Wollenhaupt Grappa dreht durch
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-89425-983-9
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die legendäre Reihe um Kultermittlerin Grappa: ihr 4. Fall
E-Book, Deutsch, Band 4, 234 Seiten
Reihe: Maria Grappa
ISBN: 978-3-89425-983-9
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gabriella Wollenhaupt, Jahrgang 1952, arbeitet als Fernsehredakteurin in Dortmund. Ihre freche Polizeireporterin Maria Grappa hatte 1993 ihren ersten Auftritt. Seitdem stellte sie ihre Schlagfertigkeit in mehr als zwanzig Fällen unter Beweis.
Autoren/Hrsg.
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Eine Tür zum Dach
Der Mann aus meinem Traum ließ mich nicht mehr los. Nach einem opulenten Frühstück mit Bertha dachte ich nach. Alles war so konkret gewesen: Das Zimmer, das nicht meins war, die Aussagen des Unbekannten, der sich für tot hielt, und der dreiste Duft der Hyazinthen.
Ich nahm mir ein paar Stunden Zeit und durchforstete das Pressearchiv der Bibliothek. Doch nirgendwo fand ich einen Hinweis auf einen Mann, der sich vom Dach des neuen Verlagshauses in den Tod gestürzt hatte.
Ich war drauf und dran die Sache zu vergessen, sie einfach abzulegen in eine Schublade meines Gehirns, die ich nicht mehr öffnen würde. Er hatte mich aufgefordert, seinen Mörder zu finden, doch wo sollte ich ihn suchen, wenn es noch nicht mal eine Leiche gab?
Ich hatte Bertha von dem beklemmenden Traum erzählt. Doch auch sie wusste keinen Rat.
»Vergiss das Ganze«, meinte sie, »du machst dich sonst völlig verrückt.«
Also vergaß ich das Ganze und wandte mich meinem Tagesgeschäft zu, dem Schreiben von Zeitungsberichten, die den Lesern ein Teil der Wahrheit oder der Wirklichkeit vermitteln sollten.
Das »Bierstädter Tageblatt« war noch immer mein Haupternährer, doch ich arbeitete auch für Radios und Fernsehanstalten, rezensierte Neuerscheinungen und schrieb Kochbücher. Vorzugsweise über die »Italienische Küche«. Für ein Gourmet-Magazin veranstaltete ich ab und zu Wochenendseminare, in denen gut betuchte Managergattinnen für 2000 Mark pro Wochenende lernen konnten, wie man Spaghetti auf den Punkt kocht. Ich war an den Seminaren mit 30 Prozent beteiligt, was die roten Zahlen auf meinem Konto in den schwarzen Bereich brachte.
Ein ruhiges Leben – zu ruhig für meinen Geschmack. Es war Zeit, dies zu ändern.
Etwa eine Woche nach dem Traum fuhr ich mit meinem Auto am Bierstädter Hauptbahnhof vorbei. Eigentlich war ich in Eile, doch als ich das Verlagshochhaus sah, das sich neben der Straße protzig erhob, stoppte ich und suchte mir einen Parkplatz.
Dann stand ich davor. Das Haus bestand aus zwei Gebäudeteilen. Ein fast dreieckiger Bau mit abgerundeten Linien – er wurde »Tortenstück« genannt – schmiegte sich in die Kurve der Straße, dahinter erhob sich der hohe schlanke Turm der achtzehn Etagen. Viel Glas war verbaut worden, Edelstahl und Marmor. An einer schmalen Seite sausten gläserne Fahrstühle auf und ab.
Ich trat durch das Portal und stand verloren in einer fünfstöckigen Halle, die von der Frühlingssonne durchflutet wurde. Mein Blick fiel auf Kunst. Ein überlebensgroßer kupferner Mann reckte zwei lange Arme in die Luft – so, als wolle er die ganze Welt umfassen. Ein Bildhauer aus den neuen Bundesländern hatte hier gewirkt.
Ich sah mir den Burschen näher an. Unter der Brust des kupfernen Kerls wölbte sich ein strammer Hintern, während er die Geschlechtsteile unter dem Rücken trug. Die Skulptur hieß »Aufwärts«. Wohl ein Sinnbild für das engagierte Unternehmertum in Bierstadt.
Der Fahrstuhl schwebte aus halber Höhe nach unten. Ich wollte ihn gerade besteigen, als mich der Pförtner ansprach. Er sei verpflichtet, jeden Besucher in ein Buch einzutragen. Warum nicht? Ohne zu überlegen, nannte ich ihm einen falschen Namen.
Ich betrat den Lift und drückte auf die Nummer 18. Vornehm leise schloss sich die Fahrstuhltür, und ich schwebte – nur von Glas umrahmt – nach oben. In nur 18 Sekunden bis unters Dach, so hatte ich gelesen.
Ich schloss die Augen, als die Autos unter mir immer kleiner wurden und mein Magen Flügel bekam.
Oben angekommen, betrat ich zögernd den marmornen Boden. Und wurde schon wieder mit Kunst konfrontiert. Ein kleiner Bruder des Herrn aus der Halle saß nachdenklich auf einem Stuhl und war in ein Buch vertieft. Seine Augen waren tot.
»Hallo, Süßer!«, sprach ich ihn an. Er regte sich nicht. Ich ließ ihn auch links liegen und schaute mich um. Die Sicht war atemberaubend. Zur Straße hin konnte man die gesamte Stadt überblicken, Miniaturzüge fuhren rückwärts in den Hauptbahnhof ein und rechts sah man einer Bierstädter Brauerei aufs große leuchtende »U«, dem Firmenzeichen. Die Sonne schien, und die Luft war so klar, dass ich kilometerweit sehen konnte. War dies der Blick aus dem Fenster meines Traumes gewesen? Ich wusste es nicht mehr. Wie es wohl ist, von hier oben in die Tiefe zu springen?, fragte ich mich. Wie fühlt sich ein Springer, wenn auf halbem Weg die Gewissheit kommt, eine grundlegend falsche Entscheidung getroffen zu haben?
Ich atmete ein paar Mal tief ein, überzeugte mich, dass ich allein war, und begann mit meiner Suche. Wie war es möglich aufs Dach zu kommen? Alles schien dicht. Ich überprüfte einige Türen in der Nähe des Fahrstuhls. Schwerer Stahl. Ich drückte die Klinken herunter, sie waren verschlossen.
Ein zischendes Geräusch ließ mich erschrecken. Jemand holte sich den Fahrstuhl. Er schwebte leise nach unten und ließ mich allein. Ich hörte den Frühlingswind, der sich unter dem Dach verfing. Ein fremdes, unwirkliches Brausen.
So kam ich nicht weiter. Unschlüssig ging ich einen Flur entlang und überprüfte die Firmenschilder an den weißen Türen. Moderne Dienstleistungsbetriebe tummelten sich hier oben: Druckereien, Fotolabors, Softwarefirmen.
Eine der Türen öffnete sich plötzlich, und ein junger Mann quälte sich auf den Flur. Ich war erleichtert, hier oben jemanden zu sehen. Mit beiden Händen hielt er einen großen Pappkarton. Er fluchte leise, denn das Ding war schwer.
Ich konnte noch nie mit ansehen, wenn Männer schwer tragen müssen. Ich griff zu.
»Danke!«, meinte er verblüfft. Wir schleppten den Karton in Richtung Aufzug.
Der gläserne Korb surrte heran, war da, wir stiegen ein und setzten den Pappbehälter auf dem Boden ab.
»Uff!«, gab er bekannt. »Wollen Sie auch nach unten?«
Ich widersprach nicht. »Arbeiten Sie hier oben?«, fragte ich ihn, nachdem sich die Tür geschlossen hatte. Er blickte mich an, als hätte ich ihn aus wichtigen Gedanken gerissen.
»Ich bin Chef des Computer-Print-Service!«, enttarnte er sich und fügte stolz hinzu: »Das ist ein ganz neuer Betrieb für Text- und Bildverarbeitung. Fotos und Texte können wir in wenigen Minuten druckfertig und in höchster Qualität erstellen. Bis zum postfertigen Mailing.«
»Das ist ja toll!« Ich strahlte ihn an, als hätte ich nur auf diese Enthüllung gewartet. Er war knapp über zwanzig, sah aus wie ein Schuljunge, trug einen Bürstenhaarschnitt, einen Anzug in einem frechen Grau und eine Krawatte mit kleinen Donald Ducks. Er war der Typ des cleveren Jungunternehmers, der das Wort »Arbeiter« nur aus Betriebswirtschaftsbüchern kennt und »Solidarität« für eine ansteckende Krankheit hält.
Ich beschloss, den Dialog mit ihm auf das Wesentliche zu beschränken.
»Wie kommt man eigentlich aufs Dach?«, fragte ich.
»Auf welches Dach?«
»Auf das Dach dieses Hauses!«
»Was wollen Sie denn da oben?«
Er starrte mich an wie eine potenzielle Selbstmörderin.
»Meine Frage ist rein theoretisch«, stellte ich klar, »ich bin nicht schwindelfrei und froh, wenn ich wieder aus diesem Aufzug raus bin und festen Boden unter den Füßen habe.«
Wir waren unten angekommen. Die Tür öffnete sich, um uns in das Foyer auszuspucken. Ich war erleichtert, eine Menge Menschen zu sehen, die kamen, gingen, redeten und warteten.
Ich wiederholte meine Frage nach dem Weg zum Dach.
»Da gibt es eine schmale Treppe«, erinnerte er sich, »ich hab da mal Handwerker raufgehen sehen. Die Stufen führen zu einer schweren Eisenklappe, die geöffnet werden kann. Die Stufen allerdings sind noch mal durch eine Stahltür abgesichert, die immer verschlossen ist.«
»Sind Sie mal auf dem Dach gewesen?«
»Um Himmels willen! Mir reicht die Aussicht aus meinen drei Bürofenstern.«
»Hat sich mal jemand vom Dach gestürzt?«
Er bekam wieder seinen misstrauischen Blick und zögerte mit der Antwort. Die verbale Konfrontation mit dem Leben außerhalb von Post-Mailing und Profit machte ihn unsicher.
»Also – war da mal was? Ein Unfall vielleicht?«
»Nicht, dass ich wüsste!«, kam es dann. »Die Tür ist immer verriegelt. Hab ich Ihnen ja bereits gesagt.«
»Wo ist der Schlüssel zu der Tür?«
»Keine Ahnung. Warum wollen Sie das eigentlich wissen?«
In seinem Blick kamen wieder Zweifel hoch, ob er es nicht doch mit einer lebensmüden Frau mittleren Alters zu tun hatte. Ich ließ ihn stehen, deutete eine Verabschiedung an.
»Moment, ich muss Sie wieder austragen!«, sagte eine Stimme hinter mir. Es war der Pförtner, der seinen Platz hinter dem Empfang verlassen hatte, und mir gefolgt war.
»Warum so viel Aufwand?«, wollte ich wissen.
»Anweisung. Jeder, der das Haus betritt und verlässt, wird ein- und ausgetragen. Sicherheitsmaßnahmen.« In seiner Stimme schwang Stolz über das ausgeklügelte Überwachungssystem.
»Und wenn jemand einen falschen Namen nennt?«
»Ich hab einen Blick für Menschen«, prahlte er. »Sie waren doch Frau Meier, oder?«
Ich nickte und lobte sein Gedächtnis. Zufrieden trollte er sich.
Draußen war die Luft frühlingshaft kühl. Langsam schlenderte ich in Richtung Parkplatz. Warum hatte ich einen falschen Namen angegeben? Ich wusste es nicht. Ich werde langsam komisch, dachte ich, erst dieser blöde Traum und nun eine Lüge, die zu nichts nutze war.
Unter meinem Scheibenwischer prangte ein Gruß des Bierstädter Straßenverkehrsamtes: Man wollte einen Zehner von mir, weil die Parkuhr abgelaufen war. Gerade mal fünf Minuten. »Diese Frauen lauern in Bierstadt hinter jedem...




