E-Book, Deutsch, Band 1, 384 Seiten
Reihe: Dollar
Winters Dollar - Buch 1: Pennies
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-86552-718-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 1, 384 Seiten
Reihe: Dollar
ISBN: 978-3-86552-718-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Pepper Winters stammt aus Neuseeland und ist eine der erfolgreichsten Autorinnen der Dark Romance. Sie schreibt finstere, brutale Liebesgeschichten, in denen die Heldin viel Leid durchlebt. Oh, und Sex ... Ihre Bücher sind voller Sex. Verrucht, heiß, ergreifend. Jedes Buch von Pepper Winters ist eine gewaltige Reise voller Schmerz und Leidenschaft.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2
Tasmin
Zwei Tage vergingen.
In der Welt, aus der man mich gerissen hatte, waren zwei Tage nichts. Zweimal Weckerklingeln, zwei Vorlesungen an der Universität, zwei Abende, an denen man mit Freunden telefonierte, und zwei Nächte wundervoll sicheren Schlafs in der Illusion, dass einem niemand etwas antun könnte.
Aber in dieser neuen Welt?
Zwei Tage reichten aus, um mir juckende Stellen einzubilden, die ich kratzen konnte, nur um etwas zu spüren. Zwei Tage bedeuteten, dass ich meinen Bleistift abgerieben hatte und vorsichtig das Holz abschälte, um die Mine freizulegen, damit ich mich mit irgendetwas beschäftigen konnte.
Zwei Tage bedeuteten, dass ich weiter an meinem Toilettenpapierroman schrieb, während ich nicht einmal wusste, ob mein kurzer Aufenthalt im Limbus nach Ablauf von 48 Stunden vorbei sein würde.
Die Verhandlungen waren vorbei.
Mein Verkaufsdatum war festgelegt.
Sie kamen am Abend, zur Essenszeit. Anstatt wie sonst durch ein Loch in der Wand ungewürzten Reis oder wässrigen Eintopf zu mir hereinzuschieben, wurde die Tür geöffnet.
Die Tür öffnete sich!
Zum ersten Mal seit Wochen.
Ich war so einsam gewesen, dass ich auf der Suche nach Gesellschaft mein immer bleicher werdendes Gesicht im schmutzigen Spiegel angestarrt hatte. Die Aussicht auf Besuch ließ mein Herz einen Satz machen. Als man mich verschleppte, besaß mein Körper die weichen Rundungen einer Jugendlichen, kecke Brüste und einen runden Bauch. Mein braunes Haar war lockig und in einem kräftigen Schokoladenton gefärbt gewesen, da meine Mutter darauf bestanden hatte, dass ich mich schick machen lasse, um bei einer ihrer Wohltätigkeitsveranstaltungen so vorzeigbar wie möglich auszusehen.
Genau die Veranstaltung, von der man mich geraubt hatte.
Davor hatte ich nur an Oberflächlichkeiten gedacht, mir Gedanken darüber gemacht, wie ich meinen Babyspeck loswürde und mein Make-up wie die Models auf YouTube hinbekäme. Trotz meines peniblen Äußeren war ich intelligent und hatte gerade ein Psychologiestudium an einer namhaften Universität begonnen – genau wie meine Mutter es wollte. Ich sollte in ihre Fußstapfen treten. Sie hatte mein ganzes Leben bereits geplant.
Jetzt waren meine Erscheinung und meine Gedanken die einer völlig anderen. Ich war keine Jugendliche mehr, sondern eine Frau. Meine Haare hatten wieder ihr dunkles Sirupbraun. Dank der unregelmäßigen, kalorienarmen Ernährung waren meine Rundungen wie weggeschmolzen.
Ich vermute, in Freiheit wäre ich damit sehr zufrieden gewesen. Schließlich hatte ich nun, was ich immer wollte. Ich war schlanker und machte mir keine Gedanken mehr übers Haarefärben oder über Mode. Aber stattdessen hasste ich meine Verwandlung, denn sie war ein weiteres Glied in der sprichwörtlichen Kette um meinen Hals.
»Komm.« Der Mann schnippte mit den Fingern. Eigentlich hätte es erleichternd sein sollen, einen anderen Menschen zu sehen. Irgendwas in mir verlangte nach Gesellschaft – selbst wenn sie den Untergang verhieß. Aber ich konnte weder Augen noch Mund oder Nase erkennen. Er war wie ein Geist, eine Karikatur, die sich hinter dieser schwarz-weißen venezianischen Maske eines Narren mit Tränen auf der Wange versteckte. Waren die Tränen meinetwegen? Oder waren sie nur Spott?
Ich trat einen Schritt auf ihn zu, hasste die Gehorsamkeit, die man mir während meiner ersten Tage der Gefangenschaft eingeprügelt hatte. Die blauen Flecken waren verblasst, anders als die Lektionen.
Dann jedoch stoppte ich, sah zu den Fetzen Toilettenpapier zurück.
Zu den Briefen, die meine Geschichte erzählten.
Eine Geschichte, die eine völlig neue Richtung erhalten würde, sobald ich dieses Zimmer verließ.
Ich besaß nichts mehr von Wert. Die Lumpen an mir gehörten nicht mir, sie stammten von den unzähligen Frauen, die man vor mir verschachert hatte. Die Kissen, auf denen ich mich in den Schlaf geweint hatte, gehörten nicht mir. Nicht einmal mein Leben gehörte noch mir. Das Verlangen, meine dahingeschmierten Gedanken zu behalten, war Unsinn, aber ich konnte nicht noch ein Stück von mir zurücklassen.
Wenn ich mich dieser neuen Herausforderung schon stellen musste, dann würde ich es mit meiner Vergangenheit tun, zusammengeknüllt in meiner Faust, und sie wie einen Talisman bei mir tragen, der mich daran erinnerte: Wenn ich trotz alldem noch atmen konnte, konnte ich es auch aufschreiben, und wenn ich es aufschrieb, konnte ich mich davon befreien.
»Jetzt, Mädchen!« Der Mann stapfte in das Zimmer, seine riesige Gestalt strahlte Gewalt aus.
Bevor er mich packen konnte, rannte ich zu dem Schreibtisch zurück, schnappte mir die dünnen Stücke meines Lebens. Ich klammerte mich daran, ging geduckt um ihn herum und verschwand durch die Tür.
Durch die Tür!
Ich bin nicht mehr im Zimmer.
Die Vertrautheit meines Gefängnisses war Vergangenheit, während ich barfuß durch den Flur ging, der mit demselben gold- und bronzefarbenen Teppich ausgelegt war. Hinter mir dröhnten die schweren Schritte meines Kerkermeisters.
Er packte mich nicht, genauso wenig zwang er mich dazu, langsamer zu gehen. Er wusste so gut wie ich, dass es keinen Ausweg gab. Auf der Fahrt hierher hatten sie mir die Augen verbunden, aber innerhalb des Gebäudes verzichteten sie darauf.
Während wir wie in einem normalen Hotel an geschlossenen Zimmertüren vorbeigingen, zwang ich mich, aufrecht zu gehen und mich gegen das zu wappnen, was mich erwartete.
Du kannst das hier überstehen.
Sie wollten mich lebendig, nicht tot.
Aus irgendeinem Grund bot dieser Gedanke nicht den erwarteten Trost … er sorgte eher dafür, dass ich noch mehr Angst bekam.
»In den Aufzug. Wir fahren runter«, donnerte die Stimme des Mannes durch die klaustrophobische Enge des Flurs.
Ich bog nach links in das offene Foyer ab und näherte mich zwei silbernen Türpaaren. Als ich den Rufknopf drückte, verfluchte ich das leichte Zittern meiner Hand.
Sofort ertönte das Klingeln und die Türhälften teilten sich, luden mich ein, in den schäbigen, verspiegelten Raum dahinter zu treten.
Ich wollte mein Spiegelbild nicht ansehen, also ging ich hinein und drehte mich sofort zur sich bereits schließenden Tür um. Die verblassten gelben Shorts, die man mir gegeben hatte, bedeckten meine Beine kaum. Mit dürren Armen umschlang ich die letzten Überbleibsel meines jugendlichen Körpers unter dem weiten grauen, mottenzerfressenen T-Shirt. Ich hatte kein Interesse daran, mich zu sehen, weil meine Erscheinung nichts von der innewohnenden Seele verriet.
Ja, ich wirkte gebrochen.
Ja, ich gehorchte ohne Widerspruch.
Aber es war mir irgendwie gelungen, die Bruchstücke in meinem Inneren zu etwas zusammenzufügen, das mir wichtig war. Ich war jetzt stärker als nach meiner Ankunft. Ich war nicht länger das weinende Mädchen, das man grob ausgezogen, gewaschen und zusammen mit anderen Frauen katalogisiert hatte. Ich behielt meine Schreie für mich, weil sie dann niemand hören konnte.
Niemand konnte sie gegen mich benutzen. Schweigen war eine Waffe, die ich besser nutzen konnte als Panik. Und wenn das bedeutete, dass ich kein Sterbenswörtchen sagen würde, bis ich wieder frei war, dann war das eben so.
Der Mann drängte sich neben mich, drückte auf den Knopf für das vierte Stockwerk.
Anhand der Nummern auf den Zimmertüren, an denen wir vorbeigekommen waren, hatte ich mir zusammengereimt, dass man mich im zwölften Stockwerk eingesperrt hatte. Wie viele Mädchen waren dort noch? Auf wie vielen Etagen befanden sich Gefangene, die auf ihren Verkauf warteten?
Die Fahrt nach unten war ein bisschen zu schnell, und die Schwerkraft drohte mir den Magen umzudrehen. Ich hielt den Atem an, als sich die Tür wieder öffnete und einen identischen Flur zeigte.
Der Mann drückte mir einen Finger zwischen die Schulterblätter.
Ich machte einen Satz nach vorn. Kein Stolpern. Kein Betteln. Keine einzige Frage und auch kein Flehen.
Es war sinnlos.
Ich rieb mir die Wange, die nur wenige Stunden nach meiner Ankunft vor ein paar Wochen die Schläge einstecken musste. Ich hatte alles Mögliche verlangt. Ich hatte ihnen damit gedroht, was passieren würde, sobald meine Mutter sie fand. Ich hatte mich für eine Prinzessin ausgegeben, mit einem Regiment von Rittern, die nach mir suchen würden.
Die Stiefel in meinem Bauch und die Fäuste in meinem Gesicht hatten mir schnell verdeutlicht, dass alles, worauf ich vertraute, nur eine Lüge war.
»Da lang.« Der Mann deutete nach links, den Flur hinunter.
Ich zitterte, als ich in die angegebene Richtung ging, während der weiche Teppich unter meinen nackten Füßen sein Bestes tat, um mich zu trösten. Das Hotel war die perfekte Umrahmung für das Nichts. Die Temperatur war angenehm, darum fror oder schwitzte ich nie. Die Beleuchtung war gleichmäßig, verhinderte, dass ich die Augen zusammenkneifen oder mich anstrengen musste, um etwas zu erkennen. Jeder meiner Sinne wurde kontrolliert, bis ich vergaß, wie sich der Wind auf meiner Haut oder die Sonne in meinem Gesicht anfühlte.
Würde ich jetzt rausdürfen?
Wohin bringt er mich?
Der Mann ging voraus, schob eine Tür zum alten Fitnessraum auf. Das Hotel musste mal ein Viersterneladen gewesen sein, bevor man es gekauft und ruiniert hatte.
Ich betrat den...




