E-Book, Deutsch, Band 73, 100 Seiten
Reihe: FILM-KONZEPTE
E-Book, Deutsch, Band 73, 100 Seiten
Reihe: FILM-KONZEPTE
ISBN: 978-3-96707-965-4
Verlag: edition text+kritik
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent konnte sich Trenker ab 1931 in Form von teils mehrsprachig produzierten Spielfilmen einen Namen machen. Dank seines Gespürs für die ästhetischen und performativen Anforderungen der jungen Fernsehlandschaft der Nachkriegszeit gelang ihm nach 1945, trotz seiner Involvierung in die Medienlandschaft des deutschen und italienischen Faschismus, ein mediales Comeback. Die (Dis-)kontinuitäten in Trenkers Werk werden in diesem Band in Form von sechs Beiträgen untersucht: Mit den Filmen Les Chevaliers De La Montagne (Der Sohn der weissen Berge, 1930), Der Rebell (1932), Il Prigioniero Della Montagna (Flucht in die Dolomiten, 1955) und den TV-Serien "Luis Trenker erzählt" (1959–1973) und "Luftsprünge" (1969–1970) widmen wir uns sowohl Klassikern als auch weniger beleuchteten Produktionen.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Theater- und Filmwissenschaft | Andere Darstellende Künste Filmwissenschaft, Fernsehen, Radio Filmgeschichte
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtswissenschaft Allgemein Biographien & Autobiographien: Historisch, Politisch, Militärisch
- Sozialwissenschaften Sport | Tourismus | Freizeit Sport Fitness, Freizeitsport, Gesundheitssport Bergsteigen und Klettern
- Geisteswissenschaften Theater- und Filmwissenschaft | Andere Darstellende Künste Filmwissenschaft, Fernsehen, Radio Einzelne Filmschauspieler, Filmregisseure, Drehbuchautoren
Weitere Infos & Material
Maria Fuchs Soundtrack der Alpen
Multiple Bergfilme Luis Trenkers: DER SOHN DER WEISSEN BERGE / LES CHEVALIERS DE LA MONTAGNE (1930) I. Die Alpen im Kontext des europäischen Kinos der frühen 1930er Jahre
Mit dem Aufkommen der Mehrsprachenversionen in der Übergangsphase vom Stummfilm zum Tonfilm wurde im multinationalen Projektionsraum wie in der sportlich-realen Erfahrungswelt der Alpen ein transnationales wie transkulturelles filmisches Sujet erkannt, das zur Etablierung eines europäischen Kinos beitragen sollte. In dieser Entwicklung spielen Luis Trenkers Mehrsprachenversionen alpiner Tonfilme eine entscheidende Rolle und sie heben – entgegen dem klischierten Trenker-Bild des »Südtiroler Alpenfexes« und »Berliner NS-Regisseurs«1 – seine Filmaktivitäten im Kontext des transalpinen Kinos der 1930er Jahre hervor. Mehrsprachenversionen waren in der Phase der allgemeinen Etablierung des Tonfilms in den frühen 1930er Jahren als Teil der Internationalisierungsstrategie der deutschen Filmindustrie entstanden. Bis 1933 war die Synchronisation weit davon entfernt, akzeptiert und verbreitet zu sein, weshalb Mehrfachfassungen in dieser Periode zunächst eine zentrale Rolle in der Filmproduktion spielten. Sie wurden zumeist für den französischen, englischen und italienischen Filmmarkt koproduziert und beeinflussten auf diese Weise auch den globalen Markt. Bei diesem aufwändigen Übersetzungsprozess wurden die verschiedenen Versionen eines Films Szene für Szene meist gleichzeitig gedreht und so an den jeweiligen sprachlich-kulturellen Kontext angepasst.2 Um die Internationalität eines Films zu gewährleisten und auf dem internationalen Markt erfolgreich sein zu können, spielte die kulturelle Verständlichkeit für das Zielpublikum eine wesentliche Rolle, weshalb auch Elemente wie die Besetzung, die fiktiven Nationalitäten, die Musik, die Dialoge und die Gesten angepasst wurden. Dieser Beitrag möchte das deutsch-französisch koproduzierte Versionsprojekt DER SOHN DER WEISSEN BERGE / LES CHEVALIERS DE LA MONTAGNE (1930)3 von Luis Trenker und Mario Bonnard näher betrachten und die Bedeutung des alpinen Sujets im (trans)kulturellen und (trans)nationalen Prozess der Filmadaption von Mehrsprachenversionen im Kontext des europäischen Kinos der frühen 1930er Jahre erläutern.4 Der Fokus liegt dabei auf der Rolle der Musik als einem wichtigen Element der nationalen oder kulturellen Spezifikation im Kontext von Mehrsprachenversionen. In der Forschung wurden Mehrfachfassungen bisher vor allem im Hinblick auf die sprachlichen Aspekte und die visuellen Komponenten der Filme untersucht.5 Die vorliegende Fallstudie konzentriert sich jedoch speziell auf die Tonspur in den verschiedenen Filmfassungen. Dank der Verfügbarkeit beider Kopien, der französischen und der deutschen Fassung, im Bergfilmmuseum von Turin ist eine vergleichende audiovisuelle Analyse möglich.6 Die Funktionen der Musik im Spiel mit den verschiedenen Nationalitäten und kulturellen Elementen in den jeweiligen Filmversionen soll im Folgenden anhand der extra-diegetischen und diegetischen Musik sowie dem eigens für den Film komponierten Tonfilmschlager Wir Kameraden der Berge (1930) herausgearbeitet werden.7 Über die medienkulturellen Dynamiken des Tonfilmschlagers sei zugleich auch die transkulturelle Rezeption des Alpensujets erschlossen. II. DER SOHN DER WEISSEN BERGE / LES CHEVALIERS DE LA MONTAGNE (1930)8
In der Forschung zur Frühgeschichte des deutschen Bergfilmgenres besteht die Tendenz, sich auf die deutschen Titel Trenkers zu konzentrieren, da für die Kulturgeschichte der Alpen im deutschsprachigen Raum die Südtiroler Berglegende eine beinahe mythische Funktion hat: »Ein Film mit Luis Trenker bedarf«, wie es in den Nachrichten des Alpenvereins Donauland und des Deutschen Alpenvereins Berlin zur deutschen Version von DER SOHN DER WEISSEN BERGE heißt, »naturgemäß der Berge als Hintergrund.«9 Auch in der Filmtheorie und Filmgeschichtsschreibung fehlt die Verbindung zwischen Mehrsprachenversionen und Trenker. So ist zwar Siegfried Kracauers Lesart der Bergfilme bzw. der Trenker-Filme als protofaschistisch bekannt, aber der Filmtheoretiker erwähnt nie, dass Trenker einige multiple Versionen mitproduzierte und sich damit auch der Internationalität des Filmmediums verschrieben hat.10 Selbst in dem Kapitel, das Corinna Müller dem SOHN DER WEISSEN BERGE widmet und das insbesondere der Frage nachgeht, wie revolutionär seine Nachsynchronisationstechnik für die frühen 1930er Jahre war, wird LES CHEVALIERS nicht erwähnt. Wie in der deutschen Version wurde auch in LES CHEVALIERS der Ton nachträglich hinzugefügt. DER SOHN DER WEISSEN BERGE / LES CHEVALIERS DE LA MONTAGNE ist ein Sonderfall in der Geschichte von frühen multiplen Versionen. Zum einen war diese deutsch-französische Koproduktion die erste einer Reihe von Mehrsprachenversionen made by Trenker (bei denen er zumindest teilweise Regie führte), in denen Sport-, Historien-, Propaganda- und Kriegsfilm mit Bergfilm-Elementen verschmelzen. Danach folgten BERGE IN FLAMMEN / LES MONTS EN FLAMMES (1931), DER REBELL / THE REBELL (1932) und DER BERG RUFT (1937) / THE CHALLENGE (1938), wobei die beiden erstgenannten den Alpenkrieg für das deutsche Publikum populär machten. Die beiden Fassungen basieren auf dem gleichen Drehbuch und wurden von denselben Personen je nach Zielkontext unterschiedlich bearbeitet. Dreh- und Handlungsort von DER SOHN DER WEISSEN BERGE / LES CHEVALIERS DE LA MONTAGNE ist der Skiort Zermatt am Matterhorn, also am höchsten und wahrscheinlich weltweit bekanntesten Alpengipfel an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien. Ein alternativer Titel bzw. Untertitel des Films lautet daher auch DAS GEHEIMNIS VON ZERMATT.11 Dort findet eine Skimeisterschaft statt. Der Film verhandelt eine Liebes- und Kriminalgeschichte, wobei der Berg- und Skiführer Turri Alton / Charlie, gespielt von Luis Trenker, im Vordergrund steht und sich mit der nahezu dokumentarischen Präsentation des winterlichen Bergpanoramas verbindet. Multiple Versionen spielen oft mit der Anpassung an die Nationalitäten auf einer doppelten Ebene – an die Nationalitäten der am Film beteiligten Schauspieler und an die Nationalitäten der fiktiven Figuren. In diesem Fall bleibt ein wesentlicher Teil der Besetzung unverändert. Die Hauptfigur, gespielt von Trenker, heißt jedoch in der französischen Version George Charlier und nicht wie in der deutschen Hans Turri, was auf Bemühungen um die kulturelle Verständlichkeit für das jeweilige Zielpublikum hindeutet. Die Analyse von Film, Text und Musik führt zu dem Gesamtergebnis, dass die deutsche Version durch das Spiel mit verschiedenen Nationalitäten der Skiteams und durch mehrere fiktive Ortswechsel internationaler ausgerichtet ist als die französische Version.12 Die wichtigste Konsequenz dieser Entscheidungen in Bezug auf sprachliche und kulturelle Elemente der Anpassung besteht darin, dass in der deutschsprachigen Fassung drei Nationalitäten miteinander interagieren (deutsch, österreichisch, französisch), während die französische Fassung gänzlich auf den französischen Kulturraum konzentriert ist. Ausgehend vom gleichen Punkt, d. h. vom narratologischen und geografischen Schnittpunkt der Alpen, wird DER SOHN DER WEISSEN BERGE – auch über den Soundtrack – internationaler und europäischer inszeniert, während LES CHEVALIERS DE LA MONTAGNE lokaler und im französischen Kontext bleibt. Ein Grund für den internationalen, europäischen Rahmen in der deutschen Fassung könnte darin liegen, dass Trenker und das alpine Sujet zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im deutschsprachigen Kontext medienkulturell bereits präsent und popularisiert waren, während in Frankreich die Etablierung des Bergfilmgenres mit der Veröffentlichung dieses Films zusammenfiel. Nationale Höhepunkte des Bergfilmgenres in Frankreich sind erst in den 1940er und 1950er Jahren mit den Filmen von Regisseur und Berufsalpinist Marcel Ichac zu verzeichnen. Der Film wurde daher auch noch als Sportfilm vermarktet, während er in Deutschland schon längst als Bergfilm anerkannt und verbreitet sowie als erster alpiner Tonfilm in der Presse besprochen wurde.13 Es ist zu vermuten, dass die deutsche Version auf ein mit dem Genre und der Hauptfigur Trenker vertrautes Publikum zählen konnte, was ihr eine breitere, internationalere Ausrichtung ermöglichte als die französische Fassung, für die die französische Handlung selbst als Referenz zur Identifikation herangezogen werden kann. Bei der Vermarktung der beiden Verfilmungen fällt auf, dass Trenker in Frankreich nicht auf das gleiche Star-Image zurückgreifen konnte wie im deutschsprachigen Raum, weshalb die tertiäre Hauptfigur einer Pariser Touristin im Skigebiet von Zermatt, gespielt von Mary Glory, in der Presse und auch im Filmabspann prominent vertreten ist.14 Auch der Alpen-Schauplatz musste in Frankreich erst ein Publikum finden. Mit der intra-nationalen Struktur innerhalb der audiovisuellen Narration konnte der neue, gebirgige Handlungsort wohl einem französischen Publikum der Zeit nähergebracht und vermittelt werden. Als Reaktion auf den deutschen Zugang zum Genre sollte der französische Bergfilm eine neue Version durchsetzen, »die von jeglichem Pathos befreit ist und der...