Wingate | Moses Lake | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Wingate Moses Lake


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86827-902-3
Verlag: Francke-Buch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-86827-902-3
Verlag: Francke-Buch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Sozialarbeiterin Andrea Henderson zieht mit ihrem Sohn an den schönen Moses Lake. Nach ihrer Scheidung will sie ein neues Leben beginnen. Doch das Einleben gestaltet sich schwieriger als erwartet, sowohl beruflich als auch privat. Zum Glück lernt sie den attraktiven Ranger Mart McClendon kennen. Er hilft ihr bei der Bearbeitung eines mysteriösen Falls: In einer windschiefen Hütte oberhalb des Sees wohnen der alte Len und ein kleines Mädchen. Niemand weiß, wer sie ist und wie sie zu ihm kam. Nach und nach kann Andrea das Vertrauen der Kleinen gewinnen. Doch dann spitzen sich die Ereignisse dramatisch zu und die zwei geraten in eine äußerst gefährliche Situation... Ein spannender, humorvoller und tiefgründiger Roman mit grandiosen Landschaftsbeschreibungen. (718 Z.)

Lisa Wingate arbeitet als Journalistin, Kolumnistin, Rednerin und Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Texas.
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Kapitel 2

Wenn du mit dem Boot in seichtes Gewässer fährst,
solltest du wissen, wo die versunkenen Baumstümpfe sind.

Anonym
(an die Wand der Weisheit im Waterbird Fischköder-
und Lebensmittelladen
geschrieben)

*

Mart McClendon

Über den Hügeln auf der anderen Seeseite braute sich ein Sommergewitter zusammen. Nur ein kleiner Sturm, aber wenn er weiterhin in diese Richtung zog, würde er die Touristen vom See vertreiben und ihnen den Badetag verderben. Etwas, das ich in meiner kurzen Zeit hier gelernt hatte, war, dass man das Wetter nicht vorhersagen konnte. Und auch sonst nicht viel. Am Moses Lake war die Wahrscheinlichkeit, dass das Unerwartete eintraf, genauso groß wie die Chance, dass das Erwartete eintraf. Für Leute, die gern planten, Tagesabläufe festlegten und ein elektronisches Gerät am Gürtel hängen hatten, war Moses Lake nur ein Punkt auf der Landkarte, an dem man bei einem Sonntagsausflug vorbeifuhr. Vielleicht hielt man am Aussichtspunkt über der Eagle Eye Bridge an und sah zu, wie die Wochenendausflügler mit ihren Wasserskiern und kleinen Segelbooten über die Wasserfläche glitten.

Diejenigen, die auf Abenteuer aus waren, bogen vielleicht in der Nähe des Damms von der Hauptstraße ab und kauften sich ein Sandwich im Fischköder- und Lebensmittelladen Waterbird. Oder sie fuhren den holprigen Weg durch die Bäume hinab, mieteten sich eine Hütte oder buchten eine Kanufahrt. Es konnte sein, dass diese halbtägige Kanufahrt oder der Kurzurlaub am See nichts weiter war als eine ruhige, entspannende Abwechslung zu dem Leben, aus dem sie kamen. Wenn sie Glück hatten.

Der Moses Lake hatte unbestreitbar ein Eigenleben. Man könnte zwanzig Leute fragen, warum das so war, und bekäme zwanzig verschiedene Antworten. Von Indianerlegenden zu Geistergeschichten bis hin zu der unheimlichen Stimme der Klagenden Frau, die angeblich von den Klippen am Eagle Eye herunterhallte. Einige behaupteten, der See werde von den ruhelosen Geistern der Menschen aus den Bauernhöfen und Städten verfolgt, die unter hundert Quadratkilometern Wasser versenkt wurden, als das Pionierkorps in den Fünfzigerjahren das Land enteignet und den Damm gebaut hatte. Andere behaupteten, es sei der Name: Moses Lake. Mose war vierzig Jahre durch die Wüste gezogen, bevor er Ruhe fand, und selbst dann durfte er das Verheißene Land nicht betreten.

Wenn ich nach meiner Meinung gefragt würde, wäre meine Antwort: Es ist das Wasser. Wasser hat etwas an sich, das die verschiedensten Menschen anzieht und in ihnen Impulse weckt, von denen sie vorher keine Ahnung hatten.

Man konnte nie sagen, wer in Moses Lake auftauchte und was passierte. Nach knapp einem halben Jahr als Ranger im südlichen Teil dieses Bezirks war ich zu dem Schluss gekommen, dass das Leben in Moses Lake genauso unberechenbar war wie das Wetter. Das musste der Grund sein, warum meine Familie vor ungefähr zwanzig Jahren nicht länger als unbedingt nötig in dieser Gegend geblieben war. Sobald mein Vater seine Arbeit am Bau des Wasserkraftwerks abgeschlossen hatte, hatte er unsere Mutter und uns vier Jungen ins Auto verfrachtet und so schnell wie möglich das Weite gesucht. Wir waren schließlich in Südwesttexas gelandet, wo das Wetter, die Menschen und der Lebensrhythmus berechenbar waren. Dort unten im Big-Bend-Land, dem einzigartig schönen Nationalpark am Rio Grande, war es ruhig, freundlich, friedlich und idyllisch gewesen – sofern man eine ungehinderte Sicht in die Ferne und einen weiten Himmel liebte.

Aber ich hatte jahrelang nichts anderes hören können als den Moses Lake, dessen Wellen ans Ufer meiner Erinnerung rollten und mich nach Hause riefen – zu dem Ort, der für mich als Junge etwas ganz Besonderes gewesen war. Als die Zeit kam, das Big-Bend-Land endgültig zu verlassen, hatte ich meine Sachen gepackt und war nach Moses Lake gefahren.

Ich hatte den Ort genauso vorgefunden, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Genau das brauchte ich. Nichts in Moses Lake erinnerte an das, was im Big Bend passiert war. Hier gab es einfach das Wasser und den Wind, der durch die Eichen wehte. Und es gab die Boote, die über den See fuhren und weiße, schäumende Spuren hinter sich herzogen, die sich plötzlich wieder auflösten und in eine perfekte Wasserfläche zurückverwandelten. Dann gab es keine Spur mehr davon, dass irgendetwas vorbeigefahren war und den normalen Lauf der Dinge gestört hatte. Moses Lake war ein beständiger Ort. An der Oberfläche. Aber als ich die Stelle als Ranger annahm, hätte ich besser als jeder andere wissen müssen, dass die Oberfläche manchmal nur eine Illusion ist. Mit bloßem Auge erkennt man nicht immer, was sich unter der Oberfläche zusammenbraut.

Auch wenn die Strömungen unter der Oberfläche des Moses Lake geheimnisvoll waren, gab es doch immer wiederkehrende unerschütterliche Rhythmen: die alten Angler fuhren lange vor Sonnenaufgang in ihren Flachbodenbooten auf den See hinaus und waren längst wieder im Waterbird, wenn der Tag zu heiß wurde, um Fische zu fangen. Heute war ihr Stammplatz im Waterbird von zwei erfahrenen Anglern besetzt: Nester Grimland, der nur aus Haut und Knochen bestand und von Kopf bis Fuß wie ein Schulbusmechaniker in Rente aussah, und Burt Lacey, der Nesters Rektor an der winzigen Moses Lake High School gewesen war, bis er der Schule den Rücken gekehrt und sich der Fischerei zugewandt hatte.

„Meinst du, dass das ein Reh oder ein ausgebrochenes Kalb ist?“ Nester schaute mich an und deutete über den Rand des Piers. Dabei verschüttete er eine Tasse mit Sheilas Waterbird-Kaffee über seine Hand und tränkte unfreiwillig die Manschette seines Hemdes und den Tisch mit der braunen Flüssigkeit. Das spielte aber keine Rolle, denn der Kaffee war ohnehin längst kalt, am Ärmel klebten wie immer Fischreste, und der Tisch war genauso wie alles andere im Fischköder- und Lebensmittelladen Waterbird: alt und verwittert.

Burt kniff hinter seiner Brille, deren Gläser dick wie Flaschenböden und so trübe wie der Grund des Sees waren, die Augen zusammen. „Das ist bei dieser großen Entfernung schwer zu sagen. Es könnte auch wieder ein Emu sein. Mart, glaubst du, das da drüben bei den Big Boulders ist ein Kalb oder ein Emu?“ Sein ledriger, von der Sonne verbrannter Mund kaute auf dieser Frage herum, als hätte sie einen guten Nachgeschmack und er erwartete einen Nachschlag.

„Oder ein Reh“, fügte Nester hinzu und strich über den dicken, grauen Schnurrbart, der ihm das Aussehen eines alten Cowboys verlieh, der frisch von den Weideflächen kam. Ich musste diese Frage eigentlich nicht beantworten. Nester und Burt führten ihr Gespräch wie gewöhnlich allein weiter. Sie hatten mich nur einbezogen, weil ich zufällig gerade am Pier angelegt hatte, um ins Waterbird zu gehen und mir frischen Kaffee zu besorgen.

„Warum sollte ein Reh mitten am Tag im Freien herumlaufen?“

„Ein Emu macht so etwas schon. Diese Vögel sind nicht gerade die intelligentesten Tiere.“

„Mit wie vielen Emus hattest du schon zu tun, Burt?“ Nester blinzelte, während ich mein Boot festzurrte. Du weißt im tiefsten Inneren, dass ein Ort dein Zuhause ist, wenn du fünfundzwanzig Jahre fort warst und es sich so anfühlt, als wärst du nie fortgewesen. Nester und Burt erinnerten sich nicht mehr an mich. Für sie war ich nur irgendein dürrer, dunkelhaariger Junge gewesen, der im Zuge einer Kraftwerkserweiterung gekommen und wieder gegangen war. Aber ich erinnerte mich an die beiden, als hätte sich ein Foto von ihnen in meinem Gedächtnis eingebrannt. Sie hatten uns Kindern eine Cola gekauft, wenn wir sie im Laden angetroffen hatten. Abgesehen davon, dass sie einige Falten mehr und einige Haare weniger hatten, waren sie kaum verändert. Derselbe alte Nester mit demselben alten verschwitzten Stroh-Cowboyhut; derselbe alte Burt, dessen Brillengläser ein wenig dicker geworden waren und der jetzt weniger Sorgenfalten hatte, seit er keine Schule mehr leitete. Das gleiche alte Gespräch, abgesehen von der Sache mit dem Emu. Ich hatte keine Ahnung, was sie am anderen Ufer wirklich sahen. Höchstwahrscheinlich konnte keiner der beiden mehr den Wald auf der anderen Seite des Sees erkennen.

Burt strich sich übers Kinn, das wahrscheinlich in den nächsten zwei Tagen rasiert werden würde. Auf jeden Fall vor dem Sonntagsgottesdienst in der Lakeshore Community Church. „Letzten Winter ist ein Emu in meinem Garten aufgetaucht. Es war genauso mühsam, das Tier wieder durch mein Gartentor hinauszubugsieren, wie früher eine Sitzung des Schulausschusses.“ Burt lehnte sich zurück und massierte sich die Magengegend. Die Knopfleiste seines Hemdes klaffte über seinem Bauch auseinander. Die Knöpfe waren gespannt wie ein Fisch an der Angel, der nach Luft schnappt.

Nester deutete zum See. „Es kommt näher. In zwei Minuten ist es unten am Wasser. Mart, was glaubst du, was das ist? Du bist doch hier der Fisch- und Wildexperte. Der Mann mit der schicken Uniform und der Plakette. Steht denn im Ranger-Handbuch nicht irgendwo etwas über Emus?“

„Nur, wenn du in Australien arbeitest.“ Ich schaute über das Wasser. Heute herrschte wirklich nur sehr wenig Betrieb, da Montag war. Die Sonne spiegelte sich auf den Wellen, die kleine Gewitterwolke donnerte in der Ferne und eine Schar Kuhreiher zog wie Seemöwen über den Himmel.

Aber am anderen Ufer bewegte sich wirklich etwas! Es lief eine Nationalparkstraße hinauf und...

Kapitel 1

Wer das Glück hat, am See zu sein, hat wirklich Glück!
(Schild am Ortseingang von Moses Lake)

Andrea Henderson

Wer das Glück hat, am See zu sein, hat wirklich Glück!
Dieses Motto ist einladend auf den Schildern am Ortsrand der verschlafenen texanischen Kleinstadt Moses Lake, die idyllisch an einem See liegt, eingraviert. Die Buchstaben, die mit goldener Farbe sauber ausgemalt sind, leuchten wie eine himmlische Verheißung in der Sonne.
Oder wie eine göttliche Farce, je nachdem, wer sie liest.
Wenn man zu einem Termin unterwegs ist, den man nicht verpassen darf, sich auf einer abgelegenen Straße verfahren und zu allem Überfluss noch einen platten Reifen bekommen hat – dann möchte man nicht gerade von Glück sprechen. Selbst, wenn Wasser in der Nähe ist. Das einzige Gefühl in einer solchen Situation, abgesehen von nackter Panik, ist der unangenehme Eindruck, irgendwie Ähnlichkeit mit dieser Straße zu haben. Das Gefühl, genauso zu sein wie sie: mit tiefen Furchen, Schlaglöchern, Rissen und Narben versehen, irgendwo mitten in der Wildnis und in die völlig falsche Richtung unterwegs.
Wenn ich mir früher die zweite Hälfte meines vierten Lebensjahrzehnts vorgestellt hatte, malte ich sie mir immer so aus, dass ich wie eine Familienkutsche durchs Leben rollen würde. Auf einer modernen Autobahn, gewiss nicht in Moses Lake, aber irgendwo in einer schönen Gegend. Das war ein angenehmes Bild gewesen. Das Problem ist jedoch, dass das Leben ähnlich verläuft wie eine Reise. Man fährt Kilometer für Kilometer, aber jeder Kilometer wird vom vorherigen bestimmt. Es ist schwer, am Ende dort anzukommen, wo man es geplant hat, wenn die Straßenkarte lückenhaft ist. Und je genauer du hinschaust, umso mehr erkennst du, dass es schon die ganze Zeit über Lücken gab. Und dir wird klar, dass du völlig vom Weg abgekommen bist.
Und was jetzt?, wäre in einem solchen Moment eine logische Frage, die du an eine höhere Instanz stellst. Aber das Problem bei diesen Fragen ist, dass du die am nächsten liegende Antwort bereits weißt. Du stellst diese Frage nur, weil dir deine eigene Antwort nicht gefällt. Du willst, dass dir jemand eine andere Antwort gibt.
Ich stellte mir vor, wie ich wohl nach außen hin wirkte, als ich mitten im Nirgendwo auf einer holprigen Schotterstraße stand – eine durchschnittliche Frau mit braunen Haaren und braunen Augen, in einem neuen Hosenanzug und schönen Schuhen, die zum Himmel schrie: „Kann denn dieser Tag noch schlimmer kommen? Kann diese Woche, dieses Jahr, irgendetwas noch schlimmer kommen?“
Natürlich gab es Schlimmeres, als irgendwo im Wald festzusitzen und dabei meine ersten Hausbesuchs-Termine zu verpassen. Aber in Anbetracht meiner so gut wie nicht vorhandenen Berufserfahrung konnte ich von Glück sagen, dass ich überhaupt eine Stelle als Familientherapeutin bekommen hatte. Auch, wenn das bedeutete, dass ich irgendwelche Nebenstraßen und holprigen Wege entlangfahren musste, um Familien zu betreuen, die mitten in der Pampa wohnten. Es war wenigstens ein Anfang, und ich konnte es mir nicht leisten, diese Stelle zu verlieren. Ich musste weiterfahren, egal wie.
Mein Handy gab einen abgehackten, schwachen Klingelton von sich. Irgendwie wusste ich, dass es keine der Abschleppfirmen war, denen ich auf den Anrufbeantworter gesprochen und eine Wegbeschreibung gegeben hatte, die in etwa so lautete: An dem gespaltenen Baum abbiegen und an dem stinkenden Schweinehof mit dem Zaun aus gestohlenen Straßenschildern vorbeifahren. Dann immer weiterfahren, bis man etwas überquert, das wie ein abgrundtiefes Schlammloch aussieht. Weiter oben auf dem nächsten Hügel finden Sie ein blaues Auto rechts in der Mulde am Straßenrand …
Ich hatte keine Ahnung, ob diese Wegbeschreibung irgendjemanden zu mir führen würde, aber mir blieb keine andere Wahl, als sie bei den Abschleppfirmen zu hinterlassen und in meiner Praxis Bescheid zu geben, in der allerdings auch niemand ans Telefon gegangen war. Der Akku meines Handys, das auf einem Stapel Akten vom Jugendamt lag, wurde immer schwächer, während die Abschleppwagenfahrer im ganzen Bezirk anscheinend gerade eine Kaffeepause einlegten und das Handy im Auto gelassen hatten. Ich hatte es meinem Sohn zu verdanken, – der mit seinen vierzehn Jahren eigentlich nicht unbedingt ein Handyladegerät fürs Auto bräuchte –, dass es keine Möglichkeit gab, mein Handy wieder aufzuladen.
Vor meinen Augen verwandelte sich der Leitspruch für diesen Tag von Gestalte deinen ersten Arbeitstag mit Leidenschaft, Energie und Entschlossenheit in das erprobte Motto des vergangenen Jahres: Überlebe diesen Tag. Dazu kam nun noch: Wechsele den platten Reifen selbst aus (ich hatte das schon ein- oder zweimal im Fernsehen gesehen), oder die andere Möglichkeit: Wandere los und bring dich in Sicherheit.
Ich atmete tief und hoffnungsvoll ein und versuchte, ruhig zu klingen, als ich mich am Telefon meldete. Ich wollte niemanden erschrecken, auch wenn ich nicht wusste, wer am anderen Ende der Leitung war.
Die von einem starken Knistern und Rauschen begleitete Stimme meiner Mutter erfüllte mich mit einer seltsamen Mischung aus Erleichterung und unangenehmem Grauen. Meine Eltern hatten nicht gewollt, dass ich die Stelle in der Familientherapie annehme, und dieses Chaos mitten im Wald wäre nur Wasser auf ihre Mühlen. Andererseits war ich jetzt so gut wie gerettet, und selbst wenn dir deine Mutter die Leviten liest, obwohl du schon achtunddreißig bist, ist das besser, als mitten im Nirgendwo mutterseelenallein gestrandet zu sein. „Mama? Mama, kannst du mich hören? Ich brauche Hilfe.“
Sie gab mir keine Antwort. Für einen Moment hatte ich die entmutigende Vorstellung, dass meine Stimme irgendwo zwischen den Handyfunkmasten verloren ging. Vielleicht konnte ich meine Mutter hören, aber sie konnte mich nicht hören. Das bedeutete aber gleichzeitig, dass ich mit meinen ganzen Anrufen bei den Abschleppfirmen nur wertvolle Akkukapazität meines Handys verbraucht hatte. „Mama? Ich brauche Hilfe.“
Mutter war dieser Worte wahrscheinlich überdrüssig, nachdem sich unsere Gespräche ein ganzes Jahr lang fast ausschließlich darum gedreht hatten, dass ich Hilfe brauchte. Ich konnte ihr daraus keinen Vorwurf machen. Ich konnte diese Worte selbst auch nicht mehr hören. Ich war von mir selbst genervt – von meiner mangelnden Unabhängigkeit und den Ereignissen des vergangenen Jahres, im Verlaufe derer ich plötzlich nach sechzehn Jahren Ehe wieder auf mich allein gestellt war – mittellos, zurück unter der Fuchtel meiner Eltern und darauf angewiesen, in ihrem Strandhaus wohnen zu dürfen. Deshalb hatte ich die Stelle bei Tazinski und Partner angenommen. Die lag zwar von der Bezahlung her am unteren Ende der Skala der therapeutischen Berufe, bot mir aber trotzdem eine realistische Möglichkeit, ein neues Leben aufzubauen und den Lebensunterhalt für mich und meinen Sohn zu verdienen. Es war Zeit, mich von all den Rockzipfeln zu lösen, an denen ich noch gehangen hatte. Es war Zeit, meinen Abschluss als Sozialpädagogin, den ich erworben hatte, während mein Exmann Vizerektor einer netten christlichen Hochschule in Houston gewesen war, zu nutzen und mir ein eigenes Leben aufzubauen.
„Andrea. Andrea?“ Mutters Stimme knackte und ging fast im Rauschen der schlechten Verbindung unter. „Wo … du? Ich … dich kaum.“
„Mama, du wirst es nicht glauben, aber ich habe eine Reifenpanne. Ich brauche einen Abschleppdienst. Ich bin irgendwo mitten in der …“
„Andrea? Ich … kein Wort von dem, was du sagst. Fahre oben auf einen … und halte an … gesagt, dass du auf der anderen Seeseite einen furchtbaren Empfang … Was ist, wenn dein Auto liegen bleibt oder du im Schlamm …? Das ist gefährlich … alles mögliche Gesindel … dort oben im Wald … wer weiß, was für Leute am öffentlichen Strand … Ohh Andr … Die meisten Straßen … so verlassen, dass du tagelang …“
„Abschleppdienst! Ich. Brauche. Einen. AB-SCHLEPP-DIENST! Mama? Hallo?“ Die Verbindung war beendet. Als ich versuchte, zurückzurufen, knackte das Handy nur und knackte und knackte, während es vergeblich versuchte, ein Signal an einen Funkmast zu senden.
Jetzt hatte ich meine Antwort auf die Frage, die ich vor ein paar Sekunden in den Himmel geschrien hatte. Was konnte schlimmer sein, als eine Reifenpanne mitten im Nirgendwo zu haben, obwohl man einen Termin einhalten musste? – Festzustellen, dass deine Anrufe im Äther verschwinden und dass kein Abschleppdienst kommt und du wirklich ganz allein bist. Und dann zu allem Überfluss noch in der Ferne das Grollen eines Donners zu hören, obwohl es bis jetzt nach einem schönen, sonnigen Julinachmittag ausgesehen hatte.
„Nein, nein, nein“, flüsterte ich. Vielleicht war es auch eher ein Betteln als ein Flüstern. Wenn ein Gewitter niederging, würde sich der Waldweg, auf dem ich mich befand, sehr schnell in einen Morast aus kalkhaltigem, cremefarbenem Matsch verwandeln.
Ich hielt mir die Hand als Schild an die Stirn und schaute nach oben, aber der schmale Streifen Himmel, der über dem dichten Blätterdach aus Eichen zu sehen war, sah recht harmlos aus. Nur der blaue Himmel eines Sommers im Herzen von Texas. Weit und breit war keine Wolke zu sehen.
Das Donnergrollen schwoll an, nahm ab und schwoll wieder an. Ein Wind kam auf und peitschte einen kleinen weißen Staubwirbel über die Straße. Ich wandte mich halb ab und drückte die Augen zu, während der Staub durch meine Kleidung bis auf die Haut drang. Als der Wind sich legte, blieb der Geruch nach Erde und Lehm und einem bevorstehenden Gewitter in der Luft hängen. Dazu kam ein schwaches Geräusch, das ich nicht ganz einordnen konnte. Kalkiger Staub rieselte aus meinen Wimpern, als ich blinzelte und meine Ohren anstrengte, um das Geräusch auszumachen. Ein tiefes Geräusch, aber nicht das aufsteigende und abfallende Grollen eines Donners.
Ein Auto. Ich hörte ein Auto.
Rettung! Oh, danke! Ich trat näher zur Straße, aber der Halleluja-Ruf erstarb auf meinen Lippen, als ein alter Pick-up, grau mit Rostflecken und fehlender Stoßstange, ratternd aus einer Staubwolke vor meinen Augen auftauchte. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte ich, den Fahrer auszumachen, aber das Licht spiegelte sich auf der schmutzigen Scheibe und machte einen Blick ins Innere unmöglich. Der Schatten einer Kiefer, dicht und dunkel, legte sich schließlich über das Fahrzeug und gab einen schwachen Blick auf das Wageninnere frei. Der Fahrer war groß, hatte schmale Schultern und trug eine Art Baseballkappe. Er war nicht allein. Jemand saß auf dem Beifahrersitz, dessen Kopf nur knapp über das Armaturenbrett ragte. Ein Kind vielleicht. Diese Idee war tröstlich für mich, so als wäre die Anwesenheit eines Kindes irgendwie eine Garantie, dass auch mir nichts zustoßen würde.
Andererseits lernte ich in meinem neuen Beruf ständig, dass Kinder nicht immer in einem sicheren Umfeld lebten. Ich war hier, weil ich einen Hausbesuch bei einer Frau machen sollte, die ein Sommerschul-Busfahrer beim Jugendamt gemeldet hatte. Er hatte die Kinder nicht aussteigen lassen können, weil im Vorgarten ein heftiger Familienstreit getobt hatte. In meiner Kindheit und Jugend hatte ich die unzähligen Warnungen vor dem Gesindel, das auf der anderen Seeseite wohnt, gehört. Keiner konnte sagen, welche Menschen in diesen Hügeln lebten, in denen Privatgrundstücke völlig abgelegen lagen, umgeben von großen staatlichen Waldgebieten und riesigen Arealen, in denen früher das Holz in großen Mengen gerodet worden war.
Ich trat an mein Auto zurück und hielt unsicher eine Hand hoch, um den Fahrer zum Anhalten aufzufordern. Im Geiste wog ich meine Möglichkeiten ab. Ich brauchte Hilfe, aber ich wusste auch, dass ich ziemlich schutzlos und verwundbar war … Der Pick-up machte einen Bogen nach links, als wollte er um mich herumfahren und seinen Weg fortsetzen, ohne anzuhalten. Es fuhr doch sicher niemand einfach weiter und ließ eine Frau auf dieser abgelegenen Straße alleine stehen.
Ich trat einen Schritt vor und hielt meine Hand deutlicher hoch.
Er würde doch bestimmt anhalten.
„Hey!“, schrie ich. Der Wagen war jetzt ganz nahe neben mir, so nahe, dass ich sehen konnte, wie eine Hand das halb geöffnete Fenster auf der Beifahrerseite umklammerte. Eine kleine Hand. Eine Kinderhand, deren Finger von Erde ganz braun waren. „Ich brauche Hilfe!“, überschrie ich das Dröhnen und Klappern des Motors. Etwas kreischte in einer ohrenbetäubenden Tonhöhe; das Geräusch hallte von den Bäumen und Felsen wider. „Ich brauche Hilfe!“
Wie als Antwort baute sich ein plötzlicher Windstoß auf, ergriff die Staubwolke, die sich hinter dem Pick-up erhob, und peitschte sie in meine Richtung. Ich hielt schützend einen Arm vors Gesicht und fühlte, wie winzige Sandkörner und Steinchen meine Wangen trafen.
Irgendwo in der Nähe grollte ein Donner.
Ein Hund bellte und knurrte. Das Geräusch war so nahe, dass ich nach meinem Auto tastete, mich daran klammerte, langsam zurückwich und bereit war, im Notfall schnell einzusteigen. Ich öffnete die Augen einen Spaltbreit und sah einen Pitbull, der die Ohren angelegt hatte, die Zähne fletschte und sprungbereit war, während der Pick-up langsam um mein Auto herumrollte. Ich verfolgte die Szene in erstarrter Faszination, ähnlich wie Touristen einen Wirbelsturm beobachten oder einen Verkehrsunfall begaffen.
Der Pick-up fuhr um mein Auto herum. Neben dem wütenden Bellen des Hundes erregte eine Bewegung meine Aufmerksamkeit. Ein kleines Mädchen beobachtete mich durch das Rückfenster. Es hatte sich auf dem Sitz umgedreht, drückte eine Handfläche an die Glasscheibe und hielt den Kopf leicht zur Seite geneigt, als beobachtete es mich neugierig oder könnte nicht verstehen, was ich hier auf der Straße verloren hatte. Sein Gesicht war von den feinen Strähnchen ihrer zerzausten dunklen Haare umrahmt, seine hell-
blauen Augen betrachteten mich mit einer Besorgnis, die in einem Kindergesicht eigentlich fehl am Platz wirkte. Das Mädchen konnte nicht älter als fünf, höchstens sechs Jahre alt sein. Blätter steckten in seinen Haaren, seine Haut war braun von der Sonne, die Wangen gefärbt von Sonnenbrand und Erde.
Das Kind war nicht angeschnallt. Die Mutter in mir protestierte, und die frisch gebackene Familienberaterin notierte das im Geiste. Es war nichts Ungewöhnliches, dass sich Leute auf den Nebenstraßen und abgelegenen Wegen am See nicht anschnallten, aber trotzdem war es verboten.
Der Pick-up fuhr an den Straßenrand und verlangsamte mit quietschenden Bremsen sein Tempo. Ich atmete erleichtert auf und wog im Geiste ab, ob es eine höfliche Möglichkeit gab, dem eigenen Retter zu sagen, dass er seine kleine Beifahrerin anschnallen musste? Nach den gebeugten Schultern und den spärlichen, grauen Haaren unter der Baseballkappe zu urteilen, war er wahrscheinlich ein Großvater, der es nicht besser wusste. Vielleicht lebte er immer noch in der Zeit, als Kinder in Autos herumtollten, ohne von Sicherheitsgurten belästigt zu werden, und der einzige Schutz die Hand eines Erwachsenen war, die sie festhielt, wenn das Auto plötzlich bremsen musste.
Der Pick-up kam zehn Meter hinter meinem Auto quietschend zum Stehen. Ich wartete, dass er den Rückwärtsgang einlegte und zurückkäme, aber er stand nur abwartend da. Der Fahrer bewegte sich nur so weit, dass er mich im Rückspiegel beobachten konnte, während der Hund an die Heckklappe rannte und mich anbellte. Das kleine Mädchen sah weiterhin durch das Rückfenster zu mir herüber.
Ich trat mitten auf den Weg und deutete zu meinem Auto. „Hey … hallo? Ich habe eine Reifenpanne. Ich …“ In meinem Kopf ging ein Warnsignal an. Das war kein normales Verhalten. Er beobachtete mich nur durch den Spiegel. Etwas stimmte hier nicht.
Am Himmel schob sich eine Wolke vor die Sonne, der Wind erfasste mich von hinten und schob mich an wie eine unsichtbare Hand. Irgendwo in den Bergen grollte wieder ein Donner. Diese ganze seltsame Situation verursachte mir eine Gänsehaut.
Der Hund hatte die Pfoten auf die Heckklappe gelegt, knurrte und fletschte die Zähne und kniff seine kleinen, hässlichen Augen zusammen, als ginge er gleich zum Angriff über. In der Fahrerkabine des Pick-ups wandte das kleine Mädchen seine Aufmerksamkeit nun dem Hund zu.
Ein Kind war bei einem solchen Hund nicht sicher. Hunde wie dieser standen irgendwann in der Zeitung, weil sie jemanden zu Tode gebissen hatten. Was für ein Mensch hielt einen solchen Hund, wenn er ein Kind bei sich hatte?
Ich wich ein wenig zurück und nahm Blickkontakt mit dem Fahrer auf. Was machte er? Warum beobachtete er mich nur? Warum hielt er an, stieg aber nicht aus?
Versuchte er mich einzuschätzen und überlegte er, ob ich mich wehren würde?


Lisa Wingate arbeitet als Journalistin, Kolumnistin, Rednerin und Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Texas.



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