Willke | Der essentielle Marcel Proust | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 292 Seiten

Reihe: Der essentielle Marcel Proust

Willke Der essentielle Marcel Proust

Die 'Recherche' in einem lesbaren Modus
5. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-4702-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die 'Recherche' in einem lesbaren Modus

E-Book, Deutsch, Band 1, 292 Seiten

Reihe: Der essentielle Marcel Proust

ISBN: 978-3-6951-4702-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wer hat nicht schon mal einen Band von Marcel Prousts 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' in den Händen gehabt, gar zu lesen angefangen, ist aber bei allem Bemühen nicht sehr weit damit gekommen. Das vorliegende Buch soll Lust darauf machen, einen neuen Anlauf zu wagen, um einen der größten und schönsten Romane der Weltliteratur kennenzulernen und zu genießen. Denn die 'Recherche' ist ein köstliches literarisches Vergnügen, eine intellektuelle Herausforderung, ein Entdecker-Abenteuer. Bei der Lektüre taucht man ein in die Zeitgeschichte der Belle Époque bis hin zum Ersten Weltkrieg, man bewegt sich in den Kultursparten Literatur, Theater, Malerei, Musik, Architektur, Mode etc. -- und wird reichlich belohnt beim Verweilen im allzu weiten Feld menschlicher Gefühle und Erfahrungen. Kurz: die 'Recherche' ist ein Bildungsroman. Um die Lektüre dieses 'ozeanischen Romans' (Ingeborg Bachmann) zu erleichtern, habe ich meine Leseerfahrungen und meine Sicht auf Prousts Hauptwerk in 28 'Aufzügen' und in einer Vielzahl von 'Bildern' zusammengefasst -- und damit in eine Form gebracht, die zum einen lesbar und zu bewältigen ist, zum anderen aber auch dazu verführen soll, sich so gerüstet und zu gegebener Zeit dem originalen Text selbst zuzuwenden, der inzwischen in schönen neuen beziehungsweise revidierten Übersetzungen vorliegt. Erstleser sind häufig schon mit dem Beginn des Romans überfordert -- da schläft der Autor nämlich ein. Kaum verwunderlich, dass sogar Leute wie Christian Berkel beim ersten Versuch das Buch im hohen Bogen in die Ecke warfen. Aber er hat dann einen zweiten Versuch unternommen -- und war beglückt. Zu diesem Glück der Proust-Lektüre will das vorliegende Buch hinführen. 'Mein Buch ist ein Gemälde', sagt Proust über seinen Roman. Und in diesem Gemälde ist 'Platz für alle Facetten des Menschlichen -- für Koketterie, für Scham, für Fettnäpfchen, für Grausamkeit, den Wankelmut des Herzens, Aufstiegswillen, Abstiegsangst, Snobismus' (Doris Anselm) -- 'nichts Menschliches ist ihm fremd' (Andreas Platthaus). Ich habe meine zusammenfassenden 'Bilder' gelegentlich mit kurzen Kommentaren und Anmerkungen versehen, die dem besseren Verständnis des Textes und der Lesbarkeit dienen. Immer wieder habe ich auch kurze französische Zitate eingefügt, damit deutlich wird, dass meine Leseerfahrungen im Originaltext verankert sind.

Dr. Gerhard Willke, Jahrgang 1945, lebt in Tübingen. Er war Professor für Wirtschaftspolitik am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz und an der Hochschule Nürtingen. Veröffentlichungen zu wirtschafts- und beschäfti-gungspolitischen Themen bei Campus, Cornelsen und Murmann.
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VORWORT


Erwähnt man PROUST und seine SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT im Kreise lesenden Mitmenschen, dann sagen viele: „Ja, ich hab’ mal damit angefangen, ...“. Nicht alle sind so resolut wie Ronya Othmann: „Ich lese Bücher zu Ende. Egal wie sehr sie mich quälen“ – wobei sie aber zugibt, die Ausnahme sei eben genau die . Nun ist es aber so: Man kann die tatsächlich zu Ende lesen und dabei sogar zum Glück der PROUST-Lektüre finden.

Mit der hier vorliegenden Hinführung zu PROUST und zu seiner geht es mir darum, diesen grandiosen Roman der Weltliteratur in einer Form zu präsentieren, die einerseits meine Leseerfahrungen widerspiegelt, die andererseits aber für interessierte Leserinnen und Leser als Einstieg zu bewältigen ist – gerade auch für solche, die mal damit angefangen haben, aber nicht sehr weit gekommen sind. Das soll den originalen PROUST natürlich nicht ersetzen, sondern im Gegenteil Mut und Appetit machen auf sein mehrtausendseitiges Werk.

In den zurückliegenden Jahrzehnten habe ich PROUSTS mehrmals gelesen – anfangs die Taschenbücher in der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens (die jetzt in einer Überarbeitung von Luzius Keller und Sibylla Laemmel vorliegen), dann aber bald die französische Fassung in der schönen, ledergebundenen vierbändigen Pléiade-Ausgabe von Jean-Yves Tadié (mit gelegentlicher Unterstützung durch Übersetzungen und online-Wörterbücher). Die Zeit, die man mit PROUST verbringt, ist ja nicht die geringste Dimension der PROUSTSCHEN Zeiten – temps perdu et temps retrouvé. Und wie Andreas Isenschmidt habe ich auch beim wiederholten Lesen die Erfahrung gemacht, dass es an den „besten Stellen jedes Mal vollkommen neu ist“. Überhaupt, so Wolf Lepenies, empfindet wahre Freude an Literatur nur, „wer sich auf das Wiederlesen versteht.“ Diese Empfehlung gilt ja auch für andere große Werke der Weltliteratur, etwa für Joyces Ulysses, dessen ‚retrospective arrangement‘ sich auch erst bei wiederholtem Lesen erschließt: „All of expects the reader to have read it before reading it” (ulyssesguide.com).

Für die (im Unterschied zu den , die halt lesen, sind die LeserInnen, ) – kann die Lektüre der zu einem köstlichen literarischen Vergnügen werden, aber sie ist auch eine intellektuelle Herausforderung, ein Entdecker-Abenteuer. Bei dieser Lektüre taucht man ein in die Zeitgeschichte der von den französischen Gründerjahren nach 1871 bis hin zum Ersten Weltkrieg, man bewegt sich in den Kultursparten Literatur, Theater, Malerei, Musik, Architektur, Fotografie, Mode etc., und wird reichlich belohnt beim Verweilen im wahrhaft weiten Feld menschlicher Gefühle, Freuden, Leiden und Erfahrungen. PROUST hat „mehr vom Mysterium des Menschen und der Dinge zutage gebracht als Unternehmungen mit höheren Aspirationen“ (Ingeborg Bachmann). Mit anderen Worten: Die ist auch ein Bildungsroman (denn ‚Bildung zeichnet aus vor den Ziegenhirten‘). Hinzu kommen „die Bijouterien, die psychologischen Funde, Neuheiten und Keckheiten des Franzosen, die sind das reine Amüsement“ (so referiert Rainer Warning eine Äußerung von Thomas Mann zu PROUST).

Ich möchte meine Leseerfahrungen – mit Ingrid Wassenaar könnte ich auch sagen: „my intimate readings of the text“ – und meine Sicht auf PROUSTS Hauptwerk so vermitteln, dass sie zur Lektüre der hinführen – dass also Lust entsteht, zu diesen Bänden zu greifen, zur als „einer Schule der Empfindsamkeit“ (Denis Scheck), denn PROUST ist „the great prophet of sensibility” (Francis Birrell). Meine Version – mein ›Modus‹ – umfasst die (notwendig und unvermeidlich selektive) Wiedergabe des Romangeschehens und dessen gelegentliche, auf das Nötige beschränkte Kommentierung und Erläuterung.

„Es ist schön“, meint Detlef Kuhlbrodt, ‚dieses Buch anzuschauen, Tee und ans Sofa zu stellen, eine angenehme Sitzposition einzunehmen und dann noch einmal damit zu beginnen, den sicher größten und vielleicht auch umfangreichsten Roman des 20. Jahrhunderts zu lesen.‘ – Natürlich habe ich auch beim ersten Lesen dieses Werks mit den Schultern gezuckt: Was haben die Leute bloß, wie kann man von diesem Roman so schwärmen? Es ist ähnlich wie bei Musikstücken, die man zum ersten Mal hört: Da ›spricht‹ es noch nicht zu einem – noch fehlt die Erinnerung, wie der Erzähler später sagen wird. [Ganz so sah es auch der musikalische Joyce: „Beauty of music you must hear twice. (...) what they call ”] Wie bei einer kunstvollen Sonate, die man, kaum dass sie beendet ist, gleich noch einmal hören möchte, so ist es am Schluss der Dann ist man bereit und „suffisamment passionné pour recommencer“ (Jacques Dubois) – . Dann wird man damit „anfangen und nie wieder aufhören“ (Andreas Isenschmidt). Es käme also darauf an, damit anzufangen ...

Erst bei meiner zweiten und den weiteren Lektüren habe ich verstanden, was diese zu Beginn des Romanwerks nur hingetupften Töne und Farben enthalten, dass sie ein großes Gemälde ergeben, wie bei den von PROUST so geschätzten Impressionisten, dass sich die verschiedenen Bausteine zu einer Komposition fügen, zu einer Kathedrale, wie PROUST selbst einmal sagt. Insofern bezweckt diese Hinführung auch, potentielle leichthändig mit dem des PROUSTSCHEN Romangeschehens insoweit bekannt zu machen, dass sie dann , d.h. mit einer Vorstellung vom Ganzen, ihre ‚Erstlektüre‘ des Originaltextes beginnen oder fortsetzen können und die hingetupften Andeutungen, Namen, Orte – die vorausweisenden Anspielungen, das – einordnen, verstehen und goutieren können.

„Mein Buch ist ein Gemälde“, sagt der Autor selbst über seinen Roman – „Proust is a word-painter” (Parker Tyler). Und in seinem Gemälde ist Platz für alle Facetten des Menschlichen – „für Koketterie, für Scham, für Fettnäpfchen, für Grausamkeit, den Wankelmut des Herzens, Aufstiegswillen, Abstiegsangst, Snobismus“ (Doris Anselm) – „nichts Menschliches ist ihm fremd“ (Andreas Platthaus).

***

Man muss es wohl so sagen: Ein Leben ohne PROUST ist möglich, aber weithin sinnlos. Darüber hinaus gilt ganz generell: Man muss für PROUST bereit sein, für diese „15 kg Buch“ (Ronya Othmann) und für das „Ozeanische“ dieses Romans (Ingeborg Bachmann), um „Zugang zu finden zu diesen besonderen von Kostbarkeiten überquellenden Bänden“ (Jóseph Czapski), zu diesem „phänomenalen Seelenzergliederer“ (Jürgen Kaube). Diese Lesebereitschaft für einen der bedeutendsten Romanciers und einen der Begründer der literarischen Moderne fällt nicht vom Himmel, aber sie lässt sich aufbauen – beispielsweise mit den vorliegenden beiden Bänden. Wenn man aber einmal dafür bereit ist, besteht die Chance, bei diesem Autor und seinem „unbändigen Glücksverlangen“ (Th. W. Adorno) das eigene Leseglück zu finden.

Die ist keine Autobiographie, nicht die bloße Niederschrift von Lebenserinnerungen. Vielmehr ist dieses Werk der bewusst komponierte Roman eines wohl unerhört detailreich erinnerten, dabei aber literarisch gestalteten, also kreativ ameliorierten Lebens – PROUSTS . Oder mit Sophie McBain gesprochen: „We edit our pasts to better serve our present needs”.

Um den unendlichen Strom dieser Erinnerungen, in denen ein Leben und eine Epoche gegenwärtig werden, einigermaßen zu gliedern, fasse ich das Geschehen in einzelnen ›Aufzügen‹ und ›Bildern‹ zusammen. Ein ›Bild‹ umfasst in der Regel das, was Susan Suleiman „a narrative sequence“ und der Nouvel Observateur (l’OBS 112) eine „scéne“ nennt. Diese Art der Interpunktion erscheint angezeigt, weil „each episode in Proust’s immense novel is a separate and to some degree detachable anecdote, event, or little narrative” (Joseph H. Miller). Zugegeben, das steht in einem gewissen Gegensatz zu PROUSTS ursprünglicher Absicht, seinen Roman in einem einzigen Band herauszubringen, dazu noch ohne Zwischentitel und Überschriften. Doch das war seine Idee, bevor der Roman auf sieben Bände angewachsen war.

Natürlich müssen in einer zusammenfassenden, auf das beschränkten Darstellung der eigenen Leseerfahrungen sehr viele, auch viele schöne Passagen und ganze Episoden notgedrungen übersprungen, ausgelassen werden – : „On a...



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