E-Book, Deutsch, 344 Seiten
Wittmann Von Drachenfrau und Zauberbaum
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7022-3894-0
Verlag: Tyrolia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das große Buch der österreichischen Märchen
E-Book, Deutsch, 344 Seiten
ISBN: 978-3-7022-3894-0
Verlag: Tyrolia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor: HELMUT WITTMANN, Jahrgang 1959, lebt im oberösterreichischen Almtal und ist seit über 30 Jahren hauptberuflich als Märchenerzähler tätig. Die Aufarbeitung und Neubelebung der heimischen Erzähltradition ist ein wesentlicher Teil seiner Arbeit. Auf seinen Antrag hin nahm die UNESCO das Märchenerzählen in Österreich in die Liste des immateriellen Kulturerbes auf. Einmal im Monat gestaltet er im ORF, Radio Oberösterreich und Radio Salzburg, seine 'sagenhafte Stunde'. Mehr unter www.maerchenerzaehler.at Die Illustratorin: ANNA VIDYAYKINA, geboren 1989 in Russland, lebt seit 2002 in Österreich, Studium an der Universität für angewandte Kunst in Wien, 2014 Gewinnern des Internationalen Illustrationswettbewerbs 'Notte di fiaba' in Italien. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u. a. bei Tyrolia: 'Morgen ist morgen. Ein Märchen von Vertrauen und Gewitztheit' (2011)
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Von Sedunkråtlipa, Siebenschön
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Es waren einmal ein armer Mann und eine Frau. Die hatten miteinander ein Mädchen. Der Mann war Besenbinder. Davon lebten sie und hatten doch kaum genug zum Leben. Immer wieder gingen die Mutter und die Tochter in den Wald. Dort schnitten sie Ruten und Holz für die Besen, damit der Vater zu Hause weiterarbeiten konnte.
Jahre vergingen. Da starb die Mutter. Das Mädchen war jetzt groß genug, um alleine in den Wald zu gehen und die Ruten, die der Vater zum Besenbinden brauchte, zu holen. Zu einer wunderschönen jungen Frau war das Mädchen herangewachsen. Alle im Dorf nannten sie »Sedunkråtlipa«, auf Deutsch »Siebenschön«.
Einmal, als sie wieder im Wald Ruten schnitt, war dort der Prinz des Landes mit seinem Gefolge auf der Jagd. Wie er dem Wild nachsetzte, sah er das Mädchen durch den Wald huschen. Er sah sie nur kurz, denn sie war scheu und lief gleich wieder fort.
Am nächsten Tag ritt er aber wieder in den Wald, diesmal nur, um sie zu sehen. Und wirklich sah er sie. Ja, er schaute ihr sogar bei der Arbeit zu und sie gefiel ihm so sehr, dass er beschloss: Sie – und nur sie – sollte die Seine werden. Zu Hause erzählte er seinen Freunden von der Schönen, die er im Wald gefunden hatte. Miteinander ritten sie tags darauf wieder in den Wald. Diesmal sprach er sie an und erklärte ihr seine Liebe.
Bald erfuhr auch sein Vater, der König, von der Frau, in die sich sein Sohn draußen im Wald verliebt hatte. »Was kann das wohl für eine sein?«, ärgerte sich der König. »Eine Frau, die sich im Wald herumtreibt, ist wohl nicht der rechte Umgang für einen Königssohn.« Neugierig wollte er mehr über sie wissen, wer sie denn sei, und von wo sie denn stamme. So erfuhr er, dass sie die Tochter eines armen Besenbinders war. So eine und sein Sohn – der Prinz! Das kam ja überhaupt nicht in Frage!
Gleich schickte der König seine Soldaten aus und befahl ihnen, die Hütte des Besenbinders bei der Nacht anzuzünden. »Soll doch alles verbrennen«, sagte er, »dann haben wir Ruhe vor den Nachstellungen dieser Weibsperson. Mein Sohn braucht das alles nicht zu wissen.«
Wirklich zündeten die Soldaten die Hütte des Besenbinders an. Sie verbrannte wie Zunder, und der Besenbinder mit ihr. Nur die Tochter konnte sich halbnackt aus dem Bett retten. Nichts war ihr geblieben.
Gute Leute gaben ihr für die Holzstumpen, die vom Haus übrig waren, ein wenig Geld. Davon kaufte sie sich ein Männergewand. Sie schnitt sich ihre Zöpfe ab und trug die Haare kurz wie ein Bursch. Jetzt sah sie aus wie ein schmucker Jüngling. Drauf ging sie in die Königsstadt und fragte dort am königlichen Hof um Arbeit.
»Nein, nein, nein«, hieß es zuerst. »Wir brauchen niemanden!« Dann aber sah sie der erste Verwalter: »Na, das ist ein hübsches Bürschchen!«, sagte er. »Wir werden ihn nehmen. Soll er die Gänse weiden und Botengänge erledigen.«
Da freute sich der Bursche, der ja eigentlich eine junge Frau war. »Wie heißt du denn überhaupt?«, fragten sie sie im Schloss. »Nesreca«, gab sie zur Antwort. Das heißt auf Deutsch »Unglück«. So nannten sie alle »Nesreca« – »Unglück«. Die Arbeit ging ihr flink von der Hand. Durch ihren Fleiß und ihre freundliche Art war sie bald wohlgelitten im Schloss. Überall hatte sie Zutritt. Da hieß es Holz tragen und die Asche hinausbringen, aber auch Schuhe putzen für den Prinzen und seine Kleider in Ordnung bringen. So vergingen ein paar Jahre.
Eines Tages sagte der König zu seinem Sohn: »Es ist Zeit, dass du heiratest! – Und ich weiß auch schon eine, die zu dir passt: Die Tochter unseres Nachbarkönigs. Sie wird dir bestimmt gefallen.«
Der Prinz wollte nicht so recht. Die Schöne aus dem Wald kam ihm immer wieder in den Sinn. Aber schließlich gab er dem Drängen des Vaters widerwillig nach. »Schau sie dir doch einmal an«, meinte der König. »Glaub mir, wenn du sie siehst, wird sie dir gefallen.«
Ein Festzug wurde gerüstet. Da fragte auch Nesreca, ob sie mitkommen dürfte. »Was willst denn du dort, du schmutziges Unglück!?«, höhnte der Verwalter und gab ihr einen Schlag auf den Kopf: »Du bleibst besser zu Hause und schaust, dass alles sauber ist und in Ordnung. Du wirst das Haus putzen.«
Niedergeschlagen machte sich Nesreca an die Arbeit, während die festliche Gesellschaft loszog: Hohe Würdenträger und der ganze königliche Hof waren dabei. In der Mitte fuhr der junge König in einer goldenen Kutsche. Nesreca hatte derweil alle Hände voll zu tun, um mit der Arbeit fertig zu werden. Aber schließlich war alles geputzt. Da ging sie in den Stall, um nachzusehen, ob noch ein Ross zu Hause geblieben war. Eines war da. Aber das hinkte.
»Gut«, sagte sich Nesreca, »dann wird eben das das meine«, band es los, sattelte es und hoppauf ihnen nach! Gemächlich zog der Festzug dahin. Bald hatte sie ihn eingeholt. Da begann Nesreca, ein Lied zu singen: »Sedunkråtlipa su bila imenovana, a sad mi je nesreca poznana«, auf Deutsch »Siebenschön ward ich genannt, Unglück ist mir jetzt bekannt.«
Das sonderbare Lied hörte auch der junge König in seiner Kutsche. Wo kommt der Gesang her? – Es ließ anhalten. Horchte. – Nichts! – Da ließ er wieder weiterfahren.
Bald darauf begann Nesreca ihr Lied aufs Neue. Wieder hörte der Prinz den Gesang. Und wieder ließ sich nicht ergründen, von wo der Gesang herkam. Also ging es wieder weiter.
Kurz vor der fremden Festung sang Nesreca ihr Lied zum dritten Mal: »Sedunkråtlipa su bila imenovana, a sad mi je nesreca poznana« – »Siebenschön ward ich genannt, Unglück ist mir jetzt bekannt.«
Der Prinz hatte es diesmal ganz deutlich gehört. Er sprang aus dem Wagen und lief zurück. Hinter dem letzten Soldaten fand er Nesreca, den schmutzigen Diener, auf dem hinkenden Pferd.
»Was machst du hier!?«, fuhr er sie an. – »Ich ziehe mit Euch, um zu sehen, wie es Euch bei der fremden Königstochter geht.«
»Und wer hat da gesungen!? Dreimal gesungen!?«
»Gütiger König, das war ich, Herr!«
Da sah sich der Prinz den zerlumpten Kerl auf dem Pferd genauer an – und erkannte das Mädchen, das er im Wald gesehen hatte. Gleich musste sie mit ihm in seinen Wagen einsteigen. Dann sagte er zu seinem Vater: »Vater, verzeih mir, aber ich werde nicht die Braut nehmen, die du mir vorgeschlagen hast. Endlich habe ich die gefunden, die mir gefällt, seit ich sie zum ersten Mal sah. Und jetzt werde ich sie nehmen, ob es dir recht ist oder nicht.« Da machte der König große Augen – und die Leute im Gefolge riefen laut: »O heilige Maria, das ist ja unser ‚Unglück‘. Das ist der Bursch, der ‚Unglück‘ heißt, und der bei uns in der Burg im Dienst ist.«
»Nicht Unglück!«, lachte der Prinz. »Das ist mein Glück!« Drauf fuhren sie weiter zur vereinbarten Brautschau.
Als der Prinz vor den fremden König trat, hob er an: »Gütiger König, es liegt mir fern, Euch zu beleidigen, aber ich werde Euch jetzt eine Frage stellen: Nehmen wir an, Ihr hättet einen goldenen Schlüssel für Eure Kasse. Der wäre verlorengegangen und Ihr hättet einen aus Blech oder Eisen anfertigen lassen. Dann aber würdet Ihr den goldenen Schlüssel wieder finden. – Welchen Schlüssel würdet Ihr behalten?« – »Den goldenen natürlich«, sagte der König, »den anderen würde ich wegwerfen.«
»Nun seht«, sagte der Prinz, »so ist es bei uns: Ich hatte meine Liebste verloren. Dabei war ich seit Jahren in sie verliebt. Ich dachte, sie wäre nicht mehr auf der Welt. Doch jetzt habe ich sie wiedergefunden und werde sie nehmen. Das ist mein goldener Schlüssel. – Eure Tochter muss ich stehenlassen. Seid nicht böse. Sie wird sich schon einen Bräutigam finden.«
»Oh, nein«, sagte...




