Der überraschende Wegweiser zu mehr Nachhaltigkeit
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-96267-336-9
Verlag: REDLINE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein »Weiter so« kann es in der Klimakrise nicht geben. Doch allzu oft scheint es, als könnten wir, abgesehen vom Kauf nachhaltiger und fairer Produkte, wenig dazu beitragen, die Wale zu schützen und den Regenwald zu retten. Aber reicht es wirklich aus, wenn auf der Pizza »Bio« steht? Wird so nicht lediglich suggeriert, dass Konsument*innen allein gleichzeitig für den Untergang UND die Rettung der Welt verantwortlich sind?
Die Autoren decken auf, dass dies nur zu Überforderung, Frust und Verwirrung führt. Sie zeigen, dass und wie eine andere, echte Nachhaltigkeit möglich ist. Denn diese ist auch eine Haltung – eine bereichernde noch dazu. Ihr Buch macht mit informativen Hintergründen, praktischen Tipps und lebensrettenden Einsichten Mut für ein lustvolleres und nachhaltigeres Leben. Denn was gut für die Welt ist, ist auch gut für uns alle!
Autoren/Hrsg.
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Chaos
Inspiration
Im Jahr 2012 habe ich mein erstes eigenes Unternehmen gegründet: Kleiderei. Zusammen mit Pola Fendel, die seit dem letzten Jahr vor unserem Abitur in Köln meine Partnerin-in-Crime ist. Ein knappes Jahr nachdem ich in der Hansestadt angekommen war, während meines ersten Semesters an der HAW Hamburg im Fach Bekleidungstechnik, saßen Pola, die ebenfalls in Hamburg Kunst studierte, und ich im Sommer in der Küche von Freunden. Es war ein lustiger Abend, der unser Leben verändern sollte. Anfangs war es nur ein Witz, ein Missverständnis gewesen. Jemand erzählte davon, wie er seine Freundin in der Modeabteilung einer Bibliothek abgeholt hatte, und in der weingeschwängerten Stimmung kam die Frage auf, ob sie sich dort Kleidung geliehen hätte. Kleiderei – die Bücherei für Kleider war geboren. Am nächsten Tag rief ich Pola an – ich wollte dieses Projekt unbedingt umsetzen. Kleidung leihen war für mich die Lösung, um Ressourcen zu schonen, nachhaltig zu konsumieren und trotzdem mit Mode zu experimentieren. Alles Komponenten, für die mir weder in der Ausbildung noch im Studium jemand Lösungen hatte aufzeigen können. Pola war dabei. Sie ist und war ein Freigeist, gelockt von der Lust auf Abenteuer. Kleiderei war ihr neues Abenteuer und unser neues Ziel. Wir hatten die letzten fünf Jahre zusammen getan was wir wollten, und jetzt taten wir es wieder: Wir gründeten eine Firma. Kleiderei funktioniert wie eine Bibliothek für Kleidung. Wir haben Kleidung im Monatsabo an Kund*innen verliehen, zuerst in einem kleinen Laden auf St.Pauli in Hamburg – später deutschlandweit. Kleiderei war für uns die Alternative zur Wegwerfgesellschaft. So haben wir damals, 2012, vor fast zehn Jahren, unsere Vision in Worte gefasst. Begriffe wie »kollaborativer Konsum« oder »Sharing Economy« brachte uns Mischa, der Journalist, der ein Portrait für die brand eins über uns schrieb, bei. Er hatte die Theorie, dass wir mitten in einer Gründung steckten, weil wir etwas gefühlt hatten: Wir wollten Dinge, und vor allem Mode, die wir ja längst nicht mehr aus Bedarf, sondern aus Bedürfnis (wahrscheinlich glatt nur LUST) heraus kauften, nicht mehr besitzen. Wir waren uns nicht sicher, ob es anderen auch so ging, obwohl… eigentlich waren wir uns sehr sicher. Im Mai 2013, ein gutes halbes Jahr nach unserer Gründung, erschien der Bericht1 in der brand eins mit einer Doppelseite mit Fotos von Pola und mir – und meinem Mini-Baby-Bäuchlein. Wir waren mittendrin. Wir wurden zu einer Konferenz nach Berlin eingeladen, auf der die Ausgabe auslag, Spotify und Airbnb unsere Co-Redner waren und der Moderator Nick uns fragte, wie mensch denn zu solch einer Doppelseite in der brand eins käme. Jahre später besuchte er uns, als wir im Mercedes me Store in Hamburg einen ganzen Monat lang Events zum Thema »Slow Fashion« organisierten. Seine Frage dort war die gleiche: Wie habt ihr das geschafft? Wir wussten es selbst nicht. Für uns war die einfache Erklärung: Wir waren jung, und unser Gespür traf den Zeitgeist. Oder vielleicht waren wir auch so erfolgreich, eben weil wir ihn hinterfragten. Mit Kleiderei gesellten wir uns damals in die noch, im wahrsten Sinne des Wortes, ziemlich farblose Welt der nachhaltigen Mode. Es gab 2012 wirklich wenig. Wenn überhaupt, die Pioniere von Hessnatur, ein paar Visionäre wie Patagonia im Outdoorbereich; aber Armedangels war noch vergleichsweise klein, und von so etwas Coolem wie Jan‘n June hätten wir nur träumen können. Secondhand hatte ein angestaubtes Image und schien eher etwas für die ältere Generation aus der sozial-ökologischen Ecke zu sein, als für junge und hippe Menschen. Uns war also direkt klar: Wir brauchen Farbe und Sexiness. Das war die Vision für unsere CI, unsere Corporate Identity: coole Mädels (natürlich aus unserem Freundeskreis), die alle was im Kopf haben und darum lieber nachhaltig konsumieren – aber trotzdem sexy sind. Im Grunde haben wir uns gefragt: Was wollen wir selbst sehen? Was würde uns inspirieren? Ich würde jetzt gerne in die Tasten hauen und sagen: Das ist alles Schnee von gestern. Heute sind wir schon so viel weiter. Aber leider, wenn wir von der Unternehmensgröße von Armedangels absehen, stimmt das nicht. Die Bürger*innen scheinen nach wie vor verloren in einer Welt zu sein, die uns sagt, dass Konsum glücklich macht. Vielleicht mit dem Unterschied, dass es heute so etwas wie den »perfekten Konsum« gibt. Dem kann mensch vor allem in Großstädten oder online frönen. Es steht in der Regel Bio, Fair oder Vegan drauf, und daneben kleben lustige Logos. Sie sind aber nicht wie die Sticker von Bands, die wir früher auf unsere Laptops klebten, weil wir sie liebten, sondern es sind Siegel. Siegel, die uns Auskunft geben über richtig und falsch, die aber niemand versteht und auch bei niemandem Gefühle hervorrufen. Dafür ist der Begriff »Siegel-Dschungel« entstanden. Inzwischen gibt es sogar Websites, die uns durch diesen Dschungel helfen sollen. Davon später mehr. Erschwerend hinzu kommt, dass jede Company ihr eigenes Siegel oder ihren eigenen Claim für Nachhaltigkeit erfinden kann. Und so mag auf einer Jeans heute ein fröhliches, grünes Better kleben, aber was heißt das eigentlich genau, und ist besser schon gut? Es gibt kein Patent auf »Nachhaltigkeit« und keine eingetragene Definition, an die wir uns halten könnten. Konkret wurde die Idee, dieses Buch zu schreiben, als meine Freundin Cecilia auf Instagram das Foto einer PizzaWerbung postete: »Yoga-Pizza Vegan mit Bio-Dinkelboden.« Unten auf der Verpackung stand: »Mit Hummussoße und ayurvedischen Gewürzen« und dann klebten da zwei Siegel-Sticker drauf: BIO und VEGAN. Und ein dritter, auf dem stand: »5 Cent für gesunde Böden.« Diese Pizza-Werbung würde sich hervorragend als Trinkspiel oder Bingo-Bogen eignen: »Vegan« – Check, »Yoga« – Check, »Bio« – Check. BINGO! Hicks. Das gute Gewissen gibt’s Gratis, denn 5 Cent werden ja für gesunde Böden gespendet. Doch wer oder was sind eigentlich die gesunden Böden? Der BioDinkelboden der Pizza? Die Anbauflächen der ayurvedischen Gewürze? Ich sage nicht, dass Pizza jemals das einfachste Lebensmittel war. Wir alle haben sicher Stunden damit zugebracht, abgegriffene Pizza-Flyer aus Küchenschubladen durchzukämmen, um uns für die beste Wahl zu entscheiden. In unseren Kleiderei-Zeiten war Pizza unser Hauptnahrungsmittel. Als wir noch unseren ersten Laden auf St.Pauli hatten, holten wir uns immer die Mini-Pizza aus dem Kaminofen der Pizzeria »Alt Hamburg«. Wir mussten nicht in das Restaurant hineingehen, sondern konnten direkt außen an einer kleinen Theke bestellen. Vor unseren Augen wurde die Kaminofenpizza frisch zubereitet. Das war praktisch, denn als Jungunternehmerinnen litten wir natürlich chronisch unter Zeitnot. Darauf werde ich später noch genauer eingehen. Zurück zur Pizza: Sie war kross, frisch und lecker und ist bis heute Kult an der Hamburger Reeperbahn. Als wir später mit Kleiderei online gingen und unser Headquarter nach Hammerbrook verlegten, bestellten wir immer dann Pizza, wenn wir bis in die späten Abendstunden an unserem Business tüftelten. Oder an der Steuer. Scharfe Peperonis, keine Peperonis? Auf Pizza schmecken auch Dinge hervorragend, die mensch sonst nicht essen würde, Sardellen zum Beispiel. Pizzabelag war schon immer ein hervorragendes Streitthema. Ich hatte in Köln mal einen Mitbewohner, der nicht müde wurde, mir in unserer WG-Küche bei jeder Pizzaparty zu erklären, dass auf eine original italienische Pizza nichts anderes als Tomaten, Mozzarella und Basilikum gehörten. Unnötig zu erwähnen, dass wir ihm auch meistens zu laut waren bei diesen Pizzapartys. Eine angemessene Reaktion darauf beschreibt Sophie Passmann in ihrem Roman Komplett Gänsehaut: »Vor ein paar Jahren haben Arschlöcher angefangen, jedes Mal, wenn jemand Pizza gegessen hat, zu erwähnen, dass das ursprünglich mal ein Arme-Leute-Essen war«, nur um dann Pizzerien zu eröffnen, die alle möglichen speziellen Pizzabeläge anbieten, die arme Leute sich nicht mehr leisten können.« Pizza ist für alle da! Nichts hilft einem besser aus einem Kater heraus als Pizza. Nichts spendet mehr Trost auf dem Sofa. Und nichts sagt mehr über deine Persönlichkeit aus. Beständige oder ängstliche Menschen bestellen immer dieselbe Pizza (Beständigkeit und Angst liegen ja auch nahe beieinander). Wilde Menschen probieren gerne etwas Neues aus und werden auch schon mal enttäuscht, was aber nicht schlimm ist. Besonders unsichere Menschen sind öfter mal enttäuscht von ihrer Wahl, und als Gratis-Topping liegt auf ihrer Pizza der Futterneid. Die Cleveren unter uns organisieren sich direkt einen Tauschpartner oder bestellen gleich halb/halb. Dann gibts nichts zu bedauern. Bereuen wollen wir ja sowieso nichts. Das Schöne an Pizza ist wie bei vielen anderen Guilty Pleasures: Grundsätzlich macht sie jede Form körperlicher Aktivität sehr unwahrscheinlich – eine Form der Entschleunigung, die durchaus entlastend sein kann (und daher gewollt). Mit dem Post von Cecilia und dieser Pizza, die nichts mehr von Guilty Pleasure hat, sondern zum Bio-Pizza Dilemma wird, das einem nur noch sagen will, wie es RICHTIG geht, war es um uns geschehen und wir wollten etwas schreiben, was diesem ganzen perfekten Konsum-Blabla einen anderen Zugang erlaubt. Denn was mal gut anfing, mit Produkten vom Demeter-Hof, ist inzwischen in eine Maschinerie ausgeartet, die komplett intransparent genauso an uns verdient wie die konventionelle Industrie. Und genauso, wie es nicht stimmt, dass Bio immer gesund ist – und demzufolge natürlich auch nicht dick macht, ist...