E-Book, Deutsch, 410 Seiten
Winter Sturmküsse auf Juist
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-377-90006-7
Verlag: Piper Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Romantisch-humorvolle Gay Romance an der Nordsee
E-Book, Deutsch, 410 Seiten
ISBN: 978-3-377-90006-7
Verlag: Piper Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tina Winter wurde 1985 im Rheinland geboren, lebt aber inzwischen im wunderschönen Münster. Ihrer Leidenschaft für Bücher folgend studierte sie Bibliothekswesen und begann 2016 damit, ihre eigenen Geschichten zu virtuellem Papier zu bringen. In ihren Gay-Romance-Romanen geht es um Männer auf der Suche nach sich selbst, auffallend oft um Kaffee und Topfpflanzen und natürlich die ganz große Liebe.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Als mir meine beste Freundin voller Euphorie erzählte, dass sie mir einen Job auf einer Ferieninsel besorgt hat, dachte ich an weiße Strände, Palmen und heiße Kerle in knappen Strings, die mir nach Feierabend Cocktails in Kokosnüssen servieren. Und nicht an einen Sandhaufen im ostfriesischen Wattenmeer, kreischende Möwen und eisigen Nieselregen, der unter meine Lederjacke kriecht und mich sogar Biancas Sofa vermissen lässt, auf dem ich in den letzten vier Wochen geschlafen habe.
Missmutig schlinge ich die Arme fester um meinen Oberkörper, lehne mich gegen die Reling des Passagierdecks und starre auf die stahlgraue Nordsee hinaus. Vielleicht muss ich meine Bezeichnung für die Insel vor dem Bug der Fähre Frisia II noch mal überdenken, denn bisher ist kaum Sand zu sehen. Wahrscheinlich liegt der Strand auf der anderen Seite, zum offenen Meer. Sofern ihn der Wind, der mir durch die Haare fährt und mich trotz der milden Frühlingstemperaturen zittern lässt, nicht weggeweht hat.
Tja, ich werde genug Zeit haben, ihn zu suchen, denn für die nächsten sechs Monate wird Juist mein Zuhause sein. Falls ich so lange durchhalte und meinen Aushilfsjob in der örtlichen Naturschutzstation nicht vorher hinschmeiße.
Hinter mir sind Schritte zu hören, kurz darauf treten ein Mann und eine Frau neben mir an die Reling. Bisher hatte ich das Außendeck mit den knallroten Plastikbänken für mich allein, da die anderen Fahrgäste im Restaurant unter Deck geblieben sind, wo es warm und trocken ist. Ich könnte ebenfalls runtergehen, aber das beschissene Wetter passt zu meiner beschissenen Stimmung, und ich will mir den dramatischen Effekt nicht nehmen lassen.
Die beiden Neuankömmlinge sind etwa in meinem Alter, doch im Gegensatz zu mir tragen sie Regenjacken, leichte Wanderschuhe und sogar Mützen aus Fleece. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass sie nicht zum ersten Mal an der Nordsee sind. Ich selbst war auch schon mal auf der Nachbarinsel Norderney und es gibt Fotos, auf denen ich als Kind mit Eimer und Schaufel im Sand spiele. In den letzten Jahren hat es mich allerdings eher in den Süden gezogen, sofern ich Berlin überhaupt verlassen habe.
Der junge Mann nickt mir zu, während mich die Frau derart mitleidig anlächelt, dass ich mir wie ein Trottel vorkomme, der zum ersten Mal allein verreist und prompt alles falsch macht. Aber in Berlin brauche ich nun einmal weder Regenjacke noch Gummistiefel, und da ich ohnehin nichts für Wattwanderungen übrighabe, werden Jeans und Chucks ja wohl reichen.
Ich schenke ihr einen finsteren Blick, wende mich wieder ab und beobachte die Wellen, die das Schiff wie einen Brautschleier neben sich herzieht. In guten wie in schlechten Zeiten, denke ich zynisch und mir entweicht ein verächtliches Schnauben. Sogar im Leben einer alten Inselfähre gibt es mehr Romantik als in meinem eigenen. Und dabei wird es erst einmal bleiben, selbst wenn ich unter den Ökos und Inselbewohnern jemanden finde, der mir gefällt. Nach der Pleite mit Tristan habe ich die Schnauze gestrichen voll von Männern und Beziehungen.
Ein weiteres Schiff schält sich aus dem Dunst, begrüßt uns mit dem tiefen Dröhnen einer Schiffshupe und pflügt an uns vorbei durch die aufgewühlte Nordsee Richtung Norddeich. Sehnsüchtig blicke ich ihm nach. Wenn ich jetzt von der Fähre springe, könnte ich es noch erreichen? Die Besatzung wäre sicher verpflichtet, mich zu retten und mit zurück zum Festland zu nehmen, oder?
Während ich darüber nachdenke, wie kalt die Nordsee Anfang März sein wird, verschwindet das Schiff aus meinem Sichtfeld. Auch gut. Es wäre ohnehin eine blöde Idee gewesen zu springen, solange mein Koffer und damit meine Skizzenbücher in einem Container auf dem Parkdeck liegen. Denn nichts, nicht einmal mein Liebeskummer, könnte mich dazu bringen, meine Zeichnungen zurückzulassen.
Der Regen wird schwächer und die Konturen der Insel langsam deutlicher. Bald kann ich ein weißes Gebäude ausmachen, das mich an ein Segel erinnert, und das ebenso weiße Strandhotel mit Glaskuppel, von dem ein paar Touristen gesprochen haben, die vor mir auf die Fähre gegangen sind. Ich selbst werde gemeinsam mit den anderen Mitarbeitern in der Station wohnen. Für Kost und Logis muss ich zwar einen Teil meines Gehalts abdrücken, aber das ist deutlich billiger als eine Ferienwohnung oder gar ein Hotelzimmer.
Die übrigen Häuser des Inselortes kann man an zwei Händen abzählen. Ich seufze. In welches Niemandsland hat mich Bianca hier verbannt? Ich wollte zwar raus aus Berlin, der Arsch der Welt hätte es allerdings nicht gleich sein müssen.
Als erste Sonnenstrahlen zaghaft durch die graue Wolkendecke brechen, ziehe ich mein Smartphone aus der Gesäßtasche. Überrascht stelle ich fest, dass ich hier draußen Empfang und sogar mobiles Internet habe. Wenigstens eine Sache, um die ich mir in den nächsten Monaten keine Sorgen machen muss. Denn auch wenn ich der Stadt den Rücken kehren wollte und sogar ein Urlaubssemester an der Uni einlege, um meine Wunden zu lecken, möchte ich mitbekommen, was meine Freunde und Mitstudierende so treiben.
Ich rufe die Kontakte auf und scrolle durch die Liste, bis ich Biancas Nummer finde. Kurz bleibt mein Blick dabei auf dem Eintrag Baby hängen. Es war nur ein Scherz, da ich Tristan nie so genannt habe und ihn bloß mit dem albernen Kosenamen ärgern wollte. Aber dann habe ich ihn nie zurückgeändert.
Ob ihn sein Neuer ebenfalls unter Baby abgespeichert hat? Oder vielleicht unter Treuloses Arschloch, das nicht nur Leons Geburtstag, sondern auch sein ganzes Leben ruiniert hat?
Ich reiße den Blick von Tristans Kontakt los und tippe auf den grünen Hörer neben Biancas Namen. Es ist erst früher Nachmittag, weshalb sie in der Galerie sein wird. Wenn ich Glück habe, erwische ich sie trotzdem.
Es klingelt zweimal, ehe sie rangeht und mich mit einem fröhlichen »Hi, bist du schon angekommen?« begrüßt.
»Fast«, erwidere ich und wende mich wieder der Insel zu. Hinter dem markanten weißen Gebäude liegt ein kleiner Jachthafen. Segelboote schaukeln in den Wellen, die nassen bunten Fahnen an den Masten bewegen sich träge im Nordseewind. »Hilf mir auf die Sprünge: Was genau wollte ich hier noch gleich?«
»Arbeiten und dabei etwas für den Naturschutz im Nationalpark Wattenmeer tun?«
Ich lecke mir über die Oberlippe und schmecke Salz. »Das klingt so gar nicht nach mir. Ich meine, das Einzige, was ich je für den Naturschutz getan habe, war, einen Topf mit einer Blumenmischung für Bienen zu kaufen, die nach einer Woche im Balkonkasten unserer …« Ich unterbreche mich und schließe die Augen, als ich ein vertrautes Ziehen in meiner Brust spüre. Ich weigere mich, zu sagen, dass mir Tristan das Herz gebrochen hat, aber fuck, genauso fühlt es sich an. »… seiner Wohnung eingegangen ist.«
Ich sehe förmlich vor mir, wie Bianca die Augen verdreht und sich eine Strähne ihres platinblonden Bobs hinter das gepiercte Ohr schiebt, ehe sie sagt: »Okay, vielleicht ist die Wahl auch auf die Insel gefallen, weil Juist über vierhundert Kilometer von Berlin und damit von Tristan entfernt liegt und nur alle paar Stunden während der Flut mit der Fähre erreichbar ist?«
»Ja, das hört sich schon plausibler an.« Außerdem wäre da noch das Detail, dass ich seit meinem Ausraster in der Bar arbeitslos bin und das Gehalt, so mickrig es nach Abzug aller Kosten sein mag, dringend für meinen Neuanfang brauche.
Meine Gedanken wandern zurück zu meinem letzten Abend im Galant, der queeren Bar, in der ich neben dem Architekturstudium gejobbt habe. Ich würde einiges dafür geben, ihn aus meinem Gedächtnis löschen zu können. Leider hat der Alkohol, den ich nach dem Streit mit Tristan und der anschließenden fristlosen Kündigung wegen diverser zerbrochener Flaschen und Gläser heruntergekippt habe, zwar für gewaltige Kopfschmerzen gesorgt, die Erinnerungen jedoch unangetastet gelassen. Aber wie scheiße kann man bitte sein, seine neue große Liebe ausgerechnet in die Bar auszuführen, in der der Mann arbeitet, den man keine Woche zuvor sitzengelassen hat? Wir reden hier schließlich nicht von einem Dorf mit nur einer Kneipe, sondern der verfickten Bundeshauptstadt. Nachdem er mir bereits das Studium versaut hat, indem er mit meinem Tutor in die Kiste hüpft, war mein...




