Wolf Silbergrau
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8393-6120-7
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Blutige Spiele
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-8393-6120-7
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tom Wolf, geboren 1964 in Bad Homburg, studierte Literaturwissenschaft und promovierte 1996 in Tübingen. Er ist als freier Autor für verschiedene Tageszeitungen tätig. Seit 2001 lässt er in seinen Preußenkrimis Hofkoch Honoré Langustier im Auftrag des Alten Fritz ermitteln. Tom Wolf wurde im Jahr 2005 mit dem Berliner Literaturpreis »Krimifuchs« ausgezeichnet. Von Februar bis Juni 2006 war er »Stadtschreiber zu Rheinsberg«.
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Sonnabend, 20. Juli 1743
Der Himmel strahlte in tiefstem Aquamarin. Am Weg nach Bornstedt, in einem lang gestreckten Taleinschnitt, standen gegen Mittag mehrere königliche Kutschen und ein großer Transportwagen, dessen Plane zurückgeschlagen war. Eine Karawane aus livrierten Trägern schleppte umsichtig Tische, Stühle, Tabletts und Bahren, auf denen dicht gedrängt silberne Halbkugeln ruhten, über die sanft ansteigenden, sandigen Trampelpfade auf das Plateau des Wüsteberges hinauf. Flüche und Schmerzensschreie erklangen. Kaum einer hatte die Hände frei, um sich der zahllosen Stechmücken und Bremsen zu erwehren, die ausgehungert auf diese so sichere Beute herabstießen. Dicke Käfer surrten vorbei, prallten vereinzelt gegen die Schutzglocken über den Speisen und landeten benommen im violett blühenden Heidekraut, in dem ein gewaltiges Grillenorchester zirpte. Über den Sümpfen zwischen Grenzgraben und Rehgarten, wo sich die heiße Mittagsluft leicht in der Hitze kräuselte, kreisten Rohrweihen. In den nassen Gräben spießten Störche nach Fröschen. Von weit klang das Klappern ihrer Artgenossen herüber, die auf Haus- und Scheunendächern standen.
Honoré Langustier, Zweiter Hofküchenmeister Sr. Königlichen Majestät, fuchtelte sich beim Anstieg mit seinem Dreispitz Luft zu. Brandig lief ihm der Schweiß in die Augen, so dass er endlich anhielt und sich mit dem Schnupftuch übers Haupt fuhr. Auf keinen Fall durfte er heute den Überblick verlieren, oblag es ihm doch ganz allein, unter freiem Himmel eine Mittagstafel aufzubauen! Sein Kollege Emile Joyard, des Königs Erster Hofküchenmeister, lag mit einer Unpässlichkeit darnieder. Wie Bacchus in einer Lustlaube auf dem Gipfel eines Rebhügels, so wollte sich der junge Preußenkönig fühlen. Die Vorbereitungen für das Piquenique – das »Pickernick«, wie der König sagte – hatten ihn den letzten Tag und die halbe Nacht gänzlich in Anspruch genommen.
Das dekorative Auflegen von Fächern aus zartrosa Wildschweinbratenscheiben oder das Anordnen der Sterne aus Hühnchen- und Kaninchenbeinen waren da noch die geringsten Übungen gewesen, gar nicht zu erwähnen die vorangegangene routinierte Herstellung dieser Gaumenfreuden. Zahllose Kleinigkeiten hatten darüber hinaus sorgsam bedacht und sogar neue Erfindungen getätigt werden müssen, bis der Transportwagen vor einer Stunde fertig beladen und die Fracht vor die Stadttore gezockelt war. Verschiedenste französische Käsesorten ruhten unter den silbernen Schutzhauben, am herrlichsten ein alter Münster, eine Schüssel voller in Tee gekochter Wachteleier mit zauberhaften Marmorierungen (dazu hatte Langustier die Schalen zerdrückt und die Eier noch etwas weitersimmern lassen), russischer Kaviar, Krabben mit Melone, Salate aus Flusskrebsen und Muscheln, gefüllte Champignonköpfe, Chilihuhn auf Glasnudelsalat, Kirschtomaten mit Frischkäsekernen, Ententerrine mit Pfefferkirschen, Spanischer Bohnensalat, ein Stapel feiner dünner Kräuterpfannkuchen, frisch gebackene Weißbrote, selbst geschlagene Butter und englischer Schinken, Rostbratwürstchen auf Sauerkraut, Schao-Mai-Taschen nach Art des Kaisers von China, gebackene Garnelen, Käse-Schinken-Krüstchen, Kohlsäckchen mit Geflügel, Braunschweiger Würste und Mostrich aus Schlossküchenproduktion. Als finale Versüßung gab es schließlich noch Schokoladenprofiteroles, Orangenmus, Sahne-Meringuen, gestürzten Apfelkuchen, kleine Torteletts mit Ananas, Kirschen, Aprikosen, Blaubeeren, grüne Grütze mit Eierlikörsauce sowie als absolute Krönung, die ausgefeilte Kühlhaltung und Aufsicht erforderte: Tulpen aus Katzenzungenteig, als Schälchen gebacken für Himbeersorbet.
Die ländliche Note des Mahls verstärkend, würde Langustier vor Ort zu Beginn eine einfache Gemüsesuppe erhitzen und eine bereits vorbereitete Polenta mit viel Knoblauch anbraten, die der Monarch sich in den letzten Jahren zum Lieblingsessen auserkoren hatte und die daher nie und nirgends fehlen durfte. Auch gedachte er dem König eine Neuerung vorzuführen, nämlich gebratene rote Rinds-Würste, klein geschnitten und mit einer fulminanten Sauce à l’Indienne drapiert – bestehend aus gekochten, gesüßten Paprikas und viel Curry. Allein bei dem Gedanken an diese Kreation lief Langustier das Wasser im Mund zusammen.
Zum Freilufthandwerk hatte er eine schlichte, mobile Herdkonstruktion ersonnen, die vom Hufschmied Walther, welcher sich überaus anstellig zeigte bei derlei Basteleien, noch gestern eiligst verwirklicht worden war. Die Maschine hatte eine massive Standsäule, darüber war eine Kohlenwanne gesetzt, samt eines Rostes aus dünnen Stäben. Holzkohlen dienten zur Befeuerung. Inständig hoffte Langustier, dass sich das Ding bewährte. Zwei Küchenjungen, die es gerade an seitlich angebrachten Griffen herbeigetragen hatten, begannen jetzt mit Schlagschwamm, Heidekraut und einer klein gerissenen Ausgabe des »Journal de Berlin« eine erste Glut zu erzeugen. Auf einem der Fetzen war zu lesen: »Berlin, vom 18. Juli: Nach drei Wochen blüht noch immer die Aloe im Königlichen Küchengarten«, doch eine gefräßige Flamme verwischte bereits die Konturen der Druckbuchstaben. Der Feuerlakai legte ein weiteres Papierstückchen nach und deckte eine Handvoll trockenes Heidekraut darüber, das sich sofort mit Knistern und aromatischem Qualm in ein filigranes Feuergespinst verwandelte.
Langustier schüttete mit einer Schippe Holzkohlenstückchen auf und fächelte mit dem Dreispitz sehr lange über den rußenden und rauchenden Kegel, bis sich prasselnd ein heißer Glutschwall erhob. Er wandte sich der Tafel zu, auf der bereits das blütenweiße Tuch ausgebreitet und an allen Enden mit Metall-Rocaillen behängt war, damit kein Lüftchen es bewegte. In einem Bottich lagen rote Weintrauben, welche – an kleinen Holzgestellen befestigt – die Tafel zieren würden. Schaumwein in Bottichen mit einer Wasser-Eis-Salz-Mischung wurde in eine kleine Vertiefung im Boden abgesenkt.
Vorsichtig zog Langustier aus einer Rocktasche ein gefaltetes Blatt Papier, auf dem er sich, einer Abbildung in Ménons »Nouveau Traité de la Cuisine« folgend, das für den Anlass passende Mustergedeck aufgemalt hatte: die mittlere Hauptachse der Platten und Schüsseln, die wie winzige spanische Wände dazwischen aufgestellten Freilufttafelaufsätze der Traubengestelle, die beiden Alleen der großen und kleinen Teller nebst den Bestecken und auch die Position der Gläser. Alles war maßstabsgerecht aufs Reinlichste mit feinem Bleistiftschwunge dargestellt. Der Maitre war ein Perfektionist, was seine Arbeit betraf.
Als er das Blatt entfaltete, um es gut sichtbar mitten auf das blütenweiße Tischtuch zu legen, verflog sein konzentrierter, angespannter Gesichtsausdruck. Ein Billet war heraus auf den Tisch gefallen, welches er rasch wieder an sich nahm. Verstohlen kehrte er dem geschäftigen Treiben, da seinem eben hingeworfenen Plan zur Folge bereits flugs der Aufbau begann, den Rücken zu, innig die kleine Karte betrachtend, sie sanft an den Nasenflügel haltend und mit einem Lächeln die warme Luft einschlürfend. Er blickte geistesabwesend in die Ferne. Auf der Dämmchenwiese beim königlichen Küchengarten stakten schwarz-weiß gescheckte Kühe im Morast. Ein Habicht glitt majestätisch in weitem Abstand über der Stadtmauer dahin, um auf dem kahlen Ast einer hohen Weide aufzublocken.
Langustier hielt das Kärtchen noch einmal an die Nase, schloss die Augen und roch einen Hauch von schwerem, südländischem Parfum. Er drehte das Pappstück um, das vom vielen Betrachten an den Rändern schon etwas lädiert aussah. Das hinreißende Profil einer Dame zeigte sich, von Hand mit Bleistift locker umrissen und mit schwarzer Tusche ausgefüllt. Der Betrachter geriet in völlige Verwirrung darüber, was ihn mehr anzog: die vornehme Kopfform, das leger hochgebundene volle Haar, das in einen lustigen Schopf auslief, die zart gebogene edle Nase, die reifen Lippen, das sanft geschwungene süße Kinn, der schlanke, mit einem Band geschmückte Hals oder die nur mit fast farblosem Pinselstrich angedeutete, Sehnsüchte weckende Brust. Er sprach ihren Namen tonlos wie eine Gebetsformel, als wolle er sie herbeibeschwören. Das kleine Buch der Dame, das sie ihm gewidmet und das er in seiner Jacke stets mit sich führte, trug den zauberhaften Titel: und war zu je einem Drittel botanische Schrift, allegorisches Brevier und medizinische Abhandlung zum Thema Aphrodisiaka.
Drei Tage lang war die Portugiesin in Potsdam gewesen; drei Tage hatten sie Seit an Seite verbracht, geredet und sich über Gott und die Welt, über die Wissenschaften und die Künste ausgetauscht. Die aufreibenden Jahre des Krieges um Schlesien hatten Langustier einsam werden lassen. Er hatte sich in ihrer Gegenwart glücklich und befreit gefühlt wie schon lange nicht mehr. Wie hatte sie, die Vielgerühmte, Vielbeschäftigte und Vielumworbene ihn...




