E-Book, Deutsch, Band 1, 320 Seiten
Reihe: Ein Fall von A.D. Manz
Wittekindt Vor Gericht
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-311-70220-7
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein alter Fall von Kriminaldirektor a. D. Manz
E-Book, Deutsch, Band 1, 320 Seiten
Reihe: Ein Fall von A.D. Manz
ISBN: 978-3-311-70220-7
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Matthias Wittekindt, geboren 1958 in Bonn, vergisst beim Schreiben oft alles um sich herum. Das passiert ihm in seiner Berliner Stadtwohnung genauso wie im Garten in Schmöckwitz am Zeuthener See, wo er im Sommer gern arbeitet. Doch nicht alles, was Wittekindt für seine Geschichten braucht, fliegt ihm vom See her zu. Seit seinem ersten Roman mit Kriminaldirektor a.D. Manz sieht man ihn regelmäßig im Kriminalgericht Moabit, wo er Strafprozesse verfolgt. »Eine Richterin, die meine Bücher kannte, rief an und sagte: ?Herr Wittekindt, ab nächster Woche verhandeln wir ein Tötungsdelikt. Ich denke, es könnte sich lohnen, wenn Sie sich das mal anhören.?« Und sie lag richtig, es hat sich gelohnt. Aufgewachsen ist Matthias Wittekindt in Hamburg. Nach einem Studium der Architektur und Religionsphilosophie in Berlin und London hat er u. a. als Architekt, Regisseur und Theater- und Hörspielautor gearbeitet. Seit 2011 konzentriert er sich ganz auf seine hochgelobten Kriminalromane. Vor Gericht, der erste Fall für Kriminaldirektor a. D. Manz, stand auf der Shortlist des Crime Cologne Award. Vor Gericht, Die Schülerin und Die rote Jawa wurden auf die Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur gewählt, Die rote Jawa erreichte Platz 1
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I Die Recherche
Exkursion auf die andere Seite
Als Manz an diesem Abend das Haus verlässt, steht die Sonne noch zwei Fingerbreit über dem Horizont. Er will zum Ruderclub, die anderen treffen. Vermutlich werden sie grillen, was trinken und sich mal wieder über Wolfgang lustig machen, der seit Wochen damit beschäftigt ist, ihren neuen Vierer mit sieben Schichten Bootslack neu aufzubauen.
»Soll ja halten«, hatte er erklärt, als Theo ihn fragte, warum es so lange dauert.
Ihr neuer Vierer ohne Steuermann wurde 1931 in Dresden gebaut. Sie haben ihn im Mai gegen den alten eingetauscht, denn ihr Steuermann, Robert, ist im April ganz plötzlich gestorben, und keiner der verbliebenen Freunde hat Lust, beim Rudern auf den leeren Sitz im Heck zu starren.
Zwei Mal die Woche rudern sie auf der Elbe. Das Bild, das die vier dabei abgeben, unterscheidet sich nicht von dem anderer aus ihrem Club. Wenn sie in Fahrt sind, ist der Blick gen Heck gerichtet, wenn sie pausieren, geht der Blick meist zur Seite.
So wie gestern Morgen zum Beispiel.
Es ist noch früh. Hinter ihnen, über dem Wasser, Dunst. Tropfen tropfen von den Ruderblättern, man kann ihre Gesichter gut erkennen.
Ganz vorne im Boot sitzt Wolfgang, der auch die Kommandos gibt. Genau wie Manz stammt er aus Berlin, war dort im Bausenat tätig.
»Von der Ausbildung Stadtplaner und Jurist«, so hatte er sich Manz damals vorgestellt. »Aber reden wir von was anderem.«
Direkt vor Wolfgang, also genau genommen hinter ihm, wenn man vom Bug aus zählt, hat Henning, der Notar, seinen Platz.
»Familiendramen noch und nöcher. Vor allem bei Erbschaften. Na, ihr kennt das.«
Wie so oft, wenn sie pausieren, steht Hennings Mund offen. Sein linkes Augenlid hängt ein wenig.
»Ist schon so, seit ich zwölf bin.«
Dann kommt Theo, der sich bereits Mitte der Achtziger für Elektroautos eingesetzt hat und auch eins fährt. Er zieht die Ruderblätter stets etwas höher aus dem Wasser als die anderen.
Ganz hinten am Heck Manz. Der ehemalige Kommissar war während seiner letzten Berufsjahre Kriminaldirektor in Dresden.
Vier Männer mit vier Berufen. Und alle nicht auf den Mund gefallen. Sie hätten eine Menge zu berichten. Von ihren Aufgaben, die ja für sie alle ihr Leben waren.
Nur tun sie es nicht. Manz darf mal eine kleine Polizeigeschichte, »bitte mit Pointe!«, zum Besten geben, aber sonst … Nicht zurück. Das ist die Devise.
»Nicht zurück?« Manz hat sich bei seinem Eintritt in den Club über die Anweisung amüsiert. »Rudern wir denn nicht mit dem Rücken in Fahrtrichtung?«
Über solche Bonmots können Wolfgang und Theo lachen. Henning nicht. Er neigt zur Ernsthaftigkeit und … in letzter Zeit auch zum Zorn.
Gleich wird Manz die drei treffen. Sie werden sich anhören, was Wolfgang über seine Lackschichten zu sagen hat und dabei eine Flasche Bier trinken. , denkt Manz.
Henning ist vierundsiebzig und somit der älteste. Theo und Wolfgang sind, genau wie Manz, kurz vor Kriegsende zur Welt gekommen. Sie haben im April gemeinsam ihren Dreiundsiebzigsten gefeiert. Noch zusammen mit Robert und natürlich auf dem Gelände des Ruderclubs, der einst dem Betriebssport gedient hat, und …
»… nein! Das ist keiner von diesen neuen, aufgemotzten Clubs. Bei uns sind nur Leute, die gerne rudern und reden!«
»Trinken?«
»Na gut. Rudern, reden und trinken.«
»Was ist mit dem Grill?«
»Unseren Frauen?«
»Gott, seid ihr kleinlich.«
Manz war es während seiner Ausbildung zur Gewohnheit geworden, sich Dinge, die ihm durch den Kopf gehen, vorzusagen, ja, regelrecht zu formulieren, und diese Gedanken, so sie mit seinem Beruf zu tun hatten, möglichst bald aufzuschreiben. Daraus war in seiner aktiven Zeit eine Methodik der wörtlichen Aussage entstanden, die ihn von seinen Kollegen unterschied.
Sicher waren die Marotte mit den ausformulierten Gedanken und sein gut entwickeltes Vorstellungsvermögen bei gleichzeitiger Verpflichtung auf das Faktische mit ein Grund, warum er es beruflich so weit gebracht hatte.
.
Der Wind trägt den Geruch zu ihm hinauf, alles scheint wie immer zu sein.
Dann jedoch, er hätte keinen Grund nennen können, verwirft Manz seinen Plan, geht nicht zum Ruderclub, sondern biegt scharf nach rechts ab. Auf die Zizzenbrücke, die hier die Elbe überspannt und Zizzwitz mit einer längst aufgegebenen Enklave aus den sechziger Jahren verbindet.
»Hey! Manz!«
»Christoph.«
»Alles gut?«
»Und bei dir?«
»Wo geht’s hin? Wird bald dunkel.«
»Weiß ich noch nicht.«
»Wie weit ist Theo mit seinen Solarpanels?«
»Kommt gut voran, gestern fehlte ihm, glaub ich, ein Kabel.«
»Ich schau mal vorbei, Kabel hab ich genug. Was machst du morgen?«
»Na, was schon? Da bin ich im Ruderclub.«
»Dann sehen wir uns da. Grüß Christine.«
»Mach ich. Grüß Helga.«
Manz geht weiter, und er geht wie immer. Aufrecht. Sicher. Trotz seiner dreiundsiebzig.
Wer sich die Zeit nimmt, wer Manz eine Weile dort oben auf der Brücke beim Gehen betrachtet, sieht sofort, dass seine Muskeln, seine Gelenke, seine Koordination noch gut funktionieren. Man würde ihm sofort abnehmen, dass er, schon aus beruflichen Gründen, auf seine körperliche Verfassung achten musste und sich auch heute noch regelmäßig belastet. Es waren ja immer mal Situationen vorgekommen, wo es Mann gegen Mann ging. Da Manz zudem schlank ist, da sein Blick nicht auf den Boden geht wie bei denen, die bereits Angst haben zu fallen, wirkt er deutlich jünger, als er nach Jahren ist.
Noch jünger, noch eleganter vor allem, würde er wirken, wäre er anders gekleidet. Aber Manz hat ein Faible für dunkelgraue, manchmal auch olivfarbene Cordhosen, die er trägt, bis seine Frau sie unauffällig entsorgt.
»Lass uns doch mal in die Stadt fahren, dir was Schickes besorgen.«
Wie oft hat Christine ihm solche Vorschläge gemacht. Ohne Erfolg. Ein gewisses Maß an Sturheit, ein vielleicht schon zu sehr gefestigtes Selbstbild muss wohl vorausgesetzt werden.
Die Cordhosen kombiniert Manz in der Regel mit karierten Flanellhemden. Darüber trägt er stets eine Lederjacke, deren Taschen ausgebeult sind, da er dort viel verstaut. Schrauben zum Beispiel. Unterlegscheiben. Einen Notizblock. Sein Handy mit dem verkratzten Display, Kronenkorken, für die er keinen Mülleimer gefunden hat und Ähnliches mehr.
»Du bist so schön groß, hast ein markantes Gesicht und ein Kinn wie ein Bagger. Dir würde ein gut geschnittener Anzug viel besser stehen als diese … Vielleicht ein französischer? Etwas Elegantes wäre ein wunderbarer Kontrast.«
»Zu was?«
»Deinem Gesicht. Deinem Kinn.«
»Bitte?«
»Du hast die Figur dafür. Und den Ausdruck. Du guckst doch immer so grimmig.«
»Christine! Ich bin in einem Berliner Keller bei flackerndem Licht zur Welt gekommen, während alles wackelte und Mörtelstaub von den preußischen Kappen auf meine Mutter herabrieselte. Da wird man nicht plötzlich Franzose.«
So ungefähr hat er sich verteidigt. Und da steckt mehr dahinter als einfach nur Sturheit. Manz ist während seines Berufslebens genug alten Verbrechern begegnet, die sich jugendlich oder modisch gaben. Ihm fällt sofort auf, wenn Zähne zu weiß sind, Anzüge zu eng geschnitten oder Haare und Augenbrauen zu dunkel.
»Als Kriminaldirektor musste ich so rumlaufen. In Anzügen und bügelfreien Hemden. Jetzt kann ich sein, wie ich bin.«
»Du kultivierst deine Bodenständigkeit ein bisschen zu sehr, für meinen Geschmack.«
»Will sagen?«
»Irgendwann züchtest du Hasen.«
»Und auf Hasen kommst du …«
»Weil ich gerade an das Buch denken musste, aus dem du Julia immer vorgelesen hast, als sie klein war. Erinnerst du dich? Unserer Enkelin liest du es auch vor.«
».«
»Genau.«
»Weil meine Mutter es mir schon vorgelesen hat.«
»Deine Mutter, ich weiß.«
Manz ist keinesfalls egal, was seine Frau denkt und will. Er ist jederzeit bereit zuzugeben, wie sehr es ihm gefällt, dass Christine sich modisch kleidet. Jedenfalls findet er, dass sie mindestens zwei Klassen besser und eleganter aussieht als die Frauen der anderen Männer im Club. Ja, sie sieht fast so gut aus wie Maria, und die ist acht Jahre jünger. Eins allerdings hat Maria seiner Frau voraus. Sie kann besser rudern, synchronisiert schneller, kommt auch bei hoher Taktung gut mit.
Manz hat die Brücke bereits zur Hälfte überquert, als er, ohne rechten Zusammenhang, an die Fähre denkt. Kaum drei Momente später hält eine Frau neben ihm, steigt von ihrem Rennrad ab.
Manz erschrickt nicht, wundert sich aber ein wenig.
»Maria. Gerade hab ich …«
»Störe ich? Denkst du nach?«
»Nie. Wie geht’s Johann?«
»Besser. Der Arzt hat ihn neu eingestellt, und er bekommt jetzt endlich seine Hüfte.«
»Klingt, als wäre dein Mann eine Maschine.«
»Heute nicht im Club?«
»Die werden auch mal ohne mich auskommen.«
»Klar. Und wo willst du hin?«
»Weiß ich noch nicht. Ich habe mich gerade gefragt, wie oft sie fährt.«
Manz zeigt runter aufs Wasser, wo gerade eine Fähre vom linken Flussufer ablegt.
»Die zur Zizzeninsel? Alle zwei Stunden. Jetzt im Sommer lohnt sich das. Wart ihr mal da?«
»Einmal und nie wieder. Christine gefiel es da überhaupt...




