E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Winzen Quo vadis Afrika?
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-4285-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die demographische Zeitbombe in Subsahara-Afrika - Einst Wiege der Menschheit, bald deren Grab?
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
ISBN: 978-3-7519-4285-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor ist promovierter Historiker und bereits mit mehreren Publikationen zur wilhelminischen Geschichte hervorgetreten. In der Fachwelt hat er sich als Bülow-Experte einen Namen gemacht. Geboren am 23.6.1943 in Parsberg/Oberpfalz. Nach dem Abitur 1963 Studium der Geschichte, Anglistik und Politischen Wissenschaften in Heidelberg und Köln; Staatsexamen 1969; Promotion an der Universität Köln 1973. 1974/75 Leverhulme Fellow an der Universität East Anglia/Norwich. 1976-1998 im höheren Schuldienst. Bis 2003 Lehrauftrag für Didaktik der Geschichte am Historischen Seminar der Universität Köln. 1989-2002 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Historischen Kommisssion bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.
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Prolog
Schon vor vielen Jahren haben die Demographen der Vereinten Nationen Alarm geschlagen: Seit den 90er Jahren wächst die Weltbevölkerung im Schnitt um jährlich 82 Millionen Menschen, das entspricht in etwa der Einwohnerzahl Deutschlands. Das bedeutet aber auch, dass die Erdbevölkerung alle zwölf Jahre um 1 Milliarde Menschen zunimmt. Bis zum Vorabend der Industriellen Revolution verlief die weltweite Bevölkerungsentwicklung noch relativ ruhig: 1800 belief sich die Weltbevölkerung gerade einmal auf geschätzt 1 Milliarde. 1950 waren es immerhin schon 2,5 Milliarden Menschen. Seitdem ist ein steiler Anstieg der Bevölkerungskurve zu verzeichnen, die ihren ersten Höhepunkt Mitte der sechziger Jahre erreichte (siehe Diagramm 1). Heute (2019) umfasst die Weltbevölkerung bereits 7,8 Milliarden Menschen. Nach der mittleren Bevölkerungsprognose der UN werden es 2050 wohl 9,7 und am Ende dieses Jahrhunderts sogar 11,2 Milliarden Erdenbürger sein, die unseren Planeten bevölkern. Das führt naturgemäß zu der bangen Frage, wie viele Menschen unser – aus Weltraumsicht – »blauer Planet« noch verkraften kann.
Mehr als 90 Prozent der weltweiten Bevölkerungszunahme findet in den Entwicklungs- und Schwellenländern statt. Während Europa seit geraumer Zeit bevölkerungsmäßig stagniert, bewegen sich die Geburtenzahlen in Afrika dank einer durchschnittlichen Fertilitätsrate von (2018) 4,6 Kindern pro Frau auf einem erstaunlich hohen Niveau. In vielen afrikanischen Staaten südlich der Sahara beträgt der jährliche Bevölkerungszuwachs deutlich über 3 Prozent. So konnte z.B. der Wüstenstaat Niger seine Bevölkerungszahl in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppeln (von 1997 9.799.000 auf 2016 20.673.000), während in dem gleichen Zeitraum der Ölstaat Nigeria seine Einwohnerzahl von 117.597.000 auf 185.990.000 erhöhen konnte. Die Prognosen sind noch aufwühlender: 2050 wird einer neueren UN-Schätzung zufolge Nigeria, das noch 1950 gerade einmal 37,8 Millionen Bewohner aufwies, auf 401 Millionen, 2100 sogar auf 733 Millionen Staatsangehörige kommen und damit bald unter den bevölkerungsreichsten Staaten der Erde nach Indien und China den dritten Rang einnehmen. Wie die afrikanischen Staaten südlich der Sahara mit dem wachsenden Bevölkerungsdruck umgehen werden, steht in den Sternen.
Auf dem afrikanischen Kontinent und seinen vorgelagerten Inseln lebten 1950 227,8 Millionen Menschen. Heute (2020) sind es bereits 1.340,6 Mio. Während sich in den nächsten Jahrzehnten die Bevölkerungszunahme auf den übrigen Kontinenten merklich abschwächt oder sogar stagniert, explodieren südlich der Sahara die Bevölkerungszahlen förmlich. Für 2050 wird mit einer Verdoppelung der afrikanischen Bevölkerung gerechnet (2.489,3 Mio.). Gegen Ende unseres Jahrhunderts werden dort etwa 4,3 Milliarden Menschen leben, wenn sie sich nicht in einer riesigen, historisch noch nie dagewesenen Migrationswelle auf andere Kontinente, insbesondere auf Europa, verteilen. Dass diese Massenmigrationen im Zeitalter des Klimawandels friedlich vor sich gehen werden, ist kaum anzunehmen. War nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nur jeder zehnte Erdenbürger in Afrika beheimatet, wird 2100 jeder dritte Mensch ein Afrikaner sein (siehe Tabelle 2). Allein Nigeria, obwohl flächenmäßig kaum dreimal so groß wie Deutschland, wird fast doppelt so viele Einwohner haben wie die Europäische Union, wenn der zu erwartende Massenexodus nach Europa ausbleiben sollte.
Obwohl diese Zahlen ein düsteres Zukunftsszenario erwarten lassen, schlägt sich das Problem der Bevölkerungsexplosion in Subsahara-Afrika im öffentlichen Diskurs kaum nieder. Zwar hat sich die Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel angesichts der fast wöchentlichen Flüchtlingsdramen im Mittelmeer die Bekämpfung der Fluchtursachen auf ihr Panier geschrieben, doch bei der Auflistung der Fluchtursachen fehlt fast regelmäßig der Hinweis auf die rasante Bevölkerungszunahme in fast allen subsaharischen Staaten, die neben dem Klimawandel doch der eigentliche Nährboden für die zahlreichen Hungerkatastrophen, die die nördliche Staatenwelt destabilisierenden Fluchtbewegungen und unerträglichen bürgerkriegsähnlichen Zustände in West-, Zentral- und Ostafrika ist. Das bevölkerungspolitische Thema wird von den politischen Eliten der hochentwickelten Länder, aber auch von den wichtigsten Medien aus ethisch-religiösen und völkerrechtlichen Gründen totgeschwiegen oder allenfalls nur beiläufig erwähnt. Das für die Zeit um Christi Geburt noch sinnvolle Gebot des »Wachset und vermehret Euch« gehört schließlich zum Kernstück der christlichen Lehre. Und die eigenverantwortliche Entscheidung über die Zahl der eigenen Kinder und den Zeitpunkt ihrer Geburten stellt ein verbrieftes Menschenrecht dar – erstmals formuliert 1968 auf der UN-Menschenrechtskonferenz in Teheran und erneut bekräftigt 1994 auf der Internationalen UN-Konferenz für Bevölkerung und Entwicklung in Kairo. Aber seinerzeit übersah man offenbar noch nicht die Tragweite dieser Beschlüsse.
Unter den Afrikanisten und selbst unter vielen Demographie-Experten scheint das Thema der in der Weltgeschichte bislang beispiellosen Bevölkerungsexplosion in Subsahara-Afrika (49 von insgesamt 54 afrikanischen Staaten) noch immer nicht angekommen zu sein, wie z.B. Leonard Hardings für die Geschichtsstudenten konzipierte Abhandlung »Geschichte Afrikas im 19. und 20. Jahrhundert« zeigt. Hat der renommierte Forscher noch in der 1. Auflage von 1999 in der Rubrik »Grundprobleme der Forschung« einen knappen Überblick über »Ansätze zur Erforschung der Bevölkerungsentwicklung« gegeben, verzichtet er in der dritten Auflage von 2013 gänzlich auf die Einbeziehung dieses Themas: Er hat dieses Kapitel einfach gestrichen, statt es auf den neuesten Stand zu bringen.
Ziel dieser Studie ist es, die Bevölkerungsentwicklung auf dem afrikanischen Kontinent von ihren Anfängen bis heute möglichst akkurat nachzuverfolgen und, so weit es die eher dürftige Quellenlage erlaubt, dabei das Hauptaugenmerk auf die Ursachen für die jeweilige Zunahme, Abnahme oder Stabilisierung der Bevölkerung in den verschiedenen Epochen und Regionen des Kontinents zu richten. Bei der Untersuchung der vorkolonialen Zeit wird vor allem der Frage nachgegangen, welche Grundmuster gesellschaftlichen Zusammenlebens damals dominant waren, um vielleicht Parallelen zu heutigen politischen, sozialen und kulturellen Phänomenen zu entdecken. Dabei geht es vor allem darum, mentale Kontinuitäten herauszuarbeiten, die auch die Kolonialzeit überdauert haben, um so zu einem tieferen Verständnis für die heutigen Probleme in Afrika, die in der Afrikanistik keineswegs verkannt werden, beizutragen. Am Beispiel einiger besonders auffälliger Staaten südlich der Sahara (Kongo-Kinshasa, Nigeria, Uganda, Zentralafrikanische Republik und Sudan als stellvertretend für die krisenüberfrachtete Nachkriegsgeschichte der meisten afrikanischen Staaten) wird die wechselvolle politische, wirtschaftliche und soziokulturelle Entwicklung Afrikas nach dem Zweiten Weltkrieg in gebotener Kürze nachgezeichnet. Bei diesem Überblick werden aber auch Erfolgsgeschichten nicht ausgeblendet, wie sie namentlich Botswana und Mauritius aufweisen können. Anhand von aktuellen Reportagen wird dem Leser sodann die menschliche, politische und wirtschaftliche Situation in den Krisengebieten Subsahara-Afrikas, die allesamt unter einer von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkten Bevölkerungsexplosion leiden, anschaulich nahegebracht. Dabei wird der Fokus auf die Suche nach den Gründen für das Abrutschen vieler subsaharischer Staaten in den permanenten Krisenmodus gelegt (systemimmanente Korruption, Abfluss des Kapitals aus Afrika, Veruntreuung der stattlichen Entwicklungsgelder durch die Eliten, mangelnde Investitionsbereitschaft, wenig Sinn der politischen Eliten für das Volkswohl, grassierende Armut, Ethnien- und Sprachenvielfalt, permanente Bedrohung der Bevölkerung durch schwerbewaffnete Rebellenmilizen mit ethnischem Hintergrund und last but not least der wachsende Bevölkerungsdruck, der die meisten Staaten südlich der Sahara schon jetzt überfordert). Besonderes Gewicht wird auf die faktenorientierte Herausarbeitung der verschiedenen Faktoren für die afrikanische Bevölkerungsdynamik gelegt und immer wieder auf die schon jetzt im Ansatz zu beobachtenden Folgen der Übervölkerung verwiesen. Schließlich wird der Versuch unternommen, mögliche Strategien zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums zu skizzieren, wie sie hin und wieder in der Publizistik angeregt worden sind und einer breiteren öffentlichen Diskussion noch harren.
Es gibt wohl kaum eine Geisteswissenschaft, die mit so vielen kontroversen Positionen behaftet ist wie die Afrikanistik. Dies zeigt schon allein die Debatte um die Bewertung der Kolonialzeit, die – je nach der...




