E-Book, Deutsch, 431 Seiten
Wolff Die Spätsommerfrauen - oder: Später hat längst begonnen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-035-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman: Zwei Freundinnen auf dem letzten Abenteuer ihres Lebens
E-Book, Deutsch, 431 Seiten
ISBN: 978-3-98952-035-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Steffi von Wolff, geboren 1966 in Hessen, war Reporterin, Redakteurin und Moderatorin bei verschiedenen Radiosendern. Heute arbeitet sie freiberuflich für die ARD, als Roman- und Sachbuchautorin für diverse Verlage, hat eine Kolumne im Segelmagazin YACHT und wird von vielen Fans als »Comedyqueen« gefeiert. Steffi von Wolff lebt mit ihrem Mann in Hamburg. Die Autorin im Internet: steffivonwolff.de und facebook.com/steffivonwolff.autorin Steffi von Wolff veröffentlichte bei dotbooks bereits ihre Bestseller »Glitzerbarbie«, »Gruppen-Ex«, »ReeperWahn« und »Rostfrei«, »Fräulein Cosima erlebt ein Wunder«, »Das kleine Segelboot des Glücks«, »Der kleine Buchclub der Träume«, »Das kleine Hotel an der Nordsee«, »Das kleine Haus am Ende der Welt«, »Kein Mann ist auch (k)eine Lösung«, »Für Rache ist es nie zu spät«, »Die Spätsommerfrauen«, »Taxifahrt mit einem Vampir« und »Das kleine Appartement des Glücks« sowie die Kurzgeschichten-Anthologien »Das kleine Liebeschaos für Glückssucher«, »Das kleine Glück im Weihnachtstrubel« und »Das kleine Handbuch des Liebesglücks«. Außerdem erschienen sind ihre Sammelbände »Liebe ist nichts für Anfänger« und »Küsse und andere Missgeschicke«. Eine andere Seite ihres Könnens zeigt Steffi von Wolff unter ihrem Pseudonym Rebecca Stephan im ebenso einfühlsamen wie bewegenden Roman »Zwei halbe Leben«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Hamburg Montag, 26. September
»Ja, ja«, sagt Herr Dinkelgärtner weise und nickt dabei wie ein Wackeldackel. »Der Tod kostet halt Geld. So ist das halt.« Gütig lächelt er mich an, senkt den Kopf dabei, und seine Lesebrille rutscht bis ganz vorn auf die Nasenspitze. »Aber das Leben ist ja auch teuer. Das muss man halt auch in die Waagschale werfen.«
Ich glaube, ich höre nicht richtig. »Wie jetzt? Wollen Sie mir damit sagen, dass ich froh sein kann, bald unter der Erde zu liegen? Damit ich mich nicht mehr darüber aufregen muss, dass ein Standardbrief schon wieder zwei Cent teurer wird?«
Er zögert kurz und sagt dann: »Das war halt ein bisschen unglücklich ausgedrückt.« Jetzt setzt er seine Brille ab, wofür ich dankbar bin, denn sie ist so verschmiert, dass ich mich die ganze Zeit schon gefragt habe, wie er dadurch überhaupt etwas erkennen kann. Übertrieben haucht er auf die Gläser ein und wienert mit einem Papiertaschentuch darauf herum, dann setzt er die Brille wieder auf. »Wir haben halt gestern erfahren, dass wir in drei Monaten mehr Miete zahlen müssen. Fünfzehn Prozent. Also das ist halt schon ein Happen. Da hab ich mich mit meiner Frau halt ganz schön drüber aufgeregt.« Herr Dinkelgärtner schüttelt den Kopf. »Alles Halsabschneider. Aber so ist das halt.« Er überlegt kurz. »Irgendwas wollte ich noch sagen, was war es nur ... ach ja, habe ich schon erwähnt, dass man Beerdigungen steuerlich absetzen kann?«
»Halt«, sage ich.
»Was ist?«, fragt er erschrocken.
»Sie haben einen Satz ohne ›halt‹ gesagt. Das verwirrt mich ehrlich gesagt ein bisschen.«
»Hahahaha«, macht Herr Dinkelgärtner und gibt Geräusche von sich wie ein Ferkel, das sich an irgendetwas verschluckt hat. »Sie sind ja lustig. Sie sind ja lustig! Hahahahaha! Nein, hahaha ... aaaaalt.« Er freut sich über diesen Hammerscherz, kriegt sich aber zum Glück wieder ein. »Sie sind mir eine«, sagt er und wackelt gespielt drohend mit einem Zeigefinger. »Aber zurück zur Sache. Das ist halt ein wichtiger Aspekt. Das steuerliche Absetzen.«
»Herr Dinkelgärtner«, sage ich. »Ich glaube, Sie verstehen die Situation nicht ganz. Wie soll ich denn bitte meine eigene Beerdigung von der Steuer absetzen?«
»Das ist halt eine außergewöhnliche Belastung.«
Herr Dinkelgärtner kapiert irgendwie gar nichts.
»Wenn ich tot bin, bin ich tot«, erkläre ich ihm. »Möglicherweise sitze ich dann zwar im Himmel auf irgendeiner Wolke und freue mich, dass ich noch eine Steuererstattung bekommen hätte, aber das glaube ich eher nicht.«
Obwohl – das ist eigentlich wirklich interessant. Ich bin freiberufliche Journalistin. Wir haben Ende September, und ich habe trotz der Krankheit in diesem Jahr so halbwegs was verdient, was daran lag, dass ich, wann immer ich auch nur ansatzweise konnte und nicht flachlag, gearbeitet habe, um nicht über Metastasen nachzudenken. Ich habe auch schon Vorauszahlungen ans Finanzamt geleistet. Wer kriegt denn dann die Erstattung? Auch wenn’s nur fünfhundert Euro sind oder so, an wen geht das? Ich habe noch gar kein Testament gemacht, weil ich ganz schön durch den Wind bin, seit die endgültige Diagnose feststeht. Wer gesagt bekommt, dass es leider, leider nach ärztlichem Ermessen keine Hoffnung mehr gebe und man noch ungefähr drei Monate zu leben habe, ohne dass man sich hier festlegen wolle, das nicht, es seien schon Zeichen und Wunder geschehen, andererseits aber könne es auch gut sein, dass es nur noch sechs Wochen oder zwei Monate oder was weiß ich dauert, und die Statistik, die Statistik ..., der darf das schon mal sein, finde ich. Vor zehn Tagen war das. Dafür ziehe ich das hier ganz gut durch. Ich habe mich im Griff. Noch. Natürlich gibt es schlimme und sehr schlimme Tage, aber auch gute. An diesen guten Tagen habe ich gearbeitet. Glücklicherweise hatte ich einige Aufträge, das war auch nötig. Was dieser Herr Dinkelgärtner mich kostet, ist schon der Wahnsinn.
Der Krebs hat mich verändert. Früher war ich ein fröhlicher Mensch, lebenshungrig, spontan, nicht an Konsequenzen denkend. In Australien bin ich fast mal von einem Hai gefressen worden, weil ich nicht auf die Warnungen der Einheimischen gehört hatte und zu weit rausgesurft bin. Ich hatte ein gutes Leben. Freunde. Jetzt ist das anders. Ich habe mich während des Krankheitsverlaufs ziemlich zurückgezogen, und viele konnten nicht gut damit umgehen. Wie denn auch? Krebs ist ja kein abgebrochener Fingernagel. Ich bin nicht sauer, es war ja meine Entscheidung. Bei manchen Leuten hatte ich allerdings das Gefühl, dass sie über meinen Rückzug erleichtert waren.
Hin und wieder keimt eine Wut in mir auf, die ich so gar nicht an mir kenne. Dann denke ich darüber nach, was ich alles tun könnte, ohne dass es Konsequenzen hätte, weil ich ja todkrank bin. Ich könnte zum Beispiel Herrn Dinkelgärtner einfach anschreien, weil er so einen Mist von sich gibt. Oder mit der rechten Hand ausholen und seinen Schreibtisch leerfegen, weil er gepfefferte Preise verlangt und dauernd »halt« sagt. Aber das wäre unhöflich. Und was hätte ich davon? Herr Dinkelgärtner trägt keine Schuld an meiner Lage. Der Mann macht nur seinen Job. Und er scheint ihn schon lange zu machen, denn als ich ihm sagte, dass es bei mir zu Ende gehen wird, und ich vorher alles regeln will, hat er nur genickt und »Ist halt nicht zu ändern« gesagt.
»Ach ja«, sagt er nun. »Ich hatte so einen Fall halt noch nie. Hoffentlich sind Sie nicht nachtragend, aber so schätze ich Sie auch gar nicht ein. In ein paar Monaten lachen Sie drüber.«
Ich starre ihn an und überlege doch kurz, irgendwas zu tun. Der Mann tritt in keine Fettnäpfchen, er lässt sich reinfallen, mit seinem ganzen Körpergewicht, und das ist nicht wenig. Herr Dinkelgärtner ist klein, und zwar so klein, dass seine Füße den Boden nicht berühren, wenn er in seinem Drehstuhl bis an die Rückenlehne rutscht, was er getan hat. Er ist rund wie eine Kugel, ganz außer Atem, und er hat kleine Wurstfinger. Sie müssen im Laufe der Jahre dicker geworden sein, denn der Ehering sitzt so eng am rechten Ringfinger, dass man vom Hinschauen Beklemmungen bekommt. Die Kleidung ist ebenfalls zu eng. Alles an dem Mann lässt einen nach Luft schnappen. Sogar die Haare liegen so eng am Kopf, dass man sie mit Rundbürste und Föhn bearbeiten möchte, damit ein bisschen Lockerheit in die Gestalt kommt.
Kurz überlege ich, ihn wegen der Steuererstattung zu fragen, aber womöglich sagt er dann, dass er das innerhalb eines Jahres rauskriegen und mich anrufen wird, also lasse ich es. Himmel, ich muss ein Testament machen! Nicht dass ich dem lieben Staat meine Steuererstattung schenke! Dann vermache ich die lieber einer Waldorfschule. Damit kann dann neues Saatgut und haufenweise naturbelassene Wolle für schicke Pullis gekauft werden.
»Nein, ich bin nicht nachtragend. Wie auch?«, sage ich.
Herr Dinkelgärtner geht nicht darauf ein, was ich fast schade finde.
»Dann lassen wir das halt mal mit den steuerlichen Geltendmachungen«, sagt er. »Sie wollten ja eine Grabstelle aussuchen. Ich habe mich halt schon mal erkundigt, und schauen Sie hier. Es gibt sogar Fotos. Ich bin ja mit den Mitarbeitern auf den Friedhöfen gut bekannt.« Stolz sieht er mich an. »Mit einigen gehe ich halt auch hin und wieder mal ein Bier trinken. Gerade gestern hat ...«
»Toll«, sage ich und frage mich, warum ich eigentlich ausgerechnet bei Herrn Dinkelgärtner einen Termin gemacht habe. Wahrscheinlich wegen des Fotos, das er von sich auf seine Homepage gestellt hat. Er sieht darauf aus wie eine dicke männliche Hebamme, die während ihres ersten Geburtsvorgangs feststellt, den falschen Berufsweg gewählt zu haben. Die Website strotzt vor Rechtschreib-, Logik- und allen möglichen anderen Fehlern. Warum auch immer, fand ich das irgendwie sympathisch. Haben wir nicht alle unsere Fehler?
Außerdem wollte ich keinen Bestatter, der mit Nachnamen »Sarg« heißt (das habe ich beim Googeln wirklich gefunden, einen Stephan Sarg, der Bestattungen macht). Oder einen namens »Hahn«, der seinen Laden ganz witzig TrAuerHahn nennt. Oder den mit dem Foto von seinem Hund auf der Website, der zwischen zwei Särgen Männchen macht, und dazu die Überschrift: Bei unseren günstigen Preisen dreht sogar der Hund durch! Was für ein Unsinn.
Herr Dinkelgärtner kramt in seiner Mappe herum und legt Fotos auf den Tisch. Er räuspert sich. »Also: Bei der Bestattung in einem Sarg ist die Auswahl an möglichen Grabalternativen halt schon sehr eingeschränkt. Die traditionelle Methode ist dabei halt die Beisetzung eines Sarges in ein Erdgrab, die auch Beerdigung genannt wird.« Er macht eine Pause und sieht mich an. »Haben Sie bis hierhin alles verstanden?«
»Ja. Ich weiß jetzt, dass die Beisetzung eines Sarges in ein Erdgrab Beerdigung genannt wird«, erkläre ich.
Dankbar nickt er. »Genau. Dabei kann zwischen einer Beerdigung in einem Erdwahlgrab, einem Erdreihengrab oder halt einer anonymen Beisetzung gewählt werden. Die Auswahl hat unter anderem halt Einfluss auf die Gestaltungsmöglichkeiten und mögliche Folgekosten, etwa für die Grabpflege. Bei einem Wahl- bzw. Reihengrab kann die Gestaltung des Grabbeetes nach den Richtlinien des Friedhofs halt persönlich vorgenommen werden. In Ohlsdorf ist das, glaub ich, kein Problem, da frag ich noch mal nach. Bei anonymen Gräbern ist eine individuelle Grabgestaltung halt untersagt. Auch die Grabbepflanzung wird hier vom Friedhof übernommen. Dann hat man die ...«
»Moment, Moment, Moment ...« Das wird mir zu viel. Ich möchte nicht Beisetzung studieren, sondern in drei Monaten beerdigt werden. Vielleicht sogar...




