E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Wolf Wenn Schuldgefühle zur Qual werden
9. Auflage 2020
ISBN: 978-3-923614-92-9
Verlag: PAL - Verlagsgesellschaft mbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Selbstvorwürfe ablegen, sich verzeihen lernen
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-923614-92-9
Verlag: PAL - Verlagsgesellschaft mbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Doris Wolf ist seit mehr als 35 Jahren als Psychotherapeutin tätig und immer wieder von der menschlichen Fähigkeit fasziniert, aus alten Denkbahnen und Verhaltensmustern auszubrechen. Sie hat sich zur Lebensaufgabe gemacht, möglichst vielen Menschen dabei zu helfen, mehr Lebensfreude und körperliches Wohlbefinden zu verspüren. Auf dem Hintergrund der kognitiven Verhaltenstherapie tritt sie mit dem Leser wie in einer Therapiesitzung in einen persönlichen Dialog und vermittelt ihm ganz konkrete hochwirksame psychologische Strategien.
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2Vor- und Nachteile von Schuldgefühlen
Wenn wir uns selbst Schuldgefühle erzeugen, dann haben wir sowohl Vor- als auch Nachteile davon. Schuldgefühle erfüllen für uns eine wichtige Funktion, sind uns jedoch wiederum auch so unangenehm, dass wir versuchen, sie abzuwehren. Andere Menschen versuchen, uns ein schlechtes Gewissen einzureden. Auch wir nutzen die Schuldgefühle, um uns Vorteile bei anderen Menschen zu verschaffen. In diesem Kapitel wollen wir uns deshalb eingehender mit den Vor- und Nachteilen von Schuldgefühlen für uns und unsere Umwelt beschäftigen.
Bisher haben wir uns damit befasst, dass wir für unsere Schuldgefühle selbst verantwortlich sind, aber dass andere Menschen darauf aus sind, uns Schuldgefühle zu machen. Es muss doch irgendein Grund dahinterstecken, weshalb es sich für andere lohnt, uns Schuldgefühle einzureden? Nun, wie ist das bei Ihnen, wenn Sie sich schuldig fühlen? Verhalten sich sie dann anders als ohne Schuldgefühle? Wenn ich mich schuldig fühle, bemühe ich mich beispielsweise darum, besonders nett zu sein, bitte um Verzeihung, gehe eher auf einen Kompromiss oder die Wünsche des anderen ein. Ich fühle mich geschwächt, glaube mich nicht mehr wehren zu dürfen. Manchmal gehe ich auch dem Menschen aus dem Weg, gegenüber dem ich mich schuldig fühle. Ich fühle mich unwohl in meiner Haut und hoffe, dass er mir nicht mehr begegnet und mich auf meinen Fehler anspricht. Insgesamt gesehen machen mich meine Schuldgefühle unfrei und leichter manipulierbar. Sicher gibt es auch andere Reaktionsweisen. Da gibt es diejenigen, die aggressiv werden und mit Vorwürfen zurückschießen. Aber auch dies ist lediglich eine Reaktion, ein Akt der Unfreiwilligkeit. Und das ist wohl auch das Ziel, das andere Menschen bei uns erreichen wollen, wenn sie uns Schuldgefühle einreden wollen. Sie wollen uns manipulieren, uns gefügig machen, unser Selbstwertgefühl angreifen. Sie wollen, dass wir nicht tun, was wir gerne tun würden, oder tun, was wir sonst nicht tun würden. Sie wollen uns weismachen, dass wir schlecht sind, weil wir deren Wünsche nicht erfüllen und verantwortlich für ihre Gefühle sind. („Wenn du mich lieben würdest, dann würdest du …!“) Und sie wollen sogar unser zukünftiges Verhalten steuern. Wenn wir wissen, dass sich der andere schlecht fühlen wird und wir nicht möchten, dass er dies tut, dann werden wir uns möglicherweise erst gar nicht mehr nach unseren Wünschen verhalten.
Aber der Schuss kann durchaus auch nach hinten losgehen. Schuldgefühle können dazu führen, dass wir Entscheidungen verheimlichen, die Unwahrheit sagen und nicht zu unserem Verhalten stehen. Das ist sicher nicht im Sinne derjenigen, die uns Schuldgefühle erzeugen wollen, es ist eine Schutzreaktion unsererseits. Über den Einfluss der Werbung haben wir in diesem Zusammenhang schon gesprochen. Sie rechnet damit, dass wir alle gute Menschen sein wollen und um Anerkennung ringen. Sie will uns zum Kauf animieren, uns einreden, dass sie nur unser Bestes will. Weitere Tricks der Werbung, um uns Schuldgefühle zu machen sind:
•kleine Werbegeschenke („Ich habe etwas bekommen. Dann muss ich auch etwas kaufen.“)
•besonders bemühte und nette Bedienung („Sie hat sich ja so bemüht, da kann ich nicht einfach aus dem Laden gehen.“)
•Hinweis, dass es einem guten Zweck zugutekommt („Wenn ich mich nicht beteilige, bin ich herzlos.“)
•wiederholte Zusendung eines Katalogs („Jetzt habe ich so oft nichts gekauft, jetzt muss ich doch auch wieder einmal …“)
Wenn wir der Werbung auf den Leim gehen, dann kaufen wir ihre Produkte, nicht weil wir sie wirklich brauchen und sie wollen, sondern weil wir uns schuldig fühlen. Wir kaufen uns von unserer Schuld frei. Wichtig ist, uns an dieser Stelle in Erinnerung zu rufen, dass andere uns nur Schuldgefühle machen und uns manipulieren können, wenn wir es zulassen. Unsere Schuldgefühle werden durch unsere Selbstgespräche und übertriebenen Schlussfolgerungen verursacht.
Unsere Schuldgefühle müssen uns auch irgendeinen Vorteil gebracht haben, denn sonst hätten wir es bereits aufgegeben, uns mit Schuldgefühlen zu malträtieren. Alles, was wir Menschen tun, tun wir aus Hoffnung auf etwas Positives oder aus Furcht vor etwas Negativem. Worauf hoffen wir, wenn wir uns Schuldgefühle machen? Was ist unser Gewinn?
•Wenn wir uns mit Vorwürfen beschäftigen, was wir früher alles hätten anders machen können, brauchen wir uns nicht um gegenwärtige Probleme kümmern.
•Wir brauchen nicht daran zu arbeiten, uns zu vergeben.
•Wir hoffen darauf, dass wir uns von unseren Fehlern reinwaschen können, indem wir uns danach intensive Schuldgefühle machen.
•Wir erhalten möglicherweise von anderen trotz unseres Vergehens noch Zuwendung, denn wir haben ja Schuldgefühle und es geht uns schlecht.
•Wir können unser fehlerhaftes Verhalten weiterhin zeigen, denn wir bestrafen uns jedes Mal mit Schuldgefühlen. Schuldgefühle sind eine Art Alibi und Entschuldigung. „Ich weiß ja, dass es falsch war. Ich mache mir ja selbst schon die größten Vorwürfe.“
•Wir bekommen Mitleid von anderen, weil es uns so schlecht geht.
•Wir beweisen uns, moralische und gute Menschen zu sein.
•Wir können uns in Selbstmitleid ergehen.
•Wir bestätigen damit unser negatives Bild, ein schlechter Mensch zu sein
•Wir brauchen nicht offen zu unseren Gedanken und Gefühlen Stellung beziehen und möglicherweise Konflikte riskieren.
•Wir brauchen nicht unsere eigenen Regeln und Normen zu entwickeln, sondern orientieren uns an den in der Kindheit erlernten und von anderen formulierten Regeln.
Sie haben sich sicher nicht ohne Grund dieses Buch gekauft und sich mit mir an die Erforschung von Schuldgefühlen gemacht. Irgendwelche unangenehmen oder gar quälenden Auswirkungen Ihrer Schuldgefühle haben Sie wahrscheinlich verspürt. Vielleicht finden Sie diese in der folgenden Auflistung:
•Schuldgefühle machen uns klein, beeinträchtigen unser Selbstbewusstsein.
•Schuldgefühle rauben uns Energie, uns mit der Gegenwart zu beschäftigen.
•Schuldgefühle machen uns bereit für die Sündenbockrolle.
•Schuldgefühle machen uns manipulierbar.
•Schuldgefühle tragen zu Depressionen und psychosomatischen Beschwerden bei.
•Schuldgefühle führen dazu, dass wir sie nach außen hin verstecken und Fehler nicht zugeben können.
•Schuldgefühle machen uns empfänglich für Kritik.
•Schuldgefühle führen dazu, dass wir die Schuld auf andere schieben.
•Schuldgefühle führen dazu, dass wir andere hart kritisieren.
•Schuldgefühle führen zu Suchtmittelabhängigkeiten.
•Schuldgefühle führen dazu, dass wir überhaupt verleugnen, einen Fehler begangen zu haben.
•Schuldgefühle führen dazu, dass wir in Zukunft jegliches Risiko zu vermeiden versuchen.
•Schuldgefühle machen uns bereit, uns auch in Zukunft wieder fehlerhaft zu verhalten, da wir unsere Fehler nicht analysieren oder generell davon überzeugt sind, schlecht zu sein.
Dies ist eine mehr oder weniger vollständige Auflistung möglicher negativer Folgen von Schuldgefühlen. Schauen Sie noch einmal bei sich nach, wie Sie sich anders verhalten würden, würden Sie keine Schuldgefühle verspüren.
Schuldgefühle, sofern wir sie bewusst wahrnehmen, gehören zu den unangenehmen Gefühlen. Deshalb hat jeder von uns im Laufe seines Lebens auch mehr oder weniger effektive Strategien entwickelt, wie er mit ihnen umgehen kann.
1. Strategie: „Ich habe es verdient, dass ich mich schlecht fühle.“
Manche betrachten Schuldgefühle als gerechte Strafe. Sie sind der Meinung: „Wer sich so verhält wie ich,...




