Wolf Goldblond - Verheerende Torheit
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8393-6114-6
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Preußen Krimi (anno 1778)
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-8393-6114-6
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tom Wolf, geboren 1964 in Bad Homburg, studierte Literaturwissenschaft und promovierte 1996 in Tübingen. Er ist als freier Autor für verschiedene Tageszeitungen tätig. Seit 2001 lässt er in seinen Preußenkrimis Hofkoch Honoré Langustier im Auftrag des Alten Fritz ermitteln. Tom Wolf wurde im Jahr 2005 mit dem Berliner Literaturpreis 'Krimifuchs' ausgezeichnet. Von Februar bis Juni 2006 war er 'Stadtschreiber zu Rheinsberg'.
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Sonntag, 3. Mai 1778
Eine Sanduhr, ein dreiarmiger Leuchter, ein Totenschädel, eine Bibel und ein beschriebenes Blatt Papier – mehr erblickte der Gefangene nicht. Zum wiederholten Male las er den aufgeschlagenen Bibeltext , was seine Verzweiflung nicht minderte. , hatten sie gesagt. .
Der traurige Geselle wusste, dass es mit ihm zu Ende ging. Er schien unfähig, sich dagegen zu wehren, seine Glieder waren schon wie leblos. Anfangs hatte er sich noch gesträubt und an Flucht gedacht. Jetzt erkannte er die Zwecklosigkeit dieses Ansinnens. Es gab nur einen Weg aus dieser fensterlosen Kammer, und dieser Weg war der Tod.
Es klopfte dreimal an die Tür seines Gelasses. Der Schlüssel ging. Ein Mann trat ein. Er hieß ihn seinen Rock ausziehen, das Hemd aufknöpfen und die Hemdsärmel aufrollen. Langsam folgte er diesen Befehlen. Er wurde umgedreht und rückwärts ins Dunkel geführt. Allein stand er da in der Schwärze. Die Tür, auf die er sah, wurde geschlossen. Hinter ihm flammte ein Licht auf. Er spürte die Anwesenheit seiner Richter.
Das Gericht fällte in seinem Beisein das Urteil. Peinigend, wie sie ihn befragten, ohne dass er die Fragenden sah! Quälend zu hören, wie das eigene Testament vor einem unsichtbaren Publikum verlesen wurde!
»Bruder Erster Aufseher, warum brennen die Lichter so schwach?«, fragte der Mann, der ihn hereingeführt hatte und noch immer neben ihm stand.
»Wir befinden uns in der Nähe des Todes, Ehrwürdiger Meister«, antwortete eine tiefe Stimme. Er hörte diese Stimmen mit Erschauern und gleichzeitigem Behagen. Ja, er wollte sterben! »Wie können wir Meister der Kunst werden?«
»Indem wir an unser vergängliches Leben den Maßstab des Ewigen anlegen.«
Gemurmel.
»Es geschehe also.«
Die tiefe Stimme sprach zu ihm:
»Bruder, du wirst sterben, doch dein Tod führt zur Wiedergeburt. Erst heute weihst du dich uns ganz für Leben und Tod.« Hiernach herrschte Ruhe.
»Die Stille des Todes ist in den schwarz verhüllten Tempel eingekehrt. Die Trauernden sind versammelt. Du befindest dich in dem Raum, in dem die Meister arbeiten. Schau in dich, schau um dich, schau über dich. Den rauen Stein zu behauen, ist die Aufgabe des Lehrlings. Mutig und fröhlich in der Gemeinschaft zu arbeiten, lernt der Geselle. In dunkler Stunde einsam den Tod zu bestehen, das ist die Kunst des Meisters. Nicht lautet deine Aufgabe, sondern !«
Ein Schlag ertönte und das Kerzenlicht mehrte sich. Ein Totenhaupt wurde ihm gereicht. Er stand noch immer mit dem Gesicht zur Tür, während die Stimmen von hinten kamen, aus dem großen Raum. Die tiefe Stimme gehörte dem Meister vom Stuhl:
»Der, dessen Schädel du nun in Händen hältst, mein Bruder, war einst ein Mensch wie du!«
Honoré Langustier, ehemaliger Zweiter Hofküchenmeister des Königs von Preußen, sah in die knöchernen Augenhöhlen des Totenkopfes und begriff im Angesichte dieser Mahnung, wie nahe das Ende ihm war. Dass man ihn so spät im Leben noch einen symbolischen Tod sterben ließ, durfte ungewöhnlich genannt werden. Viele der Freimaurermeister, die hinter ihm im Tempel der Großen National-Mutterloge standen, waren in einem recht jugendlichen Alter, etwa dem vergleichbar, das er selbst gehabt hatte, als er 1740 in dieses Land gekommen war. Sich auf das Sterben vorzubereiten, konnte nie früh genug geschehen. Gut in seinem Falle, dass es überhaupt noch passierte. Man schrieb das Jahr 1778 und er hatte – die ersten beiden ausgenommen – alle Jahre dieses glorreichen Jahrhunderts ausgekostet.
Er fühlte, wie seine große Anspannung langsam schwand. Er würde sterben. Mochte geschehen, was geschehen musste. Auf dem großen rechteckigen Teppich hinter seinem Rücken sah man am Boden schon sein Grab oder seinen Sarg als schwarze Fläche, umgeben von Tränensymbolen. Auf dem schwarzen Viereck lag ein weiterer Totenkopf, in der Mitte stand Gottes Name und oben lümmelten sich zwei nach Art eines Andreaskreuzes oder Schragens gekreuzte Totenbeine. Vor dem Sarg oder Grab befand sich ein in westlicher Richtung, zum Okzident hin, offener rechter Winkel; und darüber, am Teppichende, vor dem im Osten oder Orient stehenden Altar, schwebte ein Zirkel. Rechts davon war ein Hügel mit einem Akazienzweig dargestellt, dem Symbol der Meisterschaft und der Überwindung des Todes. Zuletzt waren noch drei mal drei Lichter, Kerzen in Haltern, südöstlich, südlich und west-südwestlich positioniert.
Der im Westen wartende Langustier gelobte , seine Reisen zu tun, ohne nach hinten oder seitwärts zu schauen. So sah er noch nicht, was ihm bevorstand. Sein Weg führte ihn dreimal um die Arbeitstafel, den Teppich, herum. Beim Durchgang im Norden wies man ihn auf die Vergänglichkeit alles Irdischen hin, im Osten wurde ihm Zuspruch zuteil und die Verheißung des Überirdischen und Unvergänglichen. Im Süden forderte man ihn auf, so zu leben, dass ihn seine letzte Stunde jederzeit bei ruhigem Gewissen ereilen könnte. Als er nach den vollendeten Reisen wieder am Startpunkt im Westen anlangte, drehte man ihn abrupt um 180 Grad herum, so dass ihm nun sein Grab vor Augen stand. Zwölf symbolische Glockenschläge ertönten, dabei war es gerade einmal zehn Uhr am Abend – seine Zeit, hieß dies, war um!
Die Tafel wurde von den Meistern der Mutterloge und der Tochterlogen und flankiert, die jetzt ernsthaft behaupteten, er habe sich hinterrücks mit verbrecherischen Gesellen verbündet. Ja, sie begegneten ihm sichtlich misstrauisch. Ein erzürnter Bruder stürzte gar plötzlich auf ihn zu, riss ihm seinen Gesellenschurz herunter und schleuderte diesen in den Nordwesten des Tempels, wo die Finsternis und die geistige Gegenkraft angesiedelt waren. Er sei unwürdig, hieß es, man wolle ihn nicht! Das traf ihn nicht so hart, wie man vermuten könnte, durfte er sich doch damit beruhigen, dass dieser Affront Teil eines für Außenstehende mysteriösen, symbolisch sehr reichhaltigen Theaterstückes war, welches sie gemeinsam aufführten.
Dreimal musste er seinen Sarg überschreiten. Der erste Schritt von Westen nach Norden symbolisierte den Abstieg zu den Müttern im Schoß der Erde, Aussaat zu künftigem Leben. Der zweite Schritt, von Norden nach Süden getan, war der Wiederaufstieg, das Streben nach Erleuchtung. Mit dem dritten Schritt schließlich erfolgte die Verwandlung des Irdisch-Sterblichen in ein höheres Wesen. Langustier überwand die Materie und fügte sich in die große kosmische Ordnung ein. Auf Knien sprach er:
»Ich gelobe auf Maurerwort, mich der Bruderschaft in unauflöslicher Gemeinschaft zu verbinden, verschwiegen zu sein wie der Tod und an mein vergängliches Leben fortan den Maßstab des Ewigen anzulegen.«
Schwerfällig erhob er sich wie vorgeschrieben aus eigener Kraft. Vielleicht war dies sogar die herbste Prüfung, die es für ihn an diesem Abend gab. Der Meister vom Stuhl sprach:
»Die Meister haben dein Gelöbnis vernommen. Möge dir die Kraft gegeben sein, es zu halten bis ans Ende deiner Tage!«
Manche Brüder, das wusste Langustier, schämten sich für diesen Hokuspokus, wie sie die überlieferten Zeremonien bei den Einweihungen und Erhebungen nannten, und ja, auch er hatte früher einmal zu diesen geistig Armen gehört, die den Symbolgehalt der Rituale, Proben und Gelöbnisse nicht begriffen. Ein im echten Sinne des Wortes Eingeweihter war man erst, wenn man das Rätsel entziffern konnte und den verborgenen Sinn verstand. Alle Maurerei beruhte auf der Einsicht in die Gewissheit, dass es tiefe Wahrheiten gab, für die menschliche Begriffe nicht hinreichten. Daher bediente man sich einer wohldefinierten Menge von Symbolen, um sich ihnen zu nähern. Der Mathematiker Johann Bernoulli III. aus der berühmten Bernoulli-Familie, Leiter des Astronomischen Observatoriums, der wenige Schritte von Langustier entfernt unter den Brüdern stand, hätte diesen Gedanken nicht besser formulieren können. Selbst Martin Klaproth, der Schwanenapotheker und Chemiker, sah hierin keinen Widerspruch zu seiner wissenschaftlichen Arbeit. Nach Langustiers Gelöbnis erfolgte seine eigentliche feierliche Erhebung. Der Bruder Redner, Kaufmann Friedensreich Hundertmark, begann eine alte Geschichte vorzulesen, deren Ursprung keiner genau kannte, die aber immerhin genügend prominente, biblisch bezeugte Akteure besaß, um sie...




