E-Book, Deutsch, 332 Seiten
Wolkner Morgenreport
3. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7494-6146-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Meine EuroPride-Fiesta in Köln
E-Book, Deutsch, 332 Seiten
ISBN: 978-3-7494-6146-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martin Wolkner wurde 1980 im Ruhrgebiet geboren, studierte englische und deutsche Sprachwissenschaften, Film/Fernsehen sowie zusätzlich ein bisschen Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum und University of Hull. Er war als Übersetzer, Journalist, Filmkritiker, Untertitler und Leiter des Filmfests homochrom in Köln und Dortmund sowie des Litfests homochrom in Köln tätig. 2015 erschien sein Roman 'Vollmondbraut' von 2009. 2019 folgte neben dem Roman 'Morgenreport' von 2002 auch der Gedichtband 'immer (noch) wahr - 80 Gedichte' sowie die Novelle 'Wo Wolken enden' von 1999-2000, welche als 'Where Clouds End' in Englisch verfügbar ist.
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Vorreport
Verdammt, war das ein Sommer!
Und dieses eine Wochenende, das CSD-Wochenende, vielmehr das EuroPride-Wochenende in Köln, von dem ich hier berichten werde, hatte es ganz speziell in sich.
Wir waren jung, wir waren Singles und wir wollten einfach nur eine gute Zeit haben. Und die hatten wir – und wie!
Wir drei waren schon ein tolles Gespann: Jazz, Spray und ich.
Jazz ist meine beste Freundin, ein Jahr älter als ich und heißt eigentlich Jasmin. Jazz war natürlich zuerst eine simple Verkürzung, aber dann fanden wir Jungs heraus, dass sie Jazz-Musik von ganzem Herzen verabscheute und sich zumindest anfangs maßlos ärgerte, wenn wir sie so nannten. Aus dem Grund riefen wir sie nur umso häufiger bei diesem Spitznamen.
Leider – oder eigentlich zum Glück – war sie vor knapp drei Jahren zum Studium nach Köln gezogen. Deswegen, und weil sie ihrer Meinung nach in einem vorigen Leben in der Domstadt gelebt hatte, nannten wir sie auch mundartlich dat Cöllsche. Nachdem ich nur wenige vergangene Männergeschichten aus ihr hatte herauskitzeln können – sie hatte unter anderem eine kurze Affäre mit einem stinkreichen Jungunternehmer, der sie immer auf irgendwelche High-Society-Partys mitgeschleift hatte – verfiel sie sofort dem Charme der Homohauptstadt und einer ganz besonders hübschen jungen Dame, Sarah, mit der sie auf Anhieb zweieinhalb Jahre zusammenblieb. Das heißt, bis sich Sarah in diesem Frühjahr aus bislang unbekannten Gründen von ihr trennte.
Sarah begann am Montagmorgen nach einem extrem romantischen Wochenende Ende Mai zu weinen und erzählte Jazz nach einer halben Stunde Flennerei irgendeinen unsinnigen Stuss, der so viel wie eine Trennung darstellte. Jazz rannte aus ihrer Wohnung und rief mich umgehend an. Ich ließ, ohne zu zögern, meine Vorlesung sausen und fuhr sofort zu ihr nach Köln, um sie aus der Obhut einiger ihrer dortigen Freunde abzuholen, sie zu trösten und zu ihren Eltern in unserer gemeinsamen Heimatstadt im Ruhrgebiet zu fahren. Ich trommelte Spray an diesem Abend hinzu und wir versuchten, sie abzulenken, indem wir gemeinsam in jenes Kino gingen, in dem wir drei uns vor vielen Jahren bei einer Überraschungspremiere kennengelernt hatten, und dort eine Komödie nach Jasmins Wahl anschauten.
Alex ist mein bester Freund und durch und durch hetero. Seinen Spitznamen Spray hatten wir ihm verpasst, als er sich einmal eine komplette Dose Haarspray auf seinen Kopf sprühte, weil er sich eine Playmobil-Frisur machen wollte. Seine Frisur hatte wirklich so ausgesehen wie die jener Plastikfiguren, jedoch hatte ich große Befürchtungen gehegt, dass seine Haare abbrechen könnten. Als wir am nächsten Morgen in Jasmins Wohnung aufwachten, saß seine Frisur nach wie vor bombensicher, als wäre er aus einer Werbung entsprungen: "Ruhrpott – stürmische Nacht – perfekter Halt". Nachdem er sich fünfmal die Haare gewaschen hatte, war das Zeug noch immer nicht gänzlich entfernt.
Alex hat manchmal autoritäre Anfälle, weshalb wir ihn auch den Major nennen. Er war in jenem Sommer auf der Zielgeraden seiner Ausbildung als Landschaftsgärtner, hatte also noch nicht zum Militär gemusst. Ob er seiner Einberufung folgen oder wie ich verweigern würde, konnten Jazz und ich beim besten Willen nicht vorhersehen. Selbst Spray war sich manchmal nicht ganz so sicher, ob er zur Bundeswehr gehen sollte. Er hatte zwar einen Hang zu Machthierarchien, sah andererseits wenig Sinn in einem Zwangsdienst für ein Volk, dass keine offizielle Armee haben durfte und zwei Weltkriege angezettelt hatte.
An jenem Montagabend, als wir drei aus dem Lichtspielhaus heraustraten und unsere Mobiltelefone wieder anschalteten, klingelte nach einem kurzen Augenblick eines unserer Handys. Es war Sprays – eine SMS seiner Freundin Mareike, mit der er seit einem Jahr zusammen war. Sie schrieb: "ICH LIEBE DICH NICHT MEHR! ES IST AUS! ICH VERLASSE DICH! HOLE SA MIT MEINEM NEUEN SASCHA MEINE SACHEN AB. ER VERSTEHT MICH – DU NICHT!"
Da hatten wir gerade Jazz aufgepäppelt und mussten nun Spray auffangen. Er verlangte, sofort einen Trinken zu gehen, und ich gab mir die größte Mühe, ihn und die weiterhin selbstmitleidige Jazz abzulenken und aufzumuntern. Meine Mühe war vergebens, denn als die beiden stockbesoffen waren, bekamen sie erst recht einen Heulkrampf und ich musste sie mit viel Zerrerei in mein Auto bugsieren und zu Alex fahren.
Ich bin Ben. Hin und wieder werde ich von Spray Kleiner genannt. Er ist zwar ein klitzekleines Stückchen größer als ich, aber ein Jahr jünger. Meistens bin ich für die beiden jedoch Disco. Warum, das weiß ich nicht mit Gewissheit, den bislang wollten die beiden mich nicht in ihr Geheimnis einweihen. Es könnte daran liegen, dass ich ihnen mal einen Disco-Toaster gezeigt habe (fragt lieber nicht!). Ausschlaggebender war aber höchstwahrscheinlich, dass ich die beiden schon lange vor Jazz' Konvertierung ständig in irgendeine Disse mitschleifen wollte. Als ich die beiden wegen Hildegard Knef endlich so weit hatte, mit mir zum überwältigenden Gay Happening in die Königsburg zu gehen, gab es keinen Halt mehr und ich konnte sie zu jeder Homoparty in der Gegend mitnehmen: Ob zur guten alten Boys im Bahnhof Langendreer, zur ledrig-harten Mandanzz in der Zeche Carl, Cruise & Queer im Ringlockschuppen, Doppelherz in der Lindenbrauerei, Freezone in der alten Thier-Brauerei, zur punkigeren bang! in Oberhausen, auch mal zur Don't Tell Mom! in Bonn oder zur Emergency in Münster und selbstverständlich ins neue Lulu III in Köln. Jedes Wochenende gab es irgendwo anders etwas zu feiern. Und wenn wir unter der Woche noch immer nicht genug hatten, gingen wir manchmal mittwochs ins Kölner Neuschwanstein, donnerstags ins legendäre Café Rosa Mond in Düsseldorf, welches älter als selbst dat Cöllsche war, oder an Freitagen zur 70er-80er-Party, denn dann war das Stargate in Bochum am erträglichsten. Wir waren viel unterwegs, sehr viel, denn die riesige Metropolregion Rhein-Ruhr war unsere Dorf.
Spray liebte die Atmosphäre und meistens auch die Musik auf den Schwulenpartys und gierte förmlich nach mehr. Leider konnte ich ihnen das alte Lulu II nicht mehr zeigen. Das hätte ihm gefallen. Eine meiner ernsthafteren Theorien ist, dass Mareike, nie um eine Ausrede mitzukommen verlegen, Alex insgeheim zu schwulenfreundlich fand, um ihn für hetero zu halten. Mein Freund hingegen ging gerne mal mit, aber der war ja auch schwul.
Am Dienstag nach jenem schwarzen Montag besuchte ich wieder regulär die Uni und fuhr anschließend freudig zu Dennis nach Duisburg, um mit ihm unser beider Rekordjubiläum von elf Monaten zu zelebrieren. Ich hatte extra eine besondere Überraschung für ihn im Gepäck, er allerdings für mich eine noch viel größere in petto: An der Tür nahm er mich in den Arm, drückte mich so fest, als wolle er mich nie wieder loslassen, hieß mich dann aber hinzusetzen. Er fragte, ob ich bemerkt hätte, dass er mich nicht geküsst hatte. In böser Ahnung begann ich zu heulen und er sagte mir, ich sei zwar der einzige Mann, mit dem er sich vorstellen könne, für immer zusammen zu bleiben, aber nicht zu dieser Zeit; ich wäre ihm noch zu jung und nicht unabhängig genug. Er war immerhin schon achtundzwanzig und fertigstudiert.
Nach einigen lethargischen Stunden auf Dennis' Sofa raffte ich mich entschlossen auf. Es war schon spät. Ich fuhr direkt zu Sprays schmucker kleiner Wohnung, die seine Eltern bezahlten. Jazz war bei ihm und sie hielten gerade ein Nachtmahl bei alten Schnulzen auf Video ab. Ich klagte meinen Kummer bei einer Tasse heißen Kakaos und durfte mir den nächsten Film aussuchen. Ich wählte 'Die Farbe Lila' und greinte den ganzen langen Film und die ganze Nacht durch.
Vielleicht war es nur ein Zufall, dass wir drei praktisch zur gleichen Zeit Singles wurden, aber wir vermuteten eher, dass es an den Sternen lag, denn in unserem Freundeskreis gingen noch so einige andere Beziehungen in dem Zeitraum kaputt. Einen weiteren Hinweis dafür fanden wir ein paar Tage darauf in der Überschrift einer Boulevardzeitung, in der stand, dass zu dieser Zeit fast die gleiche Sternenkonstellation herrschte wie im Spätsommer davor, als die Türme des World Trade Centers nach der Flugzeugattacke lebensmüder Terroristen wie Kartenhäuser in sich zusammengefallen waren und uns wie den Rest der Welt in Angst und Schrecken gestürzt hatten.
Nach ein paar Tagen Trauerzeit saßen wir samstags wieder in Jazz' Miniapartment zusammen und standen vor einer Entscheidung: weiterhin Trübsal zu blasen oder das Leben zu genießen, auszugehen und Spaß zu haben. Wir entschieden uns fürs Tanzen. Bei keinem von uns brauchte dies viel Überzeugungsarbeit. Zwar fiel es uns an diesem Abend noch recht schwer, unsere neugewonnene Freiheit zu genießen, aber es war ein Anfang.
Wir entschieden uns, etwas in unserem Leben zu ändern: Jazz, typisch für Frauen nach einer Trennung, ließ sich ihre Haare ganz kurz schneiden und blonde Strähnen hineinfärben; weil Spray meinte, er müsse mal etwas unternehmen, um Frauen besser zu verstehen, begann er Reitunterricht zu nehmen; und ich stürzte mich in die Lektüre...




