, die richtigen Antworten gegeben.

Mehr wusste ich nicht. In diesen Zeiten, in denen sechzigtausend Menschen in Bierstadt von Hartz IV lebten, interessierte ein knappes Hundert Sprösslinge gut betuchter Eltern erst einmal niemanden.

Blaulicht blitzende Polizeiwagen überholten mich aufgeregt. Hubschrauber dröhnten in der Luft. Noch drei Kilometer bis zu dem Parkplatz, auf dem ich mit Pöppelbaum verabredet war.

Ob Kleist wirklich seelenruhig die Spiegeleier verputzte, die Zeitung zu Ende las und sein Handy standhaft ignorierte?

Die Zufahrt zu der Gaststätte war frei zugänglich. Ich hatte mein Auto gerade erst auf den Parkplatz gelenkt, als Pöppelbaum schon auf mich zukam.

»Ich hab da eine Idee«, überfiel er mich.

»Lass mich erst mal aussteigen!« Ich blickte mich um. Von hier aus war das Schloss nicht zu sehen – hohe Bäume versperrten die Sicht.

»Ich hatte früher mal ein Mädel hier. Katharina. Tochter von so einem Brauereifritzen aus dem Sauerland. Die lebte im Schloss.«

»Und? Die muss doch inzwischen fünfunddreißig sein«, meinte ich. »Oder versucht sie noch immer, das Abi zu schaffen?«

Der Bluthund grinste. Neuerdings trug er das Haar kurz und gegelt und warf sich gern in einen Wildhüter-Look mit kakifarbenen Hosen.

»Um zehn Uhr abends mussten die Insassen im Schloss sein«, berichtete er weiter. »Aber Kathy und ich wollten uns in der Nacht zum Knutschen treffen. Also suchten wir einen Weg, wie ich heimlich ins Schloss gelangen konnte. Es ist nie was aufgefallen und wir hatten auf unserer Parkbank manch heiße, romantische Stunde.«

»Wayne! Das hört sich nach Endzeitgesabbel eines Kerls an, der in die Midlife-Crisis stolpert«, stellte ich fest. »Verschone mich bitte mit weiteren Details.«

»Warum musst du immer so grob sein?«, klagte er. »Vielleicht gibt es den Weg von damals noch. Wir könnten versuchen, ihn zu finden. Dazu müssen wir durch den Wald. Und wenn die Lücke in der Mauer noch besteht, sind wir ruck, zuck am Schloss.«

»Zuerst hören wir uns mal an, was der Einsatzleiter zu verkünden hat.« Ich schaute auf die Uhr. »Die Pressekonferenz beginnt gleich. Los.«

Den Weg bis zum Schloss gingen wir zu Fuß. Während wir liefen, rief ich Peter Jansen an und teilte ihm mit, dass ich an der Sache dran sei.

»Der freie Tag verfällt nicht, Grappa«, versprach er. »Und danke, dass du uns nicht hängen lässt. Ich selbst muss jetzt ins Rathaus. Es ist eine Haushaltssperre verhängt worden, weil im Etat ein Loch klafft. Hundert Millionen. Und keiner will es gewusst haben.«

Die Polizei hatte Zäune aufgestellt und Sperrbänder gezogen. Sie ließ nur Journalisten auf das Gelände. Presseausweis war Pflicht.

»Ich will rein!«, schrie eine Frau. »Meine Tochter ist da drin. Lassen Sie mich los!«

Sie trat einen der Beamten gegen das Schienbein. Der Mann packte sie an den Armen, erstickte so ihre Bewegungen. Die Mutter schluchzte zum Erbarmen und wurde weggeführt. Pöppelbaum fotografierte die Sache. Bestens. Verzweifelte Angehörige machen sich immer gut in der Zeitung.

Nun wurden wir kontrolliert. »Der Pressewagen steht fünfzig Meter weiter auf der rechten Seite.«

Ich nickte. Die mobile Pressestelle der Bierstädter Kripo war mir bekannt. Über uns machte ein Polizeihubschrauber Anstalten zu landen. Der Wind fuhr mir in die Frisur und unter die Jacke.

Pöppelbaum hielt drauf. Mit der Fotokamera und der Sony. Die Fotos für das Tageblatt und die bewegten Bilder für den WDR.

Der Heli hatte nun auf dem Schulhof aufgesetzt und die Tür öffnete sich. Friedemann Kleist sprang heraus, begleitet von zwei weiteren Beamten. Ich grinste. So viel zum Thema ›Jeder Mensch ist ersetzbar‹, dachte ich.

Der Leiter der Polizeipressestelle hatte bereits einige Kollegen um sich versammelt – Kameras und Aufnahmegeräte waren in Position gebracht.

»Danke, dass Sie gekommen sind«, begann der Sprecher. »Wir haben es mit einer außergewöhnlichen Situation zu tun.«

In diesem Augenblick trat Friedemann Kleist hinzu. Der Pressestellenleiter stutzte, doch Kleist deutete mit einem Kopfnicken an, dass er weitermachen sollte.

»In der Schule gibt es eine Geiselnahme. Es handelt sich um einen Deutschkurs der Klasse 11. Vermutlich hält seit Beginn der ersten Stunde einer der Schüler die Lehrerin und seine fünfzehn Klassenkameraden mit Waffengewalt fest.«

»Haben Sie Kontakt zu dem Geiselnehmer?«, fragte...


Gabriella Wollenhaupt, Jahrgang 1952, arbeitet als Fernsehredakteurin in Dortmund. Ihre freche Polizeireporterin Maria Grappa hatte 1993 ihren ersten Auftritt. Seitdem stellte sie ihre Schlagfertigkeit in mehr als zwanzig FŠllen unter Beweis.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.