Wolf Schwefelgelb
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8393-6116-0
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mörderische Kälte
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-8393-6116-0
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tom Wolf, geboren 1964 in Bad Homburg, studierte Literaturwissenschaft und promovierte 1996 in Tübingen. Er ist als freier Autor für verschiedene Tageszeitungen tätig. Seit 2001 lässt er in seinen Preußenkrimis Hofkoch Honoré Langustier im Auftrag des Alten Fritz ermitteln. Tom Wolf wurde im Jahr 2005 mit dem Berliner Literaturpreis 'Krimifuchs' ausgezeichnet. Von Februar bis Juni 2006 war er 'Stadtschreiber zu Rheinsberg'.
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I
Er lebt, Er kömmt mit Ruhm zurück,
Des Höchsten Huld war Ihm zur Rechten.
Das für Ihn wachende Geschick
Hieß Ihn schon wieder Lorbeern fechten!
Ein erster Flaum von Schnee hatte sich über das Land gelegt. Der König, in schmutziger, aber eindrucksvoller Bläue in einem kleinen Kreis von Offizieren stehend, schlug enerviert mit der behandschuhten Rechten gegen das Doppelblatt der »Berlinischen Nachrichten«.
»Encore? Schon wieder?«
Er hatte in einer Dorfschänke bescheiden und schlecht gespeist. Nun warteten seine Begleiter darauf, dass er endlich zur Weiterfahrt in seine Kutsche stiege, damit sie es ihm gleichtun könnten. Doch es gab eine Verzögerung. Ein Meldereiter war eingetroffen und überbrachte dem König neben Korrespondenz und amtlichen Berichten auch die neueste Ausgabe des heimischen »Staatsanzeigers«, in der seine siegreiche Rückkunft aus Sachsen mit einem vielstrophigen gereimten Willkomm besungen wurde. Der Monarch hatte Mühe, sein schnaubendes Temperament über die Eingangszeilen zu zügeln. Das Weiterlesen sparte er sich und gab das Blatt einem Adjutanten zur Ablage.
»Das siehet den Gazettenschreibern in der Kochstraße ähnlich – sie rühmend nur die Reprise, nicht Blut, nicht Schweiß noch Tränen, mit denen wir den neuen Sieg errungen! Auch seindt mitnichten göttliches Geschick für uns auf der Hut gewesen, sondern nur die eigene Geschicklichkeit! Niemals haben meine Truppen ähnliche Wunder der Tapferkeit getan als gegen den General Maximilian Ulysses von Browne und seine Österreicher!«
Und er setzte, nur für den seitlich stehenden Generallieutnant Graf Adrian von Beeren hörbar hinzu:
»Kreuzelend lang hat’s ja gedauert …«
Von Beeren musste innerlich in diesen königlichen Stoßseufzer einstimmen, wenn er der sechs Stunden Nahkampf in den Rebhügeln am Lobosch gedachte, wo sich Blut und Traubensaft im Aufspritzen vermischt hatten. Seiner Frau Marie war damals ein Brief mit einer drastischen Beschreibung zugegangen:
»Itzt avancierten wir bis unter die Kanonen. Potz Himmel! Wie sausten da die Eisenbrocken ob unsern Köpfen hinweg – fuhren bald vor, bald hinter uns in die Erde – bald mitten ein und spickten uns die Leute weg, als wenn’s Strohhalme wären. Unsere Vordertruppen litten stark, allein die hinteren drangen nach, bis zuletzt alle die Höhe gewonnen hatten. Und nun ging in der Ebene das Gefecht von neuem an. Wer wird das beschreiben wollen; wo es krachte und donnerte, als ob Himmel und Erde hätten zergehen wollen; wo das Rumpeln vieler hundert Trummeln, das Rufen so vieler Kommandeurs und das Brüllen der Adjutanten, das Zeter- und Mordiogeheul so vieler tausend elender Opfer dieses Tages alle Sinne betäubte! Se. Königliche Majestät befinden Sich, Gott Lob! so wohl, als nur möglich ist. Wir leben hier auch ziemlich vergnügt, dieweil uns Dein honoriger Papa mit sächsischen Leckerbissen umwickelt wie mit Speck! Obgleich des Schießens jetzt glücklich ein Ende ist, so ist es, da es aufgehört, doch, als fehlte einem etwas. So kann man der Gefahr, der man beständig ausgesetzt ist, gewohnt werden; wo man doch sonst zu Friedenszeiten, wenn von ohngefähr ein Pistol losgehet, sogleich erschrickt und ohne Not zusammenfährt.«
Von Beeren erfreute sich nach seiner glänzenden Attacke eines vermehrten allerhöchsten Wohlwollens. Sein unterstützendes Eingreifen als Befehlshaber des Infanterieregiments Vierunddreißig unter Feldmarschall Keith hatte schließlich die entscheidende Wende gebracht und selbst die österreichische Kavallerie zum Rückzug bewegt – bald nach Mittag war kein Schuss mehr gefallen, kein Bajonett mehr stechend vorgeruckt. Tags darauf hatte in schönstem königlichen Tone bekannt gemacht werden können:
»Der König lassen sämtlichen Regimentern für ihre erwiesene außerordentliche Tapferkeit vielmals danken und werden sie Gnade und Auszeichnung nach Möglichkeit erweisen lassen.«
Was die Angelegenheit für die Ordenskammer verbilligte, war die Tatsache, dass hundert Offiziere und ebenso viele Unteroffiziere sowie zweieinhalbtausend einfache Soldaten bei diesem glorreichen Sieg auf der Strecke geblieben waren.
Anfangs hatte sich der Krieg noch recht zügig angelassen. Vom preußischen Hauptspion, dem Dresdner Kanzlisten Menzel, war der geplante Überfall der österreichisch-russisch-französischsächsischen Koalitionsarmee verraten worden, so dass der König sich – mit England in eine Art Stillhalteabkommen eingetreten – zu raschem, zuvorkommendem Handeln entschlossen hatte: Im Juli war er in Sachsen einmarschiert, alle Planungen der Alliierten über den Haufen werfend, die angesichts dieses Tempos mit ihren Zurüstungen nicht Schritt halten konnten. Der Sohn Augusts des Starken, sowohl sächsischer Kurfürst als auch polnischer König, hatte Dresden samt Gattin und Kindern preisgegeben und sich mit seinem Lieblingsminister Brühl, der es vom Pagen zum Minister gebracht, auf der Festung Königstein verbarrikadiert. Das Sachsenheer war derweil auf das Hochplateau nach Pirna hin zurückgewichen.
Kampflos hatten die Preußen alle sächsischen Städte besetzt und unter ihre Zwangsverwaltung gestellt. Am 9. September waren sie in Dresden eingezogen, wo der König selbst im Schlosse den Briefwechsel der antipreußischen Verschwörer sichergestellt und sogleich Anweisung gegeben hatte, eine Auswahl der Dokumente zu veröffentlichen. Jenes »Mémoire raisonné«, eine profunde Arbeit des Geheimen Legationsrates Ewald Friedrich von Hertzberg, erregte Aufsehen in ganz Europa – war es doch die Zeit der politischen Kannegießer, die sich am Stammtisch zu Schiedsrichtern der staatlichen Händel machten –, indem es die Rechtmäßigkeit und zwingende Notwendigkeit des preußischen Einmarsches aufzeigte. Das österreichische Erzhaus fand sich mit seiner Intrigenpolitik bloßgestellt.
König August III. von Polen, als Kurfürst von Sachsen auch Friedrich August II. gerufen, hatte sich standhaft geweigert, mit den Eindringlingen gemeinsame Sache zu machen, und bot nichts außer Neutralität, was dem Preußenkönig nicht genügen konnte. So war die Belagerung bei Pirna fortgesetzt und nur für Friedrich August, an Maßhalten nicht gewöhnt, weil er nach seinem Vater ausschlug, ein täglicher Proviantwagen auf den Königstein bewilligt worden. Die dort vertilgten Spezereien waren jedoch scheinbar auch dem Widerstandswillen des Königs zuträglich, denn sie beseelten seine schlaffe Hand, die Österreicher mehrfach brieflich um Beistand gegen den eingedrungenen fürchterlichen blauen Landfriedensbrecher aus dem Norden anzuflehen:
»Zu Hilfe, ich bin in Räuberhand!«
Zwei österreichische Armeekorps waren daraufhin gegen die Grenzen von Schlesien und Sachsen abgegangen, wogegen die preußische Seite erst wenig hatte unternehmen können, da die Belagerung bis dato alle Kräfte festhielt. Als der preußische König vom Näherkommen der Österreicher gehört hatte, war das Sachsenlager in noch engeren Griff genommen worden. Höchstselbst hatten sich Se. Königliche Majestät dann mit zwei Bataillonen und zwanzig Schwadronen aus dem Hauptquartier Groß-Sedlitz über den Pass von Peterswald-Nollendorf nach Aussig begeben, wo man mit Feldmarschall Keiths Armee fusionierte. Über die Paschkopol-Straße nach Süden vorrückend, waren schließlich zweiunddreißigtausend Mann bei Lobositz, dessen Schloss dem Markgrafen von Baden gehörte, den Österreichern unter Maximilian Ulysses von Browne begegnet – im Nebel erst der irrigen Ansicht, es nur mit einem winzigen Bataillon zu schaffen zu haben! Unversehens fanden sie sich jedoch der Hauptarmee gegenüber und vollbrachten das Wunder, die Österreicher zum Rückzug zu zwingen.
Die Kapitulation der belagerten Sachsen zwischen Pirna und Königstein, denen der flüchtige »Max-Ulysses« keine große Hilfe mehr hatte leisten können, war erst geschlagene zwei Wochen später erfolgt. Vergeblich hatte der Preußenkönig das sächsische Kabinett bis dahin aufgefordert, die Segel zu streichen und sich samt Truppen seiner Sache anzuschließen. Nun sollte, wo die Diplomatie versagte, der Hunger das seine tun. König-Kurfürst August saß schmatzend auf dem Königstein und sah auf seine hungernden Heerscharen herab, es mögen um die fünfzehntausend Mann gewesen sein, deren Lage immer verzweifelter wurde. Er hatte es den Darbenden sogar verboten, Hirsche, Rehe, Hasen oder auch nur Tauben zu schießen, welche auf dem Plateau etwa anzutreffen wären, da Wildbret allein dem König reserviert sei! Zweiundsiebzig Stunden, von denen es achtundvierzig unaufhörlich regnete, hatten die verzweifelten Soldaten unter freiem Himmel in voller Montur Puder und vertrocknete Wurzeln gekocht, den ungenießbaren Brei mit Schießpulver gesalzen und...




