Wolf Rabenschwarz
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8393-6122-1
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zepter und Mordio
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-8393-6122-1
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tom Wolf, geboren 1964 in Bad Homburg, studierte Literaturwissenschaft und promovierte 1996 in Tübingen. Er ist als freier Autor für verschiedene Tageszeitungen tätig. Seit 2001 lässt er in seinen Preußenkrimis Hofkoch Honoré Langustier im Auftrag des Alten Fritz ermitteln. Tom Wolf wurde im Jahr 2005 mit dem Berliner Literaturpreis »Krimifuchs« ausgezeichnet. Von Februar bis Juni 2006 war er »Stadtschreiber zu Rheinsberg«.
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II
Hastige Instruktionen ertönten, Kommandos wurden gebrüllt, gröbste Unordnung beseitigt, notdürftige Wege durch den Rohbau des Neuen Palais am äußersten Ende des Parkes von Sans Souci in Potsdam gebahnt. Blitzschnell hatte sich die Meldung bis in den verborgensten Winkel der Baustelle verbreitet: »Der König kommt!«
Schon betrat der Monarch den grottierten unteren Saal des halb fertigen Mittelrisalits. Der Freiherr von Hünitz, der Flügeladjutant von Krockow sowie der Kammerdiener Karl folgten hinterdrein in geziemendem Abstand, stocksteif wie übergroße Seepferdchen. Der König machte sich flugs ein Bild der Lage. Dann ertönte die sonore Stimme des kleinen Mannes im blauen Rock und füllte die riesige künstliche Höhle:
»Arbeiten sie nur munter fort, Messieurs! Lassen Sie Ihnen nicht stören! Bloß immer geschwinde vorwärts, wie bei der Attaque! Jetzt muss hier wieder ein frischer Wind herein kommen – wo das Haupthemmnis beseitigt seindt!«
Jedem, der dies hörte, war klar, dass der Regent damit auf den vor Tagen verschwundenen und jetzt in Abwesenheit entlassenen Baron und Landbaumeister van der Heyden anspielte. Die Bauleute zogen ehrerbietig die Hüte vor Sr. Königlichen Majestät, bereuten es aber sogleich: Mit barschen Tönen und bösem Blick wies der kleine Mann sie zurecht. Sputen sollten sie sich und nicht durch Höflichkeiten seine kostbare Zeit verschwenden!
Gerade wurden die haushohen Wände des Prachtgelasses mit Muschelschalen, Schneckengehäusen und Mineralstufen verziert, was den Männern recht munter von der Hand ging, da ihnen diese Art von Maurerei weit größeres Vergnügen bereitete als das Auftürmen und Verspachteln von armseligen Backsteinen oder Kalktrümmern. Die gewaltigen Quarzkristalle etwa sprachen an Größe und Schönheit selbst den achtbaren Exponaten der königlichen Akademie der Wissenschaften Hohn. Aus allen Provinzen stammten die glitzernden, vielfarbigen Bodenschätze und legten beredtes Zeugnis ab von der puren Schöpfungslust Gottes und der Macht des Preußenkönigs über die Natur. Friedrich Anton Freiherr von Hünitz, Chef des preußischen Berg- und Hüttendepartements, hatte persönlich dafür Sorge getragen, dass nur die besten Stücke aus Sr. Königlichen Majestät Bergwerken und Steinbrüchen nach Potsdam abgingen. Jetzt trat er neben den Monarchen und wies auf eine Kiste mit noch unverbauten Schätzen.
Geduldig ließ sich der Bauherr den Unterschied der rhombischen und triklinischen Kristallbildung bei der Pechblende erklären und dankte schließlich seinem beflissenen mineralogischen Instruktor mit artigen Worten. Sie stiegen im Gebirge dieses Hauses weiter nach oben.
Ein Stockwerk höher war ein Marmorsaal von so gewaltigen Ausmaßen entstanden, dass es jedem Betrachter die Sprache verschlug. Die mit farbig inkrustierten, polierten Steinen ausgelegte Halle nahm die ganze Breite des Mittelrisalits ein und blähte sich zwei Etagen hoch. Nach dem dritten Krieg um das unselige Schlesien war das Gaffen und Staunen jedes Eintretenden genau der Effekt, den der Monarch mit seinem Bauwerk bezweckte. Dieses Schloss war Blendwerk, eine Prahlerei in Stein. Es sollte zum Ausdruck bringen: Seht her – Preußen liegt nicht siegreich am Boden, ganz im Gegenteil! Hielt man sich die rohen und aus reinem Vernichtungswillen geschehenen Verwüstungen im geschlagenen Königreich Sachsen vor Augen, die allein auf des Königs Befehl hin geschehen waren, so bekam diese Fanfaronade einen grotesken, verwerflichen und verzweifelten Beigeschmack. Was mit der Zerstörung der Brühlschen Besitzungen in Pirna begonnen und in barbarischer Brandschatzung und Vandalismus in Parks und Gärten in Dresden gegipfelt hatte, fand hier ein tragigkomisches Ende. Der Bau, dessen Schauseite selbst den Escorial um zwei Lachter an Länge übertraf, war vollendeter Ausdruck der preußischen Misere. So waren die Handwerker, die hier schufteten, samt und sonders Kriegsversehrte, die für einen Hungersold das Denkmal der scheinbaren Größe ihres Königs und ihres Landes errichteten. Preußens Kassen waren leer.
Nicht im Traum aber dachte der Erbauer daran, in diesem kalten Klotz von Palais mehr Zeit als nötig zu verbringen. Im Sommer gab es für ihn nur einen dauernden Aufenthaltsort, und das war und blieb Sans Souci. Der Monarch hatte sich die ersten fertig werdenden Zimmer an der Südspitze des Neuen Palais allein deshalb notdürftig einrichten lassen, um von dort aus die Arbeiten gelegentlich überwachen und seine widerspenstigen Baumeister unter ständiger Kontrolle halten zu können. Die hinterste Ecke in seiner nominellen »Wohnetage«, an einem der hohen Fenster mit Blick auf den Schlossvorplatz, hatte er sich als Sitz- und Schreibplatz gewählt. Es schien im ganzen Riesenhaus der einzige Ort ohne störende Zugluft zu sein, obwohl die Türen auf seine Anordnung hin versetzt angebracht worden waren. Die Ausstattung der Räume war alles andere als puristisch. Ein vollendet eingerichtetes Galerievorzimmer enthielt neben herrlichen Möbeln des genialen Kunstschreiners Kambly sechzig in Meißen erbeutete Schneeballvasen des großen Kaendler. Im sämtlichen Zimmern hingen Kronleuchter aus Porzellan, Bergkristall oder aus Kristallglas preußischer Produktion.
Drei Millionen Taler steckten bereits im Rohbau. Die innere Ausschmückung mit Seidentapeten, Silber- und Goldstuck, Möbeln sowie die äußere Verzierung durch fünfhundert Bildsäulen würden weitere, kaum zu beziffernde Mittel erfordern. Wäre sein ökonomisch denkender einstiger Schatullenverwalter Fredersdorf noch am Leben gewesen, so hätte ihn dieses preußische Versailles garantiert in Gram und Grab getrieben. Nun hatte der König immerhin, um die Löcher in der Kasse zu stopfen, fähige französische Steuerbeamte ins Land geholt.
Der Bauherr wandte sich an Wilhelm Meister, den katzbuckelnden, einäugigen Polier, der sich verloren neben seiner Herrschaft einhergestohlen hatte.
»Meister, weiß er was Neues vom abgängigen Baron? Und wo seindt die jüngsten Anschläge vorgefallen?«
Der Angesprochene zerfieselte fast seinen Filzhut vor Nervosität, während er aus schwer auffindbaren Worten eine Antwort zusammenklaubte:
»Halten zu Gnaden, Eure Königliche Majestät, aber vom Verbleib des Barons und Landbaumeisters van der Heyden ist mir nichts weiter zu Ohren gekommen. Er hat sich nirgends blicken lassen, obwohl wir durchaus Acht gegeben. Wir haben den Bau gut im Auge behalten, wie Eure Königliche Majestät es vorgeschrieben, und doch ist wieder etwas Unerfreuliches passiert. Wie ich heut früh hereingekommen, hab ich durch Zufall die frischen Sägespuren an den Stützen zu denen Gerüsten bemerkt. Zum Glück, denn wer weiß, was sonst …«
Er bewog den Regenten, ihm durch ein Spalier aus Rundhölzern zu folgen, und deutete auf mehrere angesägte Streben. Es ließ sich leicht voraussehen, was geschehen würde, wenn ein ausgewachsener Mann mit Steinen, Mörtel oder Farbe achtlos das Gerüst beträte. Die Miene des Königs nahm furchterregende Züge an. Er fauchte:
»Hier seindt impertinente Saboteurs gegen mir am Werke! Möchte wetten, dass der Baron hinter diesen Teufeleien stecket! Bring er das schnell in die Reihe und lass er ab sofort die Baustelle auch des Nachts bewachen. Jeden Morgen vor Baubeginn richte er sein Augenmerk auf das Stützgehölz und alle sonst gefährdete Parts, damit wir keine weiteren schlimmen Verzögerungen erleiden. Ich ziehe ihm sonst für alle mutwillige Retardationen etwas Strafgeld vom Lohne ab. Höre er mir!«
Der gemaßregelte Polier ward in Staub und Schmutz zurückgelassen. Vergeblich hatte er auf ein Wort der Anerkennung gehofft. Über diesem Bau lag ein Fluch, das galt ihm jetzt für sicherer denn zuvor. Unter Stoßgebeten versuchte er seinen demolierten Hut wieder in Form zu bringen.
Hätte er die Geschichte des alten Karle anführen sollen, als der Monarch ihn nach van der Heyden fragte? Karle schwor Stein und Bein, den Baron am frühen ersten Juli, blass wie eine Leiche, in der Eisgrube am Höneberg gesehen zu haben. Es hätte ihn so gegraust, dass er herausgekraucht und davongerannt wäre wie von der Tarantel gestochen. Doch wie sie dann vereint Nachsuche gehalten hatten, waren nur die Bierkannen zu finden gewesen, die sich der Karle in der Eisgrube kühlte. Ausgelacht hatte er deswegen gehört, sonst gar nichts. Was hätte sich wohl ein Mann wie der Baron in diesem frostigen Stollen verbergen sollen? Er war verschwunden, nur soviel war sicher. Nach Tagen des grundlosen Ausbleibens hatte ihn der König vom Dienst suspendiert und wegen des Verdachts auf Veruntreuung von Baugeldern zur Fahndung ausgeschrieben.
Nördlich von Schloss Sans Souci, über der grasbestandenen Flanke des Heine-, Heinken-, Hühner-, Hünen-, Heune- oder Hönebergs flimmerte die Juliluft. Nach etlichen Tagen des Dauerregens und vergleichsweise kühlen...




