Wilson | First Class | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 356 Seiten

Wilson First Class


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-0369-9626-4
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 356 Seiten

ISBN: 978-3-0369-9626-4
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Alles beginnt damit, dass Jeff dem namenlosen Erzähler des Romans in einer Flughafenbar seine Lebensgeschichte vorlegt, und zwar, wie er einen Mann vor dem Ertrinken rettet und sich nach und nach in dessen Leben einnistet. Obwohl der Erzähler an Jeffs Aufrichtigkeit zu zweifeln beginnt, kann auch er sich der fesselnden Geschichte von Täuschung und scheinbar glücklichen Zufällen, in der die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion immer wieder verschwimmen, nicht entziehen. Denn Jeffs Aufstieg in der Gesellschaft könnte schillernder nicht sein. Doch zu welchem Preis? Spannend und durchtrieben – Antoine Wilson beleuchtet die ausgeklügelten Wege, auf welche wir andere betrügen, oder uns selbst. Gänsehautmoment beim letzten Satz garantiert.

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1

Ich wartete am Gate des New Yorker Flughafens JFK, allein, übermüdet vom Nachtflug aus Los Angeles, und sinnierte über den Anblick, der sich mir kurz nach dem Start, kurz vor dem Einschlafen, in der abendlichen Dunkelheit geboten hatte, ein Anblick, den ich aus einem Flugzeug noch nie zuvor gesehen hatte.

Ich hatte auf der linken Seite am Fenster gesessen, und wir waren, Zufall oder Schicksal, in Richtung Süden übers Meer geflogen, sodass sich mir ein weiter Blick auf die nächtliche Stadt bot: die goldgelb leuchtenden Punkte der Wohnviertel, die rot-weißen Streifen der Highways und dazwischen mysteriöse schwarze Lücken von Gewässern und Parks. Plötzlich ein kleiner Lichtblitz, aber nicht am Boden, sondern in der Luft. Dann noch einer, gefolgt von Strahlen in alle Richtungen, wie eine Blüte, die sich im Zeitraffer öffnet. Ein Feuerwerk. Ich betrachtete die vielen kleinen Explosionen, bis das Flugzeug die Wolkendecke erreichte.

Dabei war es gar kein Feiertag.

Während ich noch darüber nachdachte, wie man einen Anblick, der einen am Boden so vollkommen fesselte, aus einer anderen Perspektive nur als winziges Aufflackern auf riesigem Raum wahrnahm, hörte ich aus dem Lautsprecher einen Namen.

»Jeff Cook«, sagte die Stimme. »Bitte begeben Sie sich zum Schalter von Gate 11.«

Ein Allerweltsname, aber ich horchte dennoch auf. Ich hatte mal einen Jeff Cook gekannt, an der UCLA, vor fast zwanzig Jahren. Ich hob den Kopf und sah einen gutaussehenden Mann Mitte vierzig mit großen Schritten auf den Schalter zugehen. Er trug einen eleganten blauen Anzug ohne Krawatte und eine Brille mit transparenter Fassung. Teure Lederslipper. Er nannte der Frau am Schalter seinen Namen und schob ihr Bordkarte und Ausweis hin. Während sie auf die Tastatur hämmerte, lehnte er sich leicht auf den Griff seines schicken Hartschalen-Rollköfferchens.

Von meinem Platz in der Nähe des Schalters konnte ich diesen Jeff Cook im Profil betrachten. Ich war schon fast sicher, dass es nicht der Jeff Cook von früher war, und wollte mich gerade abwenden, als er den Kopf in meine Richtung drehte. Diese hohen, breiten Wangenknochen und diesen durchdringenden Blick kannte ich.

Er war es tatsächlich. Allerdings hatte Jeff früher beeindruckend lange, wallende dunkle Haare gehabt, nicht so einen kurz geschorenen, grau melierten Schopf wie jetzt. Außerdem hatte er zugenommen, war kompakter geworden wie so viele von uns, die nach dem College, als wir uns schon längst als fertige Männer verstanden, noch mal eine ganz andere Figur bekommen hatten.

Damals waren Jeff und ich nicht unbedingt eng befreundet gewesen, eigentlich kannten wir einander nur flüchtig, aber obwohl er in meiner Vergangenheit nicht mehr als eine Nebenrolle gespielt hatte, erinnerte ich mich sehr deutlich an ihn.

Im ersten Jahr am College war er einfach ein Kommilitone, der mir aus irgendeinem Grund aufgefallen war, und es ergab sich eine Reihe von Begegnungen, wenn man es denn überhaupt so nennen konnte, am College und anderswo. Mit seiner wallenden Mähne und seinen markanten Zügen war er kaum zu übersehen, eine Art Vintage-Style-Adonis, der das lässige Selbstvertrauen eines Studenten im höheren Semester ausstrahlte. Man kann nicht mal behaupten, dass unsere Wege sich kreuzten, er tauchte nur hin und wieder auf, saß am Ecktisch in einem Café, schlenderte bei einer Demo gegen den Zweiten Golfkrieg umher oder stand – vollkommen überraschend – im Schein meiner Rücklichter, als ich eines Abends bei einem Freund aus der Einfahrt zurücksetzte. Bei jeder Begegnung mit diesem Mystery Man bekam ich eine Gänsehaut, als wäre er mein wachsamer Schutzengel, und dann packte mich plötzlich die Angst, ich könnte ihn vielleicht nie wiedersehen.

Gegen Ende jenes ersten Jahres ging ich mit einem Freund Gras kaufen. Er kannte einen Kiffer, der sich ein bisschen mehr besorgt hatte, um seine Kumpel zu versorgen und nebenbei etwas Kohle zu machen. Wir fuhren zu einer hässlichen Mietskaserne in der Gayley Avenue. Durch die verdreckte Sicherheitsschleuse am Eingang gelangten wir zu einem nach ranzigem Hydrauliköl stinkenden Fahrstuhl. Im Obergeschoss empfing uns ein leerer, nüchterner Flur, aber die Wohnung selbst besaß eine sehr eigene, höhlenartige Atmosphäre, die Fenster waren mit Bettlaken verhängt und die Wände geschmückt mit Postern einer Band, Marillion, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Wie bestellt und nicht abgeholt standen wir im Wohnzimmer herum, während vor uns eine Gruppe bekiffter Gestalten auf dem Sofa abhing und uns eher argwöhnisch als freundlich anglotzte. Am Rand des Sofas, genauso stoned wie alle anderen, saß mein langhaariger Schutzengel. Mein Freund bekam das Gras, und vielleicht damit das Ganze nicht zu geschäftsmäßig wirkte, stellte sein Kumpel alle vor. So erfuhr ich den Namen des Mystery Man, einen Namen, der lange nicht so mysteriös war wie er selbst: Jeff.

Im zweiten Studienjahr tauchte er wieder auf, diesmal im Kurs »Kino und sozialer Wandel«. So sah ich ihn nun jeden Dienstag und Donnerstag in der Melnitz Hall, und je vertrauter sein Anblick wurde, desto mehr verblasste die Aura um ihn, bis er einfach ein ganz gewöhnlicher Kommilitone war, der Film ebenfalls nur im Nebenfach hatte und bei den Diskussionen im Seminar genauso ahnungslos war wie ich. Diese Veränderung fand ich bemerkenswert. In den folgenden Jahren musste ich immer daran zurückdenken, wenn ich mit irgendwelchen Promis zu tun hatte, deren VIP-Status mich völlig grundlos, aber doch nachhaltig in Aufregung versetzte.

Die Frau am Schalter beugte sich hinunter und zog etwas aus dem Drucker. Dann reichte sie Jeff seinen Ausweis und die Bordkarte zurück. Er dankte ihr und verließ den Schalter. Als er an mir vorbeiging, sagte ich seinen Namen.

Er sah mich fragend an. »Ja?«

»UCLA«, sagte ich.

Die Augenbrauen hinter der durchsichtigen Brille schnellten überrascht in die Höhe.

»Meine Güte«, sagte er. »Du hast dich überhaupt nicht verändert. Klar, zwanzig Jahre älter oder so, aber du weißt schon, was ich meine.«

Hatte er Mühe, mich einzuordnen? Ich wollte ihm schon meinen Namen nennen, aber er kam mir zuvor.

»Genau der«, sagte ich.

»Namen und Gesichter.« Er tippte sich an die Schläfe. »So was bleibt bei mir hängen.«

Oh Gott, dachte ich, er ist Vertriebler geworden.

Er streckte mir die Hand entgegen.

»Das Filmseminar«, sagte er. »Ich erinnere mich. Das einzige, das ich je belegt habe.«

»War bei mir auch so.«

»Ich wäre fast durchgefallen. Bin im Dunkeln immer eingeschlafen. Die ganze Veranstaltung hat sich angefühlt wie ein Traum.«

»Du hast nicht viel verpasst«, sagte ich. Das stimmte zwar nicht, aber es war eben Small Talk.

Er lächelte und musterte mich einen Moment lang. »Hey, willst du nicht mit in die First Class Lounge kommen? Ich habe einen zweiten Zugangspass.«

»Und der Flug?«

Er zeigte auf das Display über dem Gate. Unser Flug hatte Verspätung.

Ich saß sowieso schon seit Stunden am Flughafen, da ich das billigste Last-minute-Ticket gekauft hatte, das ich kriegen konnte – Nachtflug von L.A., Zwischenstopp in New York, Flug nach Frankfurt, gefolgt von einer vierstündigen Zugfahrt nach Berlin –, und die Vorstellung einer First Class Lounge war so verlockend, dass ich dem alten Jeff am liebsten auf der Stelle um den Hals gefallen wäre.

Ich folgte ihm durchs Terminal, und angesichts seines nagelneu aussehenden Rollkoffers und seiner Aktentasche aus weichem Leder wünschte ich, ich hätte etwas Erwachseneres mitgenommen als meinen altersschwachen Rucksack. Das Terminal war nicht brechend voll, aber doch belebt genug, dass wir hintereinander besser vorankamen als nebeneinander. Jeffs Haare waren im Nacken über dem Kragen in einer geraden Linie geschnitten. Alles an ihm wirkte gepflegt und stilvoll. Im College hatte ich ihn nie in besonders ordentlicher Kleidung gesehen, immer nur in zerrissenen Jeans und ausgeleierten T-Shirts, die er auf links trug, damit man den Aufdruck nicht lesen konnte. Ich hatte nie kapiert, ob das ein modisches Statement oder eine Verlegenheitslösung war.

Als ich ihm und dem rhythmischen Klackern seiner Kofferrollen vom Gate zum Lounge-Fahrstuhl folgte, sah er sich kein einziges Mal um, ob ich noch hinter ihm war. Bereute er es schon, mich ins Land der Reichen und Schönen eingeladen zu haben? Hoffentlich hatte ich seine Einladung nicht zu begierig angenommen.

Am Fahrstuhl verhielt er sich aber wieder ganz normal oder zumindest so wie am Gate, er schien sich zu freuen über unser zufälliges Treffen und über die Aussicht, mal wieder Neuigkeiten auszutauschen, obwohl ich eigentlich gar nicht wusste, welche Neuigkeiten das sein sollten.

Er wirkte auf mich wie einer dieser Menschen, die einfach nicht gern allein waren. Wenn ich genauer hingesehen hätte oder geahnt hätte, was kommen würde, hätte ich in seinem Blick vielleicht einen Anflug von Verzweiflung entdeckt. Aber ich weiß es nicht. Vielleicht war da auch nichts, noch nicht.

Am Marmorschalter vor der Lounge nahm ein beflissener junger Mann den Zugangspass in Empfang, wies uns hinein und teilte uns mit, dass sie uns Bescheid geben würden, wenn es Zeit fürs Boarding war. Jeff steuerte auf einen niedrigen Tisch mit zwei freien Sesseln am Fenster zu und lud mich ein, Platz zu nehmen, als wäre er mein Gastgeber. Die Sessel waren aus echtem Leder und der Tisch aus echtem Holz. Er bot an, zwei Bier zu holen. Ich sagte ihm, ich hätte seit acht Jahren keinen Alkohol getrunken, aber es...


Regul, Eva
Eva Regul, geboren in Kiel, studierte Literaturwissenschaft in Berlin. Sie arbeitete als Untertitlerin und übersetzt seit 2019 britische und amerikanische Literatur ins Deutsche, u.a. von C Pam Zhang und Zain Khalid.

Wilson, Antoine
Antoine Wilson hat mehrere Romane veröffentlicht und ist Absolvent des Iowa Writers' Workshop. Seine Werke sind u. a. in The Paris Review, Best New American Voices und der Los Angeles Times erschienen. First Class ist sein erster Roman, der bei Kein & Aber erschienen ist. Antoine Wilson lebt in Los Angeles.

Antoine Wilson hat mehrere Romane veröffentlicht und ist Absolvent des Iowa Writers' Workshop. Seine Werke sind u. a. in , und der erschienen. ist sein erster Roman, der bei Kein & Aber erschienen ist. Antoine Wilson lebt in Los Angeles.

Eva Regul, geboren in Kiel, studierte Literaturwissenschaft in Berlin. Sie arbeitete als Untertitlerin und übersetzt seit 2019 britische und amerikanische Literatur ins Deutsche, u.a. von C Pam Zhang und Zain Khalid.



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