Wilms Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-88747-287-0
Verlag: Transit
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 170 Seiten
ISBN: 978-3-88747-287-0
Verlag: Transit
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwei Amerikaner werden in den frühen zwanziger Jahren auf einer Brücke in den albanischen Bergen ermordet. Drei Hirten beobachten die Tat, ein deutscher Ingenieur transportiert die Toten auf seinem Lastwagen nach Tirana. Dort bricht hektische Aktivität aus: In den Cafés diskutieren die Journalisten über das Motiv des Mords, der US-Botschafter vermutet einen Anschlag konkurrierender Geheimdienste aus England oder Italien auf amerikanische Öl-Interessen. Der Polizeichef lässt die angeblichen Täter erschießen und ihre Leichen auf dem Markt in Tirana ausstellen, und während des Trauergottesdienstes für die toten Amerikaner kommt es zum showdown zwischen dem albanischen Kriegsminister und dem Bischof.
Anila Wilms wurde 1971 in Tirana geboren und wuchs in der geschichtsträchtigen albanischen Hafenstadt Durrës auf. Von 1989 bis 1993 studierte sie Geschichte und Philologie in Tirana. Als DAAD-Stipendiatin kam sie 1994 nach Berlin und lebt dort seither als Autorin und Publizistin. Sie schrieb diesen Roman auf Albanisch und auf Deutsch.
Weitere Infos & Material
Die Straße des Nordens
Der Mord
In der Hauptstadt
Die Journalisten
Gesandter Grant
Tirana berät die Katastrophe
"Holen Sie uns das albanische Öl!"
Im Kaffeehaus wird diskutiert
Kampf um das Erdöl
Der Mord und die Weltpolitik
Julius Grant fühlt sich herausgefordert
Adnan Bey
Der Kanun wird beschworen
Ein Heldentraum
Duell in der Kirche
Das Parlament tritt zusammen
Julius Grant berichtet nach Washington
Entsetzlicher Irrtum
Des Rätsels Lösung
Ausnahmezustand
Julius Grant droht mit Demission
Die Revolte bricht aus
Kein Öl
Abschiede
Jahre danach
Glossar
...
2 Der Mord
Die Drojabrücke war von den Bewohnern des nahen Dorfes Mamurras in Fronarbeit ausgebessert worden. Sie hatten hastig ein paar ungehobelte Balken über die von Minen gerissenen Löcher geworfen. Die Brücke war noch immer schlecht passierbar. Wiederholt machten Meldungen die Runde, wonach das Kind oder der Esel dieser oder jener Person in den Abgrund gestürzt sei. Im Sommer, wenn das Flussbett ausgetrocknet war, konnte man sich das Genick brechen; im Herbst, während der Regenzeit, oder im Frühling, wenn der Schnee auf den Bergen schmolz, bestand die Gefahr, von den wilden Fluten fortgerissen und geradewegs in die Adria gespült zu werden.
Etwas Unheilvolles haftete der Drojabrücke an. An diesem Ort hatte es schon immer gespukt. Die Sage erzählte von furchterregenden Wassernixen und anderen Wesen des Flusses und des Waldes, die Wanderer überfielen. Außerdem irrten nachts, seitdem eine französische Kompanie dort in die Luft gejagt worden war, die Geister der Toten mit schaurig widerhallenden Schreien umher. Eingetaucht in den dichten Eschenwald um Mamurras, hinter zwei scharfen Kurven liegend, blieb die Brücke sowohl dem Auge des aus dem Norden Kommenden wie auch dem Auge des in den Norden Reisenden bis zum Schluss verborgen. Ein gefundenes Fressen für Übeltäter und Wegelagerer. Reiter und Autofahrer, Pilger und Lasttiertreiber schlugen jedes Mal das Kreuz und schickten Stoßgebete zum Himmel, bevor sie sich über die Brücke wagten.
Am 6. April 1924, einem hellen Sonntagmorgen, drang über die Drojaschlucht neben dem gewohnten Rauschen des Wassers auch das Brummen eines Automobils bis in die Höhe zu den Schafställen. Die Schäfer horchten auf. Autos auf der Straße des Nordens waren eine Seltenheit, und meistens verhießen sie nichts Gutes. Als eine heftige Schießerei durch die Schlucht hallte, erstarrten ihnen die Hände an den Hirtenstäben. Denn seit dem letzten Waffenstillstand herrschte gespannte Ruhe in den Bergen. Man richtete die niedergebrannten Dächer wieder her und leckte sich die Wunden wie der Bär in seiner Höhle.
Was war jetzt schon wieder passiert? Ein Hinterhalt auf der Brücke? Hatte man auf ein amtliches Fahrzeug geschossen? Wer war es diesmal? Waren es Räuber? Waren es Rebellen? War es vielleicht jemand, der für die tote Familie und die verkohlte Ernte Rache nahm, jemand, der außer seinem Verstand nichts mehr zu verlieren hatte? Schüsse auf der Straße des Nordens das konnte nur das Werk des Teufels sein.
Als die Schießerei schließlich endete, rannten die Hirten den Pfad hinunter. Keuchend stoppten sie bei den Hanfbüschen, der Stelle, von der aus man das steile Flussufer und die halbzerstörte Brücke gut ausspähen konnte.
Ein Auto mit geöffneten Türen stand mitten auf der Brücke; davor ein Hindernis aus aneinandergereihten großen Steinen. Zwei Menschen saßen im Wagen; der eine hing über dem Lenkrad, der andere war auf dem hinteren Sitz zusammengesunken. Ein Dritter lag bäuchlings wenige Schritte vom Wagen entfernt. Alle drei waren blutüberströmt.