Meine Freiheit, keine Kinder, viele Männer
E-Book, Deutsch, 172 Seiten
ISBN: 978-3-7502-8582-8
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Martin Wimmer, Autor. Geboren 1968 in Mühldorf am Inn. Lebt in Berlin.
Autoren/Hrsg.
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Vielleicht habe ich damals in dieser ersten Zeit meiner Haidhausener Einsamkeit angefangen mit dem Gedanken zu spielen, selbst zu schreiben. Ein Tagebuch an Matti, um zu sagen: hey schau, ich kann auch schreiben, ich bin wie du, respektier mich, halte Abstand, lieb mich nicht, hol mich nicht zu dir, lass mich in Ruhe und fürchte mich als gleichberechtigte Konkurrentin. Beim Drüberlesen hab ich oft das Gefühl, man lernt sehr viel mehr über Matti als über mich. Aber das mag auch daran liegen, dass ich mich schon kenne, und über Matti mir vieles erst beim Schreiben klar geworden ist. Ich musste nichts erfinden, ich musste streichen, vergessen, Details und Zusammenhänge und Erklärungen und Folgen weglassen, vereinfachen bis zur Kenntlichkeit. Matti und ich sahen uns jetzt kaum noch, mit Anton war der Spaß auch längst vorbei und ich hatte viel Zeit, mir neuen Umgang zu suchen. Ich habe Niki im Kabarett kennengelernt, was nicht der schlechteste Platz ist, um jemand kennenzulernen, wenn man mit Sexualpartnern auch mal lachen will. Dorthin geschleppt hatte mich Sabine, eine Kollegin an der Schule, die sich auffällig für mich begeisterte und versuchte, mit solcherlei Aufmerksamkeiten meine Freundschaft zu gewinnen. Was dir ja auch gelang, mon cherie. Sabine treibt keinen Sport, abgesehen von den späteren gelegentlichen muselkaterintensiven Federball- und Squash-Exkursionen mit Bernie und mir und der täglichen Tortur mit einem Bauchmuskelstraffer. Dennoch sah sie einfach klasse aus mit ihrem braunen Teint und dem schwarzen Pagenkopf und dem kleinen Po, der sogar mich anmachte, als sie ihn in ihren wie üblich zu engen Jeans auf dem Weg von unserem runden Katzentisch zum Klo zur Schau stellte. Das absolut seltene und beneidenswerte Vorkommen eines geilen Frauenkörpers in den mittleren Dreißigern, ohne dass der zugehörige Kopf auch nur die geringste Energie darauf verschwenden würde, Kalorien zu addieren, Diätpläne einzuhalten oder auch nur einmal auf ein angebotenes Stück Kuchen zu verzichten. Und nur der Bauchmuskelstraffer allein kann es nicht sein. Es sind entweder die Gene oder sie ernährt einen Satz Bandwürmer mit, der ihr alles wegfrisst, was jemals auf die Hüften schlagen könnte. Der Kabarettist war wohl ein Münchner Lokalmatador, der nie so recht den Sprung ins Fernsehen geschafft hatte oder vielleicht auch nicht schaffen wollte. Es war auch nicht wirklich lustig, was er so bot, eher Chansonabend als Kabarett und sehr durchgeistigt, direkt klassischemusikphilosophisch und man brauchte vermutlich zum wahren Genießen einen Bildungshintergrund, den ich zu der Zeit genauso wenig hatte wie heute, jedenfalls habe ich nicht annähernd alle Pointen verstanden, was ich leicht daran erkannte, dass die anderen Gäste manchmal vor Lachen vom Stuhl kippten, wenn ich gerade problemlos an meinem Rotwein süffeln konnte. Gefallen hat es mir trotzdem, weil ich mehr Rotwein süffelte als nötig und deshalb das Lachen immer ansteckender wurde, und weil der Typ auf der Bühne mir gefallen hat. Eigentlich war er ja auch der Grund, warum Sabine hinwollte. Er war einer ihrer Neandertaler, wie sie sagen würde. Eine Sackgasse, die sie recht schnell wieder im Rückwärtsgang verlassen hatte. Dreimal Bewundern, zweimal Essengehen, einmal Sex. Es war sein Herzblut, das er in das Stück gesteckt hatte, das war in jeder Szene spürbar. Als wollte er gar nicht lustig, sondern dieses eine Mal einfach er selbst sein. Vielleicht war er aber auch immer so und deshalb nie im Fernsehen. Auf jeden Fall war er eine Persönlichkeit und er sah so frech aus mit seinen karierten Hosen und dem offenen Rüschenhemd. Und da ich schon mal so positiv gestimmt war, habe ich auch diesem Typen mit den Elmar-Wepper-Koteletten vom Nebentisch länger in die Augen geschaut als es zulässig ist, so beim zehnten Mal, das er zu mir herschaute. In der Pause stand er dann auch tatsächlich wie durch ein Wunder mit seiner Begleitfrau plötzlich neben Sabine und mir an der Bar, wo wir natürlich landeten, weil Sabine Lust auf einen Caipi hatte, der zwar nicht auf der Speisekarte stand, ihr aber vom Barkeeper bereitwillig zusammengestümpert wurde. Sabine ist schon eine große Trinkerin. Sie ist richtig süchtig nach dem Zeug. Und sie verträgt es auch. Sie redet keinen Blödsinn, sondern sondert unter Alkohol manchmal richtige Weisheiten ab. Alkohol scheint in ihrem Gehirn Synapsen in regelrechten Kettenreaktionen zu verbinden. Sabine redet ohnehin schon wie ein Wasserfall, aber betrunken scheint der Fluss plötzlich mit einer so vehementen Kraft angetrieben, dass das Wasser nicht mehr fällt, sondern waagrecht über die Klippe peitscht. Ich stelle mir das wie eine Reihe hintereinander aufgestellter Statuen antiker Philosophen vor, die alle ab dem ersten Schluck wacklige Knie kriegen, der Reihe nach wie Dominosteine übereinanderpurzeln und tiefe, tiefe Einsichten heraussplittern. Körperlich dagegen sackt sie schon ab dem ersten Glas ein, ihre Augen kriegen sofort schwarze Ränder, ihre Nüstern blähen sich angestrengt vom Luftholen, bei dem der andersbeschäftigte Mund sie allein lässt, sie wankt, wenn sie aufsteht, sie wankt mit den Augen, sie schmeißt jedes Glas und jede Kerze um, die in erreichbarer Nähe stehen. Der Alkohol macht sie weise, aber unattraktiv. Ich will nicht sagen, dass Trinken mich attraktiver macht, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es mich gamsiger macht. Jetzt muss ich etwas ausholen. Wir sind ja schließlich hier, um Männer loszuwerden und ihr Mädels seid immer noch hier, um mich besser zu verstehen. Falls du ein Typ bist, solltest du hier übrigens die Frage stellen, ob du dich nicht verlesen hast oder ein Weichei bist, das kriecherisch Lektüretipps der „besten Freundin“ folgt, die du trotzdem nie flachlegen wirst, weil du nun mal einfach nicht sexy bist. Überleg mal, was es bedeuten würde, wenn du mit einer Frau konsequent nicht ins Bett gehst, obwohl sie dir ihre Bereitschaft geradezu peinlich nahelegt. Schau, und deine „beste Freundin“ wird es aus demselben Grund auch nie tun. Du bist mit den Augen einer lüsternen Frau betrachtet auf der Sexy-Skala da ganz rechts hinten zwischen Rückenstreichler und Schiesser-Feinripp angesiedelt, nein nicht auf Höhe der Wärmflasche, noch deutlich weiter rechts. Also, ausholen. Sabine trinkt natürlich Weiberzeugs, Ihr harten Burschen. Martini, Baileys, selbstgemischte Caipis, buntes Wodka-Mixzeugs. Aber das nur der Vollständigkeit halber. Ich weiß doch, das ist wichtig für euch, dass Eure heilige Bukowski-Sauferei nicht durch das harmlose Beschwipse einer Lehramtler-Schickse verwässert wird. Neinnein, euer Betrinken ist natürlich das wertvolle, das richtige, das Mythen in eine glückliche Zukunft weiterführende. Ich greife jetzt mal vor und erkläre euch das in Freds Sprache. Die Emanzipation der Frau als Autobiographie des Weiblichen ist einer der Neandertaler unseres Zeitalters: ein wesentlicher, kräftiger Schritt, aber ein Irrläufer, eine Moorleiche im Nebelkrieg der Geschlechter. Zuviel Erkenntnis, um noch an den Weihnachtsmann zu glauben, zu viel Sehnsucht nach Identität, um überhaupt zu glauben, und doch zu wenig Unglauben, um nicht doch die Stiefel vor die Tür zu stellen. Jaja, so spricht Fred. Als ob es jemand vom Gelalle der Martinitrinker unterscheiden könnte. „Entschuldige, hast du Feuer?“ Hatte ich. Seit meinem 18. Geburtstag schon. Ein ganz schmales Feuerzeug in der Form einer Zigarette, ein Geschenk von meinem Vater, der mir damit beweisen wollte, dass es für ihn o. k. war, dass ich rauche. Zwei Jahre zu spät natürlich. Und sonst auch, Feuer, ich, eh klar, und wie, mein lieber Elmar, ich werde der Grill für deine Koteletten sein. „Ich tausche aber nur gegen eine Zigarette.“ Ich bekam eine von diesen orangen, die man nur als Mann rauchen kann, weil eine stilbewusste Frau kein Kleidungsstück im Schrank hat, zu dem sie passen. Er streckte mir mein eigenes Feuerzeug entgegen und wir sahen uns dabei so tief in die Augen, dass er erst wie bei der Abschlussballade eines Konzerts durch den Raum vor meiner Nase schunkelte und anschließend fast die halbe Zigarette versengte. Während der zweiten Hälfte trafen sich unsere Blicke immer wieder, Blicke, auf denen ganz offensichtlich sexuelle Tagträume hin- und herritten. Ich lachte mittlerweile über alle Pointen, weil ich überhaupt nicht mehr zuhörte, sondern einfach loslachte, wenn alle anderen auch lachten. Dann war es vorbei, und er kam nicht mehr rüber, sagte nichts von Wiedersehen oder Telefonnummer-tauschen und so war wieder eine Chance dahin, einen netten Menschen ins Leben zu integrieren. „Vielleicht liegts ja an der Begleitfrau?“, vermutete Sabine, „die hat schon immer so desinteressiert geschaut. Um nicht zu sagen beleidigt. Ist ja auch verständlich, ich mein, wenn ich mit meinem Freund irgendwo wäre und der macht eine Feuerzeugbesitzerin an.“ „Er wäre ja ein wirklicher Wini, wenn er das tun würde.“ „Was?“ „Vergiss es.“ Meine Tagträume teilte ich dann doch noch nicht mit ihr. „Einen schlechten Eindruck hat der aber nicht gemacht.“ „Danke, Sabine, tritt nur nach.“ „Was?“ „Pass auf, ich glaub, die Geschichte geht so: das war seine Schwester, die von ihrem Freund wegen einer anderen verlassen wurde, und er hat sich den Abend freigenommen, um sie wieder ein bisschen unter die Leute zu bringen, dummerweise hatte sie jetzt aber überhaupt keinen Spaß an dem Programm und den Leuten und gerade ihre Tage, und irgendein Typ im Publikum erinnerte sie an ihren Ex und so verfiel sie während des Stücks wieder in ihre Keiner-liebt-mich-aber-alle-anderen-sind-glücklich-Depression und er wollte jetzt nicht noch...