E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Winter Die Schafe im Wolfspelz
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-942867-83-2
Verlag: Reimo Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
oder der Völkermord von Herrnweiler
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-942867-83-2
Verlag: Reimo Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Felix Winter, Finder und Sammler der Erzählungen, ist Sohn einer süddeutschen Kleinstadt, über deren christlich-jüdische Vergangenheit allerdings viele Jahre eine Art Schweigegebot gegolten hatte.
Auch zwei Jahrzehnte nach Kriegsende gab es zum gewaltsamen Ende der jüdischen Bewohner seiner Heimatstadt Herrnweiler noch nicht mehr als die Formel ausgesiedelt/verschollen. Und das obwohl Herrnweiler lange als ein exemplarischer Schauplatz für die friedliche Koexistenz von Christen und Juden gerühmt worden war. Felix Winters Studium der Geschichte wurde begleitet von der Jugendrevolte der 60er Jahre, die die bis dato verschwiegene Kriegs- und NS-Vergangenheit der Väter ins Zentrum des Protests rückte. Und so stellte er sich erstmals die Frage: wer hat das Recht Geschichte zu erzählen? Die zahlreichen Mitglieder der Nazi-Bewegung wohl nicht. Über Jahrzehnte hinweg sprach Felix Winter deshalb mit Zeitzeugen, die nur Beobachter waren, weder Täter noch Opfer, aber doch mit dem Schuldgefühl weiterleben mussten, die Katastrophe nicht verhindert zu haben. Und schließlich entdeckte er auch Zeugnisse der Opfer der Nazi-Jahre, die erst mit großem zeitlichen Abstand in der Lage gewesen waren, von der Katastrophe und über sie zu sprechen. Unter den 10 Erzählungen der vorliegenden Sammlung stammen 3 von jüdischen Überlebenden des Nazi-Völkermords, weitere 4 von, wenn auch kritischen, Mitgliedern und Beobachtern der von den Nazis definierten Volksgemeinschaft. Wo Auge und Erinnerung der Zeitzeugen nicht hinreichten, musste Felix Winter sich letztlich doch selbst auf den Weg machen, um an den Tat- oder Gerichtsorten das wahre Ausmaß dessen zu finden, was sich hinter der offiziellen Sprachregelung Völkermord oder Genozid versteckte.
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Vorwort
Die Erzählungen der vorliegenden Sammlung berichten aus der süddeutschen Kleinstadt „Herrnweiler“, über dortige Ereignisse am Beginn des „Jahrhunderts der Katastrophen“, im ersten Krieg, in den vermeintlich guten Zwischenkriegsjahren, der „Hitlerzeit“, wie man in Herrnweiler zu sagen pflegte, und in der Nachkriegszeit, in der – wie es der Orts-Chronist und Stadt-Pfarrer ausdrückte – die Schafe ihren Wolfspelz wieder abgelegt haben. Die Erzähler*innen entstammen alle dieser kleinen Stadt, vier Frauen, drei Männer. Und auch ich, der Sammler dieser Geschichten, darf mich wie alle anderen ebenfalls einen Herrnweiler nennen. In der Endphase meines Studiums wurde ich von Freunden auf ein zeitgeschichtliches Projekt aufmerksam gemacht, das interessant klang und – so hieß es – finanziell „gut ausgestattet“ war. Das heißt, es wurden recht großzügige Stipendien an die Teilnehmenden vergeben. „Ausgeschüttet“, sagte man dazu. Das hörte sich gut an, und ich hatte immerhin eine ganze Reihe von Seminarscheinen erworben, die mich als hinreichend qualifiziert auswiesen. Möglicherweise hat auch meine Herkunft aus Herrnweiler eine gewisse Rolle gespielt, denn das übergeordnete Thema dieses – wie man es nannte – „Prestige-Projekts“ hieß: “Gefolgschaft und Verfolgung im Nationalsozialismus”. Und als ein wichtiger „Seiten-Arm“ war in der Plan-Skizze vorgesehen: „Täter und Opfer des Nationalsozialismus im ländlichen Raum“, zu analysieren am Beispiel mehrerer Kleinstädte und Dörfer. Das Thema Nationalsozialismus hatte sich inzwischen im Zentrum der akademischen Aufmerksamkeit etabliert. Einer der Erfolge der Protest-Generation 1968, der auch ich mich zugehörig fühlte. Und die einstige „christlich-jüdische Erfolgsgeschichte“ meiner Heimatstadt war in der Historiker-Zunft besser bekannt als unter den meisten ihrer Einwohner. Meine Mitarbeit steigere, so formulierte es ein beteiligter Dozent freundlich, „die Authentizität des Projekts“. Die Geschichte von Herrnweiler könne „ohne Zweifel als paradigmatisch“ eingestuft werden. Deshalb setze man große Erwartungen in meine „Recherchen im Mikrokosmos einer ländlichen Region“. Ich fühlte mich fast ein bisschen hofiert. Nun war es freilich nicht meine Absicht, bloß eine „ordentliche“ Untersuchung abzuliefern. Ich war Anhänger der „progressiven Auffassung“, dass man die Kluft verkleinern sollte zwischen der hehren Wissenschaft auf der einen und auf der anderen Seite dem Bestreben, das, was man erforscht hat, auch wirklich für möglichst viele lesbar und verständlich zu machen. Auch und gerade für die sogenannten „einfachen Leute“, in deren Gemeinschaft ich sozusagen hineingeboren war. Nur so machte im Hinblick auf die NS-Vergangenheit die Losung „Nie wieder“ einen Sinn. Vielleicht eine naive Wunschvorstellung. Aber ein nachvollziehbares Credo der Studentenbewegung war nun einmal, dass „Forschung“ nicht Selbstzweck, sondern politisch zu sein hatte. Die von mir produzierte Dissertation sollte deshalb nicht nur die in zahlreichen Publikationen der Nachkriegszeit vorzufindenden Erkenntnisse ein weiteres Mal mit anderem Ortsnamen präsentieren, die typischen Stationen des Wegs in die kleinen und großen Katastrophen unseres Jahrhunderts: zuerst verbale, dann gesetzliche und schließlich lebenspraktische Ausgrenzung von Minderheiten; bedingungslose Gefolgschaft einerseits ohne nennenswerten Widerstand andererseits – mit kleinen regionalen und lokalen Nuancen. Das Spezifische war so nicht zu erfassen. Ich wollte wirklich wissen, was in den Leuten vorging, als man von ihnen Dinge verlangte, die wir heute als unbegreiflich empfinden. Wie konntet ihr nur? War diese Frage wirklich gerechtfertigt, oder müssten wir zugeben, dass auch wir in ähnlichen Situationen kapituliert hätten? Für eine echte Antwort brauchte man die konkrete Lebenssituation, die Spielräume und die Zwänge der vielen Einzelnen, und zwar möglichst vieler Einzelner, um das, was an Unbegreiflichem geschah, und das, was man aus heutiger Sicht als richtig und wünschbar betrachtet, gegeneinander abgleichen zu können. Zu dem „besonders Bedeutsamen“ meiner so nach und nach entstehenden „Sammlung“ gehörten zunächst die Aufzeichnungen aus Gesprächen mit Andres, dem Herrnweiler Schreinermeister, der zwei Kriege hatte durchleben müssen und zeitlebens das personifizierte schlechte Gewissen seiner Landsleute blieb. Auf ganz andere Art, aber ebenso bedeutsam war das private Archiv des allseits geachteten örtlichen Stadtrats und Bauunternehmers, des einzigen, der nach und nach begonnen hatte sich für „das braune Herrnweiler“ zu interessieren und sich dabei sogar öffentlich zu Wort zu melden. Unter anderem entdeckte ich bei ihm die Spur von Moses, einem der „11 Freunde“ aus der Herrnweiler Fußballmannschaft der Zeit vor 1933. Einem „Glücksfall“ waren die Bekenntnisse des einstmaligen Ortsgeistlichen der Kleinstadt zu verdanken: meiner Begegnung mit dem inzwischen betagten Journalisten einer seit längerem nicht mehr existierenden jüdischen Zeitung. Ihm hatte sich der ehrfurchtsvoll „Hochwürden“ Genannte kurz vor seinem Tod anvertraut. Dieser war über Jahrzehnte hinweg die moralische Instanz „seiner Gemeinde“ gewesen, über die er, wie er sich selber eingestehen musste, schon im zweiten „Hitlerjahr“ jegliche Kontrolle verlor. In der Folge gab es auch mehr und mehr Frauenstimmen in meiner Sammlung. Ein besonders erlesenes „Fundstück“ war dabei handschriftlich und in Kurzform der „Roman“ einer außergewöhnlichen Herrnweiler Familie, den Herrnweiler Buddenbrooks, wie ich sie insgeheim nannte. Aus dem Nachlass des einzigen auch nach beiden Weltkriegskatastrophen am Ort verbliebenen Familienmitglieds mit Namen Margarethe, von ihrem Vater, dem vormaligen Herrnweiler Bürgermeister, einst faustisch „Gretchen“ gerufen. Der Ich-Erzählerin dieses „Romans“ sehr nahe war Judith, die mit ihrer – jüdischen – Familie im Nordflügel der Bürgermeistervilla wohnte. Ihr begegnete ich durch puren Zufall und gerade noch rechtzeitig sogar persönlich. Jenny schließlich war die Enkelin des vormaligen Ehrenbürgers von Herrnweiler und eine von drei Überlebenden ihrer zu Beginn der Nazizeit vierzehnköpfigen Familie. Ihr war zugetragen worden, dass sich die Grabmale auf dem jüdischen Friedhof von Herrnweiler in einem schlechten Zustand befanden, auch die ihres Vaters, ihrer Mutter und ihrer Schwester. Sie wollte die Gräber in Ordnung bringen lassen und hatte deshalb den Herrnweiler Bürgermeister angeschrieben. Auf eine Rückantwort wartete sie jahrelang vergebens. Immerhin kam ich so – „unter der Hand“, wie man in Herrnweiler sagt – zu ihrer aktuellen Adresse und in Kontakt mit ihrer Tochter. Das war der Stand meiner Sammlung bei einer ersten Zwischenbilanz – meinem “ersten Rapport” in den Worten meines Doktorvaters. Diese Wortwahl war wohl noch ein Überbleibsel aus seiner Zeit bei der Wehrmacht. Die Zwischenbilanz fiel vor allem wegen der „mangelnden wissenschaftlichen Validität“ meiner „Quellen“ alles andere als positiv aus. Sie wurden wenig schmeichelhaft als „Einzelbefunde ohne RelevanzKontrolle“ klassifiziert, ein „Geschichtenbuch“, kein Geschichtsbuch und schon gar keine Analyse. Das Konzept, wenn man denn von einem solchen sprechen könne, stütze sich auf „geschichtsvergröbernde Erinnerungen zweifelhafter Zeitzeugen, die einen nüchternen Zugang zum Kern der Materie zusätzlich erschweren.“ Und um einen solchen nüchternen Zugang gehe es zuallererst. Ich hatte natürlich Vorsorge für eine ganze Reihe von Rechtfertigungsgründen getroffen, z.B. einen Abriss der Geschichte Herrnweilers als Fakten-basierten Gegenpol zu den Zeitzeugenberichten. Trotzdem ließ sich der „Verdacht“ – so hieß es – schwer ausräumen, dass ich nämlich zwei Dinge miteinander verwechselte: „das Geschäft des Historikers und den Versuch, einen publikumsträchtigen TV- oder Filmstoff zu entwickeln“. Man machte mir sogar Vorschläge für eine solche gänzlich andere Nutzung meines Konzepts: Mein Material sei sicherlich „sehr gut geeignet“ für ein TV-Projekt a la „Holocaust“. Am Ende aber doch die Diagnose, dass ich mit dem vorgelegten Konzept „hier am falschen Platz“ sei – und eine freundliche Verabschiedung. Zugegeben, ich hatte wohl das Pferd von der falschen Seite her aufgezäumt und zeigte mich auch wenig einsichtig. Mein Beitrag zum Projekt „Nationalsozialismus auf dem Lande“ wurde zwar nie formell aufgekündigt, rückte aber sowohl bei mir als auch bei der Projektleitung immer weiter in den Hintergrund....




