E-Book, Deutsch, 528 Seiten
Wilke / Willemsen Der leidenschaftliche Zeitgenosse
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-10-403507-9
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zum Werk von Roger Willemsen
E-Book, Deutsch, 528 Seiten
ISBN: 978-3-10-403507-9
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Insa Wilke wurde 1978 in Bremerhaven geboren und lebt als Publizistin, Literaturkritikerin und Moderatorin in Frankfurt am Main. Sie veröffentlichte u.a. die Monographie ?Ist das ein Leben. Der Dichter Thomas Brasch? (2010) und ?Bericht am Feuer. Gespräche, E-Mails und Telefonate zum Werk von Christoph Ransmayr? (2014). 2010 übernahm sie die Programmleitung im Literaturhaus Köln und gab diese Tätigkeit zugunsten des freiberuflichen Arbeitens 2012 wieder auf. 2014 wurde sie mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
Aus der Sprachlosigkeit.
Ich hatte immer das Gefühl, erst wenn ich Dinge genau bezeichnen kann, besitze ich sie auch. Einmal suchte ich den richtigen Ausdruck für eine Vor-Gewitter-Stimmung in den Straßen Bangkoks und schrieb schließlich: »In den Häuserschluchten räuspert sich der Donner.« Erst mit dem Wort »räuspern« stellte sich die Empfindung ein, in der Passform meines Erlebens angekommen und im Besitz von mehr Welt zu sein.
Ich könnte aber auch einfach sagen, ich komme vom Land, aus der Natur. Denn meine ersten Wahrnehmungen der Außenwelt sind solche der Natur gewesen, verbunden mit der des Hochadels.
Eine durch und durch freundliche Natur, deren innerer Charakter es war, sich zu entziehen. Ich bin in einem Hügelland groß geworden. Die Natur, das war für mich vor allem die Landschaft der Hügellinien, die noch nicht überschritten waren. Dieses Motiv ist mir geblieben. Es ist der Horizont meiner frühen Zeiten.
In einem Häuschen, das Teil eines Schloss-Anwesens war, ja. Unsere Familie aber gehörte weder zur reichen noch zur im engeren Sinne bürgerlichen Welt. Am ehesten waren wir wohl Angehörige der Boheme, schauten aus der Froschperspektive auf ein Schloss-Szenario, in dem es sieben Töchter gab wie im Märchen, in dem Adenauer verkehrte und vor meiner Geburt einmal Thomas Mann zu Gast war. Die höfische Welt war dort mit einem allerletzten Ausatmen des 19. Jahrhunderts noch intakt: Es gab Kutschen, Tapisserien im Haupthaus und geriffelte Bretter, zwischen denen die Butterkügelchen gerollt wurden. Die vorderste Bank in der Kirche gehörte dem Fürsten, der im Herbst zur Jagd einlud. In den ersten fünf Jahren meines Lebens hielt ich mich nur in dieser geschlossenen Welt auf. Das nächste Draußen wären die Brombeerhaine gewesen, die Wiesenlandschaften und der Wald, durch den ich streunte. Als ich sechs war, zogen meine Eltern ins Nachbardorf.
Es gab wohl eine Form des akademischen Dünkels, durch den meine Eltern den Adelsdünkel zu konterkarieren versuchten. Sie hatten zwar nicht viel Geld, weil mein Vater ursprünglich Maler war und die Familie nicht vom Malen ernähren konnte, sagten aber unausgesprochen: Wir haben die Bücher, ihr habt das Kapital.
Mein Vater schrieb an Paul Klee, wechselte Briefe mit Ernst Wilhelm Nay. Sein Sachverstand von der mittelalterlichen bis zur zeitgenössischen Kunst war schlicht einschüchternd. Kürzlich las ich einen Brief, in dem er einem Bankier vom Kauf eines El Greco abrät. Hinreißend formuliert. Im Krieg blieb er als Funker auf einer norwegischen Insel zurück, lernte die Sprache und übersetzte Knut Hamsun. In unserem Keller stand eine Gesamtausgabe von Hamsuns Werken, auf Norwegisch. Eine Erzählung hat er sogar illustriert. Also ja, ich bin aufgewachsen, überzeugt vom Nährwert der Künste.
Es war die, die mir am nachdrücklichsten angetragen wurde. Dauernd diese Kruzifixe, die mittelalterlichen Altäre, die polychromen Skulpturen! Mein Territorium war von Anfang an das geschriebene Wort. Auch war ich von früh an so redselig, dass meine Eltern mich »Klokasten« nannten. Früher gab es doch unter der Decke diese Wasserkästen, die wieder vollliefen, wenn man an der Strippe gezogen hatte. Meine Eltern meinten, so sei das, wenn man mir eine Frage stelle. [lacht] Ich hatte einfach von früh an meine Freude an der Strahlkraft von Worten. Vor kurzem bin ich auf ein Heft gestoßen, in dem meine Mutter einiges aufgeschrieben hat.
»Kriegen wir den Schlitten, wenn es mittagt?«
»Kann ich denn nicht direkt Jäger werden oder muss man da erst Vater sein?«
»Wie lecker ist das Essen und das Leben knusprig dazu!«
»Jetzt ist mein Bauch prall – da hausen die Pralinen drin!«
»Ach, ich bin heute wirklich vom Unglück bemächtigt!«
»Die Königin von Dänemark hat mir eine zu geschwülstige Brust.«
Mein Vater. Er schrieb auch, vor allem kunsthistorische Aufsätze und hat mir seine hohe Wertschätzung für sprachliche Differenzierung vermittelt.
Meine Mutter las uns vor. Zu meinen glücklichen Erinnerungsbildern gehört außerdem, wie meine Eltern sich abends an die großen Fenster im Wohnzimmer setzten, das Licht löschten, in die Bonner Ebene schauten, rauchten und sich unterhielten. Bei den Mahlzeiten sprachen sie bisweilen Französisch, damit wir drei Kinder nichts verstünden.
Wer glaubt, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben, kann sich meist nicht besser erinnern. Nein, in der Kategorie des Glücks kann ich meine Kindheit nicht so einfach fassen. Sie kannte das verwilderte, unbehütete Schwärmen. Ich glaube, ich war ein brütend melancholisches Kind, das sich oft in die Wiesen setzte und isolierte, ein Kind, das wegwollte: raus in die Welt und raus aus der Welt. Gleichzeitig war ich hysterisch fröhlich und entflammte gern die Mitwelt.
Ach, und ich nannte uns alle immer Heimatvertriebene. Die Heimat setzt sich aus lauter verlorenen, entzogenen, verschwundenen Dingen zusammen. Die kleinen Mädchen in den Kattunkleidern gibt es nicht mehr. Die Gosse, durch die das Spülwasser lief, gibt es nicht mehr. Dort, wo ich geküsst habe, steht ein Baumarkt. Er löst in mir nichts mehr aus. Alle Dinge der Kindheit sind der Materialermüdung erlegen. Insofern betritt man ihren Garten nicht mehr. Die Kindheit verführt zur Idealisierung, weil man die Anlässe, die einen früher traurig machten, im Nachhinein verniedlicht. Den Lederball aber, in den damals jemand ein Messer steckte, bloß um der Verletzung willen – an den werde ich nie gleichgültig denken können. Dahinter aber eröffnete sich bald der größere Horizont der Trauer: Meine Jugend ist ja auch vom Sterben meines Vaters begleitet gewesen. Alle Wachstumsbewegungen bei mir waren zeitweilig kontaminiert durch Betrachtungen des Erlöschens und Verschwindens bei ihm. Meine Güte, heute bin ich schon zwei Jahre älter als er wurde.
Ja, politisch, moralisch, künstlerisch. Ich bin aber auch durch Schuld erzogen worden. Bei aller Freizügigkeit, die meine Eltern bewiesen, gaben sie der zeittypischen Neigung nach, durch die Erzeugung von schlechtem Gewissen zu erziehen. Es dauert ein Leben, das abzuwerfen.
Ich sehe den Stolz, unter dem Protektorat dieses Mannes zu sein, der so patriarchalisch wirkte, dass ich mich seiner Autorität leicht unterstellen konnte. Dazu enthält dieses Bild etwas von der Ikonographie meiner Kindheit: Wir zogen in meinem sechsten Lebensjahr direkt neben einen Fußballplatz. Die schönsten Sonntage verbrachte ich dort mit meinem Vater: Über Stunden und Stunden standen wir an dem eisernen Gatter und guckten uns von der A-Jugend bis zu den »Alten Herren« Bauernfußball an. Selbst das Mittagessen wurde nach den Halbzeitpausen ausgerichtet. Das waren Stunden inniger Verschworenheit.
Roger Willemsen mit seinem Vater
Foto: Käthe Augenstein
In der Schülermannschaft. Ich war schlecht, aber manchmal dennoch Torschützenkönig: Ich hob mein Bein hoch, der Ball prallte von ihm ins Tor. Trotzdem fühlte ich mich untauglich und war es auch.
Als ein Schwärmer, der mit Vokabeln jongliert und seinem Innenleben nicht gewachsen ist.
Von früh an führte ich Notizhefte, die ich nach Marcel Proust als bezeichnete und nummerierte. Da habe ich ehemals relativ autobiographisch an meinen Tagesabläufen entlanggeschrieben. Als ich dann in München studierte, bin ich spontan vom Schreibtisch...




