E-Book, Deutsch, Band 12, 288 Seiten
Reihe: Mord und Nachschlag
Winter Das Auge des Feinschmeckers
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-941895-83-6
Verlag: Oktober Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Schottland-Krimi mit Rezepten
E-Book, Deutsch, Band 12, 288 Seiten
Reihe: Mord und Nachschlag
ISBN: 978-3-941895-83-6
Verlag: Oktober Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Unglaublich, was für ein abscheuliches Gericht man Angus MacDonald in einem mexikanischen Restaurant in Edinburgh serviert. Der bedeutendste Gastro-Journalist Großbritanniens, gleichermaßen gefürchtet wegen spitzer Feder und feiner Zunge, kann zum ersten Mal eine Fleischsorte nicht erkennen. Damit nicht genug. Nachdem er eine gepfefferte Kritik verfasst hat, fordert ein anonymer Anrufer ihn auf, seine Weisheiten in Zukunft für sich zu behalten. Mac Donald lässt sich nicht einschüchtern und wird kurzerhand niedergeschlagen. Als dann auch noch das Curry in seinem liebsten indischen Restaurant grauenvoll missraten ist, reicht es dem Gourmet: Er forscht nach, um den Kriminellen das Handwerk zu legen, denn nichts weniger als die kulinarische Kultur seiner Heimatstadt steht auf dem Spiel. Unterstützt wird er von seinem italienischen Freund Alberto Vitiello, einem quirligen Guest House-Betreiber. Die beiden Detektive folgen dem Restaurant-Besitzer Francis Drake bis auf die Äußeren Hebriden. Hinter der kulinarischen Bühne betreibt Drake höchst kuriose Geschäfte. Und wer sich ihm in den Weg stellt, hat um sein Leben zu fürchten.
'Das Auge des Feinschmeckers' ist der erste Fall von Angus Thinnson MacDonald, dem unermüdlichen Kämpfer für authentisches Essen und Trinken.
Autoren/Hrsg.
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Mexiko ist hier nicht
Am allermeisten auf der Welt hasste MacDonald lieblos zubereitetes Essen. Der Edinburgher formte ein vulkangleiches Gesicht, aus dem ein zusammengepresster Mund eine Flut glühender Beschimpfungen auszustoßen drohte. Auf der Stirn tummelten sich Schweißperlen. Sein dichtes, graues Haar begann die Onduliertheit zu verlieren. Und die drei Zentner seines zwei Meter langen Körpers vibrierten. Wäre ein Katastrophenexperte zugegen gewesen, hätte er die nähere Umgebung evakuieren lassen. Das, was auf seinem Teller herumlag, war das Schlechteste seines bisher 43-jährigen schottischen Lebens, die Dosenmakkaroni an Chips mitgerechnet. Sie hatten sich trotz des Klebstoffkäses bemüht, aufreizend zu erscheinen. An einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, hätte man das schwarze Etwas auf seinem Teller vielleicht einer fehlgeschlagenen Salve des großen mexikanischen Revolutionärs Zapata zuschreiben können, dem MacDonald ohne Zögern zugejubelt hätte – nicht unbedingt im Restaurant, sicherlich jedoch auf der Straße oder einem öffentlichen Platz. Aber er befand sich nicht im historischen Mexiko, sondern in Edinburgh, und einmal mehr verhängte er imaginär die Todesstrafe für schwerwiegende Küchenverbrechen. Obwohl das Restaurant behauptete, authentische Küche zu servieren, verpasste die Masse auf seinem Teller, »Fried Mushrooms« genannt, dem lateinamerikanischen Land eine eklatante Backpfeife. Der gewaltige Kulinarier konnte sich nicht darüber klar werden, was schlimmer war: eine derartige Schurkerei zu braten oder zu servieren. Versuche, der Sache etwas Gutes abzugewinnen, sprach er sich Mut zu, hob vorsichtig die Pilze und entdeckte zu seiner Überraschung in der Tat unversehrte Teile. Wahrscheinlich hatten diese nach dem Verlassen der Dose wenig Bekanntschaft mit der Hitze der Pfanne gemacht. Die Schandtat lümmelte auf fettigen Salatblättern, die jedes Kaninchen empört abgelehnt hätte. Er machte sich große Vorwürfe, denn als ausgewiesener Feinschmecker, Träger der »Goldenen Bratpfanne« und Food Journalist hätte er es besser wissen müssen. »Welcome to TexMex« ließ nicht gerade auf einen lateinamerikanischen Besitzer schließen. Kein Mexikaner hätte Gringos in seinen Restaurantnamen integriert, genauso wenig wie ein Schotte sein Restaurant »EnglishScot« getauft hätte. Das Leben war zu kurz für missraten Gebratenes! Am liebsten hätte er diesen Ort der Unwirtlichkeit stante pede verlassen, doch mahnte er sich zu gastronomischer Gerechtigkeit. Jeder Koch durfte hin und wieder verliebt sein und die Pilze verkohlen. Eine rechte Hand mit dem Hauptgang näherte sich bereits zwei Minuten später dem Tisch, um den hungrigen Gourmet eines Besseren zu belehren. Verhängnis Nummer zwei hieß »Alabama Fried Steak«. »Wünscht der Herr ein Steakmesser?«, fragte der satanische Kellner. MacDonalds Mund formte ein ›Ja‹, das nicht von seinen Lippen weichen wollte. Er löste die Panade und entdeckte ein Stück Fleisch, dem Charlie Chaplin seine Stiefel vorgezogen hätte. Seine mächtigen Finger umklammerten das Messer, todesmutig wie William Wallace und seine Mannen einst den Engländern entgegengetreten waren. Noch nie, selbst wenn er die in Öl ausgebackenen Schlangenhautspiralen in Vietnam in Betracht zog, war ihm ein derartiges Wesen auf den Teller gelegt worden. »Das ist unerhört!«, protestierte er und schlug mit der Faust weitaus zügiger auf das zarte Bistro-Tischchen, als man es bei seiner Körpermasse erwarten durfte. Die blasse Großfamilie am Nachbartisch hörte auf, ihr vorgezogenes Sonntagsessen zu bearbeiten. Angriffslustig schaute er zurück und drückte bebend die Handflächen auf die Oberschenkel. Sein spontaner Stoßseufzer, der sich ungefähr wie »hiehär« anhörte, versetzte ihn in die Realität zurück. Der Kellner schritt so langsam wie möglich heran.
»Wenn Sie mich umbringen wollen, dann tun Sie es bitte mit einer Gallone Talisker in Fassstärke!«
»Verstehe ich Sie richtig, Sie möchten auch unseren Hauptgang nicht essen?«, fragte der Ober in einem Ton, den er für freundlich hielt.
»Sie haben es erfasst, eine solche Untat werde ich meinem Organismus unter keinen Umständen aufbürden! Weder Mensch noch Tier haben so etwas in ihren schlimmsten Alpträumen verdient, geschweige denn in wachem Dasein. Wo bloß haben Sie dieses Ex-Lebewesen aufgetrieben, im Tierkrematorium?« Die Managerin hatte die Szene bereits von weitem missbilligt. Jetzt paradierte sie heran, nicht im Mindesten bemüht, ihre abgrundtiefe Verachtung zu verbergen. Sie baute ihre windschlüpfigen Einmeterundfünfzig vor MacDonalds Tisch auf und stemmte die schmalen Arme in die kaum breiteren Seiten. Ihre Fingerkuppen reflektierten gelb im Schein der Deckenlampen. Das Gesicht drückte eine tiefe Unzufriedenheit mit dem Leben aus, welches zu führen sie offensichtlich enorme Mühe kostete. Ein Ring an ihrem Finger bewies, dass auf Schottlands Boden noch eine andere Person wandelte, die schwer an ihr zu tragen hatte. »Warum stellt sich das dicke Ungetüm so an?«, las der Gast ihre Miene. Es war schwer vorstellbar, dass diesem Mund nach Erwerb des Sprachvermögens jemals ein gutes Wort entschwunden war, weder absichtlich noch aus einem Missgeschick heraus. MacDonald hatte es mit einem besonders stupiden Exemplar der menschlichen Spezies zu tun, dessen einzige Form von Spaß darin bestand, andere, am liebsten sich beschwerende Kunden, zu verhöhnen. Er nahm sich vor, wenigstens dem Wortgefecht etwas Schabernack abzugewinnen. »Die Pilze waren völlig in Ordnung, ebenso wie das Fleisch«, startete sie ihren Versuch, den bedeutendsten Feinschmecker Schottlands von seiner Unverfrorenheit zu überzeugen.
»Pilze haben nicht verbrannt zu sein, wenn sie serviert werden«, polterte das vermeintliche Scheusal aus der Tiefe seines Bauches, so heftig, dass die Kasserollen in der Küche zu zittern begannen. »Mögen Sie Science-Fiction-Filme, meine Dame?«
»Wie bitte?«, rief sie auf MacDonald hinab.
»Est-ce que vous aimez ... rede ich vielleicht spanisch oder sehe ich aus wie der Dalai Lama? Ob Sie Zukunftsfilme mögen? Sie klingen wie ein Roboter. Ich frage mich, ob Sie in irgendeinem Studio vermisst werden. Sie essen Ihre Peinigungen am besten selbst. Für diesen Abhub der Küchenwelt werde ich nicht einen Penny hinlegen!«
»Aber ...«
»Kein aber, halten Sie einfach nur Ihren Mund, denn Sie besitzen nicht das geringste Verständnis von Küche, Essen oder Gastfreundschaft. Ich bin verblüfft, dass mich Ihr Besteck nicht gebissen hat. Sie werden noch von mir hören. Verlassen Sie sich darauf! Kochverbrechern wie Ihnen lege ich das Handwerk!« Was MacDonald noch mehr als das rüde Benehmen der Managerin verblüffte, war die Tatsache, dass die anderen Gäste den gastronomischen Unrat überhaupt nicht registrierten. Zufrieden aßen sie zwischen Pappmaché-Wänden, der Imitation von mexikanischen Steinmauern, und tranken große Schlucke aus ihren Margarita-Gläsern, die jeden vorhandenen Rest von Geschmackssinn abtöteten. Er schleppte sich ins Freie und schnappte röchelnd nach Luft, froh, bei dem schrecklichen Anschlag mit dem blanken Leben davongekommen zu sein. Sein Magen drückte Verständnislosigkeit gegenüber der Leichtfertigkeit des Versorgers aus. MacDonald überlegte eingeschüchtert, wie er ihm am schnellsten etwas Gutes tun konnte. Glücklich über Henderson’s flexible Öffnungszeiten, überquerte er die Hanover Street, über die um neun Uhr abends nur noch wenige Autos glitten. Im Tempel der Vegetarier schlossen in seinem Magen folgende Köstlichkeiten Freundschaft: ein Sellerie-Apfel-Haselnusssalat, gefüllte Auberginen mit Wildpilzsauce und ein majestätischer Früchtetrifle. Mit einer Tasse starken, schwarzen Kaffees lehnte er sich zurück, entschlossen, alle drei Gänge demnächst exakt nachzuzaubern. Der Edinburgher Himmel hatte es sich in der Zwischenzeit nicht nehmen lassen, eine Vielzahl von dunklen Blautönen zu gruppieren. Und die Straßenlaternen tauchten die Backsteinhäuser in ein gutmütiges Braun. Besänftigt nach dem ekelhaften Erlebnis, überquerte er die Princess Street. Wieder einmal nickte er anerkennend zum Castle, das wie ein satter Wal auf seinem Felsen thronte, und zu den benachbarten Gebäuden der Old Town, die fast zu schön waren, um real zu sein. Es gab keinen Ort der Welt, an dem er lieber gelebt hätte als in Edinburgh. Eine Stadt, welche die einen »Athen des Nordens«, die anderen »Reykjavik des Südens« nannten. Den Rest des Weges sollte der Doppeldecker besorgen. Um zehn Uhr abends saßen die meisten Schotten zu Hause oder im Pub, und wer außer ihm dachte an die armen Familien der Busfahrer? Angetan von seiner karitativen Ader, beförderte er das nötige Kleingeld aus der Hosentasche und kullerte es in die Box. Der Bus verströmte den vertrauten Geruch nach Gummi. Er faltete die Hände vor dem mächtigen Bauch, glücklich wie ein Mönch, der gerade zum Wohle des Herrn einen Hektoliter süffigen Bieres gebraut hat. Zu seinem Bedauern endete die Fahrt schon nach wenigen Minuten. MacDonald lebte in Dean Village, einem Stadtteil mit dörflichem Charakter. Von seinem Haus aus verfügte er über einen bezaubernden Blick auf Water of Leith, jenes schmale Flüsschen, das sich mit erstaunlicher Beharrlichkeit durch die Stadt schlängelte. Kollegen vom Kontinent glaubten MacDonald nicht so recht, dass man hier auf dem Lande leben und dennoch in fünf Minuten zur Innenstadt gelangen konnte. Fast alle Nachbarn hatten sich bereits ins Reich der Träume begeben. Nur die Musikstudentin schräg gegenüber war wach. Sie musste wohl am nächsten Tag eine Prüfung haben, denn nur dann übte sie so spät noch. Er wurde überschwänglich begrüßt von seinem Mitbewohner Robert the Bruce . Der fuchsrote, nicht...




