Willke | Der Essentielle Marcel Proust | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 2, 298 Seiten

Reihe: Der Essentielle Marcel Proust

Willke Der Essentielle Marcel Proust

Die 'Recherche' in einem lesbaren Modus (Teil II)
3. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7578-4068-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die 'Recherche' in einem lesbaren Modus (Teil II)

E-Book, Deutsch, Band 2, 298 Seiten

Reihe: Der Essentielle Marcel Proust

ISBN: 978-3-7578-4068-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ziel dieser zweibändigen Darstellung meiner Lektüreerfahrungen mit Marcel Prousts 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' ist es, den Zugang zu einem der wichtigsten und schönsten Romane der Weltliteratur zu erleichtern, Interesse am originalen Text zu wecken und Lust darauf machen, sich (bei Gefallen) diesem zuzu-wenden. Im Zentrum dieses zweiten Teils steht das Drama von Marcel und Albertine -- das Drama einer anfangs bangen, dann zunehmend von Eifersucht und Misstrauen geprägten einseitigen, weil unerwiderten Liebe. Offen bleibt, ob Albertine ihren Freund Marcel eigentlich liebt oder doch eher an Frauen als an Männern interessiert ist. Offen bleibt auch, ob Marcel (der Ich-Erzähler) eigentlich lieben kann oder doch nur einem kindlichen Narzissmus frönt. Seine besitzergreifende Liebe bleibt auch dann unerfüllt, wenn er seinen 'Besitz' bei sich wie in einem Vogelkäfig gefangen hält, denn auch ein gefangener Vogel kann irgendwann entfliegen. Genau diese Option wählt Albertine, und es führt zu keinem guten Ende. Eingerahmt wird dieses Liebes- und Eifersuchtsdrama von dem Band 'Sodom und Gomorra', wo Proust die Inversion thematisiert, also die Homosexualität (beider Geschlechter) als Eigentümlichkeit und Leiden einer "Rasse, auf der ein Fluch liegt". Im Band 'Die wiedergefundenen Zeit' hat der Autor das Erweckungserlebnis, das ihn davon überzeugt, dass er doch, gegen alle früheren Zweifel, zum Schriftsteller berufen ist und das gewaltige Gebäude seiner Erinnerungen in diesem Roman zur "Aufbewahrung und Mitteilung" bringen kann.

Dr. Gerhard Willke, Jahrgang 1945, lebt in Tübingen. Er war Professor für Wirtschaftspolitik am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz und an der Hochschule Nürtingen. Veröffentlichungen zu wirtschafts- und beschäftigungspolitischen Themen bei Campus, Cornelsen und Murmann.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


BAND IV: SODOM UND GOMORRA


12. Aufzug: Weibmänner –


12. AUFZUG, 1. BILD: DIE LIST DER WEIBLICHEN BLÜTEN

Gegen Ende des letzten Bandes hatte der Erzähler seinen Bericht über eine ihn sehr verstörende Beobachtung auf diesen Folgeband verschoben, um dem observierten Geschehen einen angemessenen Platz zu geben. Von der Treppe des GUERMANTESCHEN Stadtpalais aus konnte MARCEL in den Hof schauen. Als er hört, wie der Westenmacher JUPIEN seinen Laden schließen und gehen will, rückt er näher an das Parterrefenster heran; da kann er auch JUPIENS einsehen und ist dabei von einem Fensterladen gedeckt. Plötzlich taucht im Hof M. de CHARLUS auf; er will seiner erkrankten Tante Mme de VILLEPARISIS einen Besuch abstatten. Während CHARLUS’ kurzer Visite (es stellt sich heraus, dass es der Marquise schon wieder besser geht), räsoniert MARCEL über die List der Pflanzen [wovon schon in {11/8} im Zusammenhang mit dem Ginkgo-Baum die Rede war] – über die List der weiblichen Blüten, Insekten anzulocken, die männliche Pollen mit sich herumtragen, welche zur Befruchtung und also zum Überleben der Pflanze nötig sind. [An sich ein schönes Thema für den Bio-Unterricht, hier ist es aber als Andeutung anderer Formen der unwahrscheinlichen Befruchtung und als einer Erkennungsszene zu verstehen.]

Auf seinem Rückweg von Mme de VILLEPARISIS wähnt sich der Baron von niemandem beobachtet, da entspannt sich sein Gesicht und verliert die alleweil aufgesetzte, ja inszenierte Härte; es wird weicher, . MARCEL bedauert geradezu, dass CHARLUS diese Züge, die er doch auch hat, meist hinter seiner Arroganz versteckt, hinter seiner demonstrativen Virilität. So, wie er von seinem Krankenbesuch zurück durch den Hof geht, mit ›entwaffnetem‹ Gesicht, drängt sich MARCEL der Eindruck auf . Überraschend trifft der Baron auf JUPIEN, der gerade seinen Laden verlassen hat. Was nun folgt, ist ein fast schon anrührender Balztanz nach den : Kurze, auch bewundernde Blicke, dann wieder vorgetäuschte Gleichgültigkeit, leicht widerwilliges Weitergehen des Barons, kurzes Besinnen und Zurückkommen, zielloses Umherschauen, Annehmen eines leicht eitlen Gehabes, vorteilhaftes Zurechtrücken der eigenen Gestalt, bei JUPIEN kokettes Herausdrücken des Hinterteils, Aufsetzen einer herausfordernden statt seiner üblichen ehrerbietigen Miene ... Kurz: Man erkennt und einigt sich, .

[Es ist wie in der heroischen Zeit, könnte man mit Goethe sagen, da Götter und Göttinnen liebten: Denn schon damals folgte ›Begierde dem Blick, folgte Genuss der Begier‹. Die Blicke, die JUPIEN und CHARLUS wechseln, so Friedrich Balke, das Forschende und Prüfende dieser Blicke, Gesten und Bewegungen, all das diene einzig dem Begehren, denn es ist im vorliegenden Falle ja entschieden nutzlos, während derartig suchende und ein mögliches prüfende Blicke bei Heteros immerhin auf einen regenerativen Nutzen für die Gattung abzielen. Darin besteht für Balke der Bezug zu Schopenhauers Abhandlung , von der wir aber jetzt doch lieber die Finger lassen, auch wenn sie, die Geschlechtsliebe, wie der Philosoph behauptet, „zu allen Zeiten vom Dichtergenie unermüdlich dargestellt“ wird.]

Sinnigerweise fragt der Baron JUPIEN, ob er Feuer habe, um gleich darauf einzugestehen: . Die Regeln der Höflichkeit verlangen von JUPIEN, CHARLUS in den Laden zu bitten: »Da hab’ ich Zigarren« [obwohl es keine sind]. Und nun vollzieht sich halt, was sich zwischen denen vollzieht, die einer Orientierung obliegen, , und es kann sich vollziehen, weil es begünstigt wird, denn JUPIEN ist ein Mensch, .

Da die Ladentür sich hinter den beiden schließt und MARCEL nichts mehr von ihrer Konversation hören kann, schleicht er sich in den angrenzenden ungenutzten Raum, von wo aus er, wenn schon nichts sehen, so doch über eine kleine Luke alles mithören kann. [Wie bereits in den Fensterszenen von Montjouvain {1/10} und {1/15} kommt hier wieder der Voyeurismus des Erzählers zum Tragen, wie Thomas Klinkert bemerkt, wenn es um „verborgene und gesellschaftlich tabuisierte sexuelle Neigungen geht“ {1/13}. Es gibt im Folgenden dann auch keine Konversation mehr zu hören, sondern verschiedene andere Töne (aber das können Sie gegebenenfalls ja selbst nachlesen und -hören ...). Hier wäre anzumerken, dass Antoine Compagnon in dieser Szene des wechselseitigen Erkennens ein Muster sieht, das sich in weiteren Szenen des Romans wiederholt: Es ist ein Erkennen zwischen CHARLUS und JUPIEN, aber auch MARCEL erkennt bezüglich des Barons: ]

Nachdem sie fertig sind und auch noch dem Folgebedürfnis nach Reinlichkeit oblegen haben, hört MARCEL, wie JUPIEN mit Entschiedenheit das Geld zurückweist, das der Baron ihm aufdrängen will. Dessen begierige Frage nach dem netten Fahrradkurier des Apothekers lässt JUPIEN schmollend unbeantwortet; er zieht ein Gesicht wie . »Nun gehen Sie endlich, Sie großer Bengel«, plustert er sich gegen den Baron auf. Doch CHARLUS insistiert mit weiteren Fragen, ob sich denn hier auch manchmal junge Adlige herumtreiben, die etc. etc., und kommt schließlich darauf zu sprechen, dass ihm gerade ein junger Bursche ziemlich den Kopf verdrehe, ein intelligenter kleiner Bürgerlicher von anmaßender Respektlosigkeit. »Der ahnt nicht mal, was für eine außergewöhnliche Persönlichkeit ich bin – , aber das soll mich jetzt nicht weiter kümmern.« MARCEL klingeln die Ohren: Der Baron scheint von ihm zu sprechen. Nun fällt es dem Jungen wie Schuppen von den Augen; der Baron de CHARLUS erscheint ihm auf einmal in einem ganz neuen Licht. Bisher hatte er davon nichts wahrgenommen, weil er nichts davon wusste. Jetzt aber ergeben auch die zuvor für ihn abstrusen Verhaltensweisen und die extrem schwankenden Gefühlsausbrüche von CHARLUS einen gewissen Sinn; für MARCEL hat CHARLUS sich in eine verwandelt. Nun versteht er auch, warum der Baron ihm wie eine Frau erschienen ist, als er von Mme de VILLEPARISIS zurückkam: weil er eine Frau – . [Wie erwähnt, ist es kein Zufall, dass PROUST den Namen de CHARLUS von und seiner de Charlus übernommen hat.]

Der Baron gehört zu den widersprüchlichen Wesen, die nach außen hin auf übertriebene Weise Virilität vorschützen – –, aber nur, weil sie mit einem femininen Temperament ausgestattet sind und es verbergen müssen. [Er ist ein Bewohner Sodoms, ein „virtuoser Grenzgänger zwischen den Welten, Klassen und Geschlechtern“ (Verena Joos).] Sodomiten sind eine Gattung (PROUST sagt , er weiß, wovon er spricht), auf der ein Fluch lastet und die in der Lüge leben müssen: .

12. AUFZUG, 2. BILD: AUF DIESER RASSE LIEGT EIN FLUCH

[Hier stimmt der Erzähler nun eine bedrückende Elegie auf diese ›Rasse‹ an, auf der ein Fluch liegt (die Parallele zum Judentum ist beabsichtigt und wird von PROUST später explizit hergestellt, wenn er sagt, diese Rasse sei einer ähnlichen Verfolgung ausgesetzt Es ist ein Klagelied von poetischer Schönheit und Schwermut; es enthält, so hat Andreas Platthaus festgestellt, den längsten Satz des ganzen Romans, einen mit achthundert Wörtern heillos überladenen Satz, der sich über mehr als zwei Seiten erstreckt (im Französischen sind es 931 Wörter). Es ist eine Elegie über die Invertierten, womit PROUST die Homosexuellen bezeichnet, entsprechend einem Begriff von Siegmund Freud (weswegen PROUST auch sagt: , ). PROUST formuliert hier, auch , eine Klage, die einem die Augen dafür öffnet, dass diejenigen, die Verfolgung leiden, eben nicht selig sind, und leider auch nicht selig werden, sondern elend sind, und elend bleiben.]

Die Invertierten wissen, dass ihr Verlangen strafbar und schändlich ist und nicht zugegeben werden darf; aber es ist ein dessen Erfüllung für jede Kreatur das schönste Lebensglück ist – . Sie müssen ihren Gott verleugnen, selbst wenn sie Christen sind, weil man sie als Angeklagte vor die Schranken...



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