E-Book, Deutsch, 181 Seiten
Winter Die Sterne in deinen Augen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96655-014-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 181 Seiten
ISBN: 978-3-96655-014-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Marie Winter hat ihre Liebe zu Büchern zum Beruf gemacht. Nach vielen Jahren als Lektorin in einem renommierten Verlag ist sie jetzt freie Autorin. Die Tierfreundin lebt mit ihrer Familie, zu der etliche Tiere gehören, im Bergischen Land in der Nähe von Köln. Marie Winter veröffentlicht bei dotbooks »Die Sterne in deinen Augen«, »Hundert Momente mit dir« und »Weil mein Herz dich finden will«, die auch im Sammelband »Sonne, Strand und Liebeszauber« enthalten sind, sowie »Weil unsere Liebe ewig ist«, »Das Leuchten deines Herzens«, und »Mein Glück in deinen Armen«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 4
»Bewegend, diese Bilder, aber wie ich schon sagte – für solch einen Bildband gibt es keinen Markt. Leider. Ich persönlich finde sie ebenso ästhetisch wie anrührend.« Die Chefin der Fotoagentur lehnte sich in ihrem Sessel zurück. »Sie sind eine Künstlerin, Bettina, aber von der Kunst allein können nur wenige leben.«
»Ich weiß.« Bettina schob die Schwarzweißfotos wieder in ihre Mappe. Es waren Porträtaufnahmen alter Menschen. Indios, Mexikaner, Italiener, Deutsche – auf ihren Reisen hatte sie immer wieder die ältesten und oft auch die ärmsten Bewohner des jeweiligen Landes fotografiert. Sie war sich bewusst gewesen, dass sie diese Bilder nicht würde verkaufen können, aber es hatte sie dazu gedrängt, diese Lebenslinien in den Gesichtern einzufangen.
»Ich hätte einen tollen Job für Sie.« Verena Trautinger, die Agenturchefin, lehnte sich noch etwas entspannter zurück. »Jost Bergstaller ist schwer erkrankt, er war für das Shooting in Paris gebucht. Hätten Sie Interesse an dem Job? Ich könnte da vermitteln.«
Nur kurz zögerte Bettina. »Ja, gern«, nickte sie dann. Ihr Kontostand, auf einem absoluten Tiefststand, zwang sie wieder einmal, etwas Profanes zu tun. »Wann ist der Termin?«
»In drei Wochen.«
»Das trifft sich gut. Ich hab nämlich noch zwei Termine hier in Hamburg.«
»Dann kann ich also alles in die Wege leiten?«
»Ja. Und danke, Verena.«
»Gern geschehen. Wenn Sie mögen, versuche ich, Ihnen einen Auftrag auf Sylt zu beschaffen. Eine Maklerfirma will diverse Objekte fotografiert haben.« Die Agenturleiterin lächelte Bettina zu. Sie mochte die begabte und diszipliniert arbeitende Fotografin sehr. Nie gab es Schwierigkeiten mit ihr. Bettina Gehrmann war ebenso kreativ wie pünktlich. Auch die Fotomodelle schätzten ihre Professionalität – und Bettinas Ehrgeiz, aus jedem Gesicht das Optimale herauszuholen. Sogar bei profanen Aufnahmen von Wäschemoden ein kaum begehrter Job – gab sie ihr Bestes.
Davon profitierten im Endeffekt alle, einschließlich Verena Trautinger.
»Das klingt nicht schlecht. Ich freue mich, wenn's klappt. Sie wissen ja, dass ich Sylt sehr mag.«
»Verständlich. Aber erst mal viel Erfolg in Paris.«
»Danke.« Zufrieden verließ Bettina das elegante Büro, nickte den beiden Sekretärinnen im Vorzimmer freundlich zu und taxierte im Vorübergehen zwei blutjunge Mädchen, die mit ihren Fotomappen auf den Knien auf einen Termin bei Verena warteten.
Die beiden werden enttäuscht werden, dachte Bettina. Hier in der Agentur arbeitete man seriös, so blutjunge Dinger vermittelte Verena einfach nicht. Welch ein Glück, dass sie es sich leisten konnte, so auszuwählen. Der Jugendwahn, gepaart mit ungesunder Magersucht, der zurzeit bei den Designern angesagt war, wurde inzwischen zu einem Problem der Branche.
Bettina verstand zwar den Ehrgeiz der jungen Mädchen, die unbedingt eine Modelkarriere anstrebten, doch der Preis, den viele dafür zahlten, war einfach zu hoch. Dies war allgemein bekannt. Umso schrecklicher, dass nicht einmal die Eltern der Vierzehn-, Fünfzehnjährigen einschritten, wenn ihre Kinder Raubbau mit ihrer Gesundheit trieben.
Die unerfreulichen Gedanken verflogen, als sie sich daheim auf den neuen Auftrag vorbereitete. Wie immer bei solchen Aufträgen engagierte sie zwei Assistentinnen, die ihr sowohl bei der Ausrüstung als auch beim Fotografieren selbst helfen sollten. Es waren gute Bekannte aus der Branche. Nadja war verheiratet und hatte einen zweijährigen Sohn, den sie aber für ein paar Tage bei der Oma unterbringen konnte. Renate studierte Grafik-Design und nahm jede Gelegenheit eines Hinzuverdienstes wahr.
»Paris – vielleicht lerne ich da meinen Traummann kennen«, lachte sie, als die drei jungen Frauen französischen Boden betraten. »Stellt euch nur mal vor: Die Stadt der Liebe liegt uns zu Füßen.«
»Nein, ein paar Kilometer entfernt von hier«, erwiderte Nadja lakonisch.
»Seit du einen Trauring am Finger trägst, ist die ganze Romantik flöten gegangen«, lachte Renate.
»Mitnichten. Ich hab's eben täglich – mein romantisches Erlebnis, meine ich.«
»Kinder, hört auf, lasst uns sehen, dass wir den bestellten Mietwagen kriegen.«
Und dann war für die nächsten zwei Tage alles Private vergessen. Der Job war zwar hart, aber wieder einmal zeigte sich, wie gut Bettina mit den Models umgehen konnte.
»So gut haben wir lange nicht gearbeitet«, sagte Sven, ein blendend aussehender Schwede. »Danke, Tina.«
»Ich freu mich, dass ihr so gut mitarbeitet.«
»Vor allem wird es Karsten Korten-Ryhoff freuen«, warf eines der Mädchen ein und sah sich nach einer etwa Vierzigjährigen um, die für das gesamte Shooting verantwortlich war. »Sie sagten doch, dass der Chef heute kommt, nicht wahr, Frau Berger?«
»Er hat sich zumindest angekündigt.«
Allzu sehr interessierte das Bettina nicht – bis am frühen Nachmittag der Chef der Firma KORY zum Set kam: Hochgewachsen, dunkelhaarig, etwas über dreißig. Mit dunklen Augen und einem fast nicht wahrnehmbaren Grübchen im Kinn ... All das registrierte sie in Bruchteilen von Sekunden. Und auch dieses außergewöhnliche Zittern der Finger, als sie ihn begrüßte. Verdammt, was sollte das denn?
Das gibt's nicht! Das ist diese tolle Frau aus der Bar in San Francisco, schoss es Karsten durch den Kopf. Die mit dem dunkelhaarigen Schönling knutschte.
»Hallo, ich bin Karsten Korten-Ryhoff.« Seine Stimme klang kühl.
»Angenehm – Bettina Gehrmann.« Mit einer kleinen Geste deutete sie auf die Szene hin, an der sie gerade arbeiteten: An der Seine, direkt neben einer der vielen Brücken, hatte Bettina die Mädchen posieren lassen. »Möchten Sie sehen, was wir bisher gemacht haben? Meine Assistentin kann Ihnen einiges auf der Digitalkamera zeigen – oder Polaroids.«
»Danke, ich vertraue darauf, dass Sie Ihren Job verstehen. Ich sehe eine Stunde zu. Dann kommt eine Freundin mich hier abholen.« Lässig setzte er sich auf ein paar Steine am Flussufer. Und sah schweigend den weiteren Aufnahmen zu. Dass er dabei immerzu Bettina ansah, jede ihrer Bewegungen registrierte, merkte niemand.
»Und jetzt stellt euch direkt ins Wasser! Das Gegenlicht muss ich ausnutzen!«
»Aber die Kleider«, warf eine der KORY-Mitarbeiterinnen ein und sah irritiert auf den Chef. Was würde er sagen, wenn die Kreationen des Hauses eventuell einen Wasserfleck abbekämen? Oder verschmutzten? Es war ohnehin riskant, hier draußen zu arbeiten.
»Das geht schon klar. Wenn Frau Gehrmann es so möchte ...« Karsten nickte nur knapp. Und jeder, der den sonst so verbindlichen Firmenchef kannte, wunderte sich über seine schlechte Laune.
Bettina ließ sich jedoch nicht beirren. Sie arbeitete ruhig so weiter, wie sie es geplant hatte. Ein Firmenchef, der offensichtlich nur hergekommen war, um schlechte Stimmung zu verbreiten, konnte sie nun wirklich nicht aus dem Konzept bringen! Eher schon die Tatsache, dass dieser Mann genau ihr Typ war! Allerdings bevorzugte sie höfliche, ausgeglichene Menschen. Möchtegern-Playboys mit Allüren waren ihr zuwider.
Und so versuchte sie bis Arbeitsende, Karsten Korten-Ryhoff zu ignorieren.
Die Fototaschen waren noch nicht ganz gepackt, die teuren Modellkleider nicht verstaut und die Mädchen nicht abgeschminkt, da erschien sie: Elaine Marais!
»Wow! Habt ihr die auch gebucht? Für morgen?« Marie-Claire, eine junge Visagistin, erstarrte förmlich vor Ehrfurcht, als sie das Topmodell sah.
»Nicht dass ich wüsste.« Bettina sah zu der langbeinigen Blondine hinüber, die jetzt zielstrebig auf Karsten Korten-Ryhoff zuging, der sich mit seiner Chefdesignerin unterhielt und gar nicht bemerkt hatte, wer da am Set aufgetaucht war.
»Darling! Überraschung!« Elaine legte von hinten die Finger über Karstens Augen. »Na, was sagst du?«
Erst einmal sagte er gar nichts. Langsam, quälend langsam drehte er sich dann um. »Du hier?« Aber dann strahlte er und umarmte Elaine.
Dass er dabei verstohlen zu der Fotografin schielte – leider bemerkte die es nicht. Und dass diese erleichtert aufatmete, weil Elaine wie aufs Stichwort erschien, wurde auch keinem bewusst.
Die beiden passen zusammen, sagte sich Bettina. Das schöne Biest und der Casanova – viel Spaß zusammen! Aber tief im Herzen war sie doch enttäuscht.
Karsten hingegen hatte Mühe, die gute Laune, die er auf einmal so demonstrativ zur Schau stellte, auch noch länger aufrechtzuhalten. Elaines Anwesenheit passte ihm überhaupt nicht! Obwohl – eigentlich schon, denn so konnte er dieser arroganten Fotografin zeigen, dass er keineswegs drauf aus war, ihr Interesse zu erringen.
Elaine allerdings nervte heute. So empfand er es zumindest. Aber solange sie sich am Set aufhielten, machte er gute Miene zu bösem Spiel. Vor allem als sie vorschlug, auch ein paar der KORY-Modelle anzuziehen.
»Das ist doch gar nicht deine Preisklasse«, wandte er ein. »Und du weißt, dass ich deine Honorare nicht zahle.«
»Kein Problem, mein Katerchen, das tu ich doch alles aus Liebe!«
»Also dann – Bettina, würden Sie noch ein paar Aufnahmen mit Elaine machen? Sie muss nur noch schnell in die Maske.«
Nur noch schnell – es dauerte fast eine Stunde, bis das Topmodel fertig war. Die Sonne stand schon viel zu tief, Bettina musste mit allen Tricks arbeiten. Es herrschte angespannte Stimmung am Set, zumal Elaine sich nicht gerade kooperativ zeigte.
»Du solltest besser aufpassen«, fauchte sie ein junges Mädchen an, das gerade noch einmal eine Falte am Kleid glätten wollte.
Und auch Bettina musste sich ein paar Unfreundlichkeiten anhören. Was sie allerdings nicht...




