E-Book, Deutsch, Band 306, 256 Seiten
Reihe: Historical
Willingham Das wilde Verlangen des Wikingers
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7337-6386-2
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 306, 256 Seiten
Reihe: Historical
ISBN: 978-3-7337-6386-2
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Mach mich los!' Wut klingt aus der Stimme des angeketteten Wikingers. Doch die schöne Irin Caragh Ó Brannon denkt gar nicht daran, ihn zu befreien! Schließlich wollten Styr Hardrata und seine ruchlosen Männer ihre Siedlung plündern. Dennoch: Sein Kampfesmut hat sie tief beeindruckt, und sie sehnt sich danach, seinen geschundenen Körper zu berühren, ihm das blonde Haar aus der Stirn zu streichen ... Was ist nur mit ihr los? Was hat dieser Nordmann, das ihr Herz schneller schlagen lässt? Styr ist doch ihr Feind - und die Frau, die er bis aufs Blut verteidigt hat, seine Ehefrau ...
Michelle schrieb ihren ersten historischen Liebesroman im Alter von zwölf Jahren und war stolz, acht Seiten füllen zu können. Und je mehr sie schrieb, desto mehr wuchs ihre Überzeugung, dass eines Tages ihr Traum von einer Autorenkarriere in Erfüllung gehen würde. Sie besuchte die Universität von Notre Dame im Bundesstaat Indiana, da sie mit dem Gedanken spielte, Medizin zu studieren. Jedoch musste sie diesen Gedanken bald wieder verwerfen, da sie kein Blut sehen konnte. Stattdessen studierte sie Englisch und schloss mit summa cum laude, der besten Benotung, ab. Daraufhin kam sie auf die Idee Lektorin zu werden. Ihr erster Teilzeitjob bestand darin, Hypothekenhandbücher zu bearbeiten, was sie umgehend zurück zur Uni fliehen ließ, um Lehrerin zu werden. Michelle unterrichtete 11 Jahre lang, bevor sie aufhörte, um zu Hause bei ihren Kindern zu sein und sich voll und ganz dem Schreiben widmen zu können. Zahlreiche ihrer Romane erschienen in der Reihe Harlequin Historical. Michelle ist mit einem Raketenwissenschaftler verheiratet und lebt zusammen mit ihm in Virginia. Neben dem Schreiben kocht und liest sie gerne und vermeidet sportliche Aktivitäten um jeden Preis.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. KAPITEL
Irland, 875
Der Stamm verhungerte langsam, aber sicher.
Caragh Ó Brannon betrachtete den fast leeren Getreidesack. Eine Handvoll Hafer war noch übrig; das würde kaum reichen. Sie schloss die Augen und fragte sich, was sie tun sollten. Ihre älteren Brüder Terence und Ronan waren vor zwei Wochen aufgebrochen, um mehr Nahrungsmittel zu besorgen. Sie hatte den beiden die goldene Brosche mitgegeben, die ihrer Mutter gehört hatte, in der Hoffnung, dass sie damit vielleicht ein paar Schafe oder Kühe erstehen konnten. Aber die Hungersnot war überall, und niemand trennte sich mehr von seinem Vieh.
„Haben wir genug zu essen, Caragh?“, fragte ihr jüngerer Bruder Brendan. Mit seinen siebzehn Jahren war sein Appetit dreimal so groß wie ihr eigener, und sie hatte sich alle Mühe gegeben, damit er möglichst keinen Hunger litt. Aber jetzt war es offensichtlich, dass ihnen die Nahrung schneller ausgehen würde, als sie gedacht hatte.
Statt einer Antwort zeigte sie ihm, was noch übrig war. Er schluckte; seine hageren Wangen wirkten schon ganz eingefallen. „Wir haben auch keine Fische fangen können“, sagte er. „Morgen versuchen wir es noch einmal.“
„Ich kann uns Eintopf machen“, bot sie an. „Ich schaue mal, ob ich wilde Zwiebeln oder Karotten finden kann.“ Obwohl sie sich Mühe gab, hoffnungsvoll zu klingen, wussten sie beide, dass die Wälder und Felder längst abgeerntet waren. Außer ein paar trockenen Grasbüscheln gab es dort nichts mehr zu holen.
Brendan legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Unsere Brüder werden bald zurück sein. Und dann werden wir mehr als genug zu essen haben.“
Sie sah ihm an, wie verzweifelt er sich an diese Hoffnung klammerte, und lächelte ihm zuversichtlich zu, obwohl ihr gar nicht danach zumute war. „Bestimmt.“
Nachdem er mit seinem Fischernetz nach draußen gegangen war, sah Caragh zurück zur leeren Hütte. Sie hatte im letzten Winter beide Elternteile verloren. Ihr Vater war zum Fischen hinausgefahren und ertrunken. Von dem Verlust hatte sich ihre Mutter nie erholt. Sie hatte ihre Essensration immer an Brendan weitergegeben und behauptet, sie hätte schon gegessen. Als sie die Wahrheit herausgefunden hatten, war es bereits zu spät gewesen, und sie hatten nichts mehr für sie tun können.
So viele waren schon dem Hunger erlegen, und es lastete Caragh schwer auf dem Gewissen, dass ihre beiden Eltern bei dem Versuch gestorben waren, ihre Kinder zu versorgen.
Heiße Tränen traten ihr in die Augen, als sie die Schmiede ihres Vaters betrachtete. So sehr hatte sie sich daran gewöhnt, das Schlagen seines Hammers zu hören, das glühende Metall zu bewundern, das er zu Werkzeugen formte. Das Herz wurde ihr so schwer wie der Amboss, auf den er schlug, als sie sich bewusst machte, dass sie nie wieder sein lautes Lachen würde hören können.
Sein Boot war ihnen geblieben, aber sie brachte nicht den Mut auf, sich damit in die See hinauszuwagen. Ihre Brüder konnten segeln, aber auch von ihnen war keiner seit Vaters Tod aufs Meer gefahren.
Sie wünschte, sie könnten Gall Tír verlassen. Dieses trostlose Land hatte ihnen nichts mehr zu bieten. Doch ihnen fehlte der nötige Proviant für eine längere Reise. Dabei hätten sie schon nach der mageren Ernte im letzten Sommer gehen sollen. Da hätten sie zumindest noch genug Vorräte gehabt, um die Reise zu überleben. Doch selbst wenn sie jetzt augenblicklich lossegelten, würde ihnen binnen eines Tages das Essen ausgehen.
Die Hand des Todes überschattete alles, und Caragh spürte die Veränderungen, die die Entbehrung in ihr hervorrief. Sie konnte kaum noch längere Strecken zurücklegen, ohne außer Atem zu kommen, und selbst die geringsten Tätigkeiten wurden ihr fast zu viel. Sie war so dünn geworden, dass ihr Leinengewand schlaff an ihr herunterhing und die Knochen an ihren Knien und Ellenbogen sichtbar hervortraten.
Aber sie würde nicht aufgeben. Wie alle anderen würde sie ums Überleben kämpfen.
Also hob sie ihren Sammelkorb auf und trat nach draußen, ins Sonnenlicht. In der Ringburg war alles ruhig; niemand verschwendete viel Kraft auf lange Gespräche, wenn die Suche nach Nahrung so viel wichtiger war. Ihre älteren Brüder waren nicht die Einzigen, die ausgezogen waren, um etwas zu Essen zu beschaffen. Die meisten der gesunden Männer waren fort, insbesondere diejenigen, die Kinder zu versorgen hatten. Noch war keiner von ihnen zurückgekehrt.
Einige der älteren Frauen nickten ihr grüßend zu, als sie an ihnen vorbeiging. Auch sie trugen Körbe über dem Arm. Caragh wusste, sie würde ihr Versprechen, Gemüse und essbare Pflanzen zu finden, nicht halten können. Selbst wenn es da draußen noch etwas gab, würden die anderen es vor ihr finden. Stattdessen machte sie sich auf den Weg Richtung Küste. Vielleicht fand sie dort ein paar Muscheln oder Seetang.
Zwischendurch musste sie mehrere Male innehalten und sich ausruhen, weil ihr schwindelig wurde und alles vor ihren Augen verschwamm. Das Wasser war heute Morgen beinahe schwarz, die See lag still und unbewegt da. Ihr Bruder stand am Strand mit seinem Netz, warf es aus in die Wellen. Als er sie sah, winkte er ihr zu.
Doch dann machte sie eine Entdeckung, die sie vor Furcht erstarren ließ: Ein Langschiff tauchte am Horizont auf, so groß und breit, dass es mühelos über einem Dutzend Männer Platz bot. Ein riesiges gestreiftes Segel flatterte am Mast, und an beiden Seiten waren weiße und rote Schilde befestigt. Die bronzene Mastspitze glänzte in der Sonne, und am Bug prangte ein geschnitzter Drachenkopf, bei dessen Anblick ihr Herz noch schneller schlug.
„Sind das die Lochlannach?“, rief sie ihrem Bruder zu. Sie hatte so viele Geschichten gehört über die barbarischen Wikinger aus den Nordlanden, die über Unschuldige herfielen und ihre Ländereien plünderten. Wenn dies ihr Schiff war, dann blieb ihnen weniger als eine Stunde, bevor der Albtraum begann. Eine Gänsehaut überkam sie beim Gedanken daran, von einem von ihnen entführt oder gar beim lebendigen Leibe verbrannt zu werden, wenn sie in ihr Heim eindrangen.
„Geh zurück ins Haus“, befahl Brendan. „Bleib drinnen, Caragh, und was immer du tust, lass niemanden herein!“ Er zog sein Fischernetz ein und rannte zurück in Richtung der Ringburg.
„Was hast du vor?“ Sie bemühte sich, ihn einzuholen, voller Sorge, dass er irgendeine Dummheit beging.
Mit ungewohnter Kälte in seinen grauen Augen sah ihr Bruder sie an. „Sie haben Vorräte, oder nicht? Und Essen.“
Entsetzt starrte sie ihn an. „Nein! Du darfst nicht versuchen, sie zu bestehlen!“ Diese Nordmänner waren ruchlose Krieger, die ihren Bruder ohne zu zögern töten würden.
„Sie werden die Burg überfallen. Währenddessen ist ihr Schiff leer, und ich kann mir alles nehmen, was an Bord ist.“
„Und was wird aus uns?“, fragte sie. „Wir müssen derweil um unser Leben kämpfen, und vielleicht sind wir alle tot, wenn du zurückkehrst. Falls du überhaupt zurückkehrst“, fügte sie hinzu. „Nein, das kannst du nicht tun!“
Ihr Bruder betrat die Hütte ihres Vaters und durchsuchte die Schmiedewerkzeuge nach einem Schwert. „Dann versteck dich eben im Wald, wenn dir das lieber ist. Klettere auf einen der Bäume, so hoch du kannst, und warte ab, bis alles vorüber ist.“
„Ich werde den Stamm nicht im Stich lassen.“ Unter den Zurückgebliebenen waren viele ältere Leute, die zu schwach waren, um zu kämpfen. Auch wenn ihre eigene Kraft zur Neige ging, würde sie ihre Leute nicht im Stich lassen.
Ihre Hände zitterten, als die Furcht in ihr immer mächtiger wurde. Brendan ergriff eine ihrer Hände und drückte sie. „Wenn wir uns nicht ihre Vorräte nehmen, sterben wir so oder so. Entweder heute oder in ein paar Wochen. Das weißt du ebenso gut wie ich.“
Ja, sie wusste es. Aber der Gedanke, zu stehlen, gefiel ihr nicht. Sie hatten fast allen Besitz verloren, aber sie hatten immer noch ihre Ehre. Und die bedeutete ihr etwas.
„Wir könnten fragen“, sagte sie. „Wenn sie sehen, wie wenig wir noch besitzen, vielleicht teilen sie dann mit uns.“
Ihr Bruder sah sie finster an. „Seit wann sind die Lochlannach für ihr Mitgefühl bekannt?“ Er hatte ein Schwert gefunden und befestigte es an seinem Gürtel. „Ruf die anderen zusammen und führ sie fort von hier, wenn du möchtest. Wenn die Ringburg nicht verteidigt wird, vielleicht nehmen sie sich dann einfach, was sie wollen, ohne dass jemand verletzt wird.“
Sie starrte ihn an. Die Angst schien ihre Gedanken in ein undurchdringbares Netz zu verwandeln. „Geh nicht, Brendan. Die Gefahr ist viel zu groß!“
„Hab keine Angst, a deirfiúr.“ Er beugte sich herab und küsste sie auf die Stirn. „Ich möchte lieber im Kampf sterben als so, wie unsere Eltern gestorben sind.“
Sie wusste, dass nichts, was sie sagte, ihn umstimmen könnte. Aber sie konnte mit seinen Freunden reden. Möglicherweise hörte er ihnen zu, wenn er schon nichts auf ihre Warnungen gab.
Wenigstens konnte sie es versuchen.
Kein Mann gab gerne zu, dass seine Ehe gescheitert war.
Styr Hardrata starrte hinaus auf das graue Wasser, über dem Nebel waberte, und wachte über seine Ehefrau Elena. Sie stand am Bug des Schiffs, und ihr langes rotblondes Haar wehte hinter ihr im Wind. Sie war schön und stark, und das hatte ihn immer fasziniert.
Aber mittlerweile war diese Stärke zu einer Kälte zwischen ihnen geworden, bildete eine unsichtbare Mauer, die sie trennte. Sie gab sich...




