E-Book, Deutsch, 209 Seiten
Wolff Fräulein Cosima erlebt ein Wunder
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-456-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 209 Seiten
ISBN: 978-3-96655-456-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Steffi von Wolff, geboren 1966 in Hessen, war Reporterin, Redakteurin und Moderatorin bei verschiedenen Radiosendern. Heute arbeitet sie freiberuflich für die ARD, als Roman- und Sachbuchautorin für diverse Verlage, hat eine Kolumne im Segelmagazin YACHT und wird von vielen Fans als »Comedyqueen« gefeiert. Steffi von Wolff lebt mit ihrem Mann in Hamburg. Die Autorin im Internet: steffivonwolff.de und facebook.com/steffivonwolff.autorin Steffi von Wolff veröffentlichte bei dotbooks bereits ihre Bestseller »Glitzerbarbie«, »Gruppen-Ex«, »ReeperWahn« und »Rostfrei«, »Fräulein Cosima erlebt ein Wunder«, »Das kleine Segelboot des Glücks«, »Der kleine Buchclub der Träume«, »Das kleine Hotel an der Nordsee«, »Das kleine Haus am Ende der Welt«, »Kein Mann ist auch (k)eine Lösung«, »Für Rache ist es nie zu spät«, »Die Spätsommerfrauen«, »Taxifahrt mit einem Vampir« und »Das kleine Appartement des Glücks« sowie die Kurzgeschichten-Anthologien »Das kleine Liebeschaos für Glückssucher«, »Das kleine Glück im Weihnachtstrubel« und »Das kleine Handbuch des Liebesglücks«. Außerdem erschienen sind ihre Sammelbände »Liebe ist nichts für Anfänger« und »Küsse und andere Missgeschicke«. Eine andere Seite ihres Könnens zeigt Steffi von Wolff unter ihrem Pseudonym Rebecca Stephan im ebenso einfühlsamen wie bewegenden Roman »Zwei halbe Leben«.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
»Was macht denn die Liebe?«, will mein Frauenarzt wissen, während er mit einem Spekulum in mir herumwühlt und dann mit einem langen Holzstab Gewebeproben entnimmt. Ich finde das jedes Mal wieder so grauenhaft, dass ich am liebsten nach ihm treten möchte. Es ist sowieso schon entwürdigend genug, mit gespreizten Beinen auf so einem Untersuchungsstuhl zu liegen, und ich habe jedes Mal entsetzliche Panik davor, dass meine Füße, die sich ja direkt neben Doc Gyns Kopf befinden, unangenehm riechen könnten.
»Die Liebe macht gar nichts«, erkläre ich, während er das Ultraschallgerät klarmacht. »Ich hab auch kein Interesse daran.« Natürlich wäre es schön, sich noch mal zu verlieben. Aber verbiegen möchte ich mich nicht. Hier und da hat sich in den letzten Jahren mal was ergeben, aber nie auf Dauer. Weil ich es nämlich nicht einsehe, um irgendeinen Mann herumzuscharwenzeln. Ich habe meine eigene Wohnung, mein eigenes Einkommen, mein eigenes Leben, und das wird sich auch nicht ändern.
»Heute ist der Krebsabstrich dran und der Ultraschall«, erklärt Doc Gyn, der eigentlich Dr. Scheidengruber heißt und das auch gar nicht schlimm findet. Er würde nicht im Traum daran denken, seinen Namen aus gegebenem Anlass zu ändern. »Warum denn auch?«, sagt er immer. »Allein dadurch bin ich ja zu meinem Beruf gekommen. Das war Fügung.«
Ich bin schon lange Jahre bei Dr. Scheidengruber, und mit der Zeit hat sich zwischen uns so was wie Freundschaft entwickelt. Außerdem ist sein Sohn mit einer Bekannten von mir verheiratet, und so sieht man sich hin und wieder auch privat. Irgendwann waren wir dann per Du.
Viele meiner Freundinnen gehen ebenfalls zu ihm in die Praxis, und keine hat jemals gewechselt. Er macht seine Sache nämlich gut, und mit Frauenärzten ist das wie mit Schuhen: Sie müssen passen. Wir nennen ihn allerdings nie Dr. Scheidengruber, sondern eben Doc Gyn. Das findet er gut, weil es ihn dynamischer und jünger wirken lässt. Er ist nämlich schon Mitte sechzig, und wir alle haben Angst vor dem Tag, an dem er in Ruhestand geht. Das darf nicht passieren. Niemals.
»Willst du denn wirklich für immer alleine bleiben?«, fragt er und schiebt schon das Ultraschallgerät in mich rein. »Schau mal, meine Frau und ich, wir sind jetzt fast vierzig Jahre verheiratet, und ich würde sie sofort wieder heiraten.«
»Weil sie dir alles hinterherträgt, Johannes. Ich war oft genug bei euch zu Hause.«
»Aber das ist doch auch gut so«, erwidert er. »Immerhin stehe ich den ganzen Tag in der Praxis. Nur Unterleibe, den ganzen Tag nur Unterleibe. Da will man doch abends mal verwöhnt werden.«
»Warum hat Elisabeth eigentlich nie gearbeitet? Hat sie nicht auch Medizin studiert?« Ich merke schon wieder, dass ich reizbar werde, wenn es um dieses Thema geht.
»Ja, hat sie.« Er hört kurz auf, das Ultraschallgerät kreisen zu lassen, und überlegt. »Wenn ich mich recht erinnere, war sie sogar besser als ich.«
»Und wieso ist sie dann keine Ärztin geworden?«
»Ach, Cosima, wir haben ein Haus gebaut, dann kamen die Kinder ... Der große Garten ... Du weißt doch, wie das ist.«
»Nein, das weiß ich nicht. Aber ich kann dir versichern, dass ich garantiert nicht den ganzen Tag zu Hause rumgesessen hätte, um dich abends zu fragen, ob du lieber Bratwurst oder Gulasch essen möchtest. Das ist doch überhaupt nicht erfüllend, so ein Hausfrauenleben.«
»Wie kannst du das wissen? Du warst doch nie eine Hausfrau.«
»Ich war immer auch eine Hausfrau, aber ich habe auch immer gearbeitet. Und das, obwohl ich einen Sohn großgezogen habe.«
Philipp ist jetzt achtzehn und lebt sein eigenes Leben. Er ist das Ergebnis einer heißen Nacht mit einem französischen Fischer, den ich kurz nach der Trennung von Max in der Bretagne kennengelernt hatte. Es war toll damals mit Pierrick. Eine Zeit, die ich bis heute nicht vergessen habe. Wir hatten Sex in der Hütte, in der er sein Angelzeug aufbewahrte. Wir hatten Sex auf seinem Kutter. Und wir hatten Sex am Strand. Damals war ich für eine Woche in die Bretagne gefahren, um mal ein bisschen zu mir zu kommen, und da saß Pierrick in einer Hafenspelunke und hat mich mit seinen großen braunen Augen angeschaut. Seine muskulösen Unterarme gaben mir den Rest. Ich weiß noch, dass im Radio keltische Musik lief. Tja, und dann wurde ich schwanger. Obwohl ich nicht die geringste Absicht hatte, mit Pierrick zusammenzukommen, habe ich ihm von der Schwangerschaft erzählt, und er hat sich in der Tat gefreut. Bis heute haben wir ein nettes und freundschaftliches Verhältnis. Philipp war schon ein paar Mal bei ihm in Frankreich, was ich auch unterstütze. Unterhaltszahlungen habe ich niemals bekommen und auch nie eingefordert; ich wusste ja, dass Pierrick ganz wenig verdiente. Aber er und Philipp verstehen sich bestens, und das ist doch prima. Philipp ist auch jetzt gerade bei ihm. Nach dem Abitur will er sich mal drei Monate Pause gönnen, bevor er mit dem Jurastudium anfängt. Pierrick ist mittlerweile schon lange verheiratet, aber auch mit der Frau und seinen beiden Halbgeschwistern versteht Philipp sich wunderbar. Er fühlt sich dort als vollwertiges Familienmitglied. Auch das freut mich.
»Du bist eben anders, Cosima.« Erneut wühlt Doc Gyn in mir herum.
»Ich bin nicht anders, ich bin vernünftig. Man verblödet doch total, wenn man nur mit dem Kinderwagen herumfährt und bei Elternabenden auf viel zu kleinen Stühlchen hockt, um darüber zu diskutieren, mit welcher umweltschonenden Farbe das Klassenzimmer gestrichen wird«, rege ich mich auf. »Nur Haushalt und Kinder, das ist doch nicht erfüllend.« Als Doc Gyn mir nicht gleich antwortet, werde ich trotzig. »Wer weiß«, sage ich. »Vielleicht bekomme ich ja auch noch ein Kind. Ich bin gesund und kann es mir leisten. Und trotzdem würde ich weiterarbeiten.«
»Hm, hm«, macht Doc Gyn und säubert das Ultraschallgerät. »Dann musst du dich aber beeilen, meine Beste.«
»Warum?«
»Du bist in den Wechseljahren«, erklärt er und sieht mich an, als hätte er mir gerade gesagt, dass ich nach jahrzehntelangem Warten mit Vierlingen schwanger sei. Dann drückt er mir ein Rezept in die Hand und sagt, ich soll mir Hormone besorgen oder etwas ohne Hormone, und dann lässt er mich ziehen. Völlig verwirrt tapere ich die Eppendorfer Landstraße entlang, um dann in die Rosen-Apotheke zu Dr. Klingelhöfer zu gehen, dem Apotheker meines Vertrauens. Er ist schon relativ alt und wackelt ständig mit dem Kopf, aber er ist ein lieber Mann, auch wenn er meistens alle Medikamente bestellen muss. Aber die Hormone hat er vorrätig. »Irgendwann trifft es jede Frau«, sagt Dr. Klingelhöfer und nickt mir huldvoll zu.
***
Eine halbe Stunde später sitze ich schockgefrostet in meiner Wohnung und starre auf den Küchentisch. Es ist Mittwoch, und ich habe diese und nächste Woche Urlaub. Nein, ich habe mir nicht wegen meines Geburtstags Urlaub genommen, sondern weil meine Urlaubstage sonst irgendwann verfallen.
Heute Abend habe ich einige Leute zum Essen eingeladen, und der Partyservice hat versprochen, gegen siebzehn Uhr hier zu sein, um alles aufzubauen. Ich kann nämlich nicht besonders gut kochen. Ich will auch gar nicht besonders gut kochen können. Wenn ich schon mal zu Hause bin und nicht als Pressefrau für meine Hotelkette in der Weltgeschichte herumreise, möchte ich gern das machen, was ich will. Und Kochen gehört nun mal nicht zu meinen Hobbys. Außerdem sorge ich mit meiner Bestellung bei einem Partyservice immerhin dafür, dass andere Leute ihre Miete bezahlen können.
Aber wohl nicht mehr lange, denn ich bin ja jetzt offiziell in den Wechseljahren. Meine Hände sind kalt, und mein restlicher Körper auch. Ich verfalle. Ich werde bald Staub sein. Dabei sehe ich doch eigentlich noch ganz gut aus. Meine Freundin Bille sagt immer: »Cosima hat sich gut gehalten, der sieht man ihr Alter nicht an«, und damit hat sie ganz recht. Ich bin groß, schlank, habe blonde Haare und grüne Augen, hätte allerdings lieber dunkle. Ich gehe regelmäßig zur Kosmetikerin und zum Friseur, kaufe mir gern schicke Klamotten und achte auch sonst auf mein Äußeres. Aber all das ist jetzt unwichtig. Ich werde künftig Lumpen tragen, weil es egal ist und ohnehin niemand mehr genau hinschaut. Ich bin eine Frau, die sich im Anfangsstadium des Klimakteriums befindet. Und das ist schlimmer als eine Amputation oder ein Genickbruch.
Der Schlüssel in der Wohnungstür dreht sich, und ich höre ein »Ach, ach, ach« und dann ein »Oh, oh, oh«. Und eine Sekunde später steht Murmel in der Küche.
Murmel ist meine Putzhilfe, und sie behauptet steif und fest, eine deutsch-deutsche Polin zu sein, was ziemlich außergewöhnlich ist, wie ich finde.
‹Reiß dich zusammen›, denke ich heroisch. ‹Du musst deine Umwelt nicht mit deinen Problemen belasten. Jetzt sei nett und freundlich und lächle. Heulen kannst du später immer noch.›
»Ach, ach, ach, Cosima.« Schwer atmend lässt Murmel sich auf einen Küchenstuhl fallen. »Brauch ich erst mal Kaffee.«
Da ich im fünften Stock wohne und das Haus keinen Fahrstuhl hat, ist es für Murmel immer eine Katastrophe, hier hochzukommen. Sie braucht für die zehn Treppen schätzungsweise drei Monate. An schlechten Tagen ein halbes Jahr. Dafür kennt sie alle Nachbarn, weil sie in jedem Stockwerk haltmacht und laut jammert, was natürlich dazu führt, dass immer besorgt die Türen geöffnet werden.
Ich hole Murmel eine Tasse und gieße ihr Kaffee aus der Thermoskanne ein.
»Is so heiß heute«, sagt sie und wischt sich den Schweiß von ihrem Damenbart.
»Das stimmt.« Ich nicke und stehe wieder auf, um die Tür...




