Biografie
E-Book, Deutsch, 656 Seiten
ISBN: 978-3-446-27011-4
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein junger Mann aus wohlhabendem Hause, begabt, aber scheinbar ohne jeden Ehrgeiz: Gustave Flaubert war bereits 35 Jahre alt, als er mit "Madame Bovary" über Nacht berühmt und berüchtigt wurde. Mit ihm beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte der Weltliteratur. Michel Winock erzählt in seiner maßgeblichen Biografie von Flauberts Leben in der Normandie und Paris und von seinen Reisen, die ihn bis in den Orient führten. Der Gegensatz zwischen versunkenen Welten und heraufziehender Moderne prägt Flauberts Lebensgefühl. Winock sieht darin den Schlüssel zu seiner Kunst. Egal, ob man sie erst entdeckt oder bereits mit ihr vertraut ist: Diese Biografie führt die ganze Fülle der Welt Flauberts vor Augen.
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I Der Augenblick und das Dekor
Gustave Flaubert, geboren unter Ludwig XVIII. (1821) und gestorben unter Jules Grévy (1880), sollte den allergrößten Teil seines Lebens unter dem Säbel von Monsieur Prudhomme verbringen. Man weiß, dass diese Figur, von Henri Monnier im Jahre 1830 geschaffen, nach Baudelaire ein »Typus von erschreckender Lebensnähe«, die bedrückende Dummheit des 19. Jahrhunderts personifiziert.1 Ganz sicher teile ich nicht die Meinung derjenigen, die im 19. Jahrhundert lediglich eine Verbindung von Okkultismus, Rührseligkeit und wahnwitzigem Utopismus sehen2; ich vergesse nicht die Größe einer Epoche, die in jeder Richtung innovativ war, aber es hat sich gleichwohl erwiesen, dass in diesem Jahrhundert auch eine gierige, selbstgefällige und besserwisserische Bourgeoisie triumphierte. Genau diese hatte Flaubert ständig im Visier, und er hat sie mit einer berühmten, wenig soziologischen, ganz und gar moralischen Formulierung definiert: »Ich bezeichne als Bürger jeden, der niedrig denkt.«3 Gustave Flaubert hat in einem historischen Vakuum sein Leben begonnen und seine Jugend verbracht. Ein Vierteljahrhundert lang war Frankreich glutrot gefärbt von den Feuern der Revolution und den Sonnen des Kaiserreichs. Der Bürgerkrieg und der Krieg mit dem Ausland machten einander Konkurrenz, die Proklamation der großen Prinzipien rief das Universum zum Zeugen, der Marschtritt der napoleonischen Heere ließ den Boden Europas bis nach Moskau erzittern, die Niederlagen waren inzwischen so spektakulär wie die Siege, und als ganz Europa sich verbündete, um den französischen Cäsaren zu beseitigen, gelang dies erst nach dem flammenden Epos der Hundert Tage, das in Waterloo endete. Das war sechs Jahre vor der Geburt Flauberts. Ludwig XVIII., Bruder des guillotinierten Königs, hatte mit Hilfe der Alliierten und für ein Linsengericht die Monarchie restauriert, nämlich jene oktroyierte Charta, die den Franzosen versprach, der Absolutismus kehre nicht zurück, das Regime werde liberal und parlamentarisch sein, die Freiheit werde an die Stelle der Zensur treten und man könne von nun an in Ruhe schlafen. Tatsächlich erlebte das Land diesen Frieden dann vierzig Jahre lang, und als es sich 1830 des letzten Bourbonen der älteren Linie entledigte, brach endgültig die Zeit des Bürgerkönigtums an, unter dem »Schirm« Louis-Philippes4 und auf der politischen Linie François Guizots, des »organischen Intellektuellen« der Julimonarchie. Wegen des zeitlichen Abstandes fehlt es uns nicht an Nachsicht mit dieser Epoche, hat sie doch die Franzosen an die Verfahren des repräsentativen Systems in der Politik gewöhnt; an den Frieden in den internationalen Beziehungen; an die Aufschwünge der industriellen Revolution, deren Symbol die ersten Eisenbahnlinien waren; an die romantische Kunst und Literatur. Aber solche Überlegungen entsprachen nicht dem Geschmack der neuen Generationen. Der zehn Jahre vor Flaubert geborene Alfred de Musset hat in seinem Roman La confession d’un enfant du siècle diesen Übergang vom Epischen zum Trivialen eindrucksvoll beschrieben: »Ein Gefühl unbeschreiblichen Missbehagens begann also in all den jungen Herzen zu gären. Von den Herrschern der Welt zum Stillhalten verurteilt, den unterschiedlichsten Schulmeistern, dem Müßiggang und der Langeweile ausgeliefert, sahen die jungen Männer die schäumenden Wogen sich entfernen, gegen die zu kämpfen sie ihre Arme trainiert hatten. All diese mit Öl eingeriebenen Gladiatoren fühlten sich im Innern ihrer Seele unerträglich elend. Die Reichsten wurden Libertins; die ein durchschnittliches Vermögen hatten, ergriffen einen Beruf, zogen widerstrebend den Talar oder die Uniform an; die Ärmsten warfen sich auf den kalten Enthusiasmus, auf die großen Worte, auf das abscheuliche Meer der ziellosen Tat.« In diesem Werk, das 1836 erschien und das Flaubert mit fünfzehn Jahren las, verwendet Musset ein Wort, das alles zusammenfasst: »Es war wie eine Verneinung all der Dinge im Himmel und auf Erden, die man Enttäuschung oder, wenn man will, Verzweiflung nennen kann; als ob die in Lethargie erstarrte Menschheit von jenen für tot gehalten wurde, die ihr den Puls fühlten.«5 Maxime Du Camp, der spätere Freund Flauberts, wird seinerseits über die nach Musset Geborenen schreiben: »Die künstlerische und literarische Generation, der ich angehöre, hatte eine Jugend von jämmerlicher Trostlosigkeit, einer Trostlosigkeit ohne Grund und ohne Objekt, einer abstrakten Trostlosigkeit, die dem Sein oder der Epoche innewohnte.«6 Die Epoche! Während die ehemaligen Gardesoldaten Napoleons nur noch den halben Sold erhielten, begann die Ära der Birotteau, der Camusot und der Nucingen.7 Auf die dürren Jahre folgten die fetten. Diese Emporkömmlinge waren nicht mehr jene Bourgeois, die sich zu Beginn des kapitalistischen Aufschwungs als Eroberer, Industriekapitäne, Unternehmer hervortaten und die ihren Platz in einer Art Heldengeschichte gefunden haben, für die sogar Marx, der Prophet des Sozialismus, rühmende Worte fand — selbst Bankiers, die der obersten Gesellschaftsschicht angehörten, machten ihre Geschäfte inzwischen eher mit Versicherungen und Krediten für den Handel, als dass sie die Industrie versorgten. Diese neuen Bourgeois waren vielmehr Händler, Notare, Robenträger, Staatsanwälte, Advokaten und Sachwalter, all diese Leute aus der Juristerei, die Daumier gezeichnet hat, zu denen sich noch die Mediziner, Apotheker und Legionen von Grundeigentümern und Rentiers gesellten, die sich nun endgültig des einstigen Kirchenguts sicher sein konnten, das sie oder ihre Eltern erworben hatten und dessen Besitz von der Restauration für einen Moment in Gefahr gebracht worden war. Trotz der industriellen Baumwollspinnerei waren die meisten Einwohner von Rouen damals keine großen Unternehmer, sondern nüchterne, vorsichtige, sparsame, konservative, misstrauische, katholische (wenngleich selten zur Kirche gehende) Bürger, Exemplare einer prosaischen, praktisch denkenden, arbeitsamen und ein wenig geizigen Provinzbourgeoisie. Diese Leute konnten mit der Welt, wie sie sich entwickelte, zufrieden sein; es fehlte ihnen nicht an »positiven Freuden«, von denen die reinste darin bestand, zuzuschauen, wie sich ihr Zaster vermehrte. Angesichts dieses Materialismus oder der Vorstellung, die sie sich von ihm machten, »fanden die jungen Männer«, Musset zufolge, »für ihre brachliegende Kraft eine Betätigung im Vortäuschen von Verzweiflung. Ruhm, Religion, Liebe, alles auf der Welt zu verhöhnen, ist ein großer Trost für diejenigen, die nichts zu tun wissen; sie spotten dadurch über sich selbst und geben sich recht, während sie sich zugleich noch eine Lehre erteilen.«8 Die Notabeln des Hôtel-Dieu
Gustaves Familie gehörte einer Schicht des Bürgertums an, deren Vermögen auf Renten und persönlichen Verdiensten beruhte. Der Vater, Achille-Cléophas Flaubert, ursprünglich aus dem Departement Aube stammend und 1784 geboren, war der Sprössling einer alten Veterinärsfamilie. Er hatte das Privileg, nach dem Besuch des Collège in Sens sein Medizinstudium in Paris absolvieren zu können, und tat dies so exzellent (jedes Jahr als Erster seines Jahrgangs), dass ihm unter dem Konsulat die Kosten für sein Studium von der Regierung erstattet wurden. Als Drittbester im Internat und Schüler von Guillaume Dupuytren, einer der Kapazitäten der französischen Medizin und Chirurgie, entging er dem 1806 reformierten Militärdienst, weil er »an Lungenschwindsucht« erkrankt war. Dupuytren, der seine Verdienste sehr schätzte und rühmte, sorgte dafür, dass er im Hôtel-Dieu von Rouen als »Prosektor der Anatomie« unter der Leitung des Chefchirurgen Laumonier angestellt wurde. Diesem verdankte sich die Begegnung mit Caroline Fleuriot, die seine Ehefrau werden sollte, nachdem er 1810 seine Doktorarbeit abgeschlossen hatte.9 Nach und nach wurde Achille-Cléophas zu einem angesehenen Chirurgen, bekräftigt durch den Titel eines Professors der Medizin. Zwar gab es in Rouen keine medizinische Fakultät, aber eine vorbereitende medizinische Schule im Hospital selbst. Seine Autonomie erlangte Dr. Flaubert schließlich nach dem Tod Laumoniers im Jahr 1818. Seine wachsende Reputation hatte nicht zuletzt mit dem Thema seiner Doktorarbeit zu tun: »Die Behandlung von Kranken vor und nach chirurgischen Eingriffen«. Die Menschen interessierten ihn ebenso wie ihre Krankheiten. Viele Züge des Dr. Larivière in Madame Bovary sind ihm entlehnt: »Er gehörte zu der großen, aus Bichats Schürze geschlüpften Chirurgenschule, zu jener heutzutage verschwundenen Generation...