Wolfgang | Schroeder schreibt | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 196 Seiten

Reihe: Edition Staub

Wolfgang Schroeder schreibt

... fast ein Krimi
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-928249-88-1
Verlag: skript-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

... fast ein Krimi

E-Book, Deutsch, 196 Seiten

Reihe: Edition Staub

ISBN: 978-3-928249-88-1
Verlag: skript-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Tochter eines berüchtigten Politikers wird ermordet. Hingerichtet bei einer obszönen Party. Jedenfalls glaubt das der ehemalige Feuilleton-Redakteur Schroeder, der seine Berufserfahrungen mit einem Gesellschaftsroman krönen möchte. Doch der unheimliche Mord gewinnt zunehmend Macht über ihn. Schließlich gerät Schroeder selbst in Tatverdacht. Er erleidet Panikattacken und sieht sein Ende nahen. Da kommt es zur überraschenden Wendung …

Wolfgang Schroeder schreibt jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


2
Schroeder wohnte in Gimmeldingen. Nach der Trennung von Andrea hatte er sich eine herrschaftliche Eigentumswohnung direkt gegenüber der Kirche gekauft, ein klassizistisches Haus, das einmal für einen Weinkommissär gebaut worden war und deshalb über umfangreiche Kellergewölbe verfügte. Schroeder wohnte im Obergeschoss, das er bei der Renovierung mit einem Balkon zum Gartenhof ergänzt hatte. Hier saß er gerne und sah auf den über den Dächern erkennbaren dunklen Haardtrand. Wenn es das Wetter irgendwie zuließ, holte er sich seinen Laptop und arbeitete auf diesem Freisitz. So ließen sich die Gedanken besser durchlüften, erklärte er den Nachbarn, wenn sie sich wunderten, dass er auch bei frischen Temperaturen und im Halbdunkel etwas in seinen Rechner hämmerte. Er hatte das Schreiben noch nicht aufgegeben. In erster Linie belieferte er seine alte Zeitung mit Kolumnen, es war eine Balance aus direkten Aufträgen und von ihm frei angebotenen Beiträgen. Die komfortable Situation als Freiberufler mit passablem Rentenbezug bescherte ihm jedoch bisweilen einige Verwirrung. Hatte er nichts zu tun, suchte er sich energisch einen Auftrag, weil er sich sonst wie ausrangiert vorkam. Er gehe sich wahnsinnig auf die Nerven, wenn er nicht schreibe, hatte Franz Xaver Kroetz einmal bekannt. Das konnte Schroeder bestätigen, genau so war es. Aber kaum hatte er ein, zwei Termine vor sich, war mit einer Aufgabe intensiver beschäftigt, litt er sofort unter der Belastung, wollte alles nur schnell hinter sich bringen, früher fertig werden, erledigt haben, um das verdiente Nichtstun zu genießen. Doch jeder der beiden widersprüchlichen Vorsätze hatte ein kurzes Verfallsdatum. Manchmal fuhr er in die Redaktion nach Ludwigshafen, um mit den ehemaligen Mitarbeitern in der Kantine zu essen. Sonst hielt er sich vom Verlag lieber fern, er mochte das nicht, wie ein Alterspräsident durch die Büros zu streifen und zu beobachten, was sich alles verändert hatte, was die jungen Leute, die er zum Teil gar nicht mehr kannte, inzwischen anstellten. Er war als Leitender Redakteur ausgeschieden, nachdem er jahrelang das überregionale Feuilleton im Echo geprägt hatte. Kunst, Architektur, Umwelt, Literatur, Gesellschaft waren seine Themen, die er geflissentlich zueinander in Beziehung setzte, über die er nicht berichtete, sondern wortreich erzählte. Konservative Kollegen betrachteten seine Verlautbarungen als Gonzo-Journalismus. Hieß: So könne man vielleicht in Los Angeles arbeiten, aber nicht im Land der Dichter und Denker. Für Schroeder war das Schreiben eine andere, eine zweite Wirklichkeit. Bei Uwe Timm hatte er gelesen, Literatur sei ein utopischer Raum, eine Verweigerung der Nur-Realität, ein grundsätzliches Anders-Sein gegenüber dem Jetzt-und-Hier-Sein. Eben, das war es. Es gab Ereignisse und das Verarbeiten der Ereignisse. Dazu musste man darüber schreiben, die Realität subjektiv herauspräparieren, mit einem Text synchronisieren, so wie es Martin Walser immer wieder schaffte, die Welt in Sprache zu verwandeln. Oder Ror Wolf. Der hatte sich als Wirklichkeitsfabrikant bezeichnet, das gefiel Schroeder, das klang produktiv nach Schaffen und Schöpfen. Ihm ging es nicht um eine Moral, er wollte lediglich einen Assoziationsraum herstellen, in dem er sich auskannte und der durch kluge Abschweifungen auch den Lesern ein Deutungsmuster lieferte und eine eigene Einschätzung erlaubte. Schroeders Texte waren in erster Linie Selbstgespräche, an denen er teilhaben ließ. Bisweilen fürchtete er, dabei unfreiwillig zu viel von sich preiszugeben. Schwer vorstellbar, wie andere Menschen in anderen Berufen das Leben bewältigten und es aushielten, dass sie täglich mit etwas konfrontiert wurden, was ohne ihre Beteiligung an ihnen vorbeiströmte. Natürlich konnte jeder nachdenken, mit Freunden oder Kollegen sprechen. Aber damit war nichts erledigt. Erst indem man eigene Sätze formulierte, eine Beziehung zum Geschehenen herstellte und sich notierte, also aufschrieb, ließ sich die Welt begreifen. Wenn auch überwiegend nur in ihrer unerklärlichen Verfassung. Walser hatte einmal gesagt, durch das Schreiben erfahre er etwas, was er vor dem Schreiben nicht gewusst habe. Wie die Wirklichkeit und ihre literarische Interpretation miteinander korrespondierten, hatte sich Schroeder nie gewissenhaft überlegt. Es passierte eben, ein Glück, dass er schreiben durfte. Es stellte damit einen Sachverhalt her, den er nach Belieben formulieren konnte. Wie der liebe Gott, nur eben mit Worten. Es lag in seinem Ermessensspielraum, ob er das Leben günstiger oder bedrohlicher darstellte, ob sich Lösungen andeuteten oder wenigstens im beschränkten Umfang eines Artikels eine Episode zu einem manierlichen Ende kam. Corriger la fortune war das zugrundeliegende Prinzip seiner journalistischen Arbeit, vergleichbar dem Expressionismus’ eines Franz Marc, der die immer täuschende Natur zerlegte und nach seinem Willen neu zusammenfügte. Nur malte Schroeder eben mit Sprache. Er folgte der Regel show, don’t tell. Das hieß, als Autor formulierte er nicht: Der Freiherr war ein wenig echauffiert, als er die Nachricht vernommen hatte, sondern schrieb: Der Freiherr umklammerte seinen Krückstock und schlug mit dem Silberknauf mehrmals so heftig auf das Teetischchen, dass die zierlichen Sèvres-Tassen, die sich seit Generationen im Familienbesitz befanden, mit wilden Pirouetten über die Mahagoniplatte hüpften und mit einem spitzen Klirren auf dem Marmorboden zersprangen. Das war Metro-Goldwyn-Mayer, nur so konnte man die Leser einbeziehen. Manchmal ertappte sich Schroeder, dass er bereits während seiner Beobachtungen Sätze vor sich hinsagte, als sei er der zugeschaltete Live-Reporter, der dem Publikum erläutern sollte, was gerade passierte. Das verlangte eine sorgfältige, vorsichtige Auseinandersetzung mit aktuellen Ereignissen, auch eine Selektion, denn nicht alles war mitteilenswert, worauf man gegenwärtig stieß. Was nicht zu einer spannenden Geschichte passte, konnte sofort vernachlässigt oder entsprechend beiläufig erledigt werden. Manchmal glaubte er, er käme im Leben mit allem besser zurecht, weil er sich selbst beobachten musste, sein Denken und Handeln daran zu messen, ob es später zu einer vernünftigen Mitteilung taugte. Er war als Emissär unterwegs, vielleicht sogar als Schlichter, ein Pendler zwischen kategorischem Imperativ und Feuilleton. Das führte dazu, dass Schroeder in der Wirklichkeit wie in einem Spielfilm agierte. Das Leben bereitete etwas vor, worauf er mit unbewusster Spontaneität antwortete, eine Art Method Acting. Unvermeidlich, dass er sogar die sich ankündigenden Ereignisse erzählerisch vorwegnahm. Schuld war seine ständige Angst, mit einem Text nicht rechtzeitig fertig zu werden. Sie verfolgte ihn seit seiner Schulzeit. Erst recht als Journalist musste er gewappnet sein, nichts schlimmer als ein eilig hingeworfener Kommentar, der sich kurz darauf schon als Unsinn herausstellte. Also fing Schroeder bereits im Kopf zu formulieren an, bevor der Starkregen die Pegel steigen ließ, bevor der Virus eine Pandemie auslöste, bevor die NATO ihr Manöver an der russischen Grenze begonnen hatte. Absehbar, dass er immer vom Schlimmsten ausging. Und gottlob jedes Mal das Ausbleiben des GAUs erleben durfte. Die Katastrophe hätte ihn wenigstens nicht überrascht. Ihn nicht! Mit zunehmendem Alter reizte es Schroeder, das, was er im Laufe der Zeit schon einmal bedacht hatte, all das Provisorische, zu einem Roman zusammenzutragen. Er hatte bereits einige fragmentarische Versuche unternommen, sie aber aus unterschiedlichen Gründen nie als stimmige Geschichte beendet. Am liebsten wäre es ihm, dass sich die disparaten Einzelteile irgendwann wie von selbst zwischen zwei Buchdeckeln zusammenfinden würden. Zu einer großen Erzählung, einem Gesellschaftsroman, einem unterhaltsamen Bulletin des Zeitgeistes, worauf Reich-Ranicki immer gewartet hatte. Narrativ sagte man heute dazu, daraus entsteht Kultur, aus erzählten Informationen, ohne die eine Gesellschaft nicht existieren kann. Mit einem Buch dazu beizutragen, war zwar eine Marotte unter Journalisten, das wusste er. Aber deshalb nicht verkehrt. Nur war Schroeder bisher keine sinnstiftende Geschichte eingefallen, mit der er seine Gedanken hätte ausbreiten können. Es wäre ihm albern und unehrlich vorgekommen, dafür fiktive Figuren zu erfinden, die er mit Inhalten füttern musste, damit sie von ihm ausgedachte bühnenreife Sätze aufsagten. Worum sollte es gehen? Um Liebe, Mord und Totschlag ... Das interessierte ihn nicht, das war Kasperltheater, wenn nicht selbst Erlebtes, Erkanntes, Erfahrenes eine Rolle spielte, das er den von ihm stellvertretend eingesetzten Personen als Handlung auftrug. Er wartete sozusagen auf einen Abschlussbericht seines Berufslebens in Romanform, damit wollte er von dem Zeugnis ablegen, was ihm wichtig schien. Danach würde er vielleicht gar nicht mehr schreiben. Diese Herausforderung lag vor ihm wie ein lockender, dunkler Wald, eine unendliche Wüste oder ein unbekanntes Meer. Und wie einen Pionier reizte ihn diese Aufgabe, die ihm niemand stellte. Aber er fürchtete sie. Er hatte Respekt davor. Wenn er als Redakteur an einem längeren Essay arbeitete,...


Wolfgang, Bachmann
Wolfgang Bachmann verweilte sich nach dem Architekturstudium mit einer Dissertation und fand danach einige Jahre Unterschlupf in Architekturbüros. Dort konnte er sich nie entscheiden, was er aus den ganzen Fachzeitschriften abkupfern sollte, entlief deshalb zur Bauwelt nach Berlin und ging 1991 zum Baumeister nach München. Zunächst als Chefredakteur, von 2011 bis 2013 als Herausgeber. Inzwischen hält er Vorträge, juriert, moderiert, diskutiert, schreibt Kritiken, Glossen und Kurzgeschichten für Zeitungen, Magazine und Bücher.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.