Willett Der Ruf der Amsel
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7325-0157-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 412 Seiten
Reihe: Marcia Willets Wohlfühlromane
ISBN: 978-3-7325-0157-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schon künden die Primeln im Dartmoor den Frühling an. Doch die Idylle trügt. Alistair hat seine Frau Phyllida so schwer enttäuscht, dass sie mit ihrer Tochter Zuflucht im Cottage 'The Grange' gesucht hat. Dort versucht die gute Clemmie den beiden neue Lebensfreude zu schenken, obwohl sie selbst um ihre Liebe kämpfen muss... Ein weises Buch über den Schmerz enttäuschter Liebe, über Eifersucht und Verrat. Aber auch ein tröstliches Buch über die Macht des Vertrauens, das Glück der Freundschaft und die Schönheit der Natur.
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1
Phyllida Makepeace träumte. Sie murmelte im Schlaf und tastete neben sich. Vom Gefühl des kühlen Lakens wachte sie auf, und sie kuschelte sich tiefer in ihre Decke, um die schönen Traumbilder so langsam wie möglich vor der enttäuschenden Wirklichkeit verblassen zu lassen. Sie hatte geträumt, dass Alistair sie angerufen hatte. Das U-Boot hatte einen Defekt, und sie mussten ein paar Tage an Land bleiben, hatte er ihr erzählt, und sie war herumgewirbelt, um alles für seine Ankunft vorzubereiten.
Phyllida klemmte sich die Decke fest unter das Kinn. Es war fast unmöglich, die großen, hohen Räume der viktorianischen Villa zu heizen, aber sie liebte das Haus mit seinem von Mauern geschützten Garten und der Aussicht hinüber auf Dartmoor. Sie hob den Kopf, um einen Blick auf die Uhr neben dem Bett zu werfen, und wusste, dass die vierjährige Lucy bald aufwachen würde. Trotzdem blieb sie noch einen Moment liegen. Plötzlich erinnerte sie sich an das neue Leben in ihr; ein wohliger warmer Schauder ergriff sie, und sie schlug die Decke zurück und stand auf. In einem von Alistairs alten Hemden und einem Paar dicker, warmer Socken sah sie reichlich merkwürdig aus. Aber mit ihren sechsundzwanzig Jahren war sie immer noch jung genug, seine Kleider auf ihrer Haut als Trost für seine Abwesenheit zu empfinden, und sie zog das Hemd fest um sich, als sie über den Treppenabsatz eilte.
Während sie im ungeheizten Badezimmer vor Kälte zitterte, fiel ihr ein, dass heute Valentinstag war, und sie fragte sich, ob Alistair wohl an sie gedacht hatte. Er war sehr aufmerksam, was besondere Anlässe wie Geburts- und Jahrestage anging, und unternahm große Anstrengungen, damit Karten und Geschenke pünktlich zu Hause eintrafen, wenn er auf See war. Sie liebte ihn so sehr, doch obwohl er ihre Liebe ganz offensichtlich erwiderte, war es ihr immer noch ein Rätsel, warum er ausgerechnet sie und nicht eine seiner vielen anderen Freundinnen zu seiner Frau gemacht hatte.
Ihr großer Bruder Matthew hatte Alistair einmal für ein Wochenende mit nach Hause gebracht, als Phyllida gerade die Ausbildung zur Erzieherin in Norland abgeschlossen hatte und ihre neunmonatige Probezeit absolvierte. Sie hatte sich auf der Stelle in ihn verliebt, seinen Heiratsantrag drei Monate später angenommen und sofort alle eigenen Berufspläne aufgegeben. Mit ihrer fröhlichen, offenen Art stürzte sie sich begeistert in das Marineleben und fand schnell Anschluss. Alistair war damals neunundzwanzig und gerade im Begriff, das Kommando auf einem U-Boot zu übernehmen, und die Frauen seiner Offizierskollegen waren einige Jahre älter als Phyllida. Sie mochten ihr freundliches, zurückhaltendes Wesen, fühlten sich geschmeichelt von ihrem Respekt angesichts der Erfahrung und Klugheit der älteren Frauen und nicht im Geringsten bedroht von Phyllidas Aussehen. Obwohl sie sechs bis sieben Jahre jünger war als sie, erregte ihr Äußeres durchaus keinen Neid. Phyllidas Schönheit war nicht offensichtlich. Ihre Attraktivität war von schlichter, unaufdringlicher Art, nicht so augenfällig, dass sich jemand nach ihr umdrehen würde. Ihr Gesicht war von gleichmäßiger ovaler Form, ihre Augen groß und grau, ihr Lächeln warm. Die Offiziersmesse nahm sie unter ihre Fittiche und hielt große Stücke auf sie, und die Tatsache, dass sie die Frau des Kapitäns war, verdarb sie nicht im Geringsten.
Dass Alistair sie und seine Familie vergötterte, war unschwer zu erkennen, und seine Freunde hatten erleichtert aufgeatmet, als er endlich bereit gewesen war, sesshaft zu werden. Die meisten waren der Ansicht, dass er schon viel zu lange den Herzensbrecher gespielt hatte, aber die etwas Zynischeren – und Abgewiesenen – musterten Phyllida und fragten sich, wie lange es wohl dauern würde, bis Alistair wieder ein Auge auf andere Frauen werfen würde. Was findet er bloß an ihr?, fragten sie sich. Er hatte so viele schillernde, schöne Frauen erobert, und obwohl Phyllida süß war, besaß sie doch kaum die gleiche Klasse und Schönheit wie seine sonstigen Freundinnen. Augenbrauen und Schultern wurden ratlos hochgezogen. Die etwas Gütigeren – und die, die von Phyllidas besonderem Charme bezaubert worden waren – betonten, dass ein atemberaubendes Äußeres nicht alles sei. Alistair, etwas stämmig und nicht größer als der Durchschnitt, entsprach auch nicht dem üblichen Schönheitsideal; jedoch lag etwas in seinem Blick und seinem Lächeln, was bewirkte, dass die meisten Frauen in seiner Gegenwart den Bauch einzogen und sich ärgerten, dass ihre Haare nicht frisch gewaschen waren.
Achtzehn Monate nach der Hochzeit hatte Phyllida eine Tochter zur Welt gebracht, die wie ihre Mutter mit braunen Haaren, grauen Augen und einer heiteren Art gesegnet war. Als Phyllida an diesem Valentinstag in ihr Schlafzimmer zurückkehrte und sich fragte, ob sie wohl eine Karte von Alistair bekommen würde, hörte sie, wie Lucy vor sich hin sang. Phyllida blieb wie immer am Fenster stehen. Die hohen Granitfelsen in Dartmoor waren in Sonne getaucht, obwohl der sie umgebende Boden noch im Schatten lag. Trotz des klaren hellblauen Himmels wusste sie, dass der Winter das Land noch immer fest im Griff hatte. Gerade trommelte ein Hagelschauer gegen das Fenster. Sie fröstelte und eilte ins Schlafzimmer, um sich wärmer anzuziehen.
Phyllida trug Kordhosen und einen von Alistairs Norwegerpullovern, als sie Lucy ihre wärmsten, ältesten Kleider anzog – genau das Richtige für ihren Spielgruppentag. Sie gingen gemeinsam hinunter, und während Phyllida das Frühstück machte, kam die Post, die sie sofort durchsah. Ja, Alistair hatte daran gedacht. Ein breites Grinsen überzog ihr Gesicht, als sie den Umschlag öffnete und die Karte hinauszog, noch während sie im Flur stand. Sie betrachtete den hiesigen Poststempel und fragte sich, wer von ihren Freunden die Karte wohl für ihn abgeschickt hatte. Obwohl sie ausreichend Gelegenheit hatte, sich an seine langen Abwesenheiten zu gewöhnen, vermisste sie ihn immer wieder furchtbar, aber die Karte war ein angenehmer Trost.
Sie zehrte immer noch von diesem Gefühl, nachdem sie Lucy im Dorfgemeinschaftshaus abgeliefert hatte und auf dem Weg zu einer Tasse Kaffee bei Prudence Appleby, einer Marineoffizierswitwe, war. Obwohl Prudence fast fünfzehn Jahre älter war als Phyllida, hatten sie sich auf Anhieb gut leiden können, als sie sich vor etwa vier Jahren, kurz nach Stephens Unfalltod, kennengelernt hatten. Prudence wohnte in einem viktorianischen Haus in dem Moordorf Clearbrook, und Phyllida genoss die Treffen mit ihr in ihrer schmuddeligen Küche. Heute Morgen stand allerdings Liz Whelans Auto vor dem Haus, und Phyllidas Mut sank ein wenig. Liz war zwar genauso alt wie die gütige Prudence, ansonsten aber ein ganz anderer Charakter. Sie war eine kleine Frau mit braunem Haar, die etwas Sardonisches, Verbittertes an sich hatte, das in Phyllida stets ein Gefühl des Unwohlseins weckte.
Sie parkte und ging um das Haus zur Hintertür. Sie trommelte ihr Klopfzeichen an die Tür, machte sie auf und steckte den Kopf hinein.
»Hi! Ich bin’s.«
Die Tür führte direkt in die Küche, wo Prudence schnell aufstand, um sie zu begrüßen, während Liz am Tisch sitzen blieb, lediglich leicht die Augenbrauen hob und auf Phyllidas Lächeln mit einem angedeuteten Nicken antwortete.
»Phyllida!« Prudence gab ihr ein Küsschen. »Komm rein und wärm dich auf. Was für ein Wetter! Ich habe gehört, es soll schneien.« Sie nahm Phyllida den Mantel ab und machte sich daran, noch mehr Kaffee zu kochen, wobei sie von einem Thema zum nächsten stürzte. Prudence redete immer wie ein Wasserfall, kam vom Hundertsten ins Tausendste, was je nach eigener Laune entweder lustig oder ärgerlich sein konnte. »Na los, erzähl schon! Wie geht es Lucy? Meine Güte!« Sie schüttelte den Kopf. »Das Kind wächst vielleicht!«
»Es geht ihr gut.« Phyllida nippte dankbar an dem heißen Kaffee. »Und das Kleidchen ist so reizend. Sie liebt es. Wollte es heute Morgen zur Spielgruppe anziehen.«
Prudence hatte Schneiderin gelernt. Sie arbeitete hart, um ihre Witwenrente aufzubessern, und hatte eine Menge Kunden. Ihre Tochter arbeitete in einer Werbeagentur in London, ihr Sohn studierte Medizin. Nach Begleichung aller Rechnungen wanderte jeder Penny, den sie übrig hatte, zu ihren Kindern, während sie selbst an allen Ecken und Enden knauserte und sparte. Sie war dünn, weil sie so hart arbeitete, nicht genug aß und sich zu viele Sorgen machte. Ihre warmen, dunklen, haselnussbraunen Augen spähten ängstlich durch die Hornbrille.
»Sie sah bezaubernd darin aus«, stimmte sie zu und lächelte beim Gedanken an das kleine Mädchen in dem Kleid. »Und ich kann dir die freudige Mitteilung machen, dass ich mehrere Bestellungen bekommen habe nach der Party, auf der sie es anhatte. Danke, Phyllida.«
»Ich kann überhaupt nichts dafür. Das Kleid hat sich selbst verkauft. Alle Mütter wollten so eins für ihre Tochter. Du bist ganz schön clever, Prudence.«
»Ich habe eine Menge Aufträge zurzeit.« Prudence wirkte sehr zufrieden. »Wenn es so weitergeht, brauche ich bald jemanden für die Buchhaltung. Wie wär’s, Liz?«
»Musst nur Bescheid sagen«, antwortete Liz. »Du kriegst natürlich Sonderkonditionen.« Sie sah zu Phyllida. »Und wie geht es Alistair?«
Phyllida spürte Prudences vorsichtigen Blick und runzelte ein wenig die Stirn, als sie antwortete.
»Gut, soweit ich weiß. Er ist auf See. Aber ich habe heute Morgen eine Valentinskarte gekriegt.« Unwillkürlich schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. »Hat er dich gebeten, sie abzuschicken, Prudence?«
»Ja«, gab Prudence zu. »Er ist so aufmerksam«, fügte sie...




