Wolf | Kreideweiß | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Wolf Kreideweiß

Letzte Schreie
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8393-6118-4
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Letzte Schreie

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-8393-6118-4
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Juli 1772: Friedrich der Große gibt ein Geburtstagsfest für seine Schwester Ulrike. Eingeladen sind auch Couturiers aus Paris und London, die ihre Entwürfe erstmals an lebenden Modellen zu zeigen beabsichtigen. Mehrere Hofdamen der Königin probieren die Roben, doch eine nach der anderen erstickt - aufgrund zu enger Korsagen, wie es scheint. Der König jedoch vermutet perfide Manöver ausländischer Agenten und beauftragt Honoré Langustier, der Sache auf den Grund zu gehen. Weitere Titel der PreußenKrimi-Reihe als ebook: Königsblau (1740) Silbergrau (1743) Muskatbraun (1746) Purpurrot (1750) Rosé Pompadour (1755) Schwefelgelb (1757) Smaragdgrün (1759) Glutorange (1760) Rabenschwarz (1766) Goldblond (1778) Kristallklar (1786)

Tom Wolf, geboren 1964 in Bad Homburg, studierte Literaturwissenschaft und promovierte 1996 in Tübingen. Er ist als freier Autor für verschiedene Tageszeitungen tätig. Seit 2001 lässt er in seinen Preußenkrimis Hofkoch Honoré Langustier im Auftrag des Alten Fritz ermitteln. Tom Wolf wurde im Jahr 2005 mit dem Berliner Literaturpreis 'Krimifuchs' ausgezeichnet. Von Februar bis Juni 2006 war er 'Stadtschreiber zu Rheinsberg'.
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Dienstag, 30. Juni 1772


»Mein Vater ist ebenfalls Koch gewesen«, verkündete Honoré Langustier, Zweiter Hofküchenmeister des Preußenkönigs Friedrich. »Der Sonnenkönig aß eine seiner Pasteten und machte Alphonse René Langustier zum Ersten Bratenmeister und Zweiten Pastetenbäcker in Versailles! Ich wurde Küchengehilfe am sonnigsten Hof der Welt, eine prägende Erfahrung für einen Zwölfjährigen. 1740 kam ich nach Berlin.«

Sie lächelten einander wissend an. Jekaterina Fürstin Daschkowa lebte abwechselnd in Paris und Sankt Petersburg, war Chefredakteurin des und immer unterwegs im Dienste des guten Geschmacks. war ihre Lieblingswendung. Sie beriet die französische Königin in Fragen der Mode; derzeit war sie auf der Suche nach einem Liebhaber, den sie durch eigene Schuld verloren hatte, aber um alles auf der Welt wiederhaben wollte.

Ach, wenn sie wüsste, dachte Honoré Langustier und schmunzelte. Gerade mal 29 Lenze zählte sie, doch es lag etwas Verwegenes in ihrem Gesicht, das sie viel älter erscheinen ließ und ihn unglaublich anzog: sinnliche Lippen, braune Augen, hohe Stirn und dunkelbraune Haare, zu einem einfachen Knoten hochgeschlungen. Sie war nicht völlig schlank, aber eisern geschnürt. Ihr Reise-Négligé bestand aus einer dunkelblauen Schoßjacke mit großrapportigem gelbem Früchtedekor und einem hellblauen Rock mit Blütenmuster. Sie reiste unfürstlich-journalistisch, ohne Zofe, mit kleinem Gepäck – von zwei riesigen Schrankkoffern abgesehen –, und ihr Lachen war ein kleines Geläut.

»Und ich war fünfzehn, als ich an den Kaiserhof kam und Katharinas Freundin wurde!«

Sie meinte die große Katharina, die sich gerade mit seinem König Polen geteilt hatte. Friedrich, der seit Jahren aller Welt Theater vorspielte, liebte es, zu überraschen. Marie Antoinettes Lieblingscouturiers mit 40 Kleiderentwürfen nach Charlottenburg zu holen, war wie ein Angriff auf Frankreich – kaum dass ihm kampflos sein Stück vom polnischen Kuchen in den Schoß gefallen war. Preußen lag trotz des entbehrungsreichen siebenjährigen Krieges nicht am Boden. Mochte es seinen Untertanen auch dreckig gehen – der König tat, was er konnte, um die gewaltige Fassade aufrechtzuhalten. Das Neue Palais stand symbolisch für diese Anstrengungen. Der König war ein Finanzgenie, denn trotz des immensen Aufwands, den er trieb, lagen fünf Millionen Friedrichsdor in den Schatzkammern im Untergeschoss des Berliner Schlosses.

Langustier sehnte sich zu Rahel, seiner Frau, zurück und verfluchte sich selbst, dass er dem König in Antwort auf den letzten Express-Brief versprochen hatte, die Daschkowa erst sicher in Berlin abzuliefern. Der Regent hatte sie nicht direkt eingeladen, doch er wusste um ihre einflussreiche Stellung als Herausgeberin des führenden europäischen Modemagazins. Die Vorankündigung im , die Langustier ihr in London gezeigt hatte, hatte sie magisch angelockt. Jetzt gedachte sie das kleine Berlin einer weltstädtischen Beurteilung zu unterziehen – anlässlich der geplanten Mode-Revue.

»Werden meine geliebten Pariser Couturiers denn wirklich alle da sein und den Königinnen und reichen Damen ihre neuesten polnischen Roben vorführen?«, fragte sie. »Valencia, Huberty, Léonard und Bergé? Das ist groß! Die schönste Geschichte für sämtliche Gazetten! Die Teilung Polens in der Mode! Der Vorstoß Preußens in der Mode!«

»Fürstin – sicher werden alle da sein. Alle!« Er hatte das besonders betont. »Ich kenne doch meine Termine. Einer wird sogar bei dieser hübschen Gelegenheit eine der ersten Töchter Preußens ehelichen. Hermès de Bergé ….«

»Hermès wird heiraten? Ach, was Sie nicht sagen … Wen? Ich habe mich in London, so sieht es wohl aus, viel zu weit vom Weltgeschehen entfernt und trotz aller Bemühungen doch nicht herausgefunden, wo Lakefield geblieben ist … Die Mode in England ist übrigens wirklich das Allerletzte. Was sagen Sie dazu? Weshalb waren Sie noch mal da?«

Langustier griente.

»Wegen des englischen Botschafters, wegen des großen James Cook – und einer alten Freundin namens Gloria.«

»Cook, natürlich. Das hätte ich mir ja denken können! Und die Suche nach alten Freunden … oder Geliebten … kenne ich aus eigener Erfahrung nur zu gut. Was meinen Charles, ich meine: Lakefield betrifft – ich glaube, er hat mich in die Irre geführt, indem er behauptete, zwanzig Jahre in London gewesen zu sein. In ganz Britannien schien man von ihm nie etwas gehört zu haben.« Sie lachte sarkastisch, wohingegen er lächelte, gedanklich scheinbar noch ganz bei den bevorstehenden Festterminen. Er hatte sein kleines schwarzes Notizbuch gezückt und las:

»Wenn ich nur wüsste, was ich für eine Audienz bei Ihrem König tun muss …«

»Fürstin, jetzt verspotten Sie aber mich armen alten dicken Koch! Für ein mit dem König von Preußen benötigt eine einstige Kampfgenossin Katharinas wahrlich meine Hilfe nicht. Mir kommt da gerade ein Einfall, Fürstin, der Ihre Zustimmung finden wird!«

Sein Gesicht spannte sich vor Freude.

»Lassen Sie uns eine Rast in Meyenburg einlegen, wo ihr geliebter Bergé gerade Verlobung mit Adelheid von Rohr feiert! Auf meinem Weg nach Hamburg vor drei Wochen landete ich zufällig in Wolfshagen, wo ich eine Kutsche sah, die ich mir zu kaufen in den Kopf gesetzt. Unser Tolpatsch von Kutscher hat etwas gutzumachen – er wird uns nach Wolfshagen bringen, ich werde die schnelle Kutsche kaufen, Pferde leihen, eigenhändig lenken und Sie entführen …«

Die Daschkowa kam ihm einen halben Meter entgegen vor Aufregung, bevor sie sich wieder langsam in die entspannte Sitzposition zurückgleiten ließ.

»Nein! Ich dachte, er sei … Das dachte ich eigentlich von allen meinen Couturiers. Sie schwergewichtiger Engel – ich wäre die glücklichste Frau der Welt, wenn ich so ein Abenteuer mit Ihnen erleben dürfte. Indessen vergessen Sie eine Kleinigkeit …«

Langustiers überbordender Eifer zerschmolz wie Eis an der Sonne. Er folgte dem Blick der Daschkowa, deren Augen plötzlich den Platz neben ihm fixierten. Zugleich hörte er das Hüsteln jenes spindeldürren jungen Mannes, der in seinem schwarzen Rock, den gleichfarbenen und Strümpfen und dunkelschwärzesten Schuhen vorm abgeschabten schwarzen Leder der Sitze vollends unsichtbar gewesen wäre, wenn ihn nicht die vornehme Blässe seines schmalen Gesichts und die filigranen Klavierspielerhände als menschliches – englisches – Wesen verraten hätten.

»Oh … Mister Burney!«, sagte Langustier und war die Zerknirschung selbst. »Verzeihen Sie mir mein ungestümes Gemüt …« Robert Burney, der junge Komponist, der in Berlin seinen Bruder Charles zu treffen beabsichtigte, sagte mit fast unhörbarer Stimme:

Das klingt so verführerisch, dass ich ein Esel wäre, nicht darauf einzugehen.«

Hausherr Ludwig von Rohr strahlte die späten Gäste mit von Wein und Tanz geröteten Wangen an. Noch ehe Langustier seiner Freude über das Wiedersehen Ausdruck verleihen konnte, hörte man bereits den Sopran der Daschkowa, die mit gespieltem Erstaunen verkündete:

»Nein! Die Welt ist klein! Wie wunderbar! – Hermès! Das ist ja nicht zu glauben – wir wähnten Sie längst in Berlin! Und sagen Sie: Wiieeeso wusste ich nichts … ? Wie konnten Sie mir dieses – hm – Wunder – verbergen?«

Adelheid von Rohrs Bräutigam indes flötete, als er die Dame zu Gesicht bekam, die ihm mehr als bekannt zu sein schien:

»Sürpriiise!«

Die Fürstin klatschte ihm mit ihrem hübsch watteauisch bemalten Fächer leicht auf die beseidete Schulter.

»Meine Pariser! Sie sind überall! Sagen Sie, wie haben Sie einander kennengelernt? Nein, das ist fast zu viel …« Zu Adelheid: »In Paris hält man ihn für einen ewigen Einzelgänger …«

Ihr Lachen war glockig, tremolierend, und legte sich allen wie ein klingender Schal um die Ohren.

Bergé lächelte süß und...


Tom Wolf, geboren 1964 in Bad Homburg, studierte Literaturwissenschaft und promovierte 1996 in Tübingen. Er ist als freier Autor für verschiedene Tageszeitungen tätig. Seit 2001 lässt er in seinen Preußenkrimis Hofkoch Honoré Langustier im Auftrag des Alten Fritz ermitteln. Tom Wolf wurde im Jahr 2005 mit dem Berliner Literaturpreis "Krimifuchs" ausgezeichnet. Von Februar bis Juni 2006 war er "Stadtschreiber zu Rheinsberg".



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